ZEDELWERK
Das dramatische Bewusstsein
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4. Bewegung als Tatsache

Am 4. März 1933, einen Tag vor der Reichstagswahl, fand in Königsberg eine Hitler-Kundgebung statt, die auch live im Rundfunk übertragen wurde. Zur ,Einstimmung' hielt Joseph Goebbels seine Rundfunk-Reportage „Hitler über Deutschland", die unter diesem Titel in einem Sammelband der Reden Goebbels', „Signale der neuen Zeit",74 abgedruckt ist. Zu diesem Zeitpunkt waren knapp viereinhalb Millionen Rundfunkempfänger in Deutschland verbreitet.75

Ganz anders als bei Kisch gibt es in dieser Reportage keine Wechsel der Perspektive des Sprechens. Der neun Druckseiten umfassende und ungefähr zwanzig Minuten Vortragszeit in Anspruch nehmende Text besteht ausschließlich aus Feststellungen und Behauptungen, die deutlich erkennbar von einem Sprecher getroffen und durchgängig im Pluralis modestiae referiert werden. Die Wir-Form ist ein von Goebbels vielfach verwendetes Stilmittel, im Gesagten eine Gemeinschaft vieler Sprecher zu suggerieren.
Er beginnt seine Reportage mit einer Feststellung, die sich auf den Augenblick der Berichterstattung bezieht:
In ganz Ostpreußen läuten jetzt die Glocken von den Kirchtürmen über die weiten Äcker hinweg, über die großen schweigenden Wälder und über die geheimnisvolle Stille der masurischen Seen.76
Mit dem selbstverständlichen Gestus eines Beobachters, der sieht und hört, und gleichzeitig sagt, was er sieht und hört, etabliert Goebbels hier schon mit dem ersten Satz seiner Reportage eine Einheit zwischen dem, worüber gesprochen wird, und dem Sprechen selbst. Geschehen und Sprechen ereignen sich gleichzeitig, nämlich „jetzt". Der Satz verzichtet auf Darstellung, er will nicht durch sein Sprechen zwischen dem Geschehen und dem Zuhörer vermitteln, vielmehr tritt er als dieses Geschehen selbst auf: „In ganz Ostpreußen läuten jetzt die Glocken". Der Unterschied zwischen Erleben und Benachrichtigtsein ist damit aufgehoben.
Nach einer variatio der Eingangsfeststellung, einer Begrüßungsformel an das deutsche Volk und einer weiteren variatio fährt Goebbels dann fort:
Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt liegt jetzt ganz Deutschland im Schein der Freiheitsfeuer. Der Tag der nationalen Erhebung ist da. Das Volk steht auf, der Sturm bricht los.77
Goebbels überblendet den zitierten Raum des „Deutschlandliedes" mit dem Horizont seiner Wahrnehmung. Es ist für die Beurteilung der Exposition nicht wichtig, ob die Glocken tatsächlich' geläutet, die Feuer tatsächlich' gebrannt haben. Wichtig ist zunächst, daß die ersten Sätze seiner Reportage als ein konkretes, sinnliches Geschehen auftreten, das in Wirklichkeit ganz und gar abstrakt ist, weil niemand es sehen oder hören kann, weil es zudem in einer lyrisch konstituierten Topographie angesiedelt ist. Die alltägliche Haltung eines Sprechens, das eine sinnliche Wahrnehmung von Phänomenen beschreibt oder feststellt, wird hier von der Rundfunkreportage übernommen, die sich, insofern sie eine ideale Wahrnehmungseinheit ihrer Hörer fingiert, gar nicht erst deren Verständnis, sondern direkt deren Wahrnehmung bemächtigt.

Goebbels spricht nicht nur zu Millionen Hörern, sondern leiht sich gleich zu Beginn schon deren Augen und Ohren, um in seinem Sprechen die Perspektive aller zu einer einzigen zu vereinigen, die zudem bereits literarisch vorvermittelt ist. Seine Sätze melden ein abstraktes Geschehen als Wahrnehmungstatsache, wobei es keinen Unterschied macht, ob sie auf tatsächliche' Vorkommnissen beruhen oder nicht. Denn ein Geschehen, wie es in den Sätzen „In ganz Ostpreußen läuten jetzt die Glocken" und „Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt liegt jetzt ganz Deutschland im Schein der Freiheitsfeuer" angedeutet wird, ist zwar denkbar, aber nicht erlebbar, auf keinen Fall also kommunikabel, sondern allenfalls (literarisch) darzustellen. Das Geschehen, von dem Goebbels spricht, findet in seiner Augenblicklichkeit und Totalität nur im Sprechen selber statt. Es wird die fingierte Wahrnehmung eines literarischen Geschehens als Tatsache' behauptet. Wer den Satz „In ganz Ostpreußen läuten jetzt die Glocken" akzeptiert, wird auch den Satz „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los" akzeptieren, denn er offeriert keine größere Fiktion.
Die Leistung der Exposition besteht darin, daß sie den Zuhörer auf keinen Gegenstand des Sprechens, sondern nur auf das Sprechen selbst verpflichtet. Da ja schon ganz Deutschland im Sprechen der Reportage sinnlich erfahrbar geworden ist, kann im folgenden von allem und jedem gehandelt werden.
Wir wollen einen Teil der Rede hier zitieren, dabei aber bewußt die Aufmerksamkeit auf solche Passagen richten, die einer rhetorischen Analyse unverdächtig oder belanglos erschienen. Streicht man aus dem Text alle Aufzählungen, alle Variationen von Sätzen, Stimmungsbilder der Begeisterung, Appellative und Insinuationen, den bei Goebbels insgesamt wie im übrigen auch bei Hitler angestammten Wortlaut der ,Versailles'- und ,System'-Legende,78 die Perhorreszierung des Marxismus und ähnliches heraus, also genau diejenigen Sätze, die bis heute von der sprachwissenschaftlichen Forschung gerade herausgestellt wurden, um den Stil der Goebbels-schen Rhetorik transparent zu machen, so läßt sich der Text auf die folgende Paraphrase aus wörtlichen Zitaten reduzieren:
Meine Volksgenossen und Volksgenossinnen!
In ganz Ostpreußen läuten jetzt die Glocken von den Kirchtürmen über die weiten Äcker hinweg, über die großen schweigenden Wälder und über die geheimnisvolle Stille der masurischen Seen [. . .]. Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt liegt jetzt ganz Deutschland im Schein der Freiheitsfeuer. Der Tag der nationalen Erhebung ist da. Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!

Wir stehen hier oben in Königsberg [. . .]. Hier haben sich die ostpreußischen Bauern, Bürger und Arbeiter zusammengefunden. Sie sind eins mit Euch Millionen [...].
An beiden Seiten des Rheins, von Köln bis Basel, auf den Bergen in Oberbayem, in Schlesien, im Schwarzwald lodern die Flammen zum Himmel empor [. . .]. Deutschland ist erwacht!
[. . . ] Die ganze Provinz scheint in dieser Halle zusammengekommen zu sein. Da sitzt der Fischer vom Haff neben dem Bauern des Binnenlandes, da sitzt der kleinstädtische Bürger neben dem Fabrikarbeiter aus Elbing und den masurischen Fischern und Bauern [...].
Nun steht das deutsche Volk aus seinen wirren und kranken Fieberträumen auf [...].
Der heutige Tag des Erwachens der deutschen Nation ist der Auftakt zur wunderbaren Auferstehung des ganzen Volkes. Wie ein Mann erhebt sich Alldeutschland [...].
Darum läuten jetzt in dieser Feierstunde über ganz Ostpreußen die Glocken [. . .]. Nicht weit von hier erhebt sich mahnend und trotzend das Tannenbergdenkmal [. . .]. Auf seinen Türmen lodern in dieser Stunde die Flammen [. . .]. Adolf Hitler heißt der Mann, der dem verräterischen Marxismus ein neues Tannenberg bereitet hat [. . .]. Jetzt ist es soweit. Jetzt haben wir die Verräter in der Zange [. . .]. Wir lassen sie nicht meht aus, sie müssen endlich und vollkommen vernichtet werden [. . .].
Die Trompeten schmettern und die Pauken dröhnen, der Klang alter preußischer Märsche bricht sich an den Wänden und an der Decke dieser gewaltigen Halle. In diesem Takt marschierten die Soldaten Hindenburgs, in diesem Takt marschiert heute wieder die ganze deutsche Nation [. . .].
Nun steht das Volk auf,  [. . .] da an den Ufern des Rheins, an den Küsten der Nordsee, auf den Bergen Bayerns und Schlesiens die Feuer lodern [. . .]. Es ist plötzlich ganz ruhig geworden. Da brechen am Eingang brausende Heilrufe aus. Adolf Hitler ist gekommen [. . . ].79
Das Läuten der Glocken und das Lodern der Flammen sind nicht einfach Leitmotive, die sich durch den Text ziehen; sie sind nicht ornatus der Rede, sondern deren Eigentliches. Dies wird schon daran evident, daß es kein Kausalverhältnis zwischen dem Läuten der Glocken und dem übrigen Geschehen gibt, daß sich vielmehr sowohl das Läuten als Konsequenz des übrigen wie auch das übrige als Konsequenz des Läutens erweisen kann:
Wie   ein  Mann  erhebt   sich  Alldeutschland   [. . .].   Darum  läuten jetzt  in   dieser Feierstunde über ganz Ostpreußen die Glocken [. . ,J.*°
Nun steht das Volk auf, [. . .] da an den Ufern des Rheins [. . .] die Feuer lodern
Das Argumentationsprinzip der Rede - soweit man davon sprechen kann -basiert   auf einer  parataktischen   Semantik,   die   alle   ihre   Elemente   der Dominanz einer Bedeutung unterordnet, sie als Identische bedeutet. Die Mannigfaltigkeit des Bedeuteten wird in der Identität der Bewegung kongruent:

In Ostpreußen läuten die Glocken/ganz Deutschland liegt im Schein der Freiheitsfeuer / Die ganze Provinz scheint in dieser Halle zusammengekommen zu sein / Sie sind eins mit Euch Millionen / Die Flammen lodern zum Himmel empor / Deutschland ist erwacht / Darum läuten jetzt die Glocken / Auf dem Tannenbergdenkmal lodern die Flammen / Hitler bereitet ein neues Tannenberg / In diesem Takt marschierten die Soldaten Hindenburgs / In diesem Takt marschiert heute wieder die ganze Nation / Nun steht das Volk auf / Adolf Hitler ist gekommen.
Während in der Rede von Goebbels ganz Deutschland lodert, von Glockengeläut erklingt, aufsteht, erwacht, sturmläuft oder im Takt marschiert, ereignet sich von all dem ,in Wirklichkeit' gar nichts, weil es sich nicht ereignen kann. Die in der Rede entwickelte Apotheose der Bewegung und Bewegtheit läßt dies aber kaum zu Bewußtsein kommen. Goebbels montiert hier auf dem Wege über eine durchgängige Metaphorisierung abstrakte Vorgänge zu einer Idealkongruenz des Geschehens. Die Intention seiner Rede ist dabei, die totale Bewegung als ,Tatsache' festzuschreiben: „Wie ein Mann erhebt sich Alldeutschland", „das Volk steht auf, der Sturm bricht los". Ostpreußen steht in Idealkongruenz zu Deutschland, dieses verschmilzt mit Hindenburg, der gleichbedeutend mit Tannenberg ist. Die Bedeutung, die einem dieser Bausteine verliehen wird, überträgt sich automatisch auf die anderen. Die Konstellation bedarf nur noch eines initialen Bewegungsimpulses, um durchgängig in Bewegung zu geraten und zur Fiktion eines Prozesses zu werden, der Realität schon allein deshalb beansprucht, weil er mit vorgeblich wahrnehmbaren Vorgängen (Läuten, Lodern) koinzidiert. Das Sprechen ist so die propagierte Bewegung, die es als .Tatsache' zu kommentieren behauptet.
Dieses Verfahren, Geschehen zu einer Idealkongruenz der totalen Bewegung festzuschreiben, steht in äußerster Nähe zum Erfolgsprinzip der nationalsozialistischen ,Bewegung' insgesamt. In diesem Selbstverständnis als ,Bewegung' ist gleichermaßen die Entfernung vom Status quo wie auch der Aufbruch zu etwas anderem angedeutet. Es ist bekannt, in welch hohem Maße das utopische Programm Hitlers das zu Erreichende räumlich und zeitlich entrückte, um die Virulenz der ,Bewegung' zu erhalten. Nur im steten Aufbruch konnte unbemerkt bleiben, daß die Partei eigentlich gar kein politisches Programm besaß, sondern nur einen „Ideenbrei",82 daß sie zwar „nach außen als Monolith auftrat", aber in Wahrheit das „widersprüchlichste Gebilde deutscher Parteiengeschichte"83 darstellte. Schon in der Projektion des tausendjährigen Reiches'84 läßt sich die Immunisierung der ,Bewegung' gegen ihr eigenes Ende erkennen.

Nur in der Bewegung als ihrem Eigentlichen konnte die nationalsozialistische Ideologie immer wieder zu sich selbst kommen. „Tatsächlich war das Regime für die ganze Zeit seines Bestehens in Bewegung, in steter Veränderung begriffen."85 Aber nicht nur die nationalsozialistische ,Bewegung', sondern fast alle Gruppierungen der Zeit, z. B. die Technokraten oder die Bünde, verstehen sich als ,Bewegung'.
Das Prinzip der Bewegung materialisiert sich in den permanenten Aufzügen, Flaggenparaden und Appellen, den „langen, weiten, sinn- und meinungslosen Märschen ohne jedes bestimmte Ziel",86 im Singen der Lieder und im Takt des Marschierens, in denen sich die Bewegung jeweils ihrer Existenz versicherte. Das Bedürfnis der Nationalsozialisten, in nicht endenwollenden Aufzügen87 ihr Dogma zu beschwören, daß sich alles geändert hat und auch weiterhin ändern wird, darf so nicht primär als eine zu propagandistischen Zwecken inszenierte Show verstanden werden. Vielmehr durfte der Nationalsozialismus mit der Erzeugung eines Vorscheins permanenter Bewegung nicht aufhören, weil es ihn sonst gar nicht mehr gegeben hätte. „In einer Zeit wachsender Massenbewegungen wurde die ,neue Politik' ein Mittel zur Organisierung zielloser Menschenmengen zur einheitlichen Massenbewegung- keine Protestbewegung, die auf spezifische Mißstände reagierte".88

Wir glauben also nicht mit Helmuth Plessner, daß „Hitlers Bewegung" „sich der Figur des Elans nur aus taktischen Erwägungen"89 bediente. Vielmehr scheint das Prinzip des Bewußtseins, Wirklichkeit in eine ,Bewegung' nach irgendwohin aufzulösen, gleichzeitig aber diese ,Bewegung' als ,Tatsache', als objektiv Existierendes zu begreifen, fundamental für die Dreißiger Jahre zu sein. Die nationalsozialistische ,Bewegung' leistet dabei im großen Stil und in intentio-naler Totalität, was sich auf allen Ebenen des Lebens als Verhältnis zur Wirklichkeit andeutet: die Überblendung von abstrakten Bewegungen mit konkreten Tatsachen.
In der beanspruchten Identität von „Ein Volk - Ein Reich - Ein Führer" und in der immer wieder behaupteten Kongruenz aller Bewegung mit der ,Bewegung' konnte das Prinzip der Bewegung total, damit aber auch manifest werden. Ernst Jünger schreibt 1932: „Nähere Auskunft über das Wort total, das im Folgenden noch eine Rolle spielen wird, erteilt die Schrift ,Die totale Mobilmachung' (Berlin 1930)".90 Mobilmachung und Mobilerhaltung sind ,Tatsache'; genaues weiß man nicht, aber „überall herrscht seit einem Jahr reges Leben, und wird auch in Zukunft reges Leben herrschen",91 wie Fritz Reinhardt, der ehemalige Gauleiter Oberbayems und spätere Staatssekretär im Reichsfinanzministerium, seinen Parteigenossen zuruft.
In den frühen dreißiger Jahren avanciert auch in der Wissenschaft und in der Philosophie der Dynamismus zum fundierenden Prinzip;92 ,Leben' - also etwas Bewegtes und Bewegendes - etabliert sich gegenüber dem ,Geist' - als etwas in sich Ruhendes - und wird zum Totalitätsbegriff schlechthin.93
Der Sport befreit sich aus seiner Enklave der bloßen Leibesertüchtigung und wird zu Bewegungsideologie und Bewegungskult; im ab den späten zwanziger Jahren erstmalig sensationsfähigen .Rekord' von Geschwindigkeiten vermittelt sich eine erfolgte Bewegung als objektive ,Tatsache'.

Die Rekorde, die von Rennautos, Flugzeugen und Läufern erzielt werden und die die Zeitungen breit und emphatisch ausstellen (siehe dazu III, 3 a: Abenteuer der Realisation), leisten dabei in nuce, was für die Zeit ganz typisch ist: Sie stellen Bewegung fest. Der Sport fasziniert aber nicht nur die Sportfreunde, sondern vor allem auch die immer zahlreicher werdenden Fotografen. Zum beliebtesten Fotomotiv der Zeit werden ,Bewegungsposen', in denen die Dynamik einer Bewegung im Stil der ,Neuen Sachlichkeit' statuarisch gemacht, gleichsam eingefrostet wird.94 Sehr vielen Fotografien der Zeit ist der Antagonismus zwischen einer Motivlust am Dynamischen und einer Darstellungsintention des Formalen, Ruhiggestellten und Erstarrten abzuspüren. Die Fotografien interessieren sich nicht dafür, die Bewegung des Motivs in die Fotografie hinüberzuretten, sondern sie stellen Bewegung still in zumeist stilisiert wirkenden Posen.
Die Überblendung von Bewegungsfreude und Tatsachenlust äußert sich so in vielen Bereichen. ,Tempo' ist das Schlagwort der Zeit, und der Motor wird als ihr Symbol propagiert:
Aus diesem Bewußtsein ergibt sich ein neues Verhältnis zum Menschen, eine heißere Liebe und eine schrecklichere Unbarmherzigkeit. Es ergibt sich die Möglichkeit einer heiteren Anarchie, die zugleich mit einer strengsten Ordnung zusammenfällt - ein Schauspiel, wie es bereits in den großen Schlachten und den riesigen Städten angedeutet ist, deren Bild am Beginn unseres Jahrhunderts steht. In diesem Sinne ist der Motor nicht der Herrscher, sondern das Symbol unserer Zeit, das Sinnbild einer Macht, der Explosion und Präzision keine Gegensätze sind. Es ist das kühne Spielzeug eines Menschenschlages, der sich mit Lust in die Luft zu sprengen vermag und der in diesem Akt noch eine Bestätigung der Ordnung erblickt.95
In dieser Version von Ernst Jünger - das Zitat stammt aus dem Jahr 1932 -deutet sich das Schicksal des Bewegungsprinzips in aller Schärfe an. Totale Bewegung tendiert auf Explosion, auf Katastrophe, aber selbst darin läßt sich noch eine „Bestätigung der Ordnung" erblicken, denn „Präzision" und „Explosion" sind keine Gegensätze. In der Explosion schafft sich die Bewegung endlich ihre ,Tatsache', sie objektiviert sich endgültig. Das der Explosion innewohnende Prinzip von Kontraktion und Entladung deutet sich übrigens als Wunsch auch in dem Wort „Blitzkrieg" bereits an, weil in ihm Raum und Zeit in einem einzigen Moment zusammengezogen werden sollen. Ernst Jünger gibt selbst ein Beispiel dafür, wie nah beieinander Kontraktion und Zerstörung liegen:
Es gibt für Versteinerungen in tieferen Schichten einen Grad des Druckes, der ihre Form in ganz besondere Klarheit preßt,  der sie jedoch,  nur um ein geringes gesteigert, schnell und gründlich zerstört. So findet man zuweilen, dicht neben ausgeprägten Abdrücken von Muscheln oder Pflanzen, im Gestein verworrene Einsprengungen als Zeugnisse einer zerpulvernden und scheinbar ganz übergangslosen Vernichtung der Form.96

Dem Formwillen der Zeit attestiert Klaus-Jürgen Sembach eine Vorliebe „für harten metallischen Glanz", eine „ideologisch bedingte Scharfkantigkeit",97 ein „fast sensualistisches Empfinden dafür, wann eine Form in der Entsprechung zum Material die höchste Intensität besitzt";98 der Zeit fehle überhaupt „jeder schweifende oder vage Zug".99
Es soll aber hier nicht darüber spekuliert werden, ob das Streben nach immer größerer Klarheit der Form notwendig zu ihrer Zerstörung fuhrt, sondern es soll der Zusammenhang von Bewegung und Tatsache aufgezeigt werden, wobei sich aber im Bedürfnis nach Klarheit der Form, nach Präzision, bereits wieder ein Bedürfnis nach ,Tatsachen' als feststehenden und festumrissenen Größen der Wirklichkeit meldet.
Um nach diesem kleinen Exkurs in Sport, Fotografie und die ideologische Scharfkantigkeit Ernst Jüngers wieder zu Joseph Goebbels zurückzukehren, so kann festgehalten werden, daß die Überblendung von Dynamischem und Manifestem, von Liquidität und Erstarrung, von Bewegung und Tatsache nicht nur ein Prinzip seiner Rede, sondern ein Prinzip der Dreißiger Jahre zu sein scheint.
Das Eigentliche der Rede Goebbels' besteht so nicht in dem Versuch, Euphorie zu erzeugen, wo keine ist, also künstlich zu stimulieren, sondern darin, Bewegung als totale Bewegung und diese als ,Tatsache' zu behaupten. Sobald die Bewegung, und zwar die nationalsozialistische wie auch die des „Deutschland [sie!] erwache!", die ja nur in seinem Sprechen, allenfalls noch in den fast immer damit verbundenen Aufzügen besteht, als ,Tatsache' der Wirklichkeit akzeptiert wird, kann Goebbels ,Wirklichkeit' sagen, wie man es von ihm als Reporter erwartet. Das Vermögen, etwas Liquides wie Bewegung zu etwas Starrem wie ,Tatsache' werden zu lassen, resultiert dabei nicht etwa aus seiner rhetorischen Technik, sondern aus einer Bewußtseinshaltung der Zeit. Diese Leistung des Bewußtseins, die wir Überblendung nennen, bewirkt, daß disparate Bewegungen in eine Idealkongruenz totaler Bewegung gebracht und in dieser Figur zu einer ,Tatsache' beruhigt werden. Diese paradoxe Identität von ,Tatsache' und Bewegung hat ein Zeitgenosse befremdlicherweise schon an der Physiognomik der Nazis zu erkennen geglaubt.
Nichts gibt es, was mehr Schrecken erregen kann, als ein Nazi, der ruhig dasitzt und nichts tut. Man erschrickt nicht deshalb, weil man denkt, das sei im Dynamismus nur eine Pause, in welcher der Nazi sich noch etwas Furchtbareres überlegt, als er bisher schon getan hat. Man denkt gar nicht an das Kommende, man erschrickt nur. Man erschrickt über den Anblick, über das, was man am ruhigen Nazi sieht: es ist der zementierte Dynamismus, der Dynamismus, der sich hinter Zement verbarrikadiert hat und der auf seinen eigenen Ausbruch wartet. Das gibt es eigenlich nicht: zementierten Dynmismus, und doch ist der ruhige Nazi dies: zementierter Dynamismus.100
Die Metapher vom ,zementierten Dynamismus' wirft ein sehr persönliches und erstaunliches Schlaglicht auf die von uns angesprochene Fusion von Liquidität und Erstarrung. Aber deren Überblendung, das Ineins von totaler Bewegung und objektiv feststehender ,Tatsache', bereitete der Zeit offenbar keine Probleme. Noch einmal Hitler:
. . . die Bewegung ... sie lebt ... sie steht fel-sen-fest begründet [. . .].101



74  Goebbels, Joseph: Hitler über Deutschland. Rundfunkreportage für die Hitlerkundgebung in Königsberg Pr. am 4. März 1933. In: Dr. J. G., Signale der neuen Zeit. 25 ausgewählte Reden. München 1934, S. 109-117.
75  Siehe Bergschicker, Heinz: Deutsche Chronik 1933-1945. Alltag im Faschismus. Berlin 1983, S. 105. Siehe insgesamt zur Situation der Massenmedien unser Kapitel I, 2; b („Geistesgeschichte").
76  Goebbels (s. Anm. 74), S. 109.
77  Goebbels (s. Anm. 74), S. 109f.
78 Der Vertrag von Versailles ist natürlich mehr als eine Legende. Wir meinen mit diesem Begriff hier aussschließlich die in zahlreichen Hitler- und Goebbels-Reden fast gleichlautenden Ausführungen zum ,Schandvertrag' von Versailles oder zu der als ,System' bezeichneten Weimarer Republik. Auch in den Ausgaben der Reden Hitlers nach 1945 werden solche Passagen oftmals ausgespart, wobei die Lücke dann jeweils mit Begriffen wie z. B. ,Versailles-Legende' gekennzeichnet ist.
79  Goebbels (S. Anm. 74), S. 109-117. Die Rede umfaßt cirka acht Druckseiten. Unsere Paraphrase berücksichtigt quantitativ ungefähr ein Siebtel des Textes.
80  Goebbels (s. Anm. 74), S. 112.
81  Goebbels (s. Anm. 74), S. 116.
82  Kershaw, Ian: Der Hitler-Mythos. Volksmeinung und Propaganda im Dritten Reich. Mit einer Einführung von Martin Broszat. Stuttgart 1980, S. 32 (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Nr. 41).
83  Höhne, Heinz: Der Orden unter dem Totenkopf. Die Geschichte der SS. Hamburg 1966, S. 77.
84  Siehe zu den eschatologischen Vorstellungen Hitlers und des Dritten Reichs: Faulenbach, Bernd: Ideologie des deutschen Weges. Die deutsche Geschichte in der Historiographie zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus. München 1980. Siehe erweiternd: Wittenberg, Erich: Bismarcks politische Persönlichkeit im Bilde der Weimarer Republik. Eine ideengeschichtliche Beleuchtung einer politischen Tradition. Bd. 1: Geschichte und Tradition von 1918-1933 im Bismarckbild der deutschen Weimar-Republik. Ideengeschichtliches zum Aufkommen des totalitären Staates. Lund 1969. Wittenberg bemerkt: „Es ist interessant und bedeutsam, dass diejenigen historischen Bewegungen, die prinzipiell mit leidenschaftlicher Energie verkünden, dass sie auf einem radikalen Bruch mit der Vergangenheit beruhen, sich selbst so eifrig nach einer historischen Tradition umsehen müssen [...]" (S. 19). Siehe erweiternd das Kapitel „Technik und Tradition", S. 29-43.
85  Kettenacker, Lothar: Sozialpsychologische Aspekte der Führer-Herrschaft. In: Nationalsozialistische Diktatur 1933-1945. Hg. Karl Dietrich Bracher, Manfred Funke u. Hans Adolf Jacobson. Bonn 1983, S. 97-131, 104 (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 192). Auch Martin Broszat bemerkt einen Widerspruch zwischen „der Formlosigkeit und der außerordentlichen Machtentfaltung dieser Herrschaft" (M. B.: Der Staat Hitlers. Grundlegung und Entwicklung seiner inneren Verfassung. 10. Aufl. München 1983, S. 423).
Siehe grundlegend zum Bewegungskult: Schmeer, Karlheinz: Die Regie des öffentlichen Lebens im Dritten Reich. München 1956, insbes. S. 113-116. Auch Joachim C. Fest betont den „Aktivismus" als hervorstechendes Merkmal der NS-Bewegung (J. C. F.: Das Gesicht des Dritten Reiches. Profile einer totalitären Herrschaft. München 1963, S. 400).
86 Wittenberg (s. Anm. 84), S. 38.
87  Siehe hierzu den zwar medial inszenierten, aber in seiner Länge durchaus repräsentativen „Vorbeimarsch vor Adolf Hitler auf dem Hauptmarkt" in Nürnberg beim Parteitag der NSDAP 1934, wie er in Leni Riefenstahls Film „Triumph des Willens" zu sehen ist. Siehe das Einstellungsprotokoll, Loiperdinger (s. Anm. 7), S. 142-169. Siehe erweiternd: Wippermann, Wolfgang: „Triumph des Willens" oder „kapitalistische Manipulation"? Das Ideologieproblem im Faschismus. In: Nationalsozialistische Diktatur (s. Anm. 85), S. 735-759. Wippermann bescheinigt dem Film, daß er das nationalsozialistische Selbstverständnis in eindrucksvoller Weise dargestellt habe (S. 736).
88  Mosse, George L.: Die Nationalisierung der Massen. Politische Symbolik und Massenbewegungen in Deutschland von dein Napoleonischen Krieg bis zum Dritten Reich. Frankfurt a. M./Berlin/Wien 1976, S. 245 (= The Nationalisation of the Masses. O.O. 1975).
89  Plessner, Helmuth: Die verspätete Nation. In: H. P., Gesammelte Schriften. Hg. Günter Dux, Odo Marquard u. a. Bd. VI. Frankfurt a. M. 1982, S. 16.
90 Jünger, Ernst: Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt [1932]. In: E. J., Sämtliche Werke. 2. Abt. Bd. 8: Essays IL Stuttgart 1981, S. 9-317, 39.
91  Zit. Loiperdinger (s. Anm. 7), S. 63.
92  Schnädelbach, Herbert: Philosophie in Deutschland 1831-1933. Frankfurt a. M. 1983. Siehe das Kapitel „Dynamisierung der Wissenschaft", S. 106-107.
93  Siehe Schnädelbach (s. Anm. 92), S. 172: „In Wahrheit ist ,Leben' ein kultureller Kampfbegrijrf und eine Parole, die den Aufbruch zu neuen Ufern signalisieren soll. Im Zeichen des Lebens geht es gegen das Tote und Erstarrte, gegen eine intellektualisti-sche, lebensfeindlich gewordene Zivilisation, gegen in Konventionen gefesselte, lebensfremde Bildung, für ein neues Lebensgefühl, um ,echte Erlebnisse', überhaupt um das ,Echte': um Dynamik, Kreativität, Unmittelbarkeit, Jugend." Die „metaphysische Parteinahme für das Dynamische und gegen das Statische" fließe zusammen „mit einer Rezeption der Marxschen Kritik des Warenfetischismus, die ,Verdinglichung' zum grundlegenden Begriff der Kulturkritik werden läßt" (S. 173). (Hervorhebungen im Original kursiv)
94 Als ein sehr typisches Foto in dieser Hinsicht nennen wir: Strache, Wolf: Abschwung vom Hochreck [1936]. In: Mißelbeck, Reinhold: Deutsche Lichtbildner. Wegbereiter der zeitgenössischen Photographie. Köln 1987, S. 37.
95 Jünger (s. Anm. 90), S. 40f.
96 Junger» Ernst: Das abenteuerliche Herz. Erste Fassung. Aufzeichnungen bei Tag und Nacht [1929]. In: E.J., Sämtliche Werke. 2. Abt. Bd. 9: Essays III. Stuttgart 1979. S. 31-176, 104.
97  Sembach, Klausjürgen: Stil 1930. Tübingen 1971, S. 4.
98  Sembach (s. Anm. 97), S. 9.
99  Sembach (s. Anm. 97), S. 4.
100 Picard, Max: Hitler in uns selbst. Zürich 1946, S. 27.
101  Siehe Anm. 7.


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