ZEDELWERK
Das dramatische Bewusstsein
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3. Bewusstseinsgeschichte

Nachdem nun in den vorhergehenden Kapiteln (I, 2; a-c) ansatzweise jenes Epochenbild entfaltet wurde, das wir in unserer Einleitung als ,Zeitung' der dreißiger Jahre bezeichnet hatten, soll jetzt die Legitimation und Möglichkeit einer strukturell anderen Epochenvorstellung skizziert werden. Damit eröffnet sich die Frage nach den Dreißiger Jahren. Theoretische Vorgaben stehen nicht ganz zu Unrecht in dem Ruf, die eigentliche Untersuchung bereits vorab gegen Einwände immunisieren zu wollen, sind jedoch an dieser Stelle erforderlich, wenn das Erkenntnisinteresse und der erhoffte Erkenntnisgewinn der Bewußtseinsgeschichte verständlich werden sollen.
Zunächst einmal muß das Verhältnis der Bewußtseinsgeschichte zu anderen Formen der Geschichtsschreibung verdeutlicht werden, dies kann nur geschehen, indem der die Bewußtseinsgeschichte bestimmende Begriff zu denken versucht wird. Wir hatten im Kapitel I, 2; a gezeigt, daß die Geschichtswissenschaft den Anspruch erhebt, die ganze menschliche Geschichte zu behandeln, insofern sie sich für alles menschliche Tun und Leiden interessiert. Dabei bedient sie sich vielfältiger Partialgeschichten, etwa der Kulturgeschichte, der Ideologiegeschichte, der Sozial- und Gesellschaftsgeschichte, der Alltags- und Mentalitätsgeschichte. Einen universalen Anspruch hinsichtlich der Erkundung und Darstellung der menschlichen Geschichte vertritt neben der Geschichtswissenschaft dann auch die Geistesgeschichte, der die Geschichtswissenschaft als Geisteswissenschaft selbst wiederum angehört. Der Universalitätsanspruch ist jedoch in beiden Fällen unterschiedlich legitimiert. Während er bei der Geistesgeschichte als einer genuin interdisziplinären Geschichte aus der Berücksichtigung aller herme-neutischen Hilfsmittel und aller historischen Disziplinen resultiert, wird der Universalitätsanspruch in der Geschichtswissenschaft begrifflich fundiert, insofern sie den Menschen als handelndes Wesen begreift und Handlung als den bestimmenden Begriff ihrer Geschichte auffaßt. Natürlich greift auch die Geschichtswissenschaft permanent auf den Menschen als denkendes, wissendes, meinendes und empfindendes Wesen zurück, weil Handlungsintentionen anders auch gar nicht zu begreifen wären, jedoch interessieren diese Momente nur insoweit, als sie im Hinblick auf Handlung funktionalisierbar sind. Gegenüber diesem, aus dem bestimmenden Begriff der Geschichtswissenschaft freigesetzten, autonomen Universalitätsanspruch ist derjenige der Geistesgeschichte quasi nur additiv aus den Gegenstandsbereichen der historischen Disziplinen zusammengesetzt. Philosophiegeschichte, Kunst- und Literaturgeschichte, Begriffs- und Ideengeschichte, denen sich die Geistesgeschichte in einem höheren Maße als die Geschichtswissenschaft zuwendet, fließen zudem auf dem Wege der Rezeption von Geistes geschichte in der Geschichtswissenschaft wiederum in deren Kosmos ein, so daß letztlich alle Disziplinen inklusive der Geistesgeschichte gegenüber der Geschichtswissenschaft in den Status einer Hilfsdisziplin geraten. Weil die Geistesgeschichte als interdisziplinäre Geschichte keinen sie bestimmenden Begriff, sondern nur ein disparates Konglomerat verschiedener Partialgeschichten zu denken vermag, gerät sie gegenüber der Geschichtswissenschaft, die über einen solchen Begriff verfügt, immer schon in die Defensive. Das ist hier keineswegs polemisch gesagt. Es bleibt jedoch festzuhalten, daß einzig die Geschichtswissenschaft die Geschichten in einer universalen Geschichte zu ordnen vermag, nämlich ausgehend vom Menschen als einem handelnden Wesen.
Wenngleich es nicht leicht fällt, den Anspruch der Bewußtseinsgeschichte bar jeden Kapitals zu formulieren, kann sie von vornherein weder als Partialgeschichte noch als interdisziplinäre Geschichte aufgefaßt werden, weil sie, darin autonom, einen sie bestimmenden Begriff zu denken versucht: Bewußtseinsgeschichte ist zu verstehen als Geschichte des Menschen als eines sprechenden Wesens. Daß der Mensch spricht, ist dabei nicht als ein Merkmal unter anderen zu begreifen; er ist wesenhaft auf Sprache verwiesen. Zudem kann sich nur in Sprache die Geschichte seines Bewußtseins ,ereignen'.
Als eine solche zu entfaltende Geschichte des Sprechens ist Bewußtseinsgeschichte jedoch nicht mit Sprachgeschichte zu verwechseln. Dies gilt zum einen, weil Sprachgeschichte in ihrem heute herrschenden Verständnis nur noch die diachrone Betrachtung des Systems der Sprache meint, also auf phonologische, morphologische, lexikalische, grammatikalische, syntaktische und gegebenenfalls auch stilistische Veränderungen an einem als ,Normalsprache' verstandenen Sprachkörper bezogen ist. Dies gilt aber vor allem, weil Sprachgeschichte - und dies ist heute keineswegs mehr herrschendes Verständnis - zunächst und hauptsächlich als Bedeutungsgeschichte zu begreifen ist, die in der Geschichte des Sprechens wachgehalten werden kann oder auch nicht. Bewußtseinsgeschichte wird also stets auf das Verhältnis von Sprachgeschichte als Bedeutungsgeschichte und der Geschichte des Sprechens als dem Umgang mit dieser Bedeutungsgeschichte bezogen sein müssen. Wenn hier von Sprachgeschichte als Bedeutungsgeschichte gesprochen wird, so ist damit nicht das - sozusagen inhaltliche - Vorkommen von Bedeutungen in Sprache, sondern die Konstitution von Bedeutung durch Sprache gemeint. Das ist zu explizieren.
Sprache ist (wesenhaft) kein Medium.97 Es wäre trügerisch, hinter die Sprache blicken zu wollen, um ,vorsprachliche' Inhalte auszumachen. Ebenso obsolet ist das komplementäre Unternehmen, die Thematisierung des vermeintlichen Mediums selbst, darin liegt der formal-linguistische, kommunikationstheoretische und sprachinstrumentalistische Versuch, Sprache ohne ihr Anderes, ohne Welt zu denken. „Sprache ist nicht die Sache selbst, auch nicht bloßes Zeichen, sondern Vermittlung von zu Vermittelndem."9& Damit ist keineswegs eine Priorität der Sprache vor dem Sein behauptet, wie es der bekannte Idealismus-Verdacht bis heute propagiert. Vielmehr ist das zu Vermittelnde etwas anderes als die Sprache selbst, erfährt jedoch in der sprachlichen Vermittlung seine Bestimmung und Bestimmtheit. Zur Sprache kommen heißt insofern nicht, „ein zweites Dasein bekommen".99 Als was das zu Vermittelnde vermittelt wird, „gehört vielmehr zu seinem eigenen Sein".100 Sprache ist also nicht mißzuverstehen „als mit dem Wesen der Wirklichkeit Identisches",101 jedoch ist sie in der Konkretion der Vermittlung von „Idealität und Materialität"102 immer schon Ausdruck menschlichen Bewußtseins von Wirklichkeit. Plakativ gesprochen läßt sich sagen: Sprache ohne Sein ist leer, Sein ohne Sprache ist stumm.
Die Rede von ,der Wirklichkeit' ruft heute leicht den Eindruck hervor, als werde von einem als vorgegeben behaupteten Ensemble von Phänomenen und Fakten, Sachen und Tatsachen gesprochen. Deshalb sei hier gleich vermerkt, daß der Unterschied zwischen fiktionalem und nichtfiktionalem Sprechen in dem hier behandelten Zusammenhang sekundär ist. Sowohl fiktionales als auch nichtfiktionales Sprechen konstituieren Wirklichkeit, die in beiden Fällen auf die empirische Wirklichkeit bezogen sein kann, in jedem Fall aber auf menschliche Erfahrung bezogen sein muß. Das Problematische der Dichotomie von fiktional und nichtfiktional ist bereits zu ermessen, wenn man den prinzipiell metaphorischen Charakter der Sprache vergegenwärtigt. In physikalischer Perspektive wäre der Satz ,Die Sonne geht auf als Fiktion zu lesen, weil er den ,wahren' Vorgang nicht korrekt bezeichnet; gleichzeitig bildet dieser Satz auch nach der kopernikanischen Wende die sprachliche Form menschlicher Erfahrung von Wirklichkeit, in diesem Fall der Wirklichkeit des Augenscheins. Wenn jemand ,einen Stein ins Rollen bringt', brauchen keine Steine im Spiel zu sein; dennoch wird der Satz nicht als Fiktion gelesen werden. Sehr viel gravierender als der Unterschied zwischen fiktionalem und nichtfiktionalem Sprechen ist der zwischen intentional metaphorischem Sprechen und konventioneller Rede, die zwar auch metaphorisch, sich aber dessen nicht bewußt ist. Intentional metaphorisches Sprechen unternimmt den Versuch der Vermittlung von Wirklichkeit als Bedeutung, und zwar immer gebunden an vermittelnde Subjektivität einerseits und Sprache als Allgemeines andererseits. In der konventionellen Rede hingegen gibt der Sprecher sich selbst auf, indem er historisch festgeschriebene Vermittlungen von zu Vermittelndem, zu Phrasen abgesunkene Metaphern, als bloße Mittel der Bezeichnung benutzt. Dementsprechend sind die Wendungen ,einen Stein ins Rollen bringen', ,Anleiern', ,etwas in Gang setzen' oder ,eine Lawine auslösen' im Horizont konventioneller Rede funktional äquivalente Äußerungen, die allesamt denselben Inhalt zu transportieren glauben und allenfalls hinsichtlich stilistischer Kriterien unterschieden werden. Die Vermittlung von ,bildhafter' Sinnlichkeit und Reflexion, von Individuellem und Allgemeinem, von Phänomenalität und Bedeutung,103 die die Metaphorizität der Sprache leisten kann, wird zudem im konventionellen Hören und Sprechen als Mangel an Eindeutigkeit der Bezeichnung rezipiert. Auf die Konsequenzen dieses Mißverständnisses werden wir im Verlauf der Arbeit mehrfach stoßen.
Um auf den Begriff der im Sprechen vermittelten Wirklichkeit zurückzukommen, sei gesagt, daß sie in Dichotomien wie ,richtig' und ,falsch' oder tatsächlich' und ,erfunden' nicht aufgeht. Mit,Wirklichkeit' ist also an dieser Stelle nicht die empirische Wirklichkeit angesprochen, sondern der Umstand, daß Sprache die Weise ist, „in der Wirklichkeit Wirklichkeit für uns (als Menschen) ist".104 Im Hinblick auf diese Wirklichkeit, die die empirische Wirklichkeit ja nicht leugnet, sondern in sich begreift, ist die Frage, was im Sprechen vermittelt wird, abhängig von der Frage, ob überhaupt noch vermittelt wird. Damit ist die zentrale Frage der Bewußtseinsgeschichte berührt. Das Problem zeigt sich jedoch nur als geschichtliches.
In Sprache objektiviert sich menschliches Bewußtsein als Bewußtsein um Bedeutungen von Sein. Deshalb kann in Sprache sichtbar werden, was über das Bewußtsein einzelner Menschen hinaus wirklich und wirksam ist. Dieses allgemeine Moment jeder sprachlichen Vermittlung ist nun in den Prozeß der Geschichte (als Sprachgeschichte) gestellt: „Wie Welt als Welt für uns immer sprachlich ist, durchaus vermittelt, also immer bedeutungsvoll, so ist Sprache ein potentielles Universum von Bedeutungen, das sich in der Zeit herstellt, also geschichtlich ist".105
Damit ist ein anderer Begriff von Sprachgeschichte entwickelt als der eingangs vorgestellte. Eine in dieser Weise als Bedeutungskosmos menschlicher Welterfahrung verstandene Sprachgeschichte wird dabei von der Geschichte des Sprechens beständig verändert, erweitert, allerdings auch beschnitten. Sprechen realisiert geschichtlich solche Bedeutungen, die im Bedeutungskosmos der Sprach- als Bedeutungsgeschichte angelegt sind. Gleichzeitig werden immer wieder historisch realisierte Bedeutungen modifiziert oder gar vernichtet. Sprachgeschichte ist also die Instanz, anhand derer historische Zustände des Sprechens beurteilt werden können. Bewußtseinsgeschichte geht nun von der Annahme aus, daß jede Epoche sich in ihrem Sprechen durch ein spezifisches Verhältnis zu dieser Sprachgeschichte (als Bedeutungsgeschichte) ausweist. Bewußtseinsgeschichte unternimmt also den Versuch, (historische) Zustände des Sprechens in ihrem Verhältnis zur Sprachgeschichte zu beschreiben und in diesem Verhältnis ein allgemeines Epochenmoment zu entdecken. Die Geschichte der Verhältnisse der Epochen des Sprechens zur Sprach- als Bedeutungsgeschichte ließe dann die Bewußtseinsgeschichte als Prozeß erkennbar werden. Von einer Einsicht in diesen Prozeß ist Bewußtseinsgeschichte aber vorläufig noch weit entfernt. Es geht zunächst um die Untersuchung des Sprechens eines historischen Zeitraumes (hier: Dreißiger Jahre) hinsichtlich seines Verhältnisses zur Sprach- als Bedeutungsgeschichte.
In dieser Bestimmung von Bewußtseinsgeschichte werden zwei Fragen laut. Es ist erstens zu fragen, was dem Sprechen einer Epoche angehört, und es ist zweitens zu fragen, anhand welcher Instanzen die Sprachgeschichte, immer verstanden als Bedeutungsgeschichte, vergegenwärtigt werden kann.
Das Sprechen einer Epoche kann zunächst verstanden werden als die Summe aller überlieferten Sprechakte dieser Epoche. Hierzu gehören das alltägliche Sprechen, das Sprechen in der Presse und in den Medien, das Sprechen in den Büchern, sei es literarisch, wissenschaftlich oder populär, das politische und öffentliche Sprechen, aber auch das Sprechen der Bilder und Formen. Zu letzterem sind ein paar Bemerkungen erforderlich, bevor wir dann genauer das zu untersuchende Sprechen der Dreißiger Jahre konturieren und schließlich zur zweiten Frage nach den Instanzen der Sprachais Bedeutungsgeschichte zurückkommen wollen.
„Es gibt keine sprachlosen Bilder. Zwar gibt es Bilder, die ihre Bedeutungsmöglichkeiten nicht bewußt realisieren, z. B. weil sie ganz zufällig gemacht wurden", aber erst aufgrund „ihrer Sprache können die Bilder [....] eine relevante Rolle in der menschlichen Öffentlichkeit spielen".106 Weil man „schwerlich auf etwas schauen und gar nichts begreifen kann",107 und weil Begreifen nicht anders als sprachlich sich herstellen kann, ist nur das Sprachliche der Bilder und Formen für uns bedeutend. Damit ist nicht behauptet, daß ein Bild oder eine Skulptur auf einen verbalen Text zu reduzieren sei; auch wenn die Bilder sprachlich sind, so müssen sie deshalb nicht gleich in die verbale Sprache übersetzbar sein. Es gibt keine verbalen Äquivalente zu Bildern, wohl aber die sprachliche Form ihrer Bedeutung, die wiederum nicht stets im Sinne absoluter Nachformung artikulierbar sein muß. So zeigen z. B. die ,Ah'- oder ,Oh'-Rufe beim Betrachten von Bildern ein Ergriffensein von Bedeutung an, die offenbar nicht problemlos verbal in Besitz zu nehmen ist, aber dennoch das Bewußtsein anspricht. Die vermeintliche Sprachlosigkeit des Betrachters resultiert nur aus der sich einstellenden Verweigerung der Sprache als Instrument der Mimesis, das der Betrachter zu haben vermeint und dessen Grenzen er in solchen Fällen bemerkt, ohne dabei jedoch den Glauben an das grundsätzliche Funktionieren des Instruments zu verlieren. Statt dessen rettet der Betrachter sich dann in die Vorstellung von unmittelbaren, ,unsprachlichen' Bedeutungen, die nicht in Sprache umzusetzen seien, ja nicht in Sprache umgesetzt werden dürfen. Das Verstehen der Bilder - sei es privates Verstehen als Gefühl oder subjektives Verstehen als Interpretation - realisiert sich aber dann doch wieder als Text, der gerade jene vermeintliche Unmittelbarkeit oftmals nicht einzuholen vermag. Das wird als Mangel empfunden, liegt aber nicht an der Untauglichkeit der Sprache, sondern an einem falschen Bewußtsein der Sprecher. Man ,hat' eben nie sofort und restlos in Sprache, was man augenblicklich sieht, und man wird sich dieses mangelhaften sprachlichen Verhaltens beim täglichen Sehen gerade beim Betrachten von Bildern der Kunst oft schmerzlich bewußt.
Mit der Sprachlichkeit der Bilder ist also hier nicht ihre Verbalität angesprochen, sondern ein Zusammenhang, an dem man sich gerne vorbeiredet, wenn man beispielsweise Wendungen wie ,Textur des Bildes' oder ,Sprache des Films' gebraucht. Auch Bilder, Skulpturen, Architekturen und Filme haben Sprache; sie stehen der Geschichte des Sprechens nicht als das Andere, ,Sprachlose' gegenüber, sondern gehören ihr an.
Letzteres ist gerade im Hinblick auf die Dreißiger Jahre von Bedeutung. Viele Indizien sprechen dafür, daß die Geschichte des Sprechens in besonderer Weise am Sprechen der Bilder, vor allem aber an den jeweils herrschenden Verhältnissen von Text und Bild erkannt und aufgezeigt werden kann. In
Umrissen deutet sich der Einfluß des Bildes auf die Geschichte des Sprechens bereits an, wenn man beispielsweise von der Renaissance als einem perspektivischen und dem Barock als einem emblematischen Zeitalter spricht. In den Dreißiger Jahren weitet sich das Verhältnis von Text und Bild insofern bereits als ein beherrschendes Verhältnis aus, als sich das ,Welt- und Wirklichkeitsbild' in den Medien mehr und mehr als eine bestimmte Form dieses Verhältnisses konstituiert. Mit der Durchdringung der Presse durch den Bild-, Foto- und Magazinjournalismus, vor allem aber durch die Inauguration des Tonfilms entstehen veränderte oder sogar ,neue' Orte, an denen gesprochen wird. Zwar nicht mit der Sinnlichkeit von Bildern, aber dafür mit der Sinnlichkeit des Klangs ausgestattet, ist auch das Radio, das sich Ende der zwanziger Jahre zunehmend verbreitet, ein solch neuer Ort, an dem bestimmte Formen des Sprechens auf die Geschichte des Sprechens einwirken. Wir belegen diesen Umbruch in der Mediensituation Deutschlands, der sich ungefähr zwischen 1928 und 1932 ereignet, in einer ausführlichen Anmerkung.108
Bemerkenswert ist dieser Umbruch jedoch nicht allein hinsichtlich einer Mediengeschichte. Innerhalb der Bewißtseinsgeschichte läßt er auf einer heuristischen Ebene die Vermutung zu, daß die Dreißiger Jahre eine neue Epoche des Sprechens bilden, weil eine Vielzahl neuer Modi des Sprechens auftreten. Diese Modi des Sprechens bestimmen die tägliche Erfahrung von Welt in hohem Maße und werden innerhalb kürzester Zeit massiv öffentlich wirksam. So wirken zum Beispiel das Ausschöpfen der klanglichen Möglichkeiten von Sprache zu Zwecken einer auch sinnlich erfahrbaren ,Information' sowie die versuchte Mimesis von Welt durch das Geräusch im Radio auf die Geschichte des Sprechens ebenso ein wie die als realstisches Abbild der Wirklichkeit verstandene Einheit von bewegten Bildern und gesprochenen Texten im Tonfilm. Aber auch der generelle Dokumentationsanspruch der Fotografie und die wachsende Bilderflut sowie der Rückzug einer als Text vermittelten Wirklichkeit in die Rolle von Bildunterschriften gehören in diesen Zusammenhang. Die Zeitgenossen thematisieren den angesprochenen Umbruch, teils begeistert, teils skeptisch, in einer Vielzahl von Beobachtungen, von denen hier zwei stellvertretend vorgestellt werden sollen.
Während einer Reise in Deutschland im Jahre 1932 besuchte mich der Chef einer großen deutschen Partei und fragte mich, wieso es möglich gewesen sei, daß Hitler so bekannt habe werden, daß er so viele Anhänger habe finden können. Ich wies auf die Illustrierte Zeitung hin, die auf dem Tische lag und sagte zu ihm, er möge sie anschauen. Auf der ersten Seite war eine fast nackte Tänzerin abgebildet; auf der zweiten Seite übte ein Batallion Soldaten mit einem Maschinengewehr; darunter wurde der Gelehrte X in seinem Laboratorium gezeigt; auf der dritten Seite war die Entwicklung des Fahrrades von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute abgebildet; daneben war ein chinesisches Gedicht abgedruckt; auf der nächsten Seite waren Gymnastikübungen der Arbeiter in der Y-Fabrik während der Freizeit photogra-phiert, darunter die Knüpfschrift eines südamerikanischen Indianerstamms. Gegenüber stand der Abgeordnete A. in der Sommerfrische. „Das ist die Art", sagte ich, „wie der Mensch von heute die Dinge der Außenwelt zu sich nimmt. Der Mensch von heute bewegt alle Dinge zu sich hin in einem zusammenhanglosen Durcheinander; das beweist, daß auch sein Inneres ein zusammenhangloses Durcheinander ist."109

Niemals war der Respekt vor dem „Stoff größer, naiver, kurzsichtiger. Er verschuldet die zweite furchtbare Verwechselung: des Simplen mit dem Unmittelbaren; der Mitteilung mit dem Bericht; des photographierten Moments mit dem andauernden Leben; der „Aufnahme" mit der Realität. Also verliert selbst das Dokumentarische die Fähigkeit, authentisch zu sein. Beinahe brachte man dem Photographen ein stärkeres Vertrauen entgegen, als seinem Objekt, ein stärkeres Vertrauen der Platte, als der Wirklichkeit. Die Deklaration des Photographen genügt. Die Erklärung des Porträtisten, er habe photographiert, genügt. Man erfinde eine Geschichte und sage, man sei dabei gewesen: man glaubt der erfundenen Geschichte. Der Respekt vor der Wirklichkeit ist so groß, das selbst die erlogene Wirklichkeit geglaubt wird [...]
Niemals wurde in deutscher Sprache so viel gelogen, wie jetzt. Aber über jeder zweiten Lüge steht die Bezeichnung: Photographie, vor der jeder Einwand verstummt. Man sage: Dokument, und jeder erschauert vor Ehrfurcht, wie einstmals vor dem Wort Dichtung. Der Autor behauptet, er sei dabei gewesen. Man glaubt ihm: erstens, als wäre er wirklich dabei gewesen; zweitens, als wäre es wichtig, ob er dabei gewesen sei oder nicht.110
In beiden Zitaten wird als Problem angesprochen, was uns heute selbstverständlich erscheinen mag, in den Dreißiger Jahren aber historisch neu war: die gesteigerte Konsumierbarkeit von ,Informationen', die wachsende Bilderflut, der sich von einer bloßen ,Benachrichtigung' auf die Dokumentation' verlagernde Anspruch der Medien, das Hinfälligwerden von räumlichen und zeitlichen Entfernungen innerhalb der Informationsübermittlung, die totale Kommunizierbarkeit von Welt. In diesem Befund artikuliert sich zunächst nichts anderes als eine heute gängige Kulturkritik. Zur Erkenntnis der Dreißiger Jahre als Epoche trägt sie nichts bei; mit den Hinweisen auf,neue' Orte des Sprechens, bei denen erst noch zu fragen wäre, ob sie Gattungscharakter haben, ist also hier vorderhand nur die heuristische Legitimation intendiert, daß es sich bei den Dreißiger Jahren um einen vielversprechenden Zeitraum hinsichtlich einer Geschichte des Sprechens handelt. Es ist deutlich geworden, was wir neben den Texten der Zeit einer Geschichte des Sprechens zurechnen. Von einer Kritik dieser Geschichte des Sprechens ist Bewußtseinsgeschichte zunächst noch weit entfernt. Damit sind wir bei der zweiten Frage nach den Instanzen der Sprachgeschichte.
Geschichte, „sobald sie nicht bloße Historie als Abfolge von Geschehnissen ist, ist Sprach-Geschichte".111 Dies meint zunächst den trivialen, aber fundamentalen Umstand, daß Welt als Geschichte nur sprachlich erfahrbar ist, daß sie aus Sätzen besteht. Die Literatur hält dies bewußt, insofern menschliche Geschichte in ihr immer als Geschichte von Sprechakten erscheint. Gleichzeitig ist die Literatur das Organon menschlicher Geschichte, in dem Sprechen nicht primär als Kommunikation, sondern als bedeutendes und bedeutungsvolles Sprechen sich zeigt, d. h. als Vermittlung „von geschichtlich gewordenen Bedeutungen als objektiviertem menschheitlichen Bewußtsein"112 und subjektiver Reflexion. Dementsprechend kann die Sprach- als Bedeutungsgeschiente anhand der Geschichte der Literatur vergegenwärtigt werden. Literatur ist Auseinandersetzung mit der Sprach- als Bedeutungsgeschichte, und die Literaturgeschichte kann als ein Angebot verstanden werden, die Geschichte literarischen Sprechens als die eines sich beständig selbst reflektierenden Sprechens zu lesen. Literatur ist aber deshalb kein »Sonderfall' des Sprechens, keine exzeptionelle ,Textsorte', für die andere Maßstäbe zu gelten hätten als für alles andere Sprechen auch. Literarisches Sprechen gehört daher der Geschichte des Sprechens natürlicherweise an. Allerdings steht literarisches Sprechen immer schon in einem bewußteren Verhältnis zur Sprach- als Bedeutungsgeschichte, deren Idee die Geschichte Uterarischen Sprechens im ganzen gibt. Während die einzelnen literarischen Werke, insofern sie Sprechen sind, wie alles andere Sprechen Gegenstand der Bewußtseinsgeschichte werden können, steht die Geschichte der Literatur als eine Geschichte idealen Sprechens der Bewußtseinsgeschichte als Orientierungsinstanz gegenüber, anhand derer die Sprach- als Bedeutungsgeschichte zu vergegenwärtigen ist. Praktisch bedeutet dies, daß nur eine an der Literatur geschulte Hermeneutik imstande ist, ein Sprechen in seinem Verhältnis zur Sprach- als Bedeutungsgeschichte zu bestimmen.
Ideales Sprechen meint in diesem Zusammenhang, daß literarisches Sprechen die Bedeutungsmöglichkeiten von Sprechen intensiv realisiert und reflektiert, daß Literatur zu verstehen ist als „Intention der Sprache".113 Diese Intention, die in ihrem ganzen Umfang von der Sprach- als Bedeutungsgeschichte freigesetzt wird, ist die einzig denkbare Instanz der Kritik an Sprechen. Das ,Gegenüber' dieser Instanz, die anhand der Literaturgeschichte konkret wird, ist dabei aber nicht so zu verstehen, als werde Literatur zur Instanz menschlicher Geschichte schlechthin. Instanz soll die Sprache selbst sein, aber deren Intention ist eben nur durch die Literatur zu verstehen. Andere Instanzen, über die die Geschichtswissenschaft beispielsweise in Form von Verträgen, Gesetzen, Verfassungen, aber auch in Form der politischen Pragmatik, vor allem aber aufgrund empirischen Wissens historischer Schicksale verfügt, würden den Autonomieanspruch der Bewußtseinsgeschichte gefährden, weil etwas anderes als Sprache selbst zur Instanz der Kritik an Sprechen geriete. Zu den Ambitionen und zur Tragweite der Kritik einer zu schreibenden Bewußtseinsgeschichte sind noch ein paar Bemerkungen erforderlich, ehe wir dann noch einmal auf die besondere Funktion literarischen Sprechens eingehen.
In dieser Arbeit wird versucht, einen historischen Zustand des Sprechens, das Sprechen der Dreißiger Jahre, in seinem Verhältnis zur Sprach- als Bedeutungsgeschichte zu bestimmen und darin einen Epochenbegriff der Dreißiger Jahre zu gewinnen. Sofern dies gelingt, wäre damit ein kleiner Zeitraum der Bewußtseinsgeschichte beschrieben. Von einer Kritik der Bewußtseinsgeschichte als Prozeß ist die Disziplin ,Bewußtseinsgeschichte' also bereits insofern noch weit entfernt, als die Epochen des Sprechens und damit die Tendenz der Bewußtseinsgeschichte noch gar nicht untersucht sind und abgesehen werden können. Es wäre also äußerst spekulativ, jegliche Kritik geschichtsphilosophisch zu gewichten, d. h. eine kritische Geschichte der Sprachlichkeit des Menschen unternehmen zu wollen, noch bevor die Geschichte des Sprechens untersucht ist. Diesen Versuch der Kritik an Bewußtseinsgeschichte als Prozeß hat Karl Kraus als Satiriker unternommen. In seinen Darstellungen ist Bewußtseinsgeschichte, zumindest hinsichtlich des 19. und 20. Jahrhunderts, immer schon identisch mit der Negativität der Geschichte als Sprachgeschichte. Sein Subjekt der Geschichte, die Sprache, tritt in allen seinen Darstellungen, sehr deutlich mit dem Ersten Weltkrieg, endgültig mit dem Nationalsozialismus, in das Stadium der Phrase, der sich als Wesen die Gewalt entbindet. In der Sicht von Kraus tritt die Phrase als herrschende Form des Sprechens an die Stelle der Subjekte und betreibt eine Objektivation schlechten Bewußtseins aus sich heraus. In der Presse als der institutionalisierten Form der Phrase erkennt Kraus dabei das Movens dieser Entwicklung, wobei aber die Presse nicht etwa die historische Stufe einer materialen Geschichtsphilosophie markiert, die sich dann etwa über den Tonfilm, das Fernsehen und den Bildschirm-Text bis heute fortsetzen könnte, sondern den Eintritt in eine Phase des Sprechens bedeutet, in der Wirklichkeit zunächst als Phrase auftritt, dann aber mehr und mehr als Phrase sich herstellt. Der Prozeß dessen, wie sich die Phrase herstellt, ist Objekt der Darstellung seiner Satiren seit spätestens 1912. Eine solche Arbeit der Kritik an Bewußtseinsgeschichte als Prozeß obliegt, zumindest heute noch, dem Satiriker, denn er alleine vermag, in der Darstellung ,reiner' Negativität die Utopie des Besseren zu entwerfen, ohne diese aussprechen und damit dem zeitgebundenen Diskurs unterwerfen zu müssen.
Obwohl also eine solche Kritik hier unterbleibt, versteht es sich, daß die Disziplin ,Bewußtseinsgeschichte' nie nur deskriptiv sein kann. Ohne Kritik läßt sich kein Sprechakt, kein Text in seinen Bedingungen aufzeigen, ja es ließe sich noch nicht einmal erkennen, ob es sich um einen für die Bewußtseinsgeschichte relevanten Text handelt. Es ist insofern jenes Maß an Kritik erforderlich, das jeder hermeneutischen Betätigung innewohnt. Wenn niemand - mit Hegel - „über seine Zeit wahrhaft hinaus" kann, „ebensowenig wie aus seiner Haut",lu dann muß zu fragen sein, wie ein solches historisches Apriori beschaffen ist. Bewußtseinsgeschichte sucht es im Verhältnis des Sprechens einer Zeit zur Sprach- als Bedeutungsgeschichte. Die Erkenntnis dieses historischen Aprioris ist an die Kenntnis der Sprach- als Bedeutungsgeschichte, also an eine an der Literatur geschulten Hermeneutik geknüpft.
Nachdem wir nun die Orientierungsfunktionen der als Literaturgeschichte konkret werdenden Sprachgeschichte für die Bewußtseinsgeschichte expliziert haben, muß die Funktion einzelner literarischer Texte innerhalb einer bewußtseinsgeschichtlichen Untersuchung noch erläutert werden.
Wir hatten gesagt, daß Literatur als Intention der Sprache zu verstehen sei. Allerdings realisiert Literatur diese Intention nicht immer in einem gleichbleibenden Maße, d. h. sie ist hinsichtlich des Grads der Reflexion von Sprach- als Bedeutungsgeschichte und hinsichtlich der Darstellung bewußter Subjektivität höchst unterschiedlich. Gerade weil Literatur kein »Sonderfall' des Sprechens ist, bleibt sie dem Allgemeinen allen Sprechens immer verhaftet, und es ist nur die Frage, in welchem Maße sie die Momente ihres Sprechens als Auseinandersetzung mit der Sprach- als Bedeutungsgeschichte und als Auseinandersetzung mit sprechender Subjektivität reflektiert und darstellt. Je intensiver Literatur diese Auseinandersetzungen leistet, desto zeitungebundener und ,zeitloser' wird sie sein; je weniger sie diese Auseinandersetzungen leistet, desto deutlicher werden in ihrem Sprechen jene Voraussetzungen wirksam werden, die das Sprechen ihrer Epoche als problematisches im ganzen auszeichnen. Als Gegenstand einer bewußtseinsgeschichtlichen Untersuchung sind daher gerade die ,niederen' und ,mittleren' literarischen Produktionen von besonderem Wert, weil sie ihrer eigenen literarischen Intention in Momenten ihres Sprechens zuwiderlaufen und darin eine eminente Angehörigkeit zum Bewußtsein der Zeit erkennen lassen. Gegenüber der Literaturwissenschaft, deren Aufgabe es ja ist, die literarischen Momente an Literatur aufzuzeigen und im Verstehen der Literarizität die Intention der Sprache wachzuhalten, und die sich insofern auch ganz folgerichtig für die ,hohe' Literatur mehr interessiert, ist die Bewußtseinsgeschichte als Disziplin, sofern sie literarische Texte untersucht, mehr an deren nichtliterarischen Momenten interessiert.
Damit ist das Konzept einer Bewußtseinsgeschichte in Umrissen beschrieben. Der Name ,Bewußtseinsgeschichte' ist zu rechtfertigen, weil Sprache der Modus menschlichen Bewußtseins ist. Mit ,Bewußtsein' ist also auch kein nebulöses forum intemum der menschlichen Geisteskräfte angesprochen, sondern stets ein konkretes Bewußtsein, das sich in konkreten Sprechakten artikuliert.
Mannigfache Schwierigkeiten stellen sich zwischen den hier vorgetragenen Anspruch und seine Realisierung, zumal zwar auf eine immense Literatur zu den dreißiger Jahren, aber auf fast gar keine Vorarbeiten zu den Dreißiger Jahren zurückgegriffen werden konnte. Dennoch ist der Anspruch nicht zu reduzieren, auch wenn die ersten Schritte zwangsläufig hinter ihm zurückbleiben müssen. Wir haben uns von folgenden methodischen Annahmen leiten lassen.
Es wird angenommen, daß der bewußtseinsgeschichtliche Ort einer Epoche von Bedingungen diktiert wird, die im Sprechen der Zeit nicht explizit manifest, aber implizit konstitutiv sind. D. h. das zu beschreibende Bewußtsein ist nicht identisch mit dem Selbstbewußtsein der Zeit, es ist den Zeitgenossen (als Sprechern) selbst unbewußt. Ein solches Bewußtsein muß als allgemeines an einer Vielfalt von Emanationen (Sprechakten) einer Zeit aufzeigbar sein. Es bietet sich an, exponiertem, stark rezipiertem und wirkungsreichem Sprechen (in den Medien beispielsweise) besonderes Augenmerk zu widmen.
Eine solche Aufmerksamkeit ist nur heuristisch zu begründen. Es ist nicht intendiert, den Begriff des Allgemeinen doch wieder schleichend mit dem Exponierten oder Durchschnittlichen gleichzusetzen. Wenn es sich wirklich um ein allgemeines Bewußtsein handeln soll, dann müßte dessen Geltung auch an den entlegenen und unbeachteten Texten einer Zeit spürbar und aufzeigbar sein. Allerdings verbindet sich mit dem Interesse an einer Erkenntnis des allgemeinen Bewußtseins einer Zeit natürlich auch das Bedürfnis, gerade auf die hervorstechenden und dominanten Phänomene eine Perspektive zu ermöglichen. Wenngleich es also möglich sein könnte, daß gerade ein in der Zeit selbst unbemerkt gebliebener Text den treffendsten Ausdruck des allgemeinen Bewußtseins bildete, so wäre dies doch erst nach einer Prüfung der wirkungsreichen Texte zu entscheiden, weil gerade ihre Verfassung aus dem allgemeinen Bewußtsein heraus vorzüglich erhellt werden muß. Wenn es so aus erkenntnis theoretischen Gründen auch keine Veranlassung gibt, den hermeneutischen Zirkel an einer bestimmten Stelle zu betreten, so scheint es aus heuristischen Gründen doch angeraten zu sein, die Spur dort aufzunehmen, wo das Sprechen einer Zeit erfolgreich war.
So weit reichen unsere Annahmen und Voraussetzungen. Mit der auf ihrer Grundlage durchgeführten Untersuchung verbindet sich die Hoffnung, die Dreißiger Jahre in einigen wesentlichen epochenspezifischen Momenten, in epochenspezifischen Prinzipien des Sprechens beschreiben zu können. Nicht nur die Distanz zu unserem heutigen bewußtseinsgeschichtlichen Ort ist damit angesprochen, sondern auch, was die Dreißiger Jahre, eine Zeit „auf halbem Wege zur Moderne",115 immer noch mit uns verbindet.


97  Die folgenden Ausführungen zu einem der Bewußtseinsgeschichte inhärenten Sprachbegriff stützen sich grundlegend auf Liebrucks (s. Anm. 88) sowie auf die Schriften meines Lehrers Helmut Arntzen (s. Anm. 54 und 66). Siehe insbes. H.A.: Grundfragen der Literatur. In: H. A., Zur Sprache kommen (s. Anm. 54), S. 7-40; weiterhin: H. A.: Neun Thesen zum Verhältnis von Sprache und Literatur nebst einigen Folgerungen für die Didaktik der Literatur. In: H. A., Zur Sprache kommen (s. Anm. 54), S. 41-46.
98 Arntzen, Grundfragen der Literatur (s. Anm. 97), S. 21.
99  Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. 4. Aufl. ( = Unveränd. Nachdruck d. 3., erw. Aufl.) Tübingen 1975, S. 450.
100  Gadamer (s. Anm. 99), S. 450.
101  Arntzen, Grundfragen der Literatur (s. Anm. 97), S. 20.
102 Arntzen, Helmut: Einleitung. Literaturbetrieb, Literaturwissenschaft und Literatur als Sprache. In: H. A., Zur Sprache kommen (s. Anm. 54), S. 1-4, 3.
103  Siehe dazu Arntzen, Der Uteraturbegriff (s. Anm. 66), S.79.
104 Arntzen, Neun Thesen ... (s. Anm. 97), S. 41.
105 Amtzen, Neun Thesen . . . (s. Anm. 97), S. 41.
106 Nolting, Winfried: Jargon der Bilder. Die Photos in der Illustrierten „Stern" 40 (1976). Osnabrück 1981, S. 9 (= Schriften zur Medienkultur, Bd. 2).
107 Nolting (s. Anm. 106), S. 13.
108 Siehe zur Geschichte des Rundfunks: Lerg, Winfried B.: Die Entstehung des Rundfunks in Deutschland. Herkunft und Entwicklung eines publizistischen Mittels. Frankfurt a. M. 1965 (= Beiträge zur Geschichte des Deutschen Rundfunks, Bd. 1). Siehe auch: Lerg, Winfried B.: Rundfunkpolitik in der Weimarer Republik. München 1980 (= Rundfunk in Deutschland, Bd. 1). Auf den Tonfilm und die Wochenschauen gehen wir in unserem Kapitel III, 1 ausführlich ein. Literatur aus einer anderen als cineastischen Perspektive gibt es - zumal für die dreißiger Jahre -kaum. Siehe aber: Kracauer, Siegfried: Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Studie des deutschen Films. Frankfurt a. M. 1984 (From Caligari to Hitler. A Psychological History of the German Film. Princeton 1947. Übersetzt von Ruth Baumgarten und Karsten Witte). Kracauers Buch ist nicht nur der erste, sondern bis heute auch einzige Versuch, die Interpretation von Filmen für eine Darstellung der bewußtseinsgeschichtlichen Situation vor und während des Dritten Reiches fruchtbar zu machen. Im Gegensatz zu mannigfachen anderen Arbeiten, die den Filmen ihre Botschaft, ihren Verfertigungscharakter, ihre Kompositionsprinzipien, ihre Tendenz und Zeitbezogenheit oder ihre latente wie explizite Propagandafunktion abgewinnen möchten, konzentriert sich Kracauer gerade auf das Nichtintendierte, auf die sozusagen subversive Disposition der Filme, wodurch allerdings auch er Aufschluß über die „Mentalität" einer Nation zu erhalten wünscht, denn die „Filme einer Nation reflektieren ihre Mentalität unvermittelter als alle anderen künstlerischen Medien" (S. 11). „Was die Filme reflektieren, sind weniger explizite Überzeugungen als psychologische Dispositionen - jene Tiefenschichten der Kollektivmentalität, die sich mehr oder weniger unterhalb der Bewußtseinsdimension erstrecken" (S. 13). Gerade aber der psychologische Ansatz Kracauers scheint seinen eigenen Interpretationsansprüchen und -absichten immer wieder entgegenzustehen, denn er suggeriert ja, daß der Bewußtseinsgeschichte eine Geschichte des Unterbewußtseins parallel läuft, die von jener nur deskriptiv nachbereitet werden kann. Ein solcher Bewußtseinsbegriff erscheint uns (siehe I, 3) problematisch. Zum Umbruch der Mediensituation in Deutschland ab 1928:
Zwischen 1926 und 1932 erhöht sich die Zahl der Rundfunkteilnehmer von einer auf vier Millionen; siehe dazu Lerg, Rundfunkpolitik (s. o.), S. 524f. Ab 1933 kostet ein Volksempfänger nur noch 35 Mark, das ist ungefähr ein Sechstel des durchschnittlichen Brutto-Monatsgehaltes eines Angestellten; siehe dazu: Bergschicker, Heinz:  Deutsche Chronik   1933-1945.  Alltag im Faschismus.   Berlin   1983.   1930 besuchen in Europa cirka 130 Millionen Menschen wöchentlich die Kinos; siehe dazu Stein: Der große Kulturfahrplan. Lizensausgabe Gütersloh. München 1979. S. 1097. In Deutschland gibt es 5000 Kinos mit zwei Millionen Sitzplätzen; siehe dazu Kolb (s. Anm. 20), S. 103. Die Filmindustrie floriert und produziert die ersten Tonfilm-Klassiker: „Der blaue Engel" (1930); „Die drei von der Tankstelle" (1930); „Der Kongreß tanzt" (1931); „Das Testament des Dr. Mabuse" (1933). 1931 werden in Deutschland insgesamt 142 Tonfilme hergestellt; siehe dazu: Toepütz, Jerzy: Geschichte des Films. Fünfter Teil: 1928-1933. München 1977, S. 194. Man experimentiert mit dem ersten Farbfilm, „Bunte Tierwelt"; siehe Stein (s. o.), S. 1099.
Das Kino erobert sich in diesen Jahren aber nicht bloß eine dominante Position als Freizeitangebot, sondern bereitet, bald schon mit den ersten Wochenschauen, einen neuen Typus medialer Präsentation von Wirklichkeit vor, die dann zunehmend selbstverständlicher wird und bald schon als deren Eigentliches aufgefaßt werden kann. Außerdem ist die ,Welt des Films' nun in hohem Maße nachrichtenfähig geworden. Die Print-Medien, die ansonsten, jedenfalls dem Anspruch nach, über ,die Wirklichkeit' berichten, nehmen den Film als kontinuierliches Objekt der Berichterstattung auf und ermöglichen diesem, zu einem ähnlichen Kosmos zu avancieren wie ,die Wirklichkeit' in der Zeitung selbst. Die begleitende Gunst der Print-Medien zieht den Starkult automatisch nach sich, d. h. jene Vermischung von privater Authentizität und medialem Image, an die wir uns heute gewöhnt haben, weil die Köpfe des Fernsehens permanent in den Nachrichten, in Filmen und in Werbespots gleichermaßen auftauchen, um sich in Interviews und Talkshows dann als die Leute von nebenan zu präsentieren. Die Selbstthematisierung des Films in den Wochenschauen und die Thematisierung des Films in Zeitungen und Zeitschriften unterstützen jenen, in den frühen dreißiger Jahren beginnenden Prozeß, in dessen Verlauf der Tonfilm mehr und mehr mit der Wirklichkeit selbst identifiziert wird. In eins mit seinem Aufkommen ist der Tonfilm nicht nur neues Medium der Wirklichkeit, sondern auch Objekt der Wirklichkeit, welche Bereiche sich vielfach bis zur Unkenntlichkeit überschneiden. Dieser Befund bezieht sich zwar auch auf den Unterhaltungsfilm und den damit verbundenen „Kult der Zerstreuung", besonders aber auf die Wochenschauen, von denen die größere Faszination ausging; siehe dazu Kracauer, Siegfried: Kult der Zerstreuung. In: S. K, Das Ornament der Masse (s. Anm. 56), S. 311-317.
Wenn auch die filmische Nachricht noch nicht täglich geboten wurde und das Radio die Nachricht als eine seiner Aufgaben noch gar nicht richtig entdeckt hatte, vielmehr Konzerte, Hörspiele, aber auch schon die ersten Live-Reportagen sendete, so erschienen dafür doch wenigsten die Zeitungen noch morgens, mittags und abends, womit sie nicht nur suggerierten, daß alle vier Stunden etwas Wichtiges passiere, sondern auch, daß das Geschehen unter ständiger Beobachtung stehe. 1928 gibt es in Deutschland 3356 Tageszeitungen, davon 26 mit einer Auflage von über 100 000 Exemplaren, siehe Kolb (s. Anm. 20), S. 102. Magazine im wöchentlichen Erscheinugsmodus werden ab 1930 immer reichhaltiger illustriert und fotojournalistisch aufbereitet. Die erfolgreiche „Grüne Post" erreicht 1931 eine Wochenauflage von 1,25 Millionen Exemplaren; siehe Kolb (s. Anm. 20), S. 103. Im Hinblick auf den ,Zeitgeist\ nicht etwa Hegelscher Prägung, sondern im heutigen Sinne, sind die beiden Zeitschriften „Der Querschnitt" und „die neue linie" erwähnenswert. Sie vermitteln vor allem in ihren Fotobeiträgen eine auch heute noch modern anmutende Ästhetik, die sich aus Formalismus und Bauhaus (bspw. Laszlo Moholy-Nagy), aus Konstruktivismus und Surrealismus (bspw. Man Ray), aus ,Neuer Sachlichkeit' (bspw. Albert Renger-Patzsch), aber auch durchgehend aus dem sich neu etablierenden Dokumentarismus-Stil der Fotografen-Agentur „Ma-gnum" speiste. Die etwa 10 000 verschiedenen Zeitschriften erreichen 1932 eine Gesamtauflage von cirka 25 Millionen Exemplaren, siehe dazu Bergschicker (s. o.), S. 106. Mit diesen statistischen Angaben ist natürlich kaum etwas gewonnen, sie sollen hier vorderhand nur einen Umbruch signalisieren, der nicht nur die zwanziger Jahre von den Dreißigern trennt, sondern auf einer sehr wichtigen Ebene auch den Beginn unserer heutigen Gegenwart datiert: Seit den frühen dreißiger Jahren und bis heute ist die Wirklichkeitserfahrung maßgeblich bestimmt von Fotojounalismus und Bilderflut, von Live-Reportage und der Simultaneität von Ereignis und Nachricht, vom Tonfilm als einem Medium, dem eine objektive Dokumentation von Wirklichkeit zugetraut wird. Mit Ausnahme einer Studie von Hans Dieter Schäfer (s. Anm. 52), die Film und Radio in ihre Analyse der veränderten Lebensbedingungen miteinbezieht, ist dieser Umbruch bei der Konstatierung einer Epochenvorstellung der Dreißiger Jahre bisher nicht berücksichtigt worden.
109 Picard, Max: Hitler in uns selbst. Zürich 1946, S. 13f.
110 Roth, Joseph: Schluß mit der „Neuen Sachlichkeit!" In: Die literarische Welt. Jg. 6, Nr. 3, Januar 1930, S. 3f, 3.
111  Arntzen, Der Literaturbegriff (s. Anm. 66), S. 136.
112 Arntzen, Grundfragen der Literatur (s. Anm. 97), S. 22.
113  Amtzen, Neun Thesen ... (s. Anm. 97), S. 42. Dort heißt es: „Literatur kann begriffen werden als gesteigertes' Sprechen oder als Intention der Sprache. Erläuterung: Das Sprechen im Alltag, das Sprechen der täglichen Information in den Medien, das Sprechen der- Wissenschaft reduziert die Möglichkeiten der Sprache. In diesem hinsichtlich der Möglichkeiten der Sprache reduzierten Sprechen ist immer schon eine Tendenz auf Fixierung der Bedeutung als Bezeichnung und damit eine Tendenz auf Instrumentalisierung der Sprache [. . .]. Erst im literarischen Sprechen wird die Sprache als Geschichte von Sprechakten konkret, weil es nicht die in der Sprache sedimentierte Bedeutungsvielfalt verdrängt zugunsten punktueller Eindeutigkeit (entsprechend der Frage: was ist damit gemeint?).
114 Hegel (s. Anm. 1), S. 74.
115 Thamer (s. Anm. 19), S. 773.

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