1. Epoche als Zeitung?
Die Frage, was eine Epoche gegenüber anderen auszeichne, ist mit der Nennung signifikanter Daten und Fakten nicht befriedigend zu beantworten. Neben die hauptsächlich von der Geschichtswissenschaft beigebrachten Informationen über eine Zeit tritt in den historischen Disziplinen so stets auch die Darstellung dessen, was eine Epoche bewegt und beschäftigt habe, die Darstellung ihres Selbstbewußtseins, ihres Meinens, der sie prägenden ,Tendenzen' und ,geistigen Strömungen', Stile und Ideologien. Aus der Summe der Tatsachen einer Zeit resultiert keine Bestimmung ihres Wesens, aber ohne solch eine Bestimmung, ohne Begriffe, können die Epochen sinnvoll nicht unterschieden werden, wobei die Möglichkeit und Notwendigkeit ,lebensweltlich' fundierter Epochenvorstellungen, also heuristischer Ordnungsmodelle, keineswegs in Abrede gestellt werden soll. Im Umgang mit der Geschichte (historia rerum gestarum) gibt es so nach wie vor ein Interesse an dem, was Hegel die gemeinsame Wurzel aller geschichtlichen Objektivationen einer Zeit, den „Geist der Zeit",1 genannt hat, allerdings besteht über den Charakter eines solchen vorgestellten Allgemeinen, wie es mit stark reduziertem Anspruch heutzutage beispielsweise unter dem Namen ,Zeitgeist' firmiert, große Uneinigkeit.
Je nachdem, ob man sich für eine Epoche als Zustand oder für ihre Funktion innerhalb der Geschichte als Prozeß interessiert,2 fallen die Ansprüche an die Idee des Allgemeinen schon sehr unterschiedlich aus. Im ersten Fall wird man fragen, welche Merkmale eine Epoche von anderen unterscheiden und auszeichnen, im zweiten sucht man nach Kräften, welche die Epoche determinieren, bewegen und zur nächsten vorantreiben. Während seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts so kategorial verschiedene Entitäten wie Völker (Herder), Klassen (Marx), Männer (Ranke), Wirtschaftsformen (Rathenau, Keynes), aber auch Ideologien, die naturwissenschaftliche Revolution oder der technische Fortschritt als determinierende Triebkräfte der Geschichte angesehen wurden, deren jeweilige Entwicklungsstadien dann auch den geschichtlichen Ort einer Epoche bezeichnen, gab es daneben immer wieder Versuche, den inneren geistigen Zusammenhang einer Epoche zu beschreiben, ohne diese damit für den Geschichtsprozeß zu funktionalisieren. Dies geschah z. B. mit Begriffen wie Kultur, Stil, Weltanschauung, Lebensgefühl oder Mentalität einer Epoche, die zwar geschichtlich Wirksames zu fassen beanspruchten, aber nicht den Gang von Entwicklungen oder das Zustandekommen von Ereignissen zu erklären versuchten.
Die Geschichtswissenschaft fragt seit ihrer Abkehr vom Historismus nicht mehr primär nach dem singulären Erscheinungsbild einer Epoche, sondern nach ihrer Funktion für Geschichte als Prozeß.3 Während der Historismus, wirksam bis ins frühe 20. Jahrhundert, im Individuellen einer Epoche deren Unterschied zu anderen noch darzustellen versuchte, beziehen sich die Epochenbegriffe der neueren Geschichtsschreibung auf die Interdependenz von Wandel und Wandellosigkeit, auf die Bedeutung einer geschichtlichen Phase im Hinblick auf die vorausliegende und nachfolgende. Während die heutige Geschichtswissenschaft bei der Erforschung geschichtlicher Zeiten zunächst und primär eine möglichst genaue Rekonstruktion der Sequenz von Ereignissen und Vorgängen anstrebt, richtet sich ihr Erkenntnisinteresse zugleich auf die Konsequenz einer jeden in der Sequenz erscheinenden Entwicklung. Mit der Aufmerksamkeit auf den geschichtlichen Prozeß entstand auch zwangsläufig das Interesse an seinen Funktionsprinzipien, damit aber auch die Notwendigkeit, mit einem naturwissenschaftlichen Allgemeinheitsbegriff, nämlich der Gesetzmäßigkeit, dem Normativen, zu operieren. Bei der Suche nach einer fundierenden Kausalität innerhalb des horizontalen Geschichtsverlaufs ist der Umgang mit einer Vorstellung vom Regelhaften und Regelwidrigen, beispielsweise dem Verhältnis von Kontinuität und Diskontinuität, unvermeidlich; „das aktuell oder potentiell Mehrmals-Vorkommende"4 in der Geschichte, die Strukturbegriffe, treten an die Stelle der individualisierenden Epochenbegriffe. Eine Epoche ist im Horizont der Geschichtswissenschaft also zunächst immer zweierlei: Sie ist eine besondere Epoche aufgrund ihrer besonderen Ereignisse, die sie überhaupt erst als Epoche bestimmen und begrenzen, und sie hat ihr allgemeines Moment aufgrund der in ihr wirksamen strukturgeschichtlichen Faktoren, die aberauch in jeder anderen Epoche vorkommen oder vorkommen können. Die allgemeinen Begriffe der Strukturgeschichte tendieren insofern immer auf Elimination des Besonderen einer Epoche, während die besonderen Ereignisse der Ereignisgeschichte gar nicht erst allgemeinheitsfähig sind, weil Daten und Fakten allein zu keiner Synthese befähigen, sondern allenfalls addiert werden können. Aus der Vermittlung von Ereignisgeschichte und Strukturgeschichte resultiert die Geschichte, die die Geschichtswissenschaft konstituiert und erzählt.
Im Hinblick auf die Analyse einer geschichtlichen Phase interessiert sich die Geschichtswissenschaft also gar nicht mehr für die Erkenntnis eines Hegeischen Zeitgeistes, in Rücksicht auf die Darstellung einer Epoche wird das Fehlen allgemeiner Begriffe jedoch als Defizit spürbar. Surrogate treten an die Stelle des Allgemeinen im Sinne Hegels, auch wenn deren Problematik und geringe Reichweite immer wieder bemerkt wird. So wurde beispielsweise der „Idee der Stileinheit eines jeden Zeitalters"5 völlig zu Recht das Phänomen der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen entgegengehalten, wie denn überhaupt die Epochenbegriffe der Kunst- und Literaturgeschichte -zumindest für das 19. und 20. Jahrhundert - durch Überlappung und Unverbindlichkeit sich auszeichnen. Dagegen steht das von der Ereignisgeschichte bereitgestellte Epochengerüst, das als ebenso verbindlich wie kahl empfunden wird.
Um die Lücke zu schließen, die die Abkehr vom Idealismus entstehen ließ, bedient sich die Geschichtswissenschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts einer Vokabel, die schon Friedrich Schlegel bei der Charakterisierung seiner Zeit verwendet hatte. Er sprach von den „Tendenzen des Zeitalters",6 und dieser Begriff hat als ein vorgestelltes Allgemeines das Erbe des Hegeischen Zeitgeistes angetreten, derart aber, daß nunmehr die allgemeinen Stimmungen' oder ,Ideen' in Frage stehen, wenn die Epochen von der Geschichtswissenschaft oder von der Geistesgeschichte insgesamt „nach den in ihnen vorwaltenden Tendenzen"7 bzw. nach den „herrschenden Tendenzen"8 beurteilt werden. Die Vermutung liegt nahe, daß dieser Begriff deshalb bis heute so erfolgreich ist, weil er der Betrachtung der Geschichte als Zustand wie als Prozeß gleichermaßen Rechnung trägt. ,Tendenzen’ haben ihre Dauer, aber auch ihre Richtung, so daß der Antagonismus zwischen synchroner und diachroner Geschichtsbetrachtung im Denken von ,Tendenzen’ stets unterlaufen werden kann. Wann immer ein Historiker, ein Geisteswissenschaftler sich heute bemüht, nicht nur die Situation seines speziellen Gegenstandes in einer Zeit, sondern ein Einheitsmoment einer Zeit zu formulieren, kommt er ohne Begriffe wie ,Tendenz', ,geistige Strömung', ideologische Mode' oder ,Mentalität'9 nicht mehr aus.
Problematisch an Epochenbestimmungen vermittels dieser Begriffe ist dabei zunächst, daß man das Allgemeine der Epoche bereits durch die Mehrzahl oder den Durchschnitt ihrer Zeitgenossen ausgedrückt vermutet. Weil die ,Tendenzen' und ,Strömungen', die zur Charakterisierung einer Zeit ausgelotet und konstatiert werden, stets nur aus der Häufigkeit des Vorkommens von Stimmungen und Meinungen resultieren, ist das Signifikante einer Epoche mit dem in ihr Exponierten und Herrschenden gleichgesetzt. Auf der Suche nach dem ,Wesen der Epoche', das man in der Kausalität der Ereignisse nicht zureichend findet, wendet man sich an die öffentliche Meinung der Epoche selbst, um ihr geistiges Fundament zu bestimmen. Registriert wird dabei immer nur das Vorkommen von ,Ideen', ,Meinungen' und ,Mentalitäten' im öffentlichen Leben und in der Presse, nicht jedoch deren Konstituierung kraft eines Bewußtseins, welches nicht durch die Paraphrase, sondern nur per Interpretation meinenden Sprechens erschlossen werden könnte. Der Versuch, das Einheitsmoment einer Epoche aus dem Meinen der Vielen zu gewinnen, kann so nur demoskopischen Wert haben. Neben dieses Defizit, das darin besteht, daß das Allgemeine und Signifikante einer Epoche unversehens mit dem Kollektiven und Dominanten vertauscht wird, tritt aber nun ein weiteres, das den Erkenntniswert konstatierter ,Mentalitäten' von anderer Seite in Frage stellt.
Während man nämlich innerhalb der einzelnen Disziplinen, beispielsweise der geschichtswissenschaftlichen Forschung, bei der Darstellung und Bewertung der Ereignisse, Handlungen und Motive einer Zeit und ihrer Protagonisten weit über deren Kenntnisstand und Reflexionshorizont hinausgelangt, weil mit dem historischen Abstand der Blick auf das Ganze der Epoche möglich wird und weil auch Zusammenhänge hergestellt werden können, die damals unbemerkt blieben oder bewußt verschleiert wurden, scheint es im Hinblick auf die ,Tendenzen' und ,Mentalitäten' sehr schwierig zu sein, über das explizite Selbstverständnis einer Zeit hinauszukommen. Auch fünfzig Jahre nach den dreißiger Jahren wissen wir über die ,Mentalitäten', das ,Lebensgefahr, die herrschenden Ideen' und ,geistigen Strömungen' dieser Zeit nicht mehr zu sagen, als die Zeit selbst schon vermittels dieser Begriffe über sich zu sagen vermochte, wissen wir nicht mehr als das, was damals schon nahezu täglich in den Zeitungen stand. Das ist noch nicht einmal erstaunlich, denn wenn es denn die .Stimmungen', das ,Lebensgefühl', die ,Mentalitäten' und ,Meinungen' sein sollen, die das Epochenbild liefern, so kennt sich auch jede Epoche selbst am besten. Sofern man annimmt, daß das Signifikante und Eigentliche einer Epoche mit den ,Meinungen' und ,Ideen' übereinstimmt, die die Mehrzahl der Zeitgenossen zu haben glauben, dann kann die historische Forschung dem Selbstverständnis einer Zeit stets nur hinterherlaufen. Die Mentalitätsgeschichte, die eine Rekonstruktion dieses Selbstverständnisses intentional betreibt, deutet dabei das Privileg der historischen Distanz, welches die Epoche erst als Ganze sehen läßt, implizit in das Defizit um, am unmittelbaren Lebensgefühl' einer Epoche keinen Anteil mehr haben zu können. Während sie dieses Defizit ausgleicht, gerät ihr dann leicht das Privileg aus dem Blick. So wichtig eine Rekonstruktion des Selbstverständnisses einer Zeit zur besseren Einsicht in die Geschichte auch sein mag, so wenig trägt sie zur Konstitution von Epochenvorstellungen bei, sofern nicht diejenigen Zeiten, die man mit Hilfe von Epochenbegriffen besser verstehen möchte, ihren Epochenbegriff selbst schon antizipieren.
Unbefriedigend muß dieser Befund gerade dann wirken, wenn den ,Mentalitäten' eine wichtige oder sogar entscheidende Funktion innerhalb des Geschichtsprozesses eingeräumt wird, wie es denn zumal auch in Hinsicht auf die Weimarer Republik der Fall ist. Am Ende einer umfassenden Geschichte der Weimarer Republik stellt ein angesehener Historiker der Gegenwart fest, daß die „wichtigsten Gründe" für das Scheitern der Republik „auf dem Felde der Mentalitäten, der Einstellungen und des Denkens"10 zu suchen seien, zu deren Beschreibung ihm aber keinerlei Begriffe oder Metaphern zur Verfügung stehen, die nicht schon den Zeitgenossen der Weimarer Republik zur Selbstvergewisserung ihrer eigenen Mentalitäten gedient hätten.11 Während man heute Heinrich Brüning erklären könnte, was an seiner Deflationspolitik und überhaupt an den Präsidialkabinetten problematisch oder falsch gewesen sei, müssen wir uns im Hinblick auf das Bewußtsein der Zeitgenossen, im Hinblick auf das Denken der Zeit nach wie vor an Urteile halten, die auf dem Niveau etwa eines zeitkritischen Feuilletons aus dem „Berliner Tageblatt" von 1932 sind. Die Einschätzungen des Denkens und der Mentalitäten der dreißiger Jahre haben sich gegenüber dem, was damals schon in den Zeitungen stand, in der geschichtswissenschaftlichen und kulturhistorischen Forschung bis heute kaum verändert.
Während die kritische Geschichtswissenschaft der Presse keinerlei Vertrauen schenkt, wenn es um aufschlußreiche Informationen, um die Sicherung von Daten und Fakten geht, ist diese als Quelle aufschlußreicher Meinungen offenbar nach wie vor akzeptiert. Das Problem einer möglichen Verwechselung von Zeitbewußtsein mit Zeitungsbewußtsein und die problematische Identifizierung der herrschenden mit den veröffentlichten und produzierten Meinungen wird dabei wohl deshalb nur ungern thematisiert, weil ein quellenkritisches - und d. h. in diesem Fall sprachkritisches - Studium meinungshafter Texte keine Domäne der Geschichtswissenschaft bildet. Wenn man die heutigen geschichtswissenschaftlichen Darstellungen über die Weimarer Republik und das Dritte Reich im Hinblick auf die ,Informationen' durchaus als Falsifikationen dessen lesen kann, was damals in den Zeitungen stand, so bilden auf der anderen Seite die bereits damals propagierten ,Meinungen' und ,Mentalitäten' die offenbar nicht zu überbietenden Bausteine unseres heutigen Epochenbildes.
Gegen diese Tendenz, die sich darin artikuliert, daß die Universalgeschichte der gesamten Weltwirklichkeit ohnehin nur noch, jedoch täglich, von den Zeitungen geschrieben, aber auch von der wissenschaftlichen Forschung in der Retrospektive als ,geistige Strömung' zitiert wird, versucht die vorliegende Arbeit, ein anderes Konzept zu stellen.
Wir suchen nach einem allgemeinen Bewußtsein, das die frühen dreißiger Jahre, aber insgesamt auch die Dreißiger Jahre als Epoche auszeichnet, wobei aber nicht bloß Dokumente ihres Selbstbewußtseins gesammelt, geordnet und kommentiert, sondern auch und gerade die Bedingungen der Möglichkeit eines solchen Selbstbewußtseins bedacht werden sollen. Wir gehen davon aus, daß das Allgemeine einer Epoche nicht in dem erscheint, was vornehmlich gesagt und gemeint wurde, sondern in einer epochenspezifischen Bewußtseinshaltung, die unter anderem solches Meinen ermöglicht. Dementsprechend wird hier nicht gefragt ,Was wurde gesagt und gemeint?', sondern ,Wie wurde gesprochen und gedacht?'. Im ,Wie' hoffen wir, jenes Einheitsmoment der Epoche zu finden, das sich im ,Was' nur als Uneinheitliches, als Disparates, als System konkurrierender Meinungen, Stimmungen und Mentalitäten beschreiben ließe.
Es ist dies der Versuch, im Bemühen um die Erkenntnis und Formulierung eines allgemeinen Epochenmoments wegzukommen von dem, was uns der Struktur nach heute durchgängig als Allgemeines erscheint, nämlich die gesetzte Einheit von Disparatem durch und als Zeitung.12
Sobald man nämlich die Grenzen der Disziplinen verläßt, um sich das ,Allgemeine' einer Epoche zu vergegenwärtigen, eben das, was sie als Epoche gegenüber anderen auszeichnet, so pflegen sich Assoziationen einzustellen,
die in ihrer Struktur einer Zeitung ausgesprochen ähnlich sind. Man denkt nämlich zunächst an die ,herausragenden' Ereignisse, so wie sie in der Zeit selbst schon auf den Titelseiten der Zeitungen gemeldet wurden, akzeptiert also automatisch das Primat der ,Nachricht' wie auch die Geltung des ,Nachrichtenwertes', d. h. man hierarchisiert die Ereignisse analog der ihnen zukommenden Schlagzeilengröße. Die ersten Bausteine des Epochenbildes formieren sich getreu des Prinzips vom Nachrichtenwert, eines für die Zeitung konstitutiven Ordnungsmodells. Es läßt sich dann weiterhin kaum vermeiden, sich beim Entwurf des Epochenbildes von den Kategorien des ,Typischen' und Sensationellen' leiten zu lassen, also wiederum von zwei klassischen Nachrichtenfaktoren, deren Zusammenspiel das Erscheinungsbild der Zeitungsressorts Zeitgeschehen' oder ,Blick in die Welt' bis heute bestimmt. Schließlich aber - und dies ist eine fundamentale strukturelle Übereinstimmung - werden die aufgezählten Epochenmerkmale untereinander so unverbunden und zusammenhanglos bleiben wie die Ressorts und Rubra einer Zeitung.
Läßt man einmal die allgemeine Kultur- und Geistesgeschichte beiseite, die mit ihren Verweisen auf Stile, ,Tendenzen' und ,Mentalitäten' kaum mehr betreibt als eine Vermächtnishistoriographie, so übersteigen die einzelnen Disziplinen bei der Analyse und Bewertung historischer Zeiten sicherlich das Niveau einer Zeitung, aber ihr Kanon, ihr interdisziplinärer Horizont bleibt strukturell auf dem Abstraktionsniveau einer Zeitung, die Allgemeinheit nur qua Addition, als Summe von je Verschiedenem herstellt.
Wenn man heute fragt, was die Dreißiger Jahre in Deutschland als Epoche auszeichne, so würden sehr wahrscheinlich unter anderem die folgenden Stichworte fallen:
Die Auflösung der Weimarer Republik, Weltwirtschaftskrise, Hitler, Machtergreifung, Nationalsozialismus, Massenveranstaltungen, der Reichstagsbrand, die Olympischen Spiele in Berlin, die Judenpogrome, das Völkische, Sport- und Technikbegeisterung, Zeppeline, JU 52 und DO X, Heinz Rühmann, Lilian Harvey und der Tonfilm, antidemokratisches Denken, heroisierender Ästhetizismus, Arbeitslosigkeit, Aufrüstung, der Volksempfänger, der Zweite Weltkrieg, Jugendkult, Modernität und Archaik, Faschismus, ,Neue Sachlichkeit', Episches Theater und Bauhaus, Geschwindigkeitsrausch, Starkult und IG Farben, SA und SS, Autobahnen, Arbeitsdienst, die Hitler-Jugend, die Frau als Mutter, aber auch schon als Emanzipierte, Elly Beinhom und Leni Riefenstahl, der Mann als Ingenieur, Bauer oder Soldat, durchweg aber als Tatmensch, die Motorisierung, die Kinos, Gewalt und Terror, ,Kraft durch Freude', Tourismus und Heimatkult.
Diese Aufzählung bezieht sich nur auf Deutschland und ließe sich entsprechend erweitern. Bestehen die Dreißiger Jahre in einer solchen Aufzählung? Wenn dem so wäre, dann hätten wir eine Epoche, ihr Allgemeines, wirklich nur noch als das Disparate der Zeitung, der die einzelnen Disziplinen die Schlagworte und Schlagzeilen lieferten. Die Historiker redigierten den Nachrichtenteil und verfaßten die politischen Kommentare; die Volkswirtschaftler
und Soziologen schrieben den Wirtschaftsteil; Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft betreuten das Feuilleton, und was dann noch fehlte, das fände im Rahmen einer allgemeinen Kultur- und Geistesgeschichte in der Wochenendbeilage seinen Platz.
Die vorliegende Arbeit versucht, weiter zu kommen. Es ist ein Ansatz, sicherlich nicht zu dem Versuch einer Revision des Epochenbildes, aber doch zu dem eines anderen Entwurfs. An einer modifizierten Darstellung der Geschichte der dreißiger Jahre, zu deren Erforschung und Bewertung vornehmlich die Geschichtswissenschaft einen immensen und an dieser Stelle nicht zu kritisierenden Beitrag geleistet hat, kann diese Arbeit nicht interessiert sein. Die Defizite des bisherigen Epochenbildes, die wir im Abschnitt I anhand von Ereignisgeschichte, Geistesgeschichte und Sprachgeschichte diskutieren, indem wir die ,Zeitung der dreißiger Jahre' aufblättern, beziehen sich einzig auf den Mangel an Begriffen im Hinblick auf die Dreißiger Jahre als bewußtseinsgeschichtliche Epoche. Im letzten Kapitel dieses Abschnitts (I, 3) wird dann erläutert werden, von welchen Einsichten und Annahmen die hier unternommene bewußtseinsgeschichtliche Untersuchung ihren Ausgang nimmt. Wir suchen mit den Mitteln einer vergleichenden Hermeneutik, also durch Interpretation unterschiedlichster, literarischer wie nichtliterarischer Texte nach einem allgemeinen Bewußtseinsmoment der Dreißiger Jahre. Wir suchen also nicht nach Ideologien, Meinungen, Mentalitäten, Stilgefühlen oder geistigen Tendenzen.
Eine Konzentration der Untersuchung auf die frühen dreißiger Jahre schien deshalb unvermeidlich, weil die ganzen Dreißiger Jahre, die wohl schon in den zwanziger Jahren beginnen und ihre Spuren bis in die fünfziger Jahre hinterlassen, unmöglich genügend intensiv zu bearbeiten waren. Eine Gesamtdarstellung der Dreißiger Jahre als Epoche kann hier nicht geleistet werden; vielmehr geht es um die Frage, ob es die Dreißiger Jahre als Epoche überhaupt gibt und was sie bewußtseinsgeschichtlich gegenüber anderen Epochen auszeichnen könnte. Am Ausgangspunkt unserer Untersuchung stand der Zeitraum von 1930 bis 1933. Es wurde Material aus der Zeit von 1927 bis 1934 bearbeitet. Es wird hier also weniger eine Epoche als Ganzes oder in ihrem Verlauf, als vielmehr eine Epochenschwelle untersucht. Freilich glauben wir, daß das ,neue' Bewußtsein, mit dem und als das die Dreißiger Jahre anheben, für die Epoche insgesamt verbindlich bleibt.
* Wir unterscheiden die „dreißiger Jahre" als Jahrzehnt von den „Dreißiger Jahren" als Epochenbegriff.
1 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie. In: G. W. F. H., Werke. Ed. Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel. Bd. 18. Frankfurt a. M. 1971, S. 74: „Das Verhältnis der politischen Geschichte, Staatsverfassungen, Kunst, Religion zur Philosophie ist deswegen nicht dieses, daß sie Ursachen der Philosophie wären oder umgekehrt diese der Grund von jenen; sondern sie haben vielmehr alle zusammen eine und dieselbe gemeinschaftliche Wurzel - den Geist der Zeit." Siehe erweiternd zur Begriffsgeschichte von ,Zeitgeist': Schoeps, Hans-Joachim: Was ist und was will die Geistesgeschichte. Über Theorie und Praxis der Zeitgeistforschung. Göttingen/Berlin/Frankfurt a. M. 1959, insbes. das Kapitel „Der Zeitgeist, Geschichte und Problemstellung", S. 13-29.
2 Siehe generell zu diesem Problem: Blumenberg, Hans: Aspekte der Epochenschwelle: Cusaner und Nolaner. Erw. und Überarb. Neuausgabe von „Die Legitimität der Neuzeit", vierter Teil. Frankfurt a. M. 1976.
3 Siehe dazu: Faber, Karl-Georg: Theorie der Geschichtswissenschaft. 4., erw. Aufl. München 1978, insbes. das Kapitel „Das Individuelle und Allgemeine in der Geschichte", S. 45-65. Siehe weiterhin: Koselleck, Reinhart: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. 2. Aufl. Frankfurt a. M. 1984. Insbes. das Kapitel „Geschichte, Geschichten und formale Zeitstrukturen", S. 130-143.
4 Faber (s. Anm. 3), S. 49.
5 Schieder, Theodor: Geschichte als Wissenschaft. Eine Einführung. München/Wien 1965, S. 87.
6 Schlegel, Friedrich: Athenäums-Fragmente. In: F. Seh., Kritische Schriften. Hg. Wolfdietrich Rasch. 3., durch ein Namens- und Begriffsregister erw. Aufl. München 1971, S. 25-88, 48: „Die Französische Revolution, Fichtes Wissenschaftslehre und Goethes Meister sind die größten Tendenzen des Zeitalters [. . .]"
7 Schieder (s. Anm. 5), S. 88.
8 Schoeps (s. Anm. 1), S. 24.
9 Die Mentalitätsgeschichte, in der französischen Geschichtswissenschaft im Zusammenhang mit der Alltagsgeschichte (Fernand Braudel) und der Histoire Vivante längst etabliert, findet in Deutschland erst seit kurzer Zeit systematische Beachtung, wenngleich der Terminus natürlich schon sehr viel länger Verwendung findet. Eine Vorstellung dessen, was alles mit diesem Begriff gemeint sein könnte oder gemeint sein sollte, leistet: Sellin, Volker: Mentalität und Mentalitätsgeschichte. In: Historische Zeitschrift 241 (1985), S. 555-598. Sellin bestimmt die Mentalitäten schließlich als „Sinnstrukturen der kollektiven Wirklichkeitsdeutung" (S. 589), sieht deren Ermittlung aber offenbar bereits durch die „Methode der Historischen Demographie" gewährleistet, die beispielhaft für solche Forschungen sei (S. 591f). Er schließt mit einem „Plädoyer für die Mentalitätsgeschichte", die eine „Schärfung des Bewußtseins dessen" zu sein habe, „daß die vergangenen Wirklichkeiten für die darin stehenden und die darin befangenen Menschen jeweils nur auf bestimmte Weise gesehene und verstandene Wirklichkeiten sein konnten" (S. 597).
10 Schulze, Hagen: Weimar. Deutschland 1917-1933. Berlin 1982, S. 425 (= Die Deutschen und ihre Nation, Bd. 4).
11 Wir belegen diese Behauptung ausführlich in der Anm. 56 dieses Abschnitts (I, 2; b: ,Geistesgeschichte').
12 Siehe zu diesem Topos der ernstzunehmenden Pressekritik seit Karl Kraus: Amtzen, Helmut und Winfried Nolting (Hg.): „Der Spiegel" 28 (1972). Analyse, Interpretation, Kritik. München 1977 (= Literatur und Presse. Karl-Kraus-Studien, Bd. 3). Siehe dort insbes. die Einleitung von Helmut Amtzen („Sprachbeherrschung", S. 9-14).



