5. ,Typische Tatsachen'
Wie erscheint die .Wirklichkeit', wenn sie anhand von typischen Tatsachen' dargestellt wird? Welcher Art ist der Allgemeinheitsanspruch, den die ,Typik' stellt?
Im übrigen gab sich der Doktor Becker der Beobachtung des Lebens und Treibens hin, das sich auf dem Schiff entfaltete.
Im Hafen von Southampton, noch auf der Fahrt längs der englischen Küste und bis hinüber nach Cherbourg, wo die kontinentalen Passagiere das Schiff betraten, hatte sich besagtes Leben und Treiben fröhlich angelassen. Muntere Mädchen, anscheinend fünfzehn bis siebzehn Jahre alt, hüpften über alles Schiffsgerät und turnten auf der Reling, die Röcke wehen und die Höschen sehen lassend. Ernste Männer würfelten im Rauchzimmer bei Gin, Brandy, Whisky und Cocktails.102
Das Motiv der ,wehenden Röcke' und der ,trinkenden Männer' erscheint innerhalb des ersten Kapitels von „Paradies Amerika" („Der Doktor Becker vor den Pforten des Paradieses") noch je zweimal:
So versammelten sich auf dem Deck einige Frauen von etwa vierzig Jahren, die sich gebrochen auf die Liegestühle warfen, wobei eine Brise die Röcke wehen und die Höschen sehen ließ und solcherart der Beschauer verblüfft erkannte, daß die ältlichen Damen mit den hüpfenden, turnenden Backfischen von Reisebeginn identisch seien.103
Die Damen erscheinen toilettiert und geschminkt, die älteren Ladies erkennt man jetzt, ohne daß der Wind weht, als die Backfische aus Southampton wieder.104
Langsam kamen Männer ins Rauchzimmer, sie waren blaß geworden, und es
dauerte geraum, bevor ihnen der Brandy wieder schmeckte, den sie vorerst nur zur
Stärkung zu sich nahmen, und dann der Whisky, der Gin, der Porter und die
Cocktails.105
Um halb sieben wird die Bar im Rauchzimmer geschlossen. Bis zur letzten Sekunde
verproviantieren die Männer ihren Magen mit soviel Whisky, als er verträgt, und
etwas darüber.106
Betrachten wir diese Passagen zunächst unter der Prämisse einer erfolgten „Beobachtung", wie sie behauptet wird, anschließend unter dem Aspekt ,Darstellung'.
Konnotiert der Begriff „Beobachtung" noch Exaktheit im Sinne einer möglichst genauen Wahrnehmung, so deutet sich in der Hingabe an die Beobachtung („gab sich der Doktor Becker der Beobachtung des Lebens und Treibens hin") schon die Tendenz auf Verselbständigung an. Das tatsächliche' der Phänomene verschwindet zugunsten ihres Anlaßcharakters, Eindrük-ke zu evozieren. Es gibt offenbar nichts tatsächliches' an den Frauen aus Southampton, denn selbst die Altersangaben in ihrer numerischen Objektivität scheinen nicht zu zählen. Obwohl doch Zahlen als exakte Daten schlechthin den Anspruch erheben, das Wesen einer ,Tatsache' genau zum Ausdruck zu bringen, erscheinen sie hier als willkürliche Mutmaßungen, die den Phänomenen nicht wesentlich, sondern akzidentell sind. Die hingebende Beobachtung stattet die Phänomene mit Erkennungsmerkmalen aus („wehende Röcke", „Höschen"), die sich zum Motiv stabilisieren. Das Motiv der ,wehenden Röcke' sichert dem ,Beobachter' das Wiedererkennen des Phänomens, wobei sich die Widersprüche der Erscheinung (Alter) der motivischen Identität unterordnen. Männer werden als Männer erkannt, insofern sie Whisky trinken, die Erscheinung dringt nur noch als präformierte in das Bewußtsein des ,Beobachters'. Dessen initiale Ausstattungsleistung der Phänomene mit seinen Eindrücken wird nicht mehr korrigiert; die erste Prädikation der hingebenden Beobachtung rückt an die Stelle der vermeintlichen ,Tatsachen'. Beobachtung findet so gar nicht statt, vielmehr folgt die Betrachtung der ,Wirklichkeit' einem Reiz-Reaktions-Schema. Erkennen und Wiedererkennen realisiert sich nur noch als Assoziationsreflex, in dem das Motiv immer schon für die Sache stehen kann. Die Wirklichkeit der Erscheinung ist auf die Evoktion eines Reizes reduziert.
Dies würde gelten, sofern es sich bei diesen Passagen um Beobachtungsprotokolle eines Reporters handelte. Dessen Impressionen dominierten die ,Tatsachen', es wären schlechte Reportagen, zumindest im Horizont von Kischs eigenem Anspruch. Es ist aber unschwer zu erkennen, daß hier keine ,unmittelbaren' Beobachtungen mitgeteilt werden, daß vielmehr eine Darstellung das Beobachtete oder als Beobachtung Ausgegebene für ihre Intention funktionalisiert. Handelt es sich bei den „Backfischen" bzw. „Damen" aus Southampton und bei den whiskytrinkenden Männern um ,typische Tatsachen' im Sinne der vorgestellten Reportage-Theorie?
Geht es Kisch beispielsweise um eine implizite Kritik am uniformen Verhalten männlicher Passagiere, sich auf Atlantik-Überquerungen stets nur zu betrinken? Soll das unterschiedslose, konforme und monotone Verhalten der Passagiere zur Darstellung kommen, insofern die Frauen im Wehen der Röcke und die Männer im Trinken von Whisky ununterscheidbar werden? Dann wären die typischen Tatsachen' nicht das Besondere, aus dessen Darstellung ein Allgemeines entstünde, sondern sie wären nur der Repräsentant des Allgemeinen, also die Illustration eines allgemeinen Satzes. Es wäre dann, in der Unterscheidung Lessings, kein Exempel, in dem „der besondere Fall [. . .] als wirklich vorgestellt"107 würde, sondern nur ein Beispiel, also eine Reduktion des Allgemeinen auf ein mögliches Besonderes.
Während die „genaue Darstellung" „auf die Aufhebung des dargestellten Scheins in der Satire, nicht auf Erhebung über Gegensätze in der Ironie"108 tendiert, stabilisiert Kisch gerade den dargestellten Schein, nämlich die Identität der „Backfische" und „Ladies", als Objekt seiner Ironie. „Gerade im Typus bestätigt die Allgemeinheit des Alltäglichen das Individuelle auch als das Besondere."109 Entgegen dieser Forderung zeigt der Text den ,Typus' des Passagiers als bloßes Leitmotiv, die Passagiere als Figuren, die das Niveau von Individualität erst gar nicht erreichen. Im Unterschied also zu beispielsweise den Komödien von Carl Sternheim, die die vermeintliche Individualität des Kleinbürgers als uniforme Typik und damit als geschichtliche Größe sichtbar machen,110 realisiert sich Typisierung bei Kisch als die vermeintliche Allgemeinheitsfähigkeit purer Uniformität. Das Allgemeine steht immer schon fest und wird nur in scheinhaft individualisierter Form, d. h. hier: als Produkt individueller Beobachtung, anschaulich gemacht. Das Besondere eignet nicht dem Dargestellten, sondern der Darstellung selbst, die Individualität durch motivische Ausstattung herzustellen sucht. Die Figuren funktionieren so von Anbeginn als die Repräsentanten des Satzes ,Passagiere benehmen sich unterschiedslos und werden ununterscheidbar', d. h. sie dekorieren nur die Erkenntnis, die als Besitz bereits vorliegt. Was als ,typische Tatsache', also als konkreter und individueller Fall eine Reflexion aufs Allgemeine erst ermöglichen soll, ist in Wirklichkeit bereits aus der Reduktion des Allgemeinen gewonnen und zu dessen Illustration stilisiert worden. Es handelt sich bei Kischs Verfahren um eine rekursive Typisierung, die das Besondere eben nicht in seiner Besonderheit, sondern nur im Hinblick auf seine Allgemeinheitsfähigkeit requiriert, um es in dessen Dienst zu stellen. Die Texte Kischs konstituieren so nicht das Typische über die Darstellung des Besonderen, sondern sie wissen immer schon, was typisch ist.
Nur innerhalb eines behavioristischen Modells können die zitierten Passagen als ,Beobachtung' gelesen werden. Der ,Beobachter' kann „Männer" nur sehen, insofern sie „Whisky" trinken, und wenn er „Röcke wehen" sieht, denkt er an „Southampton". Was in der ,Beobachtung' gerade verschieden ist („Backfische"/„Ladies"), soll ,in Wirklichkeit' gerade identisch sein. Es wird also Disparates qua Assoziation homogenisiert bzw. Identisches qua Dissoziation gespalten.
Dies bedeutet aber, daß nicht die vermeintlichen ,Tatsachen' das Sprechen dominieren, sondern ihre Typisierbarkeit, die dabei natürlich als Vehikel einer Sozialkritik funktionieren muß.
f.. .] ein Kaufmann aus Chicago erzählt (schlecht) drei Witze über Irländer. Während dieses letzten Vortrages rief ein New Yorker Kaufmann einem anderen New Yorker Kaufmann, der ein überlegen-ablehnendes Gesicht machte, die Worte zu: „What did you expect from Chicago?!" Und dem Doktor Becker schien es, als hätte er den Sprecher bereits einmal bei einer Hochzeit in Brunn gesehen, wo er mit Bezug auf einen Vortragenden aus Iglau in dem gleichen Tonfall äußerte: „Haben Sie etwas Besseres aus Iglau erwartet?"111
Erst in ihrer ,Typik' erhalten die ,Tatsachen' ihre manifeste Gestalt. Sie stehen fest und sind unumstößlich gerade nicht als ein besonderes factum brutum, sondern als das, wofür sie herangezogen werden. Die Auffassung von der als ,vorsprachlich' angenommenen ,Tatsache', mit der Kisch ja kalkuliert, verkehrt sich in der Darstellung in ihr Gegenteil. Die Darstellungsintention hat sich ihre Objekte zu suchen, um nicht als pure Meinung verdächtigt zu werden. Die ,Tatsachen' funktionieren geradezu als ,nach-sprachliche' Verifikationsinstanzen; die Sozialkritik wird mit Reizwörtern der Empirie angereichert, so daß der Anschein entsteht, das Sprechen habe auf diese ,Tatsachen' reagiert.
Um von den Fäusten und Ellenbogen der City nicht in den Hudson gestoßen zu werden, stülpen sich noch am äußersten Rand der Insel die Geschäfte und Kontore übereinander, vierzig, fünfzig, vierundfünfzig Stockwerke hoch.112
Die ergänzende und scheinbar präzisierende Angabe „vierundfünfzig" wirkt deplaziert, überflüssig, ja willkürlich. Auf der Ebene der ,Tatsachen' spielt es keine Rolle, ob es „vierundfünfzig" oder dreiundsechzig Stockwerke sind, denn das Typische der Hochhäuser, daß auch sie den Konkurrenzkampf in der. kapitalistischen Gesellschaft als einer des Faustrechts und der Ellenbogenfreiheit illustrieren, wenn man sie nur scharf genug ansieht, ist im Finalsatz bereits beschlossen. Vielmehr läßt sich Kisch hier gerade bei der Angabe von Daten von etwas ganz anderem als Beobachtung und Exaktheits-postulaten leiten, nämlich von Assonanzen und Analogien, insofern er einen lyrischen Versschluß konstituiert („vierzig, fünfzig, vierundfünfzig") und zudem ein Zahlenspiel betreibt, das die Ziffern vier und fünf noch einmal aufnimmt.
Die Konstitution von Wirklichkeit im Sprechen realisiert sich so bei Kisch als die Leistung einer Typenlehre, die sich nicht als Typik in der Darstellung erst herstellt, sondern als Grundlage und Voraussetzung des Sprechens alle behaupteten ,Tatsachen' in ihre Perspektive zieht. Nicht die ,Tatsachen' stehen hier fest, denn es sind nur die flexiblen und zumeist ironisch gebrochenen Beispiele subjektiver Beobachtung. Vielmehr steht die Typik fest, also gerade das Allgemeine in der Schwundstufe des Exemplarischen, welches sich immer nur im und als Sprechen herstellen kann. Es findet bei Kisch keine Vermittlung statt zwischen dieser, als Begriff vorliegenden Typik und den besonderen, in Augenschein genommenen ,Tatsachen', vielmehr überblenden die Texte immer schon beides bzw. können nur von einem überblendenden Bewußtsein als kohärente Texte gelesen werden.
102 Kisch, Paradies Amerika (s. Anm. 2), S. 12 f.
103 Kisch, Paradies Amerika (s. Anm. 2), S. 14.
104 Kisch, Paradies Amerika (s. Anm. 2), S. 18.
105 Kisch, Paradies Amerika (s. Anm. 2), S. 14.
106 Kisch, Paradies Amerika (s. Anm. 2), S. 18.
107 Lessing, Gotthold Ephraim: Abhandlungen über die Fabel. In: Lessings Werke. Hg. Kurt Wölfel. Bd. 2: Schriften I. Frankfurt a. M. 1967, S. 7-66, 31.
108 Czucka, Eckehard: Idiom der Entstellung. Auffaltung des Satirischen in Carl Sternheims „Aus dem bürgerlichen Heldenleben". Münster 1982 (Diss. Münster 1979), S. 217 (= Literatur als Sprache. Literaturtheorie - Interpretation - Sprachkritik, Bd. 2).
109 Czucka, Idiom der Entstellung (s. Anm. 108), S. 165.
110 Siehe dazu grundlegend: Czucka, Idiom der Entstellung (s. Anm. 108).
111 Kisch, Paradies Amerika (s. Anm. 2), S. 17.
112 Kisch, Paradies Amerika (s. Anm. 2), S. 19.



