2. Reportage und Unmittelbarkeit
Die Rezeption der Texte oder vielmehr des Sprechens von Joseph Goebbels, der von der Forschung als prototypischer Sprecher der ,Sprache des Dritten Reiches' bestimmt wurde, hatten wir in I, 2; c bereits angesprochen. Für Egon Erwin Kischs Reportagen, deren Einschätzung vor allem auch durch die Zeitgenossen interessiert, muß dies zunächst noch geleistet werden.
Schon zu Lebzeiten galten Kischs Reportagen als Paradigma eines bestimmten Reportage-Stils, den zu charakterisieren, zu rechtfertigen oder auch zu kritisieren vielfältige Versuche unternommen wurden.9 Andere Reportagen oder Reiseschilderungen, wie beispielsweise die von Colin Ross, der in den zwanziger und dreißiger Jahren eine ähnliche Fülle von Reportagen aus verschiedenen Kontinenten vorlegt und durchaus stark rezipiert wurde,10 erreichen dagegen nicht das Prestige, ein Muster der Gattung zu sein. Kischs exponierte Orientierungsfunktion für das, was ein Reporter zu sein, zu tun und zu schreiben habe, resultiert neben anderem sicherlich aus dem von ihm selbst vorgetragenen Reportage-Anspruch.
Er selbst hatte mit seinen frühen Beiträgen zur Theorie der Reportage,11 vornehmlich mit seinem Begriff der „logischen Phantasie"12 und dem daraus erwachsenden Gestaltungspostulat für den Reporter eine Perspektive aufgezeigt, aus der seine Reportagen dann auch zumeist diskutiert wurden.
Es ging sowohl Kisch als auch seinen Rezensenten um die Frage, inwieweit die zwangsläufig gestaltende oder darstellende Arbeit des Reporters einen unerlaubten oder duldbaren Eingriff in die darzustellende Wirklichkeit bedeute, wobei man „den Antagonismus zwischen Reporter und Dichter im Blick"13 hatte. Das von Karl Kraus spätestens 1910 konstatierte Prinzip der Literarisierung des Journalismus14 wurde an den Reportagen Kischs besonders augenfällig, so daß man ihn dem Dichtungsverdacht aussetzte.15 Kisch war aber solchen Einwänden eigentlich schon zuvorgekommen, indem er im Zusammenhang mit dem Brand der „Schittkauer Mühlen"16 sein Damaskus-Erlebnis in Sachen ,Lüge' und ,Wahrheit' schon absolviert und dessen Konsequenzen in dem vielzitierten Artikel „Wesen des Reporters"17 formuliert hatte.
Beim Brand der Mühlen war Kisch als Prager Lokalreporter zu spät gekommen; er ,dichtete' in seinem Artikel Vorkommnisse zusammen, die gar nicht stattgefunden hatten, und beschloß am nächsten Morgen, so etwas nie wieder zu tun. Dieses in dem Band „Marktplatz der Sensationen"18 mitgeteilte Verhalten Kischs hat sich in der Kisch-Rezeption bis heute als Inaugurationsmythos erhalten.19 Kischs Verantwortungsgefühl gegenüber der ,Wahrheit' steht seitdem nicht mehr in Frage.
In dem erwähnten Artikel „Wesen des Reporters" von 1918 legitimiert Kisch gleichwohl die Notwendigkeit zu einer Darstellung in der Reportage und führt aus, daß der Reporter „die Pragmatik des Vorfalls, die Übergänge zu den Ereignissen der Erhebungen selbst schaffen und nur darauf achten" muß, „daß die Linie seiner Darstellung haarscharf durch die ihm bekannten Tatsachen"20 zu führen habe. „Der Berichterstatter ist der Prosaist der Ballade",21 heißt es weiterhin, mit welcher Bestimmung Kisch an das vermeintliche Tatsachen-Genre des 19. Jahrhunderts22 anzuknüpfen glaubt. Die Kisch-Rezeption und die Reportage-Theorie der damaligen Zeit23 akzeptieren die Notwendigkeit einer Darstellung in der Reportage, wobei sie die Idee einer literarischen Darstellung zu der Idee einer ,wirklichkeitstreuen' Darstellung modifizieren.
Man einigt sich darauf, daß „die Tatsache" der „Grundbaustein der Reportage"24 sein müsse, daß es aber das Recht und die Pflicht des Reporters sei, „typische Fälle",25 „typische Tatsachen"26 auszuwählen und zu einem Bild der Wirklichkeit zu verknüpfen.
Der Begriff der ,typischen Tatsachen', auf den wir noch zurückkommen, wirft aber nun in der Rezeptionsgeschichte einige Probleme auf und teilt die marxistisch orientierte Literatur- und Reportagekritik als einen besonderen Strang von der übrigen Kisch-Rezeption ab, was sich aber nicht auf seine Hochschätzung auswirkt. Während man aus marxistischer Perspektive unter ,Tatsachen' ausschließlich ,entlarvende Tatsachen' verstand und behauptete, daß Kisch „nach seiner Reise in die Sowjetunion (1925/26) die enge Auffassung von der Tendenzlosigkeit des Reporters"27 überwinde, ging man in der übrigen Kisch-Rezeption daran, den Verdacht auf einen ideologisch fundierten, manipulativen Eingriff in die Wirklichkeit mehr und mehr zu tilgen,28 insofern man aus dem Begriff ,typische Tatsache' unversehens die Vorstellung einer repräsentativen Tatsache' ableitete. Der Verdacht auf eine tendenziöse Gestaltung, bei den Marxisten eher ein Kriterium für Qualität, wurde bei der übrigen Leserschaft zunehmend entkräftet, wohingegen eben dieser Verdacht beispielsweise bei Leni Riefenstahl, die in ihren Filmdokumenten ebenfalls mit dem Begriff der „Gestaltung" operierte,29 nach dem Zweiten Weltkrieg sehr schnell zum zentralen Moment der Kritik wurde. Bei Leni Riefenstahl identifizierte man „Gestaltung" mit Manipulation aus propagandistischen Gründen, bei Kisch wird das Prinzip der Gestaltung bis heute eingeschätzt als legitime Technik, die Fakten „aus ihrem Verblendungszusammenhang zu reißen".30 Kisch steht „für die richtige Wiedergabe der Wirklichkeitsvorgänge und -Situationen ein, wir vertrauen uns aber auch seinen Gefühlen an, haben wir ihn erst einmal als ,unseren Mann' erkannt".31
In der Qualifikation Kischs als ,unseren Mann' meldet sich wieder dessen Image, das die Rezeption seiner Texte beträchtlich beeinflußt hat. Kisch hatte und hat noch heute den Ruf des ,rasenden Reporters', auch wenn dieser Ruf immer wieder in Frage gestellt oder als unzutreffend abgelehnt wurde. Es ist nicht zu übersehen, daß eine überwiegende Anzahl von Besprechungen, Aufsätzen und Essays über Kisch das Signet ,rasender Reporter' im Titel führen und sich in ihrer Argumentation damit auseinandersetzen.32 Noch zwei 1985 erschienene Monographien über Kisch haben den ,rasenden Reporter' in den Titel aufgenommen, wobei die eine von beiden Kischs Ruf zur Eigenschaft der Zeit verfremdet: „Egon Erwin Kisch. Reporter einer rasenden Zeit."33 Wenn nicht auf dem Wege über Kischs eigenen Aufsatz, „Wesen des Reporters", so suchte man sich den Zugang zu seinen Texten auffällig oft über dessen Ruf.
In diesem Ruf vom gasenden Reporter' wird zweierlei evoziert. Zum einen verbürgt er die stete Reisetätigkeit Kischs und damit die lebendige, von Erlebnissen gespeiste Darstellung, zum anderen ist diese aber auch Garant für die Authentizität, denn Kisch recherchiert nicht am Schreibtisch, sondern vor Ort. Was er berichtet, so schreit schon sein Ruf, das hat er mit eigenen Augen gesehen, gibt es nicht bloß vom Hörensagen weiter. Daß Kischs Reisetätigkeit aber schon als beschleunigte, als rastlose erscheint, deutet auf ein weiteres Moment, nämlich auf sein Engagement. Sein Interesse an der Sache ist so groß, daß er sich keine Pausen gönnen darf. Hat er in dem einen Kontinent seine Arbeit getan, so muß er schon weiter zum nächsten, denn die Ereignisse warten nicht. Zu spät zu kommen würde Verlust an Unmittelbarkeit bedeuten, man müßte fragen, statt selber zu sehen.
Schon der Ruf Kischs suggeriert so eine Unmittelbarkeit des Erlebens, welche dann auch in seinen Texten aufgefangen zu sein scheint. Daß aber etwas höchst unmittelbar Wirkendes etwas höchst Vermitteltes, durch intensive Darstellung Erzieltes nur sein kann, wird als Widerspruch zur Auffassung der Reportage als eines Genres der Fakten nicht bemerkt34 oder doch nur von wenigen, wie z. B. von Siegfried Kracauer: „Seit mehreren Jahren genießt in Deutschland die Reportage die Meistbegünstigung unter allen Darstellungsarten, da nur sie, so meint man, sich des ungestellten Lebens bemächtigen könne [. . .] die Reproduktion des Beobachteten ist Trumpf."35
Die vermeintlich ,unmittelbare' Phänomenalität der ,Tatsachen' soll durch den Augenzeugen in seine Texte durchschlagen, gleichzeitig aber soll die Vermittlung von ,Tatsachen' in der Reportage ,typische', also stilisierte ,Tatsachen' ergeben. Die erste Vorstellung, ohnehin ein Unding,36 ersetzt den Darstellungsbegriff durch einen Wahrnehmungsbegriff, die zweite Vorstellung löst den Tatsachenbegriff zugunsten eines Fiktionsbegriffes auf. Beide Forderungen zusammengedacht erwarten vom Reporter nicht weniger als die direkte Wahrnehmung einer Fiktion.
Noch 1980 schreibt ein Gegenwartsschriftsteller: „Der Name ging mir nicht mehr aus dem Gedächtnis, ich verliebte mich fast in den Titel: ,Der rasende Reporter', es entstand bei mir die Vorstellung, alle Reporter müßten rasende sein."37 Und weiter: „Viele junge Leute haben mir bestätigt, daß sie durch Kisch überhaupt erst begriffen haben, was Geschichte ist: nichts Abstraktes, sondern etwas Sinnliches."38 Max von der Grün, der diese Feststellung trifft, übersieht hier, daß man ohne Abstraktion nichts begreifen kann, weil die Leistung des Begriffs eben in der Abstraktion besteht, daß aber zumal auch „etwas Sinnliches" nicht etwa unmittelbar, sondern stets in sprachlicher Vermittlung vorliegt. Die Aporie deutet aber auf das Verfahren Kischs.
Schon die Zeitgenossen attestierten ihm einen „fabelhaften Stoffhunger",39 einen „Hunger der Apperzeption",40 wobei diese Metaphorik schon impliziert, daß Kisch bei ständiger Apperzeption gar keine Zeit blieb, das Beobachtete zu bedenken und so zu verfälschen.
Die Vorstellung von einem Reporter, der möglichst schnell und möglichst viele ,Tatsachen' in sich hineinstopft, damit auch möglichst viele und kaum durch die Reflexion veränderte ,Tatsachen' aus seinen Texten wieder heraussehen, deckt sich aber nun gar nicht mit den Postulaten nach typischen Tatsachen' und ,logischer Phantasie', denn diese erfordern Darstellung statt Beobachtung.
Schon der Ruf Kischs sichert seinen Texten aber offenbar eine Option auf die Wirklichkeit, die selbst oder gerade als verwirrende authentisch wirkt: „Es beeindruckte, mit welcher Geste der Reporter die Konfusion der Dinge registrierte."41 „In der verwirrenden Vielfalt der Texte entdeckte man den richtigen Ausdruck der zeitgenössischen Verfassung."42
Kischs Reportagen befriedigen offenbar gleichermaßen das Bedürfnis nach lebendiger Darstellung und Unmittelbarkeit' wie das nach ,Tatsachen' und Dokumentation. Worin besteht die „unglaubliche Findigkeit" Kischs, „das durchaus Unbekannte, Merkwürdige, aber auch immer zugleich Typische, höchst Charakteristische zu finden"?43 Wie sehen die Texte aus, die diesen widersprüchlichen Forderungen genügen?
9 Die Charakterisierungen Kischs kreisen von Anbeginn um die Dichotomie Schriftsteller/Reporter. Dementsprechend bemerken die Rezensionen - je nach Geschmack des Rezensenten - in der Regel eine Lästigkeit nach einer der beiden Seiten hin. Kurt Tucholsky z. B. schreibt in seiner Rezension zu Kischs Buch „Der rasende Reporter": „Es gibt keinen Menschen der nicht einen Standpunkt hätte. Auch Kisch hat einen. Manchmal - leider - den des Schriftstellers, dann ist das, was er schreibt, nicht immer gut. Sehr oft den des Mannes, der einfach berichtet: dann ist er ganz ausgezeichnet, sauber, interessant - wenngleich nicht sehr exakt, nicht sachlich genug [. . .]. Jeder Bericht, jeder noch so unpersönliche Bericht enthüllt immer zunächst den Schreiber [...]." (K. T.: Der Rasende Reporter. In: K. T., Gesammelte Werke. Hg. Mary Gerold-Tucholsky u. Fritz J. Raddatz. Bd. 4. 1925-1926. Reinbek b. Hamburg, 70.-119. Tsd. 1985, S. 48f). Vgl. auch Willy Haas: „Aber in neunzig von hundert Fällen ist es bei Kisch Dichtung" (W. H.: Egon Erwin Kisch und die „Neue Sachlichkeit". In: Die literarische Welt. Jg, 6. Nr. 1, 3. Jan. 1930, S. 6).
10 Colin Ross veröffentlichte in den zwanziger und dreißiger Jahren über ein Dutzend Reiseberichte aus den verschiedensten Kontinenten; sie alle wurden bei Brockhaus in Leipzig verlegt. Anders als bei Kisch hatte Ross aber weniger soziale Ungerechtigkeiten als vielmehr machtpolitische Zusammenhänge im Blick. Darüber hinaus bezog Ross keinen dezidierten Standpunkt gegen den Faschismus, seine Bücher weisen Anklänge rassistischer Gesinnungen auf.
11 Kisch, Egon Erwin: Wesen des Reporters [1918]. In: E. E. K., Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Hg. Bodo Uhse u. Gisela Kisch, fortgeführt v. Fritz Hofmann u. Josef Poläcek. Bd. VIII. Berlin/Weimar 1983, S. 205-208.
12 Kisch, Wesen des Reporters (s. Anm. 11), S. 206.
13 Siegel, Christian Ernst: Egon Erwin Kisch. Reportage und politischer Jounalismus. Bremen 1973, S. 180 (= Studien zur Publizistik. Bremer Reihe. Deutsche Presseforschung, Bd. 18). Die Diskussion um die Dignität der Reportage als eines literarischen Genres kann hier nicht berücksichtigt werden. Die Arbeit Siegels ist sehr instruktiv und bleibt in der Bewertung zumeist vorsichtig vermittelnd. Es geht Siegel vor allem um eine Ehrenrettung Kischs vor den Prinzipien einer „Schulästhetik" (S. 7), wobei er allerdings unverständlicherweise von einer minimalen Wirkungsgeschichte Kischs in der Bundesrepublik ausgeht und behauptet, daß dieser „weitgehend vergessen" (S. 7) sei. Die Arbeit urteilt weitgehend auf der Basis theoretischer Äußerungen Kischs, ohne daß es zu Interpretationen seiner Texte kommen würde. Siegel sammelt, ordnet und kommentiert so den festen Kanon von Auffassungen über Kischs Werk aus den letzten fünfzig Jahren, ohne daß dieser in seinem gesinnungs-orientierten Interesse und in seinem Verzicht auf Interpretation kritisiert würde.
14 Kraus, Karl: Heine und die Folgen. München 1910. Wieder in: Die Fackel. Nr. 329/330, 31. Aug. 1911, S. 1-33. Von „entfernter Blutsverwandtschaft" Kischs „mit Heinrich Heine" spricht Hugo Huppert: Poet der Reportage. Eine Studie. In: Kisch-Kalender. Hg. Franz Carl Weiskopf u. Dieter Noll. Berlin (Ost) 1955/56, S. 14-24, 23.
15 Während der Umstand, daß Kisch eben nicht einfach nur Reporter, sondern Schriftsteller sei, bei vielen Kritikern gerade zum Kriterium seiner Bedeutung wird, gibt es andererseits auch immer wieder Stimmen, die den Aspekt der Darstellung als ein Mittel zum Zweck entschuldigen, um das Primat der Reportage zu erhalten. So z. B. Emil Utitz: „Der Adel der Reportage ist hier wissenschaftliche Nachprüfbarkeit. Die Mittel aber stellt die Kunst [...]" (E. U.: Reportage als Kunstform. In: Kisch-Kalender [s. Anm. 14], S. 279-282, 281).
16 Siehe dazu: Kisch, Egon Erwin: Marktplatz der Sensationen. In: E. E. K, Gesammelte Werke in Einzelausgaben (s. Anm. 11), Bd. VII. 3. Aufl. Berlin/Weimar 1974. S. 128-138: „Debüt beim Mühlenfeuer". Dort heißt es: „Gerade weil mir bei der ersten Jagd nach der Wahrheit die Wahrheit entgangen war, wollte ich ihr fürderhin nachspüren. Es war ein sportlicher Entschluß" (S. 138).
17 Siehe Anm. 11.
18 Siehe Anm. 16.
19 Siehe z.B.: Siegel (s. Anm. 13), S. 127; Queißer, Günter: Die Komposition der Kisch-Reportage. Diss. Leipzig 1963/64, S. 13; Schütz, Erhard: Moral aus der Geschichte. Zur Wahrheit des Egon Erwin Kisch. In: Text und Kritik, H. 67: Egon Erwin Kisch. Hg. Heinz Ludwig Arnold. Juli 1980, S. 38-47, 41f; es ließen sich dutzendweise weitere Textbelege anführen, in denen bei der Analyse von Kischs Wahrheitsbegriff auf dessen eigene Anekdote rekurriert wird.
20 Kisch, Wesen des Reporters (s. Anm. 11), S. 206.
21 Kisch, Wesen des Reporters (s. Anm. 11), S. 206.
22 Siehe dazu: Czucka, Eckehard: Tatsachen und Ereignisse in Goethes „Erlkönig". Sprachkritisch-hermeneutische Untersuchungen zur Metaphorizität der Ballade. In: Germanistik - Forschungsstand und Perspektiven. Vorträge des Deutschen Germanistentages 1984. Hg. Georg Stötzel. 2. Teil: Ältere Deutsche Literatur / Neuere Deutsche Literatur. Berlin/New York 1985, S. 525-540.
23 Hier ist im wesentlichen auf die Analysen von Georg Lukäcs zu verweisen, der 1932 in der „Linkskurve" eine zweiteilige Rezension zu Ernst Ottwalts Roman „Denn sie wissen nicht, was sie tun. Ein deutscher Justizroman" (Berlin 1932) veröffentlichte, in der er sich mit dem Problemkreis Literarizität/Darstellung vs. Reportage/ Gestaltung auseinandersetzte. Lukäcs betont den prinzipiellen Unterschied zwischen literarischer Gestaltung, welche immer auf Individuen angewiesen sei, und der Reportage, welche typisierende Aufgaben zu erfüllen habe. Er lehnt den Reportage-Roman als idealistisches Formexperiment ab, befürwortet aber die Reportage als legitime Form, sofern sie nur in der Gestaltung auf repräsentative Beispiele ziele, die im Idealfall austauschbar zu sein hätten, weil sie nie für sich, sondern stets nur für etwas anderes stehen sollen. (G. L.: Reportage oder Gestaltung? Kritische Bemerkungen anläßlich eines Romans von Ottwalt. Teil I. In: Die Linkskurve. Jg. 4, Nr. 7, Juli 1932, S. 23-30; Teil II. In: Die Linkskurve. Jg. 4, Nr. 8, August 1932, S. 26-31).
24 Queißer (s. Anm. 19), S. 31.
25 Lukäcs (s. Anm. 23), Teil I, S. 27.
26 Queißer (s. Anm. 19), S. 35.
27 Queißer (s. Anm. 19), S. 21.
28 Dies geschieht aber wiederum sehr häufig mit dem Verweis auf Kischs Selbsteinschätzung. Siehe z. B. Siegel (s. Anm. 13).
29 Siehe Loiperdinger (s. Anm. 7), S. 5: ,„Das Dokument / vom / Reichsparteitag / 1934' [. . .] ,Hergestellt / im Auftrage / des Führers' [. . .] ,Gestaltet / von / Leni Riefenstahl.'"
30 Siegel, Christian Ernst: Reporter: Schriftsteller der Wahrheit. Egon Erwin Kischs Begründung des Fakten-Genres. In: Text und Kritik (s. Anm. 19), S. 16-23, 16.
31 Schlenstedt, Dieter: Egon Erwin Kisch. Leben und Werk. Berlin (Ost) 1968, S. 63.
32 Siehe z. B.: Brügmann, Gunter: Rasender Reporter und naiver Prophet. Egon Erwin Kisch und die Theorie der politischen Reportage. In: Vorwärts. Nr. 1/2, 9. Jan. 1975, S. 16; Grossmann, Stefan: Der Rasende Reporter. In: Das Tagebuch. Jg. 5 (1924), H. 47, 22. Nov. 1924, S. 1654f; Weiskopf, Franz Carl: Reporter einer rasenden Zeit. Egon Erwin Kisch 50 Jahre. In: AIZ [Arbeiter-Illustrierte-Zeitung]. Jg. XIV, Nr. 17, 25. April 1935, S. 272; Tucholsky (s. Anm. 9).
33 Prokosch, Erdmute: Egon Erwin Kisch. Reporter einer rasenden Zeit. Bonn 1985; Horowitz, Michael: Ein Leben für die Zeitung. Der rasende Reporter Egon Erwin Kisch. Wien 1985.
34 Siehe zum Vermittlungsbegriff: Arntzen, Helmut: Der Literaturbegriff. Geschichte, Komplementärbegriffe, Intention. Eine Einführung. Münster 1984, insbes. S. 12f ( = Literatur als Sprache. Literaturtheorie - Interpretation - Sprachkritik, Bd. 1).
35 Kracauer, Siegfried: Die Angestellten. Aus dem neuesten Deutschland [1929]. Frankfurt a. M. 1971, S. 15.
36 Siehe ergänzend zu Arntzen (s. Anm. 34) auch dessen Sondierungen zum Verhältnis von Information und Subjektivität anhand der Interpretation eines Zeitungstextes: Amtzen, Helmut: Information oder Literatur. Über das Verhältnis von Sprache und Subjektivität. In: H. A., Zur Sprache kommen. Studien zur Literatur- und Sprachreflexion, zur deutschen Literatur und zum öffentlichen Sprachgebrauch. Münster 1983, S. 64-76, insbes. S. 69-73 (= Literatur als Sprache. Literaturtheorie -Interpretation - Sprachkritik, Bd. 4).
37 Grün, Max von der: Die Entdeckung eines Autors. In: Text und Kritik (s. Anm. 19), S. 1-5, 1.
38 Grün (s. Anm. 37), S. 3.
39 Haas (s. Anm. 9), S. 5.
40 C: Der gute Reporter. In: Prager Presse. Jg. 4, Nr. 326, 26. Nov. 1924, Morgen-Ausgabe S. 4. Siehe erweiternd zur Vorstellung Kischs als eines eminenten Wahmeh-mungsmenschen Huppert (s. Anm. 14), S. 14: Kischs „eiliger Stift" halte „die Welt bloß als Wahrnehmung" fest; Saslawskij, D.: Wir kannten ihn. In: Kisch-Kalender (s. Anm. 14), S. 91-95, 91: „Er hatte schauensdurstige Augen. Er mußte alles mit eigenen Augen sehen [. . .]"; Kantorowicz, Alfred: Egon Erwin Kisch. In: Kisch-Kalender (s. Anm. 14), S. 104-121, 109: „Kisch hat sehr durchdringend gesehen, auch mehr gesehen als die meisten von uns [. . .]"; Döblin, Alfred: Ein wirklicher Erzähler. In: Kisch-Kalender (s. Anm. 14), S. 205-207, 206: „Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt' - das ist wohl Ihre Sache [. . .]."
41 Siegel (s. Anm. 13), S. 181.
42 Siegel (s. Anm. 13), S. 181.
43 Haas (s. Anm. 9), S. 5.



