1. Bewegende Tatsachen
1. Bewegende Tatsachen
Egon Erwin Kisch hat ein Image, das sich in den letzten fünfzig Jahren kaum verändert hat. Sein Name gilt auch heute noch als Ausweis für eine sozialkritisch engagierte, unbestechliche und wirklichkeitstreue Reportage. Eine große bundesdeutsche Illustrierte, bei der es zweifelhaft ist, ob ihre Reportagen diesem Anspruch genügen, verleiht so einmal im Jahr den „Egon-Erwin-Kisch-Preis"1 für eine vorbildliche Reportage, deren Maßstäbe Kisch übrigens auch in der DDR gesetzt zu haben scheint.
Kischs politische Gesinnung enthebt ihn vorderhand jeden Verdachts, mit der Korruption des Sprechens im Vorfeld des Nationalsozialismus auch nur irgendetwas zu tun zu haben. Insofern er aber im Rahmen einer großen Wirksamkeit bereits zu Lebzeiten und durch eine Fülle von auflagenstarken Publikationen in den Jahren 1929 bis 1933,2 besonders aber durch seinen Ruf und seine Orientierungsfunktionen für den ,kritischen' und dokumentarischen' Journalismus eine besondere Bedeutung für die Bewußtseinslage der Zeit gewinnt, sollen Teile seiner Reportage-Bücher hier interpretiert werden, und zwar im Vergleich zu einer Rundfunk-Reportage von Joseph Goebbels.
Die Gegenüberstellung dieser beiden höchst wirkungsreichen Sprecher muß aufgrund ihrer unterschiedlichen Gesinnungen und Intentionen problematisch, gesucht oder gar sensationierend erscheinen. Es soll indessen nicht darum gehen, die dominanten Unterschiede zwischen Kisch und Goebbels zu nivellieren. Im Hinblick auf ihre Texte wird sich die Interpretation aber an der Frage orientieren, inwieweit dominante Unterschiede auch wesenliche sind,3 ohne daß deshalb Identitäten methodisch aus dem Textmaterial herausprovoziert werden müßten.
Von Interesse sind daher nicht so sehr die ideologischen, rhetorischen oder stilistischen Analogien und Differenzen, sondern vielmehr die Weise, wie sie Wirklichkeit zum Sprechen bringen, also die vermeintliche, vorgebliche oder tatsächliche' Wirklichkeit, die ihrem Sprechen zugrunde liegt. Beide, Kisch und Goebbels, geben vor, über die Wirklichkeit zu sprechen, und diese Vorgabe sichert ihren Texten die Legitimität, sie ist Bedingung für ihre Wirksamkeit. Die Frage nach dem Erscheinen von Wirklichkeit im Sprechen ist so nicht in thematischer Hinsicht mißzuverstehen. Als wirkliche' Anlässe ihres Sprechens lassen Kisch und Goebbels in ihren Texten ,Tatsachen' erscheinen, die auf eine Existenz von etwas hinter den Texten verweisen oder als dieses selbst auftreten. Es soll daher geprüft werden, als was und wie solche ,Tatsachen' in den Texten von Kisch und Goebbels erscheinen, wie sie funktionieren bzw. behandelt oder erzeugt werden.
Was erhofft sich die Interpretation von der Konzentration auf das Phänomen ,Tatsache'?
Die Postulierung von ,Tatsachen', denen schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine immer größere Bedeutung als Garant einer objektiv verbürgten Wirklichkeit zukam, ist sowohl für Kisch als auch für Goebbels unabdingbare Voraussetzung ihres Sprechens. Auch wenn man - zumindest bei Goebbels - schließlich bemerkte, daß in der Regel nicht etwa nur von falschen ,Tatsachen', sondern eigentlich nur von gar keinen ,Tatsachen' gesprochen wurde, blieb doch der Rekurs des Sprechens auf etwas, das als so und nicht anders Existierendes behauptet wurde, bei beiden Sprechern der Grund, weshalb man ihnen zuhörte. Wurde auch der Glaube an bestimmte ,Tatsachen' gelegentlich erschüttert, weil man von anderen ,Tatsachen' Kenntnis nahm, die jene entkräfteten, so blieb doch eine ,Tatsache' immer der verläßliche und feststehende Orientierungspunkt in der unsicheren Bewegung des Denkens.4
Eine ,Tatsache' gilt dem öffentlichen Bewußtsein der Zeit als etwas Klares und Starres, durch Reflexion nicht Veränderbares. ,Tatsachen' sind feststehende Bestandteile der Wirlichkeit, und jede Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit hat sich an ,Tatsachen' zu orientieren. In dieser Hinsicht bildet die ,Tatsache' einen durchaus metaphysischen Gegenpol zur ständigen Bewegtheit und Bewegung des Denkens, einen unabhängigen Prüfstein im Pluralismus der Meinungen; sie kann als objektiv Seiendes von der Veränderlichkeit der Perspektiven nicht angekränkelt werden. Eine ,Tatsache' ist unbezweifelbar und konstant, solange nicht eine neue ,Sache', durch ,Taten' herbeigeführt, an die Stelle der alten tritt und ihren Platz einnimmt. Aber die ,Tatsachen' haben ein großes Beharrungsvermögen. Je länger sie sich als ,Tatsache' behaupten konnten, desto weniger scheinen sie durch neue ,Taten' gefährdet. Die Unantastbarkeit einer ,Tatsache' wächst mit der Kontinuität ihrer Geltung, sie wird immer unbeweglicher, je länger sie feststand. In der Starre der Selbstbehauptung können ,Tatsachen' den Nimbus des ,Unumstößlichen' erreichen, und eine neue ,Tatsache' nimmt den Platz der alten nicht in einem puren Ablösungsprozeß, sondern im Verlaufe eine Verdrängungsgeschichte ein, die wie anders nicht möglich nur eine des Sprechens sein kann.
Der Anspruch an die Leistungsfähigkeit der ,Tatsache' als einer objektiven und quasi neutralen Instanz wird dabei in den dreißiger Jahren ständig unterlaufen von der Praxis des Sprechens, Bedeutungen als Tatsachen zu präsentieren, um ihnen so größere Geltung zu verschaffen. Eine solche Immunisierungsmaßnahme wird ersichtlich in einem Kommentar auf der Titelseite der „Münchner Neuesten Nachrichten" vom 21. Dezember 1930:
DIE TATSACHE BAYERN
Jede Gegenwart ist geneigt, sich sehr wichtig zu nehmen, ihre Gedanken für
neuartig, ihre Probleme für außerordentlich zu halten. Je vergänglicher sie ist, desto mehr wird sie es tun.
Es ist eine Art Selbsthilfe, daß unsere technische und maschinelle Zeit hochmütig ist vor der Geschichte; denn sie müßte erschrecken vor dem überstürzten Wechsel ihrer Erfindungen, vor der raschen Lächerlichkeit ihres Fortschritts von gestern
[...]
Es ist das Wesen des Menschen begrenzt zu sein. Und wie der Mensch früherer
Jahrhunderte räumlich begrenzt, [...] einen wachen Sinn für den Ablauf der Zeit
hatte, [. . .] so hat der Mensch, der durch Mikrophone über Erdteile hinweg sich
unterhält, in Schnellzügen fährt, dafür das geschichtliche Gefühl eingebüßt, ist
zeitlich begrenzt geworden [. . .]
Deshalb begrüßen wir es, daß gerade in diesem Augenblick die feine und kluge
Rede, die der bayrische Historiker an der Münchner Universität, Karl Alexander v. Müller, kürzlich in der Akademie der Wissenschaften hielt, nunmehr im Druck
erschienen ist [. . .]
Wir erfahren, was nicht jeder weiß, daß nicht zum erstenmal die Selbständigkeit
Bayerns bedroht ist [. . .]
Unverändert auch in seiner wesentlichen und besonderen Art das Volk. Die alten Chroniken beschreiben seine Eigentümlichkeiten von heute [. . .]
Die Geschichte ist keine Rechenaufgabe; sie hat keine äußere Logik, aber einen
inneren Sinn. Nicht weil es seit 11 Jahrhunderten besteht, ist Bayern seines Staates wert, sondern weil es noch heute lebendig ist in der Liebe seiner Menschen, die das Geheimnis seiner Erde und seiner Geschichte tragen. Das ist die Tatsache Bayern.5
Die »Tatsache' Bayern scheint gefährdet zu sein. Der Text befürchtet die Verdrängung der bayerischen Staatsidee, die „noch heute lebendig ist in der Liebe seiner Menschen", weshalb er die Idee zur ,Tatsache' erklärt. Obwohl sich der Text auf einen Vortrag eines, übrigens dem Nationalsozialismus nahestehenden, Historikers beruft und beständig von einem mangelnden Geschichtsbewußtsein redet, werden dann gerade nicht die geschichtlichen »Tatsachen' in Anschlag gebracht, um dem Staate Bayern seine Kontinuität zu sichern, sondern die »Lebendigkeit' der „Liebe seiner Menschen". Nicht aus der „äußeren Logik", daß Bayern „seit 11 Jahrhunderten besteht" und folglich auch weiterhin bestehen sollte, wird die Legitimität der Staatsidee abgeleitet, sondern aus der Gegenwärtigkeit einer Bedeutung, die sich ihr Recht aber erst als ,Tatsache' verschafft. Es wird an keiner Stelle des Kommentars erkennbar gelogen, denn das Sprechen bezieht sich augenscheinlich auf eine Wirklichkeit, die intersubjektiv vorhanden ist. Der Hinweis auf eine Jdee' oder ein ,Gefühl' von Nationalität wird dabei aber offenbar als zu schwach empfunden. Die Argumentation möchte vom Nimbus der »Tatsachen' profitieren und nicht nur etwas Gespürtes oder Wirksames, sondern etwas objektiv Existierendes einklagen. Die Kontrastierung des „unveränderten" und unveränderlichen Volkes („Die alten Chroniken beschreiben seine Eigentümlichkeiten von heute.") mit der Schnellebig-keit, der Veränderungslust und dem Fortschrittsglauben der Gegenwart verstärkt rhetorisch die Sistierung der »Tatsache Bayern' als beharrliche Objektivität, obwohl gerade diese Beharrlichkeit doch gefährdet zu sein scheint, worauf der Kommentar reagiert, und zudem im Gegenteil von Beharrung, nämlich in der ,Lebendigkeit' bestehen soll. Entscheidend sind aber hier nicht die Inkohärenzen der Argumentation, sondern vielmehr ihre sebstverständliche Annahme, daß einer Sache das größere Existenzrecht eingeräumt wird, wenn sie sich als ,Tatsache' bereits einführt. Dahinter steht die Auffassung, daß eine »Idee' als etwas dem Bewußtsein Angehöriges ignoriert oder zumindest diskutiert, eine ,Tatsache' als etwas der Wirklichkeit Angehöriges aber nur akzeptiert werden kann. Diese Auffassung, mit der der Kommentar hier kalkuliert, läßt sich für die dreißiger Jahre durchgängig nachweisen. Anhand der Texte von Kisch und Goebbels wird zu zeigen sein, wie Anspruch und Realisation eines Tatsachendenkens auseinanderfallen, wenn gerade das Bewegte und Bewegende beständig als unumstößliche ,Tatsachen' auftreten.
Das Bedürfnis, auch die diffusesten Vorstellungen als ,Tatsache' zu begreifen, die Sucht, „das Latente zu verankern",6 verschafft noch den aberwitzigsten Katachresen Plausibilität. Wenn Hitler in Leni Riefenstahls Film „Triumph des Willens" auf dem NSDAP-Parteitag in Nürnberg 1934 anläßlich eines Appells auf der Zeppelinwiese sagt:
. . . die Bewegung... sie lebt. . . und sie steht fel-sen-fest begründet (. . .)7
- so überblendet er die einander widersprechenden Prinzipien von Aufbruch und Manifestation, von Bewegung und Tatsache» von Liquidität und Erstarrung. Das Vertrauen in die Dynamik des Lebens und der »Bewegungen', in die Veränderbarkeit von allem und in die Realisierbarkeit von Ideen paart sich mit einem Vertrauen in die unumstößlich feststehenden und unabänderlichen ,Tatsachen', anhand derer man sich der ,Wirklichkeit' vergewissem kann. Wenn mit Spengler angenommen werden kann, daß die Zeitgenossen der dreißiger Jahre alle im Sturm der Tatsachen8 stehen, dann hätte sich die Dichotomie von ,falsch' und ,richtig', in deren Rahmen man sich in der Beurteilung von ,Tatsachen' bis heute bewegt, als ein Epiphänomen erledigt. Die Texte von Kisch und Goebbels sollen zeigen, daß man in dieser Dichotomie das Wesentliche verfehlt. Die ,Tatsachen' sind im Bewußtsein der Dreißiger Jahre nicht die Variablen eines auf Empirie gestellten Denkens, sondern die Objektivitätsgaranten utopischer Programme. Im „Sturm der Tatsachen", also im Rausch der Objektivität, dominiert der Rausch, auch wenn er sich selbst noch als ,Tatsache' begreift.
1 Diesen Preis verleiht die Zeitschrift „Stern". Siehe z. B. Stern. Nr. 51, 12. Dez. 1985, S. 3: „Zum neuntenmal wird der 1977 vom Stern zur Erinnerung an den großen Reporter Egon Erwin Kisch gestiftete Journalisten-Preis vergeben."
2 E. E. K.: Schreib das auf, Busch! Berlin 1929; 1932 in 10. Auflage. E. E. K.: Egon Erwin Kisch beehrt sich darzubieten [:] Paradies Amerika. Berlin 1930; 1932 in 32. Auflage. E. E. K: Prager Pitaval. Berlin 1931; 1932 in 10. Auflage. E. E. K: Asien gründlich verändert. Berlin 1932. E. E. K: China geheim. Berlin 1933. Diese Bibliographie der Schriften Kischs ist nicht vollständig; es wurden nur die auflagenstarken Publikationen aufgeführt. Die Angaben über die Auflagen entstammen der Erstausgabe von „Asien gründlich verändert" (s. o.), Titelvorsatz.
3 Die entscheidende Anregung zum Vergleich dieser scheinbar so gegensätzlichen Sprecher verdanke ich einem Seminar meines Lehrers Helmut Arntzen. Die dreißiger Jahre. Photographie, Film, Presse, Literatur. Universität Münster, WS 1984/85.
4 Siehe hierzu unsere Diskussion der Funktion, die ,Tatsachen', Daten und Fakten innerhalb der geschichtswissenschaftlichen Forschung einnehmen: I, 2 a („Ereignisgeschichte").
5 B., F.: Die Tatsache Bayern. In: Münchener Neueste Nachrichten. Jg. 83, Nr. 347, 21. Dez. 1930, S. [1].
6 Kraus, Karl: Die dritte Walpurgisnacht. Hg. Heinrich Fischer. Einmalige Sonderausgabe München 1967, S. 41 (= Die Bücher der Neunzehn, Bd. 152).
7 Zit. nach: Loiperdinger, Martin: „Triumph des Willens". Einstellungsprotokoll. Frankfurt 1980, S. 115 (= Institut für historisch-sozialwissenschaftliche Analysen IHSA, Arbeitspapier Nr. 10).
8 Spengler, Oswald: Jahre der Entscheidung. Deutschland und die weltgeschichtliche Entwicklung [1933]. 2. Aufl. München 1980, S. 22.



