2. Die frühen dreißiger Jahre im Kontext
a) Ereignisgeschichte
Wer die Jahre 1930 bis 1933 zu seinem Untersuchungszeitraum bestimmt, hat sich allein schon mit der Wahl dieser beiden Daten auf die Ereignisgeschichte verpflichtet, auch wenn der Gang der Arbeit später zeigen wird, daß das bewußtseinsgeschichtliche Einheitsmoment dieser Jahre auch für die späten zwanziger Jahre und ebenfalls über 1933 hinaus zu gelten hat.
Insofern der Zeitraum 1930 bis 1933 sofort als unmittelbares Vorfeld des paradigmatischen Datums 1933 identifiziert werden kann, ist eine Partizipation am Diskurs über das Dritte Reich nicht zu vermeiden. Damit gerät man aber direkt wieder aus der reinen Ereignisgeschichte heraus und in eine Epochenvorstellung hinein, die zwar von der politischen Geschichte gestiftet wurde, aber doch weit mehr als diese umfaßt. Weil das Dritte Reich das Exponierte, Durchdringende und vor allem auch Bestimmende der Epoche (in Deutschland) zu sein scheint und zudem als ein klar begrenzter Zeitraum hervortritt, bietet es sich als eine mächtige Epochenvorstellung an, die sich im alltäglichen Sprachgebrauch bis heute unter dem Namen „Nazi-Zeit" erhalten hat. Vorderhand bestehen die Dreißiger Jahre nur als Epiphänomen des Dritten Reiches, dessen Bedeutung und Tragweite sie weithin überschattet.
Wie kaum ein anderes Datum der deutschen Geschichte ist das Jahr 1933 zum Reizwort und zum Stellvertreter für eine ganze Epochenvorstellung geworden. Mit der sich zwangsläufig einstellenden Assoziation an den Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft ist man sofort zum ,Leser' eines ,Kapitels' der deutschen Geschichte geworden. Das Datum 1933 ist nicht mehr ohne die Perspektive auf 1945 zu denken, und man kann kaum noch über 1933 zu sprechen beginnen, wenn man nicht bis 1945 vorzudringen gedenkt. Es scheint, daß der Sog der Ereignisse bis in die Geschichtsschreibung wirksam bleibt, denn erst mit der ,Stunde Null', ,nach 45', ist man aus dem Diskurs entlassen wie die Zeitgenossen aus dem Dritten Reich.
Mit der Entscheidung, den Zeitraum von 1933 bis 1945 als ein ,Kapitel' zu lesen, hatte man sich aber auch dem hermeneutischen Postulat unterstellt, jeden Satz dieses ,Kapitels' auf seine Funktion für das Ganze zu befragen. Sätze eines ,Kapitels' aus dem ,Buch der Geschichte' sind aber aus der Perspektive der Ereignisgeschichte nichts anderes als Daten und Fakten, wenngleich diese auch nur in Form von Sätzen vorliegen.
Die Geschichtswissenschaftler, die nach Öffnung der wesentlichen Archive in den fünfziger Jahren mit der Erforschung des Dritten Reiches begannen, mußten so zunächst auch die Tatsachen und Ereignisse chronologisch und kausal ordnen. Sie schlugen die Ereignisse bestimmten Komplexen zu, womit zwangsläufig eine Hierarchisierung verbunden war. Das Zustandekommen besonders ,herausragender' Ereignisse, die am Ausmaß ihrer Ungeheuerlichkeit leicht als solche zu erkennen waren, wurde dann in immer differenzierteren! Zugriff mit einer Vielzahl von anderen, hierarchisch tief erstehenden Ereignissen erklärt, natürlich auch mit den Handlungen, die zu diesen Ereignissen führten, und schließlich mit deren Motiven. Bei dem Versuch, eine Kette von Ereignissen als Sinnzusammenhang zu rekonstruieren, mußten bestimmte Ereignisse als Produzenten von Sachzwängen, andere hingegen als Produkte von Sachzwängen aufgefaßt werden. Tatsachen, die als facta bruta per se gleichwertig sind und die gerade deshalb als objektiv gelten, weil sie keinerlei (stets subjektive) Bedeutung tragen, hatten sich nun in dem auf Kausalität dringenden Diskurs ihren je verschiedenen Rollen als Initiatoren,
Katalysatoren und Endprodukten zu fügen. Natürlicherweise kam dem Früheren hierbei die Rolle des Produzenten, dem Späteren die Rolle des Produkts zu.
Mit dem Wissen um 1945 bekamen die Ereignisse von 1933 so eine erstaunliche Perspektive. Der Historiker ist eben „stets klüger als die Akteure", und ihn „zwingen die Tatsachen, die er ja auch allzu gern kausal interpretieren möchte, daß alles just so kommen mußte".13 Die „auf die Benutzung der Verstehenskategorie angewiesene Geschichtswissenschaft"14 mußte immer dann, wenn es ihr um ein Verständnis des Geschehens und Geschehenlassens ab 1933 zu tun war, ein Geflecht von Begründungen entwerfen, die den Ereignissen aus der Vor- und Frühgeschichte des Dritten Reiches ihre Funktion im Hinblick auf den als katastrophal bekannten Geschichtsverlauf anwiesen. Man konzentrierte sich auf die Zeit vor 1933, um möglicherweise der Geburt eines Prinzips beiwohnen zu können, welches dann bis 1945 ungehindert walten konnte.
Die Geschichtswissenschaft besteht natürlich nicht nur aus der Rekonstruktion von Ereignisgeschichte. Ihre strukturgeschichtlichen Analysen und interpretativen Darstellungen zur Geschichte des Dritten Reiches können hier nur ansatzweise angesprochen werden (siehe auch: I, 2; b). Zudem lehnt die Geschichtswissenschaft monokausale Erklärungen der Ermöglichung des Dritten Reiches heute auch ab.15 Dennoch ist an der die Diskussion in den letzten drei Jahrzehnten strukturierenden Auseinandersetzung über die Kontinuitäts- und Diskontinuitätsthese16 abzulesen, wie groß das Bedürfnis nach einer Teleologie oder doch zumindest nach einer Negativ-Teleologie17 war und ist, mit der man dem Dritten Reich im Rahmen eines Schemas von Tradition und Revolution seinen Grund in der Geschichte hätte anweisen können. In diesen Zusammenhang gehört auch der Streit zwischen den so genannten Intentionalisten und Funktionalisten;18 die Intentionalisten leiten die Dynamik und Katastrophentendenz des Dritten Reiches aus dem ,Prinzip Hitler' her, während die Funktionalis ten auf eine Radikalisierung verschiedener strukturgeschichtlicher Gegebenheiten verweisen. Das ,Prinzip Hitler' als Movens des Dritten Reiches formiert sich dabei wohl spätestens ab 1924, dem Beginn der Festungshaft, während die funktionalistischen Argumente in Hinsicht auf die Ermöglichung des Dritten Reiches einerseits noch früher, beispielsweise mit dem Versailler Vertrag, andererseits aber auch später, beispielsweise mit der Destabilisierung der Weimarer Republik ab 1930, einsetzen. Wir kommen auf die Frage, welche Faktoren aus geschichtswissenschaftlicher Sicht das Dritte Reich - und damit die Epoche - ermöglichen und stabilisieren halfen, im nächsten Kapitel noch zurück, bleiben aber zunächst bei der reinen Ereignisgeschichte, also beim Primat der Daten und Fakten, dessen Akzeptanz die Geschichtswissenschaft in eine Zwitterstellung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zwingt, weil man Daten eben nicht verstehen, sondern nur erklären kann.
Die Funktion der Jahre 1930 bis 1933 für das Dritte Reich liegt auch zunächst in solchen Daten offen zu Tage, insofern es nämlich die Jahre der entscheidenden Wahlerfolge der NSDAP sind. Aufgrund einer beschreibbaren politischen, sozialen und wirtschaftlichen Situation wurde in diesen Jahren der Durchbruch der radikalen, aber sehr integrationsfähigen NS-Bewegung ermöglicht, wobei insoweit von ihren Vorstellungen und Absichten Kenntnis erlangt werden konnte, als sie teils keimhaft, teil schon entfaltet in ihren damaligen Programmschriften, Reden und Aktionen bereits Ausdruck fanden, wenngleich manches aus Opportunismus und Improvisation erst später Bestandteil des nationalsozialistischen Programms wurde, das als Ideologie nur unzureichend beschrieben ist. Die Vorgeschichte des Dritten Reiches der Jahre 1930 bis 1933 bezieht sich also auf die Destabilisierung der Weimarer Republik, auf die Kontinuität im Denken Hitlers und auf die Wahlerfolge der NSDAP. Sobald man nach ideen- und ideologiegeschichtlichen, wirtschaftlichen, sozialen und sozialpsychologischen Faktoren fragt, die die Jahre 1930 bis 1933 in ihrer ,Epochentendenz' auf das Dritte Reich ausweisen, läßt dieser Zeitraum, wie die Geschichtswissenschaft gezeigt hat,19 entschieden mehr Ähnlichkeiten zu der Zeit nach 1933 als zu der Zeit vor 1929 erkennen.
In dem Bemühen, das Dritte Reich und sein Zustandekommen zu erklären, mußte die historische Forschung so die ereignisgeschichtlichen Grenzen des Gegenstandes verlassen. Obwohl auf die Zeit vor 1933 als einer Inkubationszeit' Ansprüche erhoben wurden, obwohl man die Geburtsstunde eines radikalen, totalitären und zwischen Modernität und Archaik zwiespältigen Denkens nationalsozialistischer Prägung immer weiter vorverlagerte, blieb das einmal aufgemachte ,Kapitel' der deutschen Geschichte unverändert bestehen. Die Grenzen der vermeintlichen Epoche blieben stabil, auch wenn man in ihrem Vorfeld eine Fülle von Phänomenen entdeckte, die ihr schon anzugehören scheinen.
Sehr viel unauffälliger als der Sammelpunkt dieses Diskurses über das Dritte Reich ist das Ende eines anderen, der sich mit jenem das Datum teilt. Mit dem 30. Januar 1933 endet auch die Weimarer Republik und damit das vorhergehende ,Kapitel' der deutschen Geschichte, das allerdings das Schicksal seines Gegenstandes erleidet, indem es wie dieser sein markantes Ende nur ex negativo, eben mit der .Machtergreifung', findet. Es gilt, die nur noch durch Präsidialkabinette handlungsfähige Republik noch in ihrer Verfallsgeschichte bis 1933 zu begleiten, obwohl sie seit dem 27. März 1930, dem Ende der zweiten und letzten Großen Koalition und damit dem Ende der parlamentarischen Demokratie, nur noch eingeschränkt als Republik zu begreifen ist.20 Dementsprechend beschreibt die Forschung diesen Zeitraum von 1930 bis 1933 als „Desintegrationsprozeß",21 als „Phase der Auflösung"22 oder als „Selbstpreisgabe"23 der Republik. Es sind die Jahre des Artikels 48, der Notverordnungen, der Reichskanzler Brüning, von Papen und Schleicher, aber vor allem auch die der Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit.
Insofern die Forschung zur Weimarer Republik ihren Beitrag zur ,Vergangenheitsbewältigung' leisten wollte, hat sie sich in besonderer Weise auf diese drei Jahre konzentriert.24 In ihrem Erkenntnisinteresse hat sie sich so ebenfalls unter die Dominanz der Ereignisse ab 1933 gestellt. Aus der Perspektive beider ,Kapitel' (,Weimarer Republik', ,Drittes Reich') erscheinen die Jahre 1930 bis 1933 als ein bedeutender Zeitraum, allerdings hat mandiesen Zeitraum stets nur im Hinblick auf Geschichte als Prozeß, also aus der Perspektive von 1945 befragt. Die Epochenschwelle, die irgendwo zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Dritten Reich zu liegen scheint, wurde als Datum (1933) sistiert. Freilich mangelt es an Kriterien, die Epochen sinnvoll voneinander abzugrenzen, wenn man noch gar nicht weiß, was die Epochen als solche auszeichnet, sondern nur, was wann und weshalb geschehen ist.
Gemäß dem unangetasteten Primat der Ereignisgeschichte vor einer Sinngeschichte hat die Geschichtswissenschaft nämlich zunächst immer zu konstatieren, was geschehen ist, bevor sie mit der Frage ,Wie konnte es geschehen?' eine Hermeneutik der Geschichte etablieren kann. Der Tatsachenbefund muß vor jeder Interpretation stehen, aber gerade in dieser Was-Wie-Abfolge der Fragestellung stößt die „Geschichtswissenschaft in der Begegnung mit dem Ungeheuerlichen des Dritten Reichs an ihre methodischen Grenzen".25 Sie erhält auf ihre Was-Fragen nach den Tatsachen als den herausragenden Ereignissen immer nur jene aus der Hierarchie des Entsetzens: Terror, Krieg, Vernichtung. In der sich anschließenden, an der „Verstehenskategorie" orientierten Wie-Frage kann es dann nur mehr darum gehen, alle anderen Ereignisse im Hinblick auf diese zu funktionalisieren. In verschiedenen Modellen und Annäherungsversuchen gruppiert die historische Forschung die hierarchisch tieferstehenden Ereignisse solange kausal um die herausragenden herum, bis jene ihren Charakter als Ereignis immer mehr verlieren und schließlich als Genese sichtbar werden. Es ist dies der Versuch, die an sich sprachlosen Tatsachen „zum Sprechen bringen zu können",26 ein Vorgang, in dem die Fiktion von Geschichte als Prozeß die Fiktion einer Statik ihrer Fakten zunehmend auflöst.
„Nicht nur darstellungstechnisch, auch erkenntnistheoretisch wird vom Historiker gefordert, nicht eine vergangene Wirklichkeit, sondern die Fiktion ihrer Faktizität zu bieten."27 Diese - gegenüber dem strikt hermeneutischen Postulat nach einem Sinnzusammenhang - gemilderte Forderung nach einer ,Fiktion der Tatsachen', die übrigens von Egon Erwin Kischs Postulat nach ,logischer Phantasie' des Reporters (siehe II, 2) gar nicht so weit entfernt ist, muß aber gleichwohl den Anspruch auf Kohärenz stellen. Kohärenz innerhalb einer Summe von Ereignissen oder Tatsachen ist aber nur dann herzustellen, wenn man den Daten eine referentielle Qualität beilegt, die ihnen als facta bruta eigentlich nicht zukommen dürfte. In zweifacher Hinsicht wären also die ,nackten' Tatsachen schon bekleidet, ehe man sie als solche überhaupt erkennt: Ihnen eignet Bedeutung und funktioneller Wert für Geschichte als Prozeß. Kohärenz im Sinne einer plausiblen Geschichte kann sich so nur herstellen, indem jedem Ereignis, jeder Tatsache der Ort im Prozeß und die Bedeutung für den Prozeß angewiesen wird.
Dementsprechend hat die geschichtswissenschaftliche Forschung beispielsweise versuchen müssen, die personellen, strukturellen und systemimmanenten Komponenten der bekannten Geschichte im Hinblick auf ihren Beitrag zur ,Endlösung' zu bestimmen und zu gewichten. In der Tat war es aber bis heute wenig beruhigend oder erhellend zu erfahren, daß das Ereignis ,Endlösung' vornehmlich von Himmler, Heydrich und den dafür zuständigen Einheiten der SS befördert wurde. Zwischen dem Ereignis oder den Ereignissen ,Endlösung' und deren Bedeutung liegt offenbar eine Kluft, die mit der Erstellung von Kausalketten nicht zu überbrücken ist. Zu der Auskunft, daß ein Ausrottung intendierendes und damit auch Geschichte negierendes Geschehen in der Regie bestimmter Personen gestanden habe, zwingt die geschichtswissenschaftliche Pflicht, nach auslösenden Ursachen, damit aber auch nach Handlungen und deren Motiven zu fragen, die somit ebenfalls im Hinblick auf die hierarchisch hochstehenden Ereignisse funktionalisiert werden. Will man sich nicht mit der These begnügen, daß der Wille Weniger sich millionenfach durchsetzen konnte, weil er Exekutoren fand, und will man auch nicht annehmen, daß ein freilich vorhandener Antisemitismus plötzlich und auf breiter Ebene in eine ,Mentalität' der Mordlust umschlug, so ist die ,Endlösung' als Phänomen einer Geschichte der Handlungen kaum noch zu begreifen.
„Da die Welt der Geschichte dem Historiker als ein unendlicher Komplex intentionalen Handelns erscheint, verlangt sie eine Erklärung dieses Handelns aus den Motiven, aus den Intentionen heraus. Die Motive menschlichen Handelns liegen aber niemals offen zutage, weder in der Gegenwart, noch in der Vergangenheit; sie sind dem Menschen nur indirekt, durch die Vermittlung der menschlichen Zeichensysteme im weitesten Sinne des Wortes und durch die Objektivationen menschlichen Handelns zugänglich, dem Historiker nur durch die Quellen und in der Form der Tradition und der Überreste. So wie menschliches Zusammenleben nur möglich ist, weil die Menschen die Fähigkeit besitzen, gegebenen Zeichen - Worten, Gesten, Handlungen - aufgrund der eigenen Lebenserfahrung nicht gegebene, aber plausible Intentionen zuzuordnen und damit jene Zeichen zu verstehen, so beruht die Möglichkeit, vergangenes Handeln [. . .] zu erklären, auf solchem Verstehen."28 Gerade die Geschichte des Dritten Reichs ist aber voll von Handlungen, die wir unmöglich „aufgrund der eigenen Lebenserfahrung" „plausiblen Motiven" zuordnen können. Gleichzeitig haben die „gegebenen Zeichen", beispielsweise Sätze, auch dann noch Bedeutung, wenn die Intentionen der Sprecher im Dunkeln bleiben. Die Bedeutung von Sätzen erschöpft sich nicht im Motiv des Sprechers, das manchmal sogar den Blick verstellen kann. Das Problem der Geschichtswissenschaft scheint also - um bei dem strapazierendsten Beispiel zu bleiben - darin zu liegen, daß die ,Endlösung' als Phänomen einer Bedeutungsgeschichte weder in ihrem Ereignischarakter noch in den dieses Ereignis befördernden Handlungen und deren Motiven aufgeht. Die genaueste Rekonstruktion aller beteiligten Tatsachen und Handlungen beseitigte nicht unser Interpretationsbedürfnis.
Wenn die Welt der Vergangenheit nur aus der Geschichte intentionalen Handelns bestünde, kämen wir nie über die Motive hinaus.
Die Geschichtswissenschaft versteht sich aber nicht nur als Erkenntnis einer speziellen Geschichte der menschlichen Handlungen, sondern auch als Erkenntnis der allgemeinen Geschichte. Sie vertritt diesen Anspruch, weil sie sich für das ganze „menschliche Tun und Leiden"29 in der Vergangenheit interessiert, sie also damit genau das als das Fundierende der Geschichte zu erforschen beansprucht, das alles andere in sich begreift, nämlich Handlung. Der Historiker befragt historisches Handeln immer im Hinblick auf zwei Aspekte: Er fragt nach den Objektivationen dieses Handelns (nach den Tatsachen) und nach den Motiven dieses Handelns (nach den Intentionen). Er konstituiert also einen historischen Kontext, in dem Handlungen, Tatsachen und Motive historische Bedeutung erlangen.30 Weil aber die Handlungen und vor allem natürlich die Motive nur durch die Analyse und Interpretation von Texten rekonstruierbar sind, weiß der Historiker auch, daß Welt für ihn immer „Welt als Text"31 ist. Ohne das Problem einer historischen Hermeneutik hier weiter vertiefen zu wollen,32 kann festgehalten werden, daß die Geschichtswissenschaft zwar Handlung als das universale Medium menschlichen Seins begreift, aber dennoch vornehmlich, ja fast ausschließlich mit Texten umgeht. Allerdings sind es vorwiegend bestimmte Texte, mit denen sich der Historiker auseinandersetzt: Akten, Protokolle, Berichte, Verträge, Statistiken, Memoiren, Tagebücher. Wir werden hieran im letzten Kapitel dieses Abschnitts (I, 3) anknüpfen. Aus der Interpretation solcher Texte resultiert dann die Geschichte der Handlungen und Intentionen, auch der Auffassungen und Irrtümer, der politischen Systeme und der Machtverhältnisse, auch der gesellschaftlichen Bedingungen, zeittypischen Erscheinungen und ideengeschichtlichen Voraussetzungen, welche die Geschichtswissenschaft konstituiert und erzählt. Die Sicherung dieser Geschichte ist Voraussetzung für jede andere Geschichte (es sei denn einer literarischen), und es ist durchaus legitim und plausibel, die Zäsuren innerhalb dieser Geschichte so zu setzen, wie sie in den zu interpretierenden Texten und Zeiten bereits gesetzt worden sind, also beispielsweise vom Zeitraum 1933 bis 1945 auszugehen. Eine Epochenvorstellung resultiert hieraus jedoch allenfalls in deskriptiver, nicht aber in qualifizierender Hinsicht.
Es ist mehr als wahrscheinlich, daß hier die Gründe für immer noch bestehende Interpretationsdefizite zu suchen sind, die gerade im Zusammenhang mit der Sonderstellung' des Dritten Reiches innerhalb der deutschen Geschichte besonders spürbar werden. Das Dritte Reich zeigt, daß Kausalität noch keine plausible, erst recht keine sinnvolle Geschichte ergibt. Wenn innerhalb der politischen Pragmatik keine Plausibilität herzustellen ist, gerät man leicht an die Rede vom Irrationalen, die ein Leitmotiv der Forschung zum Dritten Reich bildet. Saul Friedländer, der kürzlich eine Standortbestimmung des öffentlichen Diskurses über das Dritte Reich versucht hat,33 zitiert eine Passage aus der schon älteren Hitler-Monographie von Alan Bullock, die er im Anschluß kommentiert: ,„Wahrhaftig, im Falle Hitlers hat man immer das unbehagliche Gefühl, nahe an der Grenze zum Irrationalen zu sein.' Damit ein Oxforder Historiker sich solcher Ausdrucksweise bedient, bedarf es unumstößlicher Belege. Seither, trotz umfangreicher Forschungsarbeit, sind wir kaum weitergekommen."34
Daß auch das vermeintlich Irrationale einer ,plausiblen' Bewußtseinsgeschichte angehören kann, versuchen wir in dieser Arbeit zu zeigen. Mit den Forschungserträgen der Geschichtswissenschaft zur Weimarer Republik und zum Dritten Reich kann und soll nicht konkurriert werden, allerdings hoffen wir, an diesen Diskursen partizipieren zu können, wenngleich der thematische Sammelpunkt hier ein ganz anderer ist. Provozierend gesagt, gehen wir davon aus, daß nicht die dreißiger Jahre ein Epiphänomen des Dritten Reiches sind, sondern daß das Dritte Reich ein Epiphänomen der Dreißiger Jahre ist und als Phänomen der Geschichte nur dann hinreichend verstanden werden kann, wenn ein Begriff der Epoche vorliegt, dem es entstammt.
b) Geistesgeschichte
In einem um strukturgeschichtliche, kulturphilosophische, psychologische und ideologiegeschichtliche Fragestellungen erweiterten Nachdenken über die Gründe des Scheiterns der Weimarer Republik und die Ermöglichung des Dritten Reiches konzentrierte sich das Interesse der Forschung zunehmend auf das ,geistige Klima' der Endphase der Republik. Man suchte nach den bereits angesprochenen ,Tendenzen' und der ,Mentalität' einer Zeit, die einen so erschreckend unmerklichen Übergang in die Tolerierung eines totalitären Systems gefunden zu haben schien. Sieht man einmal ab von Ernst Noltes problematischem, aber konsequentem Versuch, ein Verständnis der geistigen Situation aus der Analyse und Definition des Faschismus als eines Widerstandes gegen die „Transzendenz" zu gewinnen,35 welcher Begriffsich aber entgegen dem Eindruck, den er vermittelt, nicht auf eine Bewußtseinsgeschichte, sondern doch wieder auf eine Ideologiegeschichte bezieht,36 so wurde von der Forschung kaum interpretiert, sondern hauptsächlich paraphrasiert, was in den Zeitungen und Zeitschriften wie in den auflagenstarken Tendenzschriften der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre schon gestanden hatte.
Bald wurden auf der Ebene der politischen Gesinnungen eine „konservative Mentalität"37 und ein „antidemokratisches Denken"38 ausgemacht. Philosophie und Kulturphilosophie attestierten der Zeit einen Hang zum Irrationalismus,39 eine „Sehnsucht nach Gemeinschaft"40 oder „erwartungsvolle Schick
salsergebenheit".41 Man erkannte die Nazis als „Figuren der Moderne"42 und bemerkte insgesamt einen „Hunger nach Utopie",43 aber auch den Zusammenhang zwischen Faschismus und Avantgarde44 sowie die generell kultischen und pseudo-religiösen Züge der NS-Bewegung.45 Bei dem Versuch, den
Erfolg der Nationalsozialisten mit psychologischen und wirkungsästhetischen Modellen plausibel zu machen, wurde der „grauen Republik"46 eine „Anfälligkeit für heroisierenden Ästhetizismus"47 nachgesagt. Die Thesen von der Ästhetisierung der Politik, der Politik als Inszenierung, Kult, Religion oder mystischer Darbietung erwiesen sich dabei als Transformationsversuche, dem als Politik nicht mehr begreiflichen Geschehen zumindest in einem transpolitischen System Kohärenz zusprechen zu können. Generell wurde die Zeit als eine gekennzeichnet, für die eine „Krise der Intelligenz",48 eine Krise der Presse,49 eine „Identitätskrise" der Philosophie50 und eine allgemeine „Erwartung der Katastrophe"51 bestimmend gewesen sei. Nach der Seite des Dritten Reichs hin, also jenseits von 1933, ist die geistesgeschichtliche Forschung dann zumeist völlig auf eine ideologiegeschichtliche Betrachtung verengt, und diese hat „bislang die völkisch-nationalen Bestandteile des nationalsozialistischen Gedankenkonglomerats überproportioniert dargestellt".52
Speziell in der Konstatierung jeweiliger Krisen kann sich der heutige Diskurs schon auf eine entsprechend einhellige Meinung der Zeit selbst berufen. „Kaum ein Wort, eine Stellungnahme zu ,öffentlichen' Dingen, die nicht in irgendeiner Weise auf die Krise Bezug nahm; kaum eine private Äußerung, die nicht davon ausging, daß die Zeiten schlecht seien."53 Unsere heutige Erfahrung, daß das damalige Wissen um eine Krise deren Ausweitung zur Katastrophe nicht verhindern konnte, hat aber bisher nicht den Blick geschärft für die offenbar virulentere Krise der Zeit, die darin bestand, daß sie die Krise im Krisengerede schon zu kontrollieren glaubte. Dieser verdeckten, weil nur Sprachreflexion sich offenbarenden Krise, ist aber der Diskurs in seinen ständigen Repetitionen von der ,Krisenzeit' ebenso anheimgefallen wie schon der damalige Zeitungsleser. Daß eine Krise, von der doch allenthalben geredet wurde und die unter der ständigen Beobachtung der Tagespresse stand, durch ihre permanente Quotierung nicht abnehmen, sondern vielmehr unauffällig werden könnte, ist eine Annahme, die sich zwar dem Verdacht auszusetzen hat, Zynismus gegen einen sich als ,kritisch' verstehenden Journalismus zu üben, die aber möglicherweise hier schon ein Schlaglicht auf das Vermögen des Geredes werfen kann, das Außerordentliche dem Beiläufigen zu nivellieren.54
Wenn die Krise sich also nicht nur in den Arbeitslosenzahlen manifestierte, sondern tatsächlich als ,geistige Strömung' der Zeit insgesamt eingeschätzt werden soll, dann ist zu fragen, warum diese ,Strömung', die ja nur im Sprechen hergestellt und wirksam sein kann, bis heute nicht auf ihre sprachliche Verfaßtheit untersucht wurde. Daß eine Krise sich als ein allgemein akzeptierter und quasi naturgegebener Zustand etablieren konnte, verdankt sie neben der Wirkungsgeschichte von Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes" und zahlreichen geistesverwandten Tendenzschriften doch hauptsächlich der Uniformität des Geredes über sie, welches mit dem Anspruch auftrat, das Bewußtsein der Zeitgenossen zu schärfen, es aber im Gegenteil offenbar narkotisierte und obendrein das sehr folgenreiche Gefühl der Ohnmacht der Sprache veranlaßte, das sich zwangsläufig einstellen mußte, als man so viel über die Krise redete, ohne daß sich irgendetwas geändert hätte. Wir gehen auf diesen Zusammenhang von Gerede und Tatdenken, von Sprechen und Handeln, grundlegend in unserem Untersuchungsabschnitt III (,Das dramatische Bewußtsein') ein. Vorderhand kann jedoch festgehalten werden, daß Änderungen erst in dem Augenblick sichtbar wurden, als das Krisengerede vom ,Deutschland'-Gerede abgelöst wurde. Die Presse versprach sich den Ausweg aus der Krise von der ,Tat' oder den ,Taten', die sie forderte.
Deutschland wünscht befreiende Taten!55
So lautet die Titelschlagzeile der liberalen „Frankfurter Zeitung" vom 2. Januar 1932. Im Leitartikel vermittelt sich dann der Zusammenhang von ,Krise' und ,Tat' als die Konkurrenz zweier Prinzipien; es wird genau das herbeigewünscht, was dem (eigenen) Gerede über die ,Krise' ein Ende machen könnte. Entsprechende ,Taten' sind dann auch etwas mehr als ein Jahr später an derselben Stelle in demselben Fettdruck angezeigt, der hier noch die globalen Ausmaße einer Krise beschwört, deren Herrschaft beschlossen ist, auf jeden Fall aber nicht in der Disposition des einzelnen steht. Der Globalisierung der Krise zum anonymen Prinzip entspricht hier schon die Reduktion persönlicher Verantwortung.
Mehr noch als dieses unbekümmert sich fortsetzende Verständnis der ,Krise' als eines Urphänomens muß aber der Umstand verwundern, daß die geistesgeschichtliche Forschung trotz allem Aufwand auch sonst keine geistigen Momente aufspüren konnte, die nicht schon die Zeit selbst an sich entdeckt hätte. Wir belegen diese Behauptung in einer ausführlichen Anmerkung.56 Die für den Forscher „oftmals erstaunliche Einsicht, wie im Grund umfassend und hellsichtig"57 die Zeitgenossen ihre Zeit beurteilten, hat aber bis heute nicht zu der Frage geführt, aufgrund welcher Bewußtseinsdispositionen es möglich war, die eigene Hellsichtigkeit zugunsten der bekannten Entwicklung zu verdrängen.
Die Schwierigkeiten der Geistesgeschichte, aus dem Status einer Vermächtnishistoriographie herauszukommen, resultieren aber nicht nur aus einer übertriebenen Hochschätzung der zeitgenössischen Meinungen, sondern auch aus der eigenen Herkunft, die in den dreißiger Jahren wesentliche Impulse erfahren hat. Für die einzelnen Disziplinen ergibt sich folgende Situation:
Die heutige Philosophie ist „maßgeblich von den Impulsen bestimmt, die damals von Ludwig Wittgensteins ,Tractatus logico-philosophicus' (1921), Georg Lukács ,Geschichte und Klassenbewußtsein' (1923) und Martin Heideggers ,Sein und Zeit' (1926) ausgingen".58 Eine weitreichende Wirkungsgeschichte in Philosophie und Soziologie hat die 1930 im Frankfurter Institut für Sozialforschung beginnende und zur Schule der ,Kritischen Theorie' führende Zusammenarbeit zwischen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, in welchem Zusammenhang auch Walter Benjamin zu erwähnen wäre. Wichtig für die Soziologie ist Karl Mannheim und sein 1929 veröffentlichtes Buch „Ideologie und Utopie",59 „die Bibel der Weimarer Intellektuellen",60 denn dank Mannheim schickte sich die Soziologie damals an, „eine feste Lehrgestalt zu gewinnen und ein klares Forschungsprogramm zu entwickeln".61 Eher untypisch für den „soziologischen Blick"62 dieser Zeit sind die Arbeiten Siegfried Kracauers, der eine ebenfalls zeitkritische, aber nicht systematische Soziologie betreibt und mit seiner Studie über „Die Angestellten" von 192963 wie auch mit seinen zwischen 1928 und 1932 in der „Frankfurter Zeitung" publizierten Essays („Das Ornament der Masse") breite Aufmerksamkeit erregte. Die Psychologie teilt sich in verschiedene Schulen; Sigmund Freud schreibt seine letzte große Schrift, „Das Unbehagen in der Kultur".64
Literaturwissenschaft, Literaturgeschichte und Literaturkritik sind mit dem Umstand konfrontiert, daß die bedeutende epische Literatur des Jahrhunderts - soweit dies heute abgesehen werden kann - in diesem Zeitraum geschrieben oder veröffentlicht wurde: Robert Musil, „Der Mann ohne Eigenschaften" (1930); Hermann Broch, „Die Schlafwandler" (1931); Alfred Döblin, „Berlin Alexanderplatz" (1929); Elias Canetti, „Die Blendung" (1929/39 entstanden, 1935 veröffentlicht); Joseph Roth, „Hiob" (1930) und „Radetzkymarsch" (1931). Als der wohl wichtigste Dramatiker dieser Zeit (neben dem epischen Theater Brechts) wäre Ödön von Horváth zu nennen.
Aber auch Sprachphilosophie, Sprachdenken und Sprachkritik gelangen zu Erkenntnissen und Erfahrungen, von denen noch heute gezehrt wird. Ludwig Wittgenstein und Walter Benjamin wurden bereits erwähnt, aber vor allem auch Karl Kraus wäre in dieser Reihe zu nennen, wenngleich seine Sprachkritik aus dem Geist von Literaturerfahrung und Pressekritik65 nicht in den Bereich der reinen Geistesgeschichte, sondern eher zu einer Bewußtseinsgeschichte gehört. Kraus hat wohl auch gerade deshalb so bedeutende Ergebnisse über die Bewußtseinsverfassung seiner Zeit erzielt, weil er weniger auf den ,Geist' als vielmehr auf den ,Ungeist' achtete, auf die das Bewußtsein der Epoche bestimmende Konstitution von Wirklichkeitserfahrung durch und als das Sprechen der Presse, dessen Zustand Kraus als Signum der Epoche beschrieb. Die Geistesgeschichte überließ die Pressekritik einer speziellen Betreuung durch die Publizistik, die aber bis heute den von Kraus dargestellten „Zusammenhang des Problems der Information - wie z. B. Auswahl der Nachrichten, Nachrichtenunterdrückung, Falschmeldungen, Ungenauigkei-ten, Wertung von Nachrichten u. a. - und des Problems der Meinung - wie z. B. Willkür, Unlogik und andere gedankliche Inkonsistenzen etc. - mit dem Problem der Sprache als Sprechen" noch gar nicht gesehen hat, sondern jene Probleme „als partielle Defekte betrachtet, die von einzelnen Personen oder aber etwa von der Kommerzialität bzw. später von der Ideologisierung der Presse allein"66 abhängen. Die Schriften von Karl Kraus sind von der geistesgeschichtlichen Forschung zur Weimarer Republik und zu den dreißiger Jahren nicht rezipiert worden; „Die dritte Walpurgisnacht"67 erscheint in keiner Bibliographie der Darstellungen des Dritten Reichs. Die Presse und die Medien der Zeit wurden zwar Gegenstand zahlreicher Untersuchungen, die sich aber ausschließlich aus publizistischer und ideologiekritischer Perspektive mit dem Phänomen der ,Gleichschaltung'68 ab 1933, mit einem Epiphänomen also, beschäftigten. Die von Kraus beschriebene und für die bewußtseinsgeschichtliche Situation der Dreißiger Jahre so wichtige Wirkung einer „totalen Medialisierung der Sprache"69 wird im Verlauf dieser Arbeit noch mehrfach begegnen; auf die seit den späten zwanziger Jahren durch Rundfunk, Tonfilm, Wochenschauen und Magazine veränderte Medienstruktur in Deutschland, über deren Konsequenzen die historische Pulizistik sich ausschweigt, gehen wir im letzten Kapitel dieses Abschnitts (I, 3) und im Kapitel III, 1 (,Dramatische Dokumente') noch ein.
Die hier angeführten Disziplinen sind in der Auseinandersetzung mit den dreißiger Jahren so insgesamt einem Denken konfrontiert, das ihr eigenes, heutiges Denken, in hohem Maße geprägt hat. Der geistesgeschichtliche Diskurs steht insofern vor dem Problem, eine Archäologie der eigenen Geistesverfassung betreiben zu müssen, wenn er sich urteilend über die Dreißiger Jahre erheben will. Zudem hat sich die Geistesgeschichte, seitdem sie die Spezialisierung der Disziplinen zu kompensieren versucht, auch ihres genuinen Gegenstandes benommen, an dessen Interpretation sie ihre Geschichte aufzeigen könnte. In der Verknüpfung aller historiographischen Disziplinen reagiert sie so immer schon auf bestehende Epochenvorstellungen. Wir haben dieses ,zeitungshafte' Moment einer heutigen interdisziplinären Perspektive in unserer Einleitung besprochen und kommen im letzten Kapitel dieses Abschnitts (I, 3) noch darauf zurück. Im Unterschied zur Geistesgeschichte, die die Sedimente ihrer Geschichte in den anderen Disziplinen findet, können die Sedimente der dort angesprochenen Bewußtseinsgeschichte in einem genuinen Gegenstande, nämlich im konventionellen wie besonderen Sprechen von Texten aufgezeigt werden.
c) Sprachgeschichte
Hinweise darauf, daß das öffentliche Sprechen mit dem, was nach 1933 in Deutschland geschah, in besonderer Weise zusammenhänge, waren mittelbar den Schriften von Karl Kraus schon weit vor 1933 zu entnehmen; in ihnen wurde vor der Gefahr eines „Untergangs der Welt durch schwarze Magie" spätestens seit 1912, seit der gleichnamigen Satire, eindringlich und unablässig gewarnt. Als die Gestalt dieses Untergangs thematisiert wird dann der Nationalsozialismus unter dem schon erwähnten Titel „Die dritte Walpurgisnacht", welches Werk 1933 geschrieben, aber erst 1955 veröffentlicht wurde, weiterhin in den „FackeF'-Nummern 888 vom Oktober 1933 und den im Juli 1934 erschienenen Heften Nr. 889 und Nr. 890-905. Auch in der Diskussion um den Zusammenhang von Sprache, Sprechen und Drittem Reich haben sich diese „Fackel"-Nummern und „Die dritte Walpurgisnacht" keine Aufmerksamkeit verschaffen können. Das ist kein Zufall, sondern Produkt einer Einseitigkeit der sogenannten ,Sprachkritik' zum Dritten Reich, die sich ausschließlich auf das Sprechen der Nazis konzentrierte. Die rhetorischlinguistischen oder moralkritischen Analysen, in denen sich der Beitrag der Sprachwissenschaft zur Geschichte des Sprechens vor und während des Dritten Reiches bis heute erschöpft, sollen hier kurz vorgestellt werden. Sie beziehen sich in aller Regel auf die Verderbtheit des Vokabulars der Nazis,70 betreiben also ohnehin nur lexikalische ,Sprachkritik'. An den Versäumnissen und Aporien dieses Diskurses können ex negativo die Möglichkeiten einer konsequenten Sprachkritik aufgezeigt werden.
Die Wirren der Kriegsjahre halten kritische Beobachter nicht davon ab, Notizbücher zu führen und kleinere Lexika des nationalsozialistischen Jargons anzulegen, so daß kurz nach 1945 neben den ersten Biographien, die das Unfaßbare dem Diabolismus der Subjekte zuschreiben, auch die ersten ,sprachkritischen' Arbeiten vorliegen.71 Der Tradition dieser Aufmerksamkeit ist es zu verdanken, daß ,Die Sprache des Nationalsozialismus' in dem Repertoire der Erklärungen des Geschehens und Geschehenlassens zwischen 1933 und 1945 einen festen Stammplatz sich behaupten konnte.
„Die ,Sprache des Nationalsozialismus' ist zu einem Begriff geworden, der über die Grenzen einer Fachwissenschaft hinaus heute allgemein gebräuchlich ist [. . .] Mit diesem Begriff verbindet sich die Vorstellung einer neuen, eigenständigen Sprache, die 1933 in Deutschland entstand und zwölf Jahre lang wesentlichen Anteil bei der Aufrechterhaltung der politischen Herrschaft hatte."72 Wenngleich Wolfgang Werner Sauer vor einigen Jahren eine längst überfällige Demontage der ,Sprache des Nationalsozialismus' unternommen hat,73 ist der Begriff als Etikett eines Wirkungsfaktors innerhalb des Dritten Reiches erhalten geblieben, und zwar gerade „über die Grenzen einer Fachwissenschaft hinaus". Der Begriff ist aber nicht etwa Produkt einer oder mehrerer Interpretationen des Sprechens der Nationalsozialisten, sondern er resultiert einzig aus der Deskription rhetorischer Mittel bestimmter, exponierter Nazis, deren Intentionen und Sprechabsichten, nämlich Betrug, Verschleierung, Volksaufhetzung etc., bereits vorab gesetzt wurden. Die Beurteilung des Sprechens hat sich also sogleich der Beurteilung des Geschehens und der Tatsachen unterworfen; auch die Sprache und das Sprechen wurden als Epiphämomene der Ereignisse preisgegeben. Zudem wurde bis
heute stets nur das Sprechen einer bestimmten Clique untersucht, in fast allen Fällen dasjenige Hitlers, Goebbels', des „Meisters der LTI [Lingua Tertii Imperii; Anm. von mir, R. Z.]",74 oder das des „Völkischen Beobachters".75 Die im Verlauf der letzten vierzig Jahre ermittelten Ergebnisse zum Sprachgebrauch der Zeit gründen deshalb auf den ohnehin praejudizierten Untersuchungen von ungefähr einem halben Dutzend Sprechern. Es kann insofern kaum verwundern, wenn die Sprachwissenschaft nicht weiter gekommen ist, als das Vokabular dieser Sprecher, die sich ereignisgeschichtlich als inhuman zu erkennen gaben, perhorreszieren zu können.
Diese Tendenz der Forschung artikuliert sich zunächst im Bereich der Lexik, wo bald schon das auf Katastrophe tendierende Vokabular der Nazis konstatiert wurde. Einer der ersten, die die ,Sprache der Nationalsozialisten' als ,Sondersprache' verstanden wissen wollten, war Viktor Klemperer, der sie 1946 dann auch mit dem Namen ,Lingua Tertii Imperii' getauft hat.76 Klemperers Buch, das „vielleicht noch immer wichtigste" Werk über die sprachlichen Verhältnisse im Faschismus, wie ein Linguist der achtziger Jahre findet,77 eine „Phänemenologie [sie!] der politischen Durchdringung des Alltags",78 leistet dabei kaum mehr als die Dokumentation einer Ohrenzeu-genschaft im Sinne einer Wörterbuch-Philologie. Schwerer wiegt aber der bis heute unbemerkt gebliebene Umstand, daß Klemperer selbst noch dem Sprachgebrauch gehorcht und angehört, den er moralisch zu kritisieren imstande und berechtigt ist.
Doch weiter glaube ich unter dem Gesichtspunkt des Philologen, daß Hitlers schamlos offene Rhetorik gerade deshalb so ungeheure Wirkung tun mußte, weil sie mit der Virulenz einer erstmalig auftretenden Seuche auf eine bisher von ihr verschonte Sprache eindrang [. . .] so vieles an ihm [dem Nationalsozialismus; Anm. von mir, R. Z. ] Infektion durch fremde Bakterien ist: im letzten war oder wurde er doch eine spezifisch deutsche Krankheit, eine wuchernde Entartung deutschen Fleisches [. . .]79
Hier taucht genau das Vokabular wieder auf, das Klemperer gerade noch stigmatisiert hatte: „wuchernde Entartung deutschen Fleisches". Wenn die Mörder und ihre Opfer, in diesem Falle Klemperer,80 sich der gleichen Metaphorik bedienen, dann hätte dies als Nächsthegendes die Frage provozieren müssen, ob denn nicht eher von einer Sprache der Dreißiger Jahre als von einer besonderen der Nazis auszugehen wäre. Aber diese unheimliche Identität des Sprechens, welche den Unterschied der moralischen oder politischen Gesinnung zu nivellieren scheint, müßte dem Unternehmen dieser Sprachkritik schon das Urteil sprechen. Denn man kann nicht umhin, aus jener Beobachtung zu folgern, daß diese ,Sprachkritik' nichts für die Erkenntnis geschichtlicher Wirklichkeit austrage, da sie wesentlicher Differenzen der Sprechintention von sich her gar nicht habhaft werden kann, sondern sich dieser Intentionen aus anderer Quelle, der Ereignisgeschichte, bedienen muß. In dem Augenblick aber, in dem etwas anderes als die Sprache zur Instanz der Sprachkritik wird, bleibt zwangsläufig nur noch Raum für moralkritische oder ideologiekritische Auslegungen. Das Problem der ,Sprachkritik' zum Dritten Reich, entweder Identitäten unterschlagen oder aber einen Widerstreit von Sprache und Moral konstatieren zu müssen, resultiert dabei wie selbstverständlich aus der Unzulänglichkeit ihres instrumentellen Sprachbegriffs. Als Instrument betrachtet kann die Sprache nämlich nur auf ihre Tauglichkeit befragt werden, aber da die Wirkungsmacht des Sprechens im Falle der Nazis gar nicht bezweifelt werden darf, weil sie gerade Anlaß für diese Form der ,Sprachkritik' ist, kann, über die bloße Registrierung rhetorischer Mittel hinaus, das eigentlich Kritische dieser ,Sprachkritik' nur darin bestehen, das Instrument wegen seines teuflischen Gebrauchs zu denunzieren. Und dies vollends, nachdem man sich in die interpretative Ohnmacht begeben hatte, von einer „schamlos offenen Rhetorik" ausgehen zu müssen, also - wie im Falle Hitlers gegeben - noch nicht einmal kritisieren zu können, daß dieses gesagt, aber jenes gemeint worden sei. Dementsprechend schließen dann die ,sprachkritischen' Untersuchungen zum Dritten Reich die im Sinne von Handlungsintention mißverstandene Intention des Sprechens, deren Unmenschlichkeit dann evident zu sein scheint, mit der „schamlos offenen Rhetorik" kurz und erhalten ein unmenschliches Vokabular: Wer so spricht, ist inhuman, weil inhuman war, wer so sprach. Damit hat man endgültig die Sprache dem Benutzer ausgeliefert, und als wollte man in effigie Vergeltung üben, sperrte man die Wörter ein in das „Wörterbuch des Unmenschen"81 und das „Lexikon der Mörder".82
Die Frage nach dem Problem von Sprache und Moral bildet dann auch den Kern einer zwischen Dolf Sternberger und Peter von Polenz geführten Diskussion, die den Problemhorizont der Sprachwissenschaft zur Sprachgeschichte des Dritten Reiches durchaus repräsentiert.83 Sternberger bleibt auf der Klempererschen Linie und stellt fest: „Diese verarmte Sprache der rasselnden Aktivität, die Sprache des Erfassens, Einsetzens, Betreuens und Durchführens, der totalen Behandlung und auch der Sonderbehandlung, drückte in der Tat ganz haargenau das aus, was sie ausdrücken sollte. Sie verriet ganz genau und schon beizeiten, worauf es abgesehen war."84 Diese Feststellung ist erstaunlich, weil ja durchaus auch als ein Indiz für die Qualität der Sprache eines Nazis betrachtet werden könnte, daß sie „haargenau" das ausdrückte, „was sie ausdrücken sollte", denn die Identität von Intention und Ausdruck gilt der Sprachkritik in der Regel als ein Kriterium für Sprachbewußtheit. Will man dies nicht wahrhaben, so müßte man sich zumindest von der These verabschieden, daß es sich beim Sprechen der Nazis um Rhetorik gehandelt habe, denn diese ist gerade durch das Auseinanderfallen von Intention und Ausdruck des Sprechens gekennzeichnet. Entweder also haben die Nazis rhetorisch gesprochen, in welchem Fall eine rhetorische Analyse die wahren Absichten des Sprechens enthüllen könnte, oder ihr Sprechen war „haargenau" Ausdruck ihres Bewußtseins, in welchem Fall eine Interpretation dieses Sprechens die Verfassung des Bewußtseins offenbaren könnte. Diese Identität von Ausdruck und Intention des Sprechens, die jener ,Sprachkritik' offenbar als besonders dreiste und schamlose Verwendung des Instruments Sprache gilt, wurde von einer anderen Sprachkritik, der Karl Kraus', lange vorher als Dialektik von Phrase und Gewalt beschrieben: „Wenn diese Politiker der Gewalt noch davon sprechen, daß dem Gegner ,das Messer an die Kehle zu setzen', ,der Mund zu stopfen' sei, oder ,die Faust zu zeigen'; wenn sie überall mit ,harter Faust durchgreifen' wollen oder mit Aktionen ,auf eigene Faust' drohen: so bleibt nur erstaunlich, daß sie noch Redensarten gebrauchen, die sie nicht mehr machen."85
Neben diesen Defiziten und Aporien der , Sprachkritik' zum Dritten Reich bleibt schließlich ein weiteres Problem, daß sie nämlich nur auf dem Boden einer lexikalischen Erhebung steht. Gegen dieses Verfahren hat sich dann auch Peter von Polenz in seiner Erwiderung auf Sternberger zur Wehr gesetzt, indem er versuchte - wie Sternberger formuliert - die „Unschuld der Wörter"86 zu verteidigen. Polenz ignoriert dabei aber völlig die Ambiguität von Sprache und verweist das, was sich dem Konzept einer normativen Semantik nicht zu fügen scheint, direkt in den außersprachlichen Bereich: „Die brutalste, unmenschlichste Art des Sprechens ist die Lüge, so etwa in Goebbels' Leitartikel die geradezu kriminelle Verwendung des Wortes human [. . .] Aber solche offenen Zynismen sind außersprachliche Erscheinungen."87 So gesehen wäre das beste Wörterbuch der beste Sprachkritiker. Während für Stemberger - überspitzt formuliert - auch das Wort ,human' aus dem Sprachgebrauch zu streichen wäre, weil die Nazis es ein für allemal umgewertet und beschmutzt haben, bildet es für Polenz nur das Problem einer deplazierten Verwendung aus außersprachlichen Gründen, eine Art Verstoß gegen die Regeln. Dem hegt natürlich eine Sprachauffassung zugrunde, die mit der Dichotomie von Bezeichnetem als Außersprachlichem und Bezeichnendem als sprachlichem Vehikel operiert, eine Aporie, auf die wir hier nicht näher eingehen können.88
Unabhängig davon kann festgehalten werden, „daß Autoren mit gegensätzlichen Erkenntnisinteressen unter sehr verschiedenartigen Bedingungen gleichermaßen von einer eigenständigen ,Sprache des Nationalsozialismus' sprechen".89 Auch Polenz hält an diesem Begriff fest, will ihn aber nur innerhalb einer gesonderten politischen Sprachentwicklung verstanden wissen.90
Der ,Sprache des Nationalsozialismus' haben die Auseinandersetzungen über methodische Fragen nicht geschadet. Sie hat sich behauptet, wenngleich man nicht viel mehr über das Sprechen der Nazis weiß, als daß es ein von technischer Fachsprache,91 von Kampfsprache92 und Megalomanie93 durchsetztes war, das sich außerdem durch einen Hang zu Archaismen94 und religiösen Verbrämungen95 auszeichnete.
Völlig unabhängig von diesen ausschließlich formal oder rhetorisch orientierten Analysen existieren daneben die Interpretationen der Literaturwissenschaft zu zeitgenössischen literarischen Texten. Der allgemeine Vorwurf, daß die Linguisten nicht interpretierten und daß die Literaturwissenschaftler über das je Besondere ihrer literarischen Texte nicht hinaussähen, kann im Hinblick auf das Sprechen der dreißiger Jahre oder das Sprechen im Dritten Reich zu Recht vorgebracht werden. Die allgemeinen Urteile sind nur aus formalen Analysen einer sehr bescheidenen Auswahl von Texten der Zeit entnommen, während die Interpretationen sich gar nicht erst auf die Epoche als Epoche eines bestimmten Sprechens beziehen.
Linguistik oder Moralkritik - das sind bis heute die beiden Möglichkeiten geblieben, sich ,sprachkritisch' mit dem Dritten Reich auseinanderzusetzen. Weder das eine noch das andere wird hier unternommen. Anhand einer Radio-Reportage von Joseph Goebbels versuchen wir zu zeigen, daß die Reichweite formaler Analysen, die sich neuerdings auch „historische Argumentationsanalyse"96 nennen, mit Hilfe einer Interpretation überboten werden kann, die von einer der Geschichte des Sprechens inskribierten Bewußtseinsgeschichte ausgeht (siehe II, 4: ,Bewegung als Tatsache').
13 Schoeps (s. Anm. 1), S. 28.
14 Hildebrand, Klaus: Das Dritte Reich, 2. Aufl. München/Wien 1980, S. 1 ( = Oldenbourg Grundriß der Geschichte, Bd. 17).
15 Hildebrand (s. Anm. 14), S. 187-194.
16 Siehe Hildebrand (s. Anm. 14), S. 187-194.
17 Siehe zu dieser Problematik den sehr hellsichtigen Aufsatz von: Nipperdey, Thomas: 1933 und die Kontinuität der deutschen Geschichte. In: Die Weimarer Republik. Belagerte Civitas. Hg. Michael Stürmer. Königstein/Ts. 1980, S. 374-392. Wieder in: Th. N., Nachdenken über die deutsche Geschichte. Essays. München 1986, S. 186-205. Dort heißt es (zit. 1986): „Die Frage nach der Kontinuität, mit der das Spätere aus dem Früheren erklärt werden kann, ist notwendig und legitim. Die Richtung der Frage ist aber nicht umkehrbar: Ich kann das Frühere vom Späteren her allein - als ob es eine Quasi-Teleologie gäbe - nicht erklären. Sonst verkürze, vereinseitige ich die vergangene Wirklichkeit, trimme sie auf ein Ergebnis hin [. . .]" (S. 204).
18 Vertreter beider Gruppen sind versammelt in der jüngst erschienenen Festschrift für Karl Dietrich Bracher: Funke, Manfred / Hans-Adolf Jacobsen / Hans-Helmuth Rnütter / Hans-Peter Schwarz (Hg.): Demokratie und Diktatur. Geist und Gestalt politischer Herrschaft in Deutschland und Europa. Düsseldorf 1987.
19 Siehe hierzu wie auch generell die sehr vielschichtige und wohl auch für längere Zeit maßgebliche Darstellung der deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945: Thamer, Hans-Ulrich: Verführung und Gewalt. Deutschland 1933 bis 1945. Berlin 1986 (= Die Deutschen und ihre Nation, Bd. 5). Thamer, der den Voraussetzungen und der Vorgeschichte des Dritten Reiches nahezu ein Drittel seines Buches widmet, bezeichnet das Jahr 1929 „als eine historische Wende für Deutschland und Europa" (S. 160).
20 Als Ende des Parlamentarismus wird das Ende der zweiten Großen Koalition einmütig akzeptiert. Über die Datierung des Endes der Weimarer Republik im Hinblick auf die Intention ihrer Verfassung herrscht jedoch in der Forschung weitgehende Uneinigkeit. „Das Scheitern der Weimarer Republik ist kein datierbares Ereignis. Der Vorgang zieht sich über Jahre hin" (Erdmann, Karl Dietrich: Versuch einer Schlußbilanz. In: Weimar. Selbstpreisgabe einer Demokratie. Eine Bilanz heute. Kölner Kolloquium der Fritz-Thyssen-Stiftung, Juni 1979. Hg. K. D. E. und Hagen Schulze. Düsseldorf 1980, S. 345-358, 345). Karl Dietrich Bracher hingegen erblickt in der nationalsozialistischen Machtergreifung das letzte Glied einer Kette, die mit der Bildung der Präsidialkabinette eröffnet wurde, deren Protagonisten er einer scharfen Kritik unterzieht. Siehe dazu: K. D. B.: Die Auflösung der Weimarer Republik. Eine Studie zum Problem des Machtverfalls in der Demokratie. 5. Aufl. Villingen/Schwarzwald 1971 (= Schriften des Instituts für politische Bildung, Bd. 4). Siehe zu einer Darstellung der unterschiedlichen Positionen: Kolb, Eberhard: Die Weimarer Republik. München/Wien 1984, S. 143-152 (= Oldenbourg Grundriß der Geschichte, Bd. 16).
21 Kolb (s. Anm. 20), S. 123.
22 Bracher (s. Anm. 20), S. IX.
23 Erdmann (s. Anm. 20), Titel.
24 Kolb (s. Anm. 20), S. 147, 215f.
25 Hildebrand (s. Anm. 14), S. 1.
26 Koselleck (s. Anm. 3), S. 280; siehe ebenso Faber (s. Anm. 3), S. 148.
27 Koselleck (s. Anm. 3), S. 280.
28 Faber (s. Anm. 3), S. 138.
29 Faber (s. Anm. 3), S. 35; dort: „menschliches Tun".
30 Siehe dazu: Koselleck (s. Anm. 3), S. 131f: „Nur die zeitlichen, und d. h. die den Ereigniszusammenhängen innewohnenden, jedenfalls an ihnen aufzeigbaren Strukturen, können den historischen Erfahrungsraum ,sachimmanent' als einen eigenen Forschungsbereich gliedern."
31 Faber (s. Anm. 3), S. 113.
32 Siehe dazu: Faber (s. Anm. 3), S. 128-146: „Das Verstehen in der Geschichtswissenschaft. II. Grundzüge einer historischen Hermeneutik".
33 Friedländer, Saul: Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nationalsozialismus. München/Wien 1984 (Reflets du nazisme. Paris 1982. Aus dem Französischen von Michael Grendacher).
34 Friedländer (s. Anm. 33), S. 105.
35 Nolte, Ernst: Der Faschismus in seiner Epoche. Die Action Frangaise. Der italienische Faschismus. Der Nationalsozialismus. München 1963. Nolte versteht den Faschismus zwar auch als Antimarxismus und als ein generell auf Radikalität tendierendes Phänomen (S. 515), aber am wichtigsten ist ihm die Bestimmung des Faschismus als eines transpolitischen Phänomens. Zu diesem Zweck führt er den Begriff der -Transzendenz" ein, der bei ihm als ein struktureller Gegenbegriff zu „Immanenz" funktioniert, und ein Denken bezeichnen soll, das zur Entfremdung gegenüber der Welt, zur Kritik, zur Selbstüberwindung im Hinblick auf ein absolutes Ganzes fähig ist (S. 517f). Als ein „Widerstand" gegen diese „Transzendenz" wird dann der Faschismus beschrieben. Nolte unterscheidet hierbei die praktische von der theoretischen Transzendenz, wobei er als mögliche Synonyme für beide Termini die „Abstraktion des Lebens" und die „Abstraktion des Denkens" anbietet (S. 520). In einem Aufsatz jüngeren Datums (E. N.: Philospohische Geschichtsschreibung heute? In: Historische Zeitschrift 242 [1986], S. 265-289) bringt er als Beispiel für praktische Transzendenz die Industrialisierung und als Beispiel für theoretische Transzendenz das Objektivitätsstreben in der Philosophie, wobei er ausführt, in welcher Weise der Nationalsozialismus bzw. Faschismus gegen diese Transzendenzen Stellung bezogen oder Widerstand geleistet habe (S. 278).
36 Nolte, Philosophische Geschichtsschreibung (s. Anm. 35), S. 287. Nolte hat zwar zu Beginn seines Aufsatzes von der Möglichkeit einer philosophischen Geschichtsschreibung gesprochen, eröffnet aber am Ende, daß eine Geschichtsbetrachtung ohne die „Geschichte der modernen Ideologien" (S. 287) - und das sind: Faschismus, Marxismus, Kalter Krieg - nicht mehr möglich sei.
37 Koebner, Thomas: Einleitung. In: Weimars Ende. Prognosen und Diagnosen in der deutschen Literatur und politischen Publizistik 1930-1933. Hg. Th. K. Frankfurt a. M. 1982, S. 9-17, 13.
38 Sontheimer, Kurt: Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. Die politischen Ideen des deutschen Nationalimus zwischen 1918 und 1933. München 1962.
39 Siehe z. B. Fest, Joachim C: Hitler. Eine Biographie. Frankfurt a. M./Berlin/Wien 1973, S. 140: Er spricht von den Jahren 1930 bis 1933 als einer Zeit, in der „irrationale Sehnsüchte wie herrenlose Hunde herumstreunten". Siehe zum Irrationalismus in der Philosophie: Schnädelbach, Herbert: Philosophie in Deutschland 1831-1933. Frankfurt a. M. 1983. Schnädelbach beschreibt einen Prozeß, in dessen Verlauf „die Rationalismuskritik in eine Metaphysik des Irrationalen umschlug" (S. 177). Einen weitreichenden, aber sehr gezwungenen Versuch, die philosophische Vorgeschichte des Hitlerismus als Teleologie des Irrationalismus zu beschreiben, hat Georg Lukäcs unternommen. G. L.: Die Zerstörung der Vernunft. Neuwied/Berlin 1962 (= Werke, Bd. 9). Gegen seinen Versuch wäre einzuwenden, daß „jener Strom, der von Schelling zu Hitler geht" (S. 17), erst nach Hitler in dieser Tendenz erkannt werden konnte, respektive auf diese Tendenz zentriert wurde. Wir haben davon schon gesprochen; siehe auch die Anm. 17 dieses Abschnitts, in der ein ähnliches Bedürfnis innerhalb der Geschichtswissenschaft kritisiert wird. Lukäcs befindet sich mit seiner Taktik, Hitler als eine Art Endprodukt des jeweils Verhaßten zu verstehen und beliebige Vorstufen allein dadurch zu desavouieren, daß sie als Vorstufen zu Hitler behauptet werden, durchaus in Einklang mit der von ihm so verachteten bürgerlichen Geschichtsauffassung, die allerdings längst nicht so ideologisch argumentiert wie er. Lukäcs versteht nämlich den „Weg Deutschlands zu Hitler auf dem Gebiet der Philosophie" (S. 10) als eine Steigerung des Irrationalismus, dessen verschiedene Etappen aber als „reaktionäre Antworten auf das Problem des Klassenkampfes" (S. 14). Der Fluchtpunkt Hitler erscheint in seiner Argumentation immer schon als Signal der Erledigung: „Es muß wohl nicht besonders hervorgehoben werden, daß die Zeittheorie von Klages und seine mit ihr eng verbundene Geschichtsauffassung aus demselben gesellschaftlichen Bedürfnis, den Sozialismus zu bekämpfen, entsprang wie die entsprechenden Lehren von Spengler oder Heidegger. Die Nuance der Divergenz ist sachlich ohne Belang, da bei ihnen gleichermaßen die wirklichen Zusammenhänge der objektiven Realität resolut auf den Kopf gestellt werden; sie alle bezeichnen bloß verschiedene Etappen des deutschen Irrationalismus auf dem Weg zu Hitler" (S. 461). Eine Theorie, die so großzügig gewichtige Unterschiede als „Nuance der Divergenz" abtut, kann wissenschaftlich heute wohl kaum mehr ernstgenommen werden. In seinem Versuch, die Genesis des Bösen und die reaktionären Tendenzen in einem Aufwasch seiner Gesellschaftskritik zu unterziehen, war Lukäcs zu enormen Globalisierungen gezwungen, die in ihrer saloppen Apodiktik als Beitrag zur Erforschung der Genesis des Dritten Reiches nicht akzeptiert werden können.
40 Baumgartner, Alois: Sehnsucht nach Gemeinschaft. Ideen und Strömungen im Sozialkatholizismus der Weimarer Republik. München/Wien/Paderborn 1977 ( = Beiträge zur Katholizismusforschung, Reihe B). Siehe weiterhin: Breuning, Klaus: Die Reichsideologie im deutschen Katholizismus zwischen Demokratie und Diktatur (1929-1933). Diss. Münster 1967. Zur Beteiligung der evangelischen und dialektischen Theologie an der Krise äußert sich Karl Dietrich Bracher: „Die Krisentheologie vertiefte also noch die Krise, auf die sie zu antworten suchte. [. . .] Die scharfe Trennung von Welt und Gott, die sie dem christlichen wie dem hegelianischen Fortschrittsglauben entgegensetzte, [....] konnte das Vakuum der politischen Bindungen und Werte noch vergrößern. [...]" (K. D. B.: Zeit der Ideologien. Eine Geschichte des politischen Denkens im 20. Jahrhundert. Erw. Neuausg. Stuttgart 1984 S. 199).
41 Koebner (s. Anm. 37), S. 14. « Thamer (s. Anm. 19), S. 772.
42 Thamer (s. Anm. 19), S. 772
43 Thamer (s. Anm. 19), S. 12. Siehe generell zum utopischen Denken der Zeit: Deutsches utopisches Denken im 20. Jahrhundert. Hg. Reinhold Grimm und Jost Hermand. Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1974. Darin bes.: Mosse, George L.: Tod, Zeit und Geschichte. Die völkische Utopie der Überwindung (aus dem Amerikanischen von Max. L. Baeumer), S. 50-69. Wir kommen auf das utopische Denken ausführlich in unserem Kapitel III, Exkurs; a („Abenteuer der Realisation") zurück.
44 Siehe dazu z. B.: Mosse, George L.: Faschismus und Avantgarde (aus dem Amerikanischen von Klaus Berghahn). In: Faschismus und Avantgarde. Hg. Reinhold Grimm und Jost Hermand. Königstein/Ts. 1980, S. 133-149.
45 Siehe z. B: Gamm, Hans-Jochen: Der braune Kult. Das Dritte Reich und seine Ersatzreligion. Ein Beitrag zur politischen Bildung. Hamburg 1962. Siehe auch: Vondung, Klaus: Magie und Manipulation. Ideologischer Kult und politische Religion des Nationalsozialismus. Göttingen 1971. Siehe weiterhin das Kapitel „Die Predigt einer Pseudoreligion" aus dem Buch von Grieswelle, Detlef: Propaganda der Friedlosigkeit. Eine Studie zu Hitlers Rhetorik 1920-1933. Stuttgart 1972, S. 183-195. Siehe schließlich: Doucet, Friedrich W.: Im Banne des Mythos. Die Psychologie des Dritten Reiches. Esslingen 1979.
46 Koebner (s. Anm. 37), S. 15.
47 Winkler, Michael: Paradigmen einer Epochendarstellung in Zeitromanen der jüngsten Generation Weimars. In: Weimars Ende (s. Anm. 37), S. 360-375, 372. Von einer „moralisch-ästhetischen Irritation" spricht Schulze (s. Anm. 10), S. 135.
48 Trommler, Frank: Verfall Weimars oder Verfall der Kultur? Zum Krisengefühl der Intelligenz um 1930. In: Weimars Ende (s. Anm. 37), S. 34-53, 36. Siehe erweiternd: Ringer, Fritz: Die Gelehrten. Der Niedergang der deutschen Mandarine 1890-1933. Stuttgart 1983 (The Decline of the German Mandarins. The German Academic Community 1890-1933. Cambridge/Mass. 1965. Aus dem Amerikanischen von Klaus Laermann). Eine „Ratlosigkeit der deutschen Intelligenz" konstatiert auch Harry Pross bei Durchsicht der „politisch-literarischen Zeitschriften der Jahre 1929-1934" (H. P.: Literatur und Politik. Geschichte und Programme der politischliterarischen Zeitschriften im deutschen Sprachgebiet seit 1870. Ölten und Freiburg i. Br. 1963, S. 112).
49 Bosch, Michael: Liberale Presse in der Krise. Die Innenpolitik der Jahre 1930 bis 1933 im Spiegel des ,Berliner Tageblatts', der ,Frankfurter Zeitung' und der ,Vossischen Zeitung'. Diss. München 1976 ( = Europäische Hochschulschriften, Reihe III, Vol. 65). Krise wird hier allerdings nur als Einschränkung der Pressefreiheit aus Opportunismus oder Zwang verstanden.
50 Schnädelbach (s. Anm. 39), S. 17.
51 Koebner, Thomas: Die Erwartung der Katastrophe. Zur Geschichtsphilosophie des ,neuen Konservativismus' (O. Spengler, E.Jünger). In: Weimars Ende (s. Anm. 37), S. 348-359.
52 Schäfer, Hans Dieter: Das gespaltene Bewußtsein. Über deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit 1933-1945. München/Wien 1981, S. 125.
53 Vierhaus, Rudolf: Auswirkungen der Krise um 1930 in Deutschland. Beiträge zu einer historisch-psychologischen Analyse. In: Die Staats- und Wirtschaftskrise des Deutschen Reiches 1929/33. Hg. Werner Conze und Hans Raupach. Stuttgart 1967, S. 155-175, 174f (= Industrielle Welt. Schriftenreihe des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte, Bd. 8).
54 Dies funktioniert aber nur, wenn - wie Helmut Arntzen betont - „eine völlige Immunisierung gegenüber der Sprache als vernünftiger erreicht wird, wenn Sprache und Geschwätz im schlechten Bewußtsein des Lesers und Hörers eins werden" (H. A.: Sätze über Sätze. Zur Sprache der Zeitgenossen. Kommentare für Rundfunkhörer. In: H. A., Literatur im Zeitalter der Information. Aufsätze, Essays, Glossen. Frankfurt a. M. 1971, S. 354-374, 368). Siehe erweiternd: Arntzen, Helmut: Die Gewalt der Rede oder Der Leitartikler auf dem Thron. Zu den Reden Wilhelms II. In: H. A., Zur Sprache kommen. Studien zur Literatur- und Sprachreflexion, zur deutschen Literatur und zum öffentlichen Sprachgebrauch. Münster 1983, S. 107-118 (= Literatur als Sprache. Literaturtheorie - Interpretation - Sprachkritik, Bd. 4). Dort findet sich der Befund von der Kontinuität des Geredes bereits formuliert: „In Wilhelms Reden zeigt sich zum ersten, in denen Hitlers und Goebbels' keineswegs zum letzten Mal, wie eng das Phrasenhafte der Reden und der Ausbruch der Gewalt verknüpft sind. Diese Reden sind keineswegs nur historisch. In ihnen meldet sich, was unsere Epoche im ganzen bestimmt" (S. 118).
55 Deutschland wünscht befreiende Taten! In: Frankfurter Zeitung. Jg. 76, Nr. 4, 2. Januar 1932, S. [1].
56 Um den Rahmen dieser Anmerkung nicht zu sprengen, verweisen wir gar nicht erst auf literarische, sondern nur auf diskursive Texte.
Siehe zum Krisengefühl der Zeit:
Jaspers, Karl: Die geistige Situation der Zeit. 5., zum Teil neubearb. Aufl. Berlin/Leipzig 1933. Jaspers spricht von der „Radikalität der Krise unseres Zeitalters"(S. 106). Polgar, Alfred: Zur Erbauung in Krisenzeit. Krise und Privatleben. In: Der Querschnitt. Jg. XII, H. 2, Februar 1932, S. 126-128. Polgar meint, man sei „in die Krise ,einrückend' gemacht worden" (S. 128). Guillemin, Bernhard: Die Krise der bürgerlichen Intelligenz. In: Das Tagebuch. Jg. 13, H. 2, 9. Januar 1932, S. 62-64. Schwarzschild, Leopold: Heroismus aus Langeweile. In: Das Tagebuch. Jg. 10, H. 39, 28. September 1929, S. 1585-1589. Furtwängler, Wilhelm: Die Klassiker in der Musik-Krise. In: Vossische Zeitung. Nr. 188, 19. April 1932, Abend-Ausgabe. Unterhaltungsblatt, Nr. 109. S. [9]-[10]. Zehrer, Hans: Der Sinn der Krise. In: Die Tat. Jg. 23, H. 12, März 1932, S. 937-957. Zwischen 1929 und 1931 wird in der Zeitschrift „Die Tat" fast auf jeder Seite von irgendeiner Krise geredet.
Siehe zum Irrationalismusgefühl:
Mann, Thomas: Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft. In: Th. M., Von Deutscher Republik. Politsche Schriften und Reden in Deutschland. Nachwort von Hanno Helbling. Frankfurt a. M. 1984, S. 294-314 (= Th. M., Gesammelte Werke in Einzelbänden. Hg. Peter de Mendelssohn). In dieser Ansprache von 1930 heißt es: „Eine neue Seelenlage der Menschheit, die mit der bürgerlichen und ihren Prinzipien: Freiheit, Gerechtigkeit, Bildung, Optimismus, Fortschrittsglaube, nichts mehr zu schaffen haben sollte, wurde proklamiert und drückte sich [. . .] philosophisch als Abkehr vom Vemunftglauben [. . .], als ein irrationalistischer, den Lebensbegriff in den Mittelpunkt des Denkens stellender Rückschlag" (S. 301) aus. Auerbach, Felix: Intuitionismus - Irrationalismus. Über die Grenzen der Erkenntnis. Detmold 1934.
O: Verzweiflung an der Vernunft. In: Vossische Zeitung, 23. November 1932, Abend-Ausgabe. Dort heißt es: „Die irrationale Strömung ist da und gewiß nicht mit ein paar Worten abzutun. Im Vortragsprogramm des Rundfunks aber ist sie zur Parole geworden" (S. 6).
57 Kessler, Harry Graf: Tagebücher. Hg. Wolfgang Pfeiffer-Belli. Frankfurt a. M. 1961. Siehe die Eintragung vom 25. April 1932, S. 660, in der Kessler den Deutschen insgesamt den Wunsch nach einer „Flucht in die Metaphysik" attestiert. Stolper, Gustav: Was ist zu tun? In: Der Querschnitt. Jg. XI, H. 10, Oktober 1931, S. 655-660. Stolper kritisiert einen sich mehrenden Irrationalismus im wirtschaftlichen Bereich.
Siehe zum kultisch-sakralen Bedürfnis und zur Ästhetisierung der Politik:
Benjamin, Walter: Theorien des deutschen Faschismus. Zu der Sammelschrift ,Krieg und Krieger'. Herausgegeben von Ernst Jünger [1930]. In: W. B., Gesammelte Schriften. Unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Bd. III. Hg. von Hella Tiedemann-Bartels. Frankfurt a. M. 1972, S. 238-250. Benjamin kritisiert dort unter anderem die „hemmungslose Übertragung der Thesen des L'Art pour l'art auf den Krieg" (S. 240).
Bauer, Ludwig: Mittelalter 1932. In: Das Tagebuch. Jg. 13, H. 1, 2. Januar 1932, S. 10-13. Bauer bemerkt, daß man sich allgemein „zur Mystik" (S. 10) wende. Lauer, Amalie: Die Frau in der Auffassung des Nationalsozialismus. Köln o. J. [1932]. Lauer betont die religiösen Züge des Nationalsozialismus. Siehe insgesamt zu diesem Phänomen aber die Essays Siegfried Kracauers, der wohl als erster erkannt hat, daß die Nazis vom Medium des Films nicht nur im Sinne einer Propagandamöglichkeit profitiert haben, sondern der Ästhetik des Films die Techniken zu ihrer medialen Inszenierung entlehnten (S. K.: Das Ornament der Masse. Essays. Frankfurt a. M. 1963). Die dort versammelten Essays wurden zwischen 1926 und 1931 in der Frankfurter Zeitung veröffentlicht. Zum Schwinden demokratischer Gesinnungen äußern sich fast täglich die politischen Kommentatoren der Frankfurter Zeitung, aber auch des Berliner Tageblatts in den Jahren 1930 bis 1933.
Siehe zum Schwellengefühl der Zeit:
Flake, Otto: Bilanz, Versuch einer geistigen Neuordnung. Stuttgart 1931. Siehe zu einer zeitgenössischen Analyse des Nationalsozialismus, in der die wesentlichen Topoi der geistesgeschichtlichen Forschung bereits enthalten sind: Oehme, Walter und Kurt Caro: Kommt „Das Dritte Reich"? Berlin 1930. Faksimile Frankfurt a. M. 1984. Insbes. das Schlußwort S. 120f
57 Hildebrand (s. Anra. 14), S. 120.
58 Schnädelbach (s. Anm. 39), S. 13.
59 Mannheim, Karl: Ideologie und Utopie. Bonn 1929 ( = Schriften zur Philosophie und Soziologie, Bd. III).
60 Lepenies, Wolf: Die drei Kulturen. Soziologie zwischen Literatur und Wissenschaft. München/Wien 1985, S. 409.
61 Lepenies (s. Anm. 60), S. 379.
62 Siehe zu diesem Terminus und zum Antagonismus von Soziologie als Weltanschauung' und Wissenschaft: Papcke, Sven: Vernunft und Chaos. Essays zur sozialen Ideengeschichte. Frankfurt a. M. 1985. Insbes. die Essays „Welt aus zweiter Hand. Der soziologische Blick und das Selbstverständnis der Wissenschaften", S. 9-26 und „Der Irrationalismus als Problem", S. 161-180.
63 Kracauer, Siegfried: Die Angestellten. Aus dem neuesten Deutschland 11929]. Frankfurt a. M. 1971.
64 Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur [1930]. In: S. F., Gesammelte Werke. Hg. Anna Freud. Bd. 14: Werke aus den Jahren 1925-1931. 4. Aufl. London/ Frankfurt a. M. 1968, S. 419-506.
65 Siehe dazu: Amtzen, Helmut: Karl Kraus und die Presse. München 1975 (= Literatur und Presse. Karl-Kraus-Studien, Bd. 1).
66 Amtzen, Helmut: Der Literaturbegriff. Geschichte, Komplementärbegriffe, Intention. Eine Einführung. Münster 1984, S. 133 (= Literatur als Sprache. Literaturtheorie, Interpretation, Sprachkritik, Bd. 1).
67 Kraus, Karl: Die dritte Walpurgisnacht [1933]. Hg. Heinrich Fischer. Einmalige Sonderausgabe München 1967 (= Die Bücher der Neunzehn, Bd. 152).
68 Über das Schicksal des Wortes Gleichschaltung' beschwert sich schon der nationalsozialistische Sprachwissenschaftler Manfred Pechau: „[. . .] doch die Verwasserung des Ausdrucks folgt der Bildung auf dem Fuße. Und das gerade dann, wenn dieses ihre Wirkung auf die Masse nicht verfehlt hat. Ein solches Wort wird seines tieferen Sinns, wenn es einen solchen überhaupt jemals gegeben hat, gänzlich entkleidet, wird zur Phrase des Tages. Oder ist es nicht so gewesen mit der geradezu genialen Bildung Gleichschaltung', die auf so beruhigende Weise so sehr viel sagte? Die kleinsten Zeitungen schrieben das Wort täglich mindestens 20 mal auf jede ihrer inhaltslosen Seiten und schalteten von der größten Partei bis zu dem lächerlichsten Schrebergartenklub alles, aber auch alles gleich." (M. P.: Nationalsozialismus und deutsche Sprache. Diss. Greifswald 1935, S. 95f).
Die Bedeutungsofferte dieses Wortes, das „auf so beruhigende Weise so sehr viel sagte", ist auch vom Diskurs über die Sprache des Nationalsozialismus dankbar angenommen worden. Schon 1938 wird die Gleichschaltung der deutschen Sprache angenommen. Siehe dazu: Jacob, Hans: An ihrer Sprache sollt ihr sie erkennen. Die Gleichschaltung der deutschen Sprache. In: Das Wort. H. 1, Januar 1938, S. 81-86. Siehe zur Gleichschaltung der Presse: Frei, Norbert: Nationalsozialistische Eroberung der Provinzpresse. Gleichschaltung, Selbstanpassung und Resistenz in Bayern. Stuttgart 1980 (= Studien zur Zeitgeschichte, Bd. 17).
69 Amtzen, Der Literaturbegriff (s. Anm. 66), S. 136.
70 Siehe z. B. Jacob (s. Anm. 68).
71 Klemperer, Victor: LTI. Die unbewältigte Sprache. Aus dem Notizbuch eines Philologen [1946]. München 1969.
72 Sauer, Wolfgang Werner: Der Sprachgebrauch von Nationalsozialisten vor 1933. Hamburg 1978, S. 3 (= Hamburger philologische Studien, Bd. 47).
73 Sauer (s. Anm. 72), S. 38-44.
74 Klemperer (s. Anm. 71), S. 64.
75 Siehe hierzu beispielsweise das Quellenverzeichnis von: Bork, Siegfried: Mißbrauch der Sprache. Tendenzen nationalsozialistischer Sprachregelung. Bern 1970, S. 135. Siehe aber auch die Untersuchung von: Seidel, Eugen / Ingeborg Seidel-Slotty: Sprachwandel im Dritten Reich. Eine kritische Untersuchung faschistischer Einflüsse. Halle a. d. S. 1961. Die Verfasser wollen „ausschließlich Typisches zitieren, was sinngemäß aus jeder Zeitschrift der Nazis entnommen werden kann" (S. V), ja sie zitieren sogar aus dem Gedächtnis, weil ihre Quellen in den Kriegswirren verlorengegangen sind. In beiden Untersuchungen liegt bereits ein Begriff des Typischen vor, noch bevor die Untersuchung begonnen hat. Freilich handelt es sich dabei um einen höchst unzureichend reflektierten, zumal nur auf die Lexik bezogenen Begriff des Typischen. Goebbels und der „Völkische Beobachter" werden von vornherein als Intention und Ausdruck des Nazi-Sprechens sistiert.
76 Siehe Anm. 71.
77 Maas, Utz: „Als der Geist der Gemeinschaft seine Sprache fand". Sprache im Nationalsozialismus. Versuch einer historischen Argumentationsanalyse. Opladen 1984, S. 209.
78 Maas (s. Anm. 77), S. 209.
79 Klemperer (s. Anm. 71), S. 61.
80 Klemperer war als Jude während des Dritten Reichs zahlreichen Verfolgungen ausgesetzt, die er u. a. in seinem Buch schildert.
81 Stemberger, Dolf / Gerhard Storz / Wilhelm E. Süskind (Hg.): Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Neue, erweiterte Ausgabe mit Zeugnissen des Streites über die Sprachkritik. 3. Aufl. Hamburg/Düsseldorf 1968.
82 Wulf, Joseph: Aus dem Lexikon der Mörder. „Sonderbehandlung" und verwandte Worte in nationalsozialistischen Dokumenten. Gütersloh 1963.
83 Diese Auseinandersetzung ist im „Wörterbuch des Unmenschen" (s. Anm. 81) dokumentiert. Siehe aber erweiternd zur Auffassung von Stembergers Kritiker, Peter von Polenz, dessen Buch: P. v. P.: Geschichte der deutschen Sprache. Erweiterte Neubearbeitung der früheren Darstellung von Prof. Dr. Hans Sperber. 9., überarb. Aufl. Berlin/New York 1978, insbes. S. 164-173.
84 Sternberger (s. Anm. 81), S. 284.
85 Kraus, Die dritte Walpurginacht (s. Anm. 67), S. 122.
86 Sternberger (s. Anm. 81), S. 11 (aus der Vorbemerkung von 1967).
87 Polenz, Geschichte der deutschen Sprache (s. Anm. 83), S. 168.
88 Siehe dazu grundlegend: Liebrucks, Bruno: Sprache und Bewußtsein. Bd. 1: Einleitung. Spannweite des Problems. Von den undialektischen Gebilden zur dialektischen Bewegung. Frankfurt a. M. 1964. Zum Problem der Bezeichnung insbes. das Kapitel „Bezeichnendes und Bedeutendes", S. 341-363.
89 Saurt (s. Anm. 72), S. 6f.
90 Polenz teilt hier weitgehend die Auffassung von Walther Dieckmann. Siehe dessen Buch: W. D.: Sprache in der Politik. Einführung in die Pragmatik und Semantik der politischen Sprache. 2. Aufl. Heidelberg 1975.
91 Bork (s. Anm. 75), S. 17-19.
92 Bork (s. Anm. 75), S. 19-23.
93 Bork (s. Anm. 75), S. 40-66.
94 Bork (s. Anm. 75), S. 68-71.
95 Bork (s. Anm. 75), S. 77-86.
96 Maas (s. Anm. 77). Das zukünftige Programm einer historischen Argumentationsanalyse erläutert Maas wie folgt: „Die Anforderungen an eine adäquate (brauchbare) Textanalyse, die wie hier als historische Argumentationsanalyse verstanden wird, liegen so auf zwei Ebenen: Einerseits die von den historischen Erklärungshypothesen unabhängige formale (immanente) Beschreibung der Texte; andererseits die Entwicklung eines begrifflichen Koordinationssystems für die Beschreibung, das durchlässig ist für eine sozialgeschichtlich angeleitete Interpretation der in den Texten inskribierten Sprachpraxis" (S. 208). Die diesem Satz inskribierte, durchaus nachlässige, Sprachpraxis scheint sich eines lexikalischen Koordinatensystems zu bedienen, dem .adäquat' und .brauchbar' wie auch ,formal' und ,immanent' äquivoke Bestimmungen sind.



