ZEDELWERK
Das dramatische Bewusstsein
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Kurzschluß zwischen Sprechen und Handeln: Prinzip Technik und technisches Bewußtsein

Exkurs: Verwirklichung von Sätzen - Kurzschluß zwischen Sprechen und Handeln: Prinzip Technik und technisches Bewußtsein

a) Abenteuer der Realisation

Zwischen 1926 und 1933 hat die Eroberung der Luft Konjunktur; die verbesserten Flugleistungen der Maschinen," das Interesse der Wirtschaft an der Schwelle zur zivilen Luftfahrt, das Prestigebedürfnis der Nationen und eine allgemeine Faszination an Rekorden aller Art, aber auch die Herausforderung der letzten ,weißen Flecken'78 auf dem Globus veranlassen eine Flut von Expeditions-, Dauer- oder Rekordflügen, von denen nahezu täglich in den Zeitungen, besonders intensiv aber auch im Radio berichtet wird. Die technischen Demonstrationen der Flugzeuge und Zeppeline profitieren in ihrer Faszinationskraft vom Nimbus der alten Abenteuer vergangener Generationen, die jetzt noch einmal wiederholt werden. Man begegnet hier einer Haltung, „mit Hilfe der Technologie ,elementare Ereignisse' - angeblich frei - auszukosten", die durchaus als „gemeinsames Grundgefühl der dreißiger Jahre"79 angesehen werden kann.
1926 überfliegt Richard E. Byrd als erster den Nordpol,80 wenige Tage später folgen ihm Roald Amundsen, Lincoln Ellsworth und Umberto Nobile mit einem halbstarren Luftschiff.81 1927 überfliegt Charles A. Lindbergh den Atlantik in Ost-West-Richtung.82 1928 gelingt den Deutschen Kohl und Hünefeld gemeinsam mit dem Schotten Fitzmaurice der Überflug des Atlantiks in umgekehrter Richtung,83 der Amerikaner George Hubert Wilkins absolviert den ersten tr ans arktischen Flug.84

Herausragendes Medienereignis  des Jahres 1928 ist aber die gescheiterte Polexpedition des Luftschiffes „Italia" unter Nobile, deren Unglück und Rettung die Öffentlichkeit wochenlang beschäftigt.85 1929 überfliegt wiederum Byrd als erster den Südpol,86 im gleichen Jahr beginnt die „Graf Zeppelin" eine Weltumfahrt.87 1930/31 finden weitere Ozean- und Arktisflüge statt.88 1932 unternimmt Elly Beinhom einen Weltflug.89 1933 umfliegt Willy Post die Erde in 121 Stunden,90 Elly Beinhorn Afrika,91 überfliegen Engländer den Mount Everest92 und Byrd wiederum den Südpol.93 Über diese Unternehmungen, die nur die Spitze eines weltweit einsetzenden Flugbetriebes bilden, berichten die Zeitungen jeweils ausführlich von der Bekanntgabe des Plans über die Startvorbereitungen bis hin zu Ausführung und Landung, so daß es fast ständig zu überlappender Anteilnahme des öffentlichen Interesses kommen muß. Während die Zeitungen beispielsweise im Mai 1928 noch den Triumph über den geglückten Atlantikflug der „Bremen" auskosten und das Radio die Empfangsfeierlichkeiten für den Arktisflieger Wilkins live überträgt,94 ist die „Italia" auf ihrem Polflug gerade verschollen und rüstet Hugo Eckener die „Graf Zeppelin" zur Weltfahrt.95 Die Rubriken ,Aus aller Welt' und Zeitgeschehen' der Blätter lesen sich in jenen Jahren streckenweise wie aeronautische Mitteilungen.

Aber das Auge des Zeitungslesers richtet sich nicht nur auf die Überwindung globaler Räume und das Aufsuchen entlegener Regionen, sondern auch weit empor in Stratosphäre und Weltraum. 1930 unternimmt der Belgier Auguste Piccard mit seinem Assistenten Kipfer von Augsburg aus einen Ballonflug in die Stratosphäre, die er bei seiner Rückkehr emphatisch für offen erklärt.96 Max Valier, ein ehemaliger Science-Fiction-Autor und Vorsitzender des ,Vereins für Raumschiffahrt', läßt seine Vorträge über den Vorstoß in den Weltraum über ein Toumee-Büro vermitteln.97 Gemeinsam mit Fritz von Opel experimentiert Valier zwischen 1928 und 1930 mit dem ,Raketenmotor', der allerdings vorläufig noch auf der Erde getestet wird.98 Die Meldungen über die erreichten Geschwindigkeiten der ,Raketenwagen' „Rak 1" und „Rak 2" auf der Avus-Versuchsstrecke in Berlin werden durch Sonderkorrespondenten tagelang vor- und nachbereitet, bis die Explosion von „Rak 3" die Experimente vorübergehend beendet.99 Hermann Oberth, der zusammen mit Valier später tatsächlich zu den ersten Raketenpionieren in Peenemünde gehörte, veröffentlicht sein für Raketentheorie wie Raketenkult folgenreiches Buch „Wege zur Raumschiffahrt",100 und „Die Rakete", „Zeitschrift des Vereins für Raumschiffahrt E.V.", berechnet 1928 Flugrouten, Geschwindigkeiten und die Proviantierung für Expeditionen zu Mars und Jupiter.101

Während Rekordflüge und Geschwindigkeiten,102 Nur-Flügel-Flugzeuge,103 Stratosphärenflugzeuge104 und Marsluftschiffe, Raketenautos und Schienen-zepp,105 Autorennen, Schleuderflugdienst, Katapultflugzeuge106 und Blitzflugverkehr die öffentliche Phantasie wie nichts anderes beschäftigen, während ein Science-Fiction-Boom ungeahnten Ausmaßes Deutschland zur führenden Nation dieser Gattung werden läßt,107 während der Ingenieur zum Symbol einer neuen Humanität und die ,Technokratie' zur ,Bewegung' wird,108 scheint der in Frage stehende Zeitraum rein technikgeschichtlich kaum von besonderer Bedeutung zu sein.109

Die Phase einer intensiven Industrialisierung ist abgeschlossen, erst nach dem Zweiten Weltkrieg datiert mit der sogenannten ,Zweiten industriellen Revolution' ein weiterer Paradigmenwechsel in der Geschichte der Technik.110 Zwar konzedieren die Technikgeschichten eine „tiefgreifende Veränderung" der Lebensumstände,111 vor allem durch die Entwicklung des Luftverkehrs112 und die Einführung neuer Kommunikationsmittel,113 jedoch rechnen sie diese Veränderungen einer gesellschaftlichen Wirkungsgeschichte der Technik zu, die für das frühe 20. Jahrhundert noch geschrieben werden muß.114 Der Befund der Technikgeschichten erschöpft sich insofern in der Feststellung, daß die Zeit der zwanziger und dreißiger Jahre arm an bahnbrechenden technischen Innovationen gewesen sei und in der Produktion von technischen Apparaten auf lange vorliegende Erfindungen zurückgegriffen habe,115 wohingegen die theoretischen Leistungen der Physik erst nach 1945 in eine technische Praxis hätten umgesetzt werden können.116
Gegenüber diesem Befund ist ein enormer Geltungswandel der Technik im öffentlichen Bewußtsein und ihre durchgängige Thematisierung in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren zu konstatieren. Mitte der zwanziger Jahre verebbt die beispielsweise auch vom Expressionismus beförderte Technikfeindlichkeit, wobei sie aber erstaunlicherweise nicht von einem vorsichtigen Harmonisierungsprozeß abgelöst, sondern übergangslos von einer Technikbegeisterung ersetzt wird, die sich ab cirka 1926 vielfältig äußert.
Ein Indiz für die kommun werdende Einsicht in die wirtschaftliche Notwendigkeit von Technik ist die ungeheure Verbreitung von Henry Fords Autobiographie und seinem Buch „Das große Heute und das noch größere Morgen" (1927),117 die im Windschatten eines idyllischen Entwurfs vom gesamtgesellschaftlichen Glück eine wachsende Akzeptanz von wirtschaftlichem Pragmatismus, Rationalisierung durch Technik und Taylorismus lancierten.

Interessanterweise etabliert sich aber gleichzeitig eine hauptsächlich von Ingenieuren getragene technokratische Gesellschaftsutopie als „Kontrapart zur kapitalistischen Nationalökonomie".118 „Sie ordnet dem technischen Menschen' die Begriffe ,Sachwerkerzeugung' (sie!) und Schaffensfreude' zu, dem ,kapitalistischen Menschen' die Begriffe Warenerzeugung' und ,Eigen-nutz'".119 Unterstützt auch durch die Wirkungsgeschichte Oswald Spenglers, der 1931 in seinem Buch „Der Mensch und die Technik"120 eine epochale Perspektive technischen Nutzens entwirft, wird die Technik zunehmend als eigenständiges Prinzip anerkannt und ihre Sendung mit Gemeinwohl identifiziert.121 Friedrich Wolf, ein Kommunist, spricht 1929 pathetisch über die „von der Technik beflügelte Solidarität aller Schaffenden",122 während die deutsche Science-Fiction-Literatur der Zeit „Legionen von faustisch-genialen Erfindern und Ingenieuren" entwirft, die „in geheimen Laboratorien daran arbeiten", durch technische Überlegenheit „Konterrevolution und Revanche für Versailles" vorzubereiten.123 Ideologieübergreifend erscheint die Technik in jenen Jahren konkurrierenden Meinungen und Interessen als eigenständiges Movens, welches quasi automatisch für die Verwirklichung von Ideen sorgen kann. Auch aus dem Umfeld der liberalen, konservativen oder völkisch-nationalen ,Philosophen der Technik', Friedrich Dessauer,124 Herrmann Lufft125 und Eugen Diesel,126 gelangt eine Unzahl von pseudowissenschaftlichen Traktaten auf den Buchmarkt, die allesamt die heilende und kulturformende Kraft der Technik auf die zerrüttete Zeit beschwören und den grassierenden Sinnverlust mit einer Art Ethos der Funktionsfähigkeit abfangen wollen.127

„Während früher das künstlerische Genie auf der obersten Sprosse der bürgerlichen Verehrungsskala gestanden hatte, sah man jetzt in den Erfindern und Ingenieuren die eigentlichen Wegbereiter der Humanität."128 Auf institutioneller Ebene formiert sich die technokratische Bewegung', als deren Exponent an Wirkungsmacht und politischer Fungibili-tät in der anderen ,Bewegung'Jahre später Albert Speer erscheinen wird,129 1932 in der „Technokratischen Union", „dem Weltbund der ,guten' Techniker", und im „Reichsbund Deutscher Technik" (RDT).130
In mehrfacher Hinsicht beherrscht also die Technik das Denken der Zeit. Zum einen verliert sie immer mehr ihren Charakter als bloßes Instrument zur Erreichung bestimmter Zwecke, weil man ihr nun eine Eigenbedeutung als Ideal des Funktionierens und als Promotor der Verwirklichung von Ideen zugesteht, zum anderen beginnt man aber auch endgültig, der Technik als einem Prinzip utopische Ansprüche zu attestieren.
 
Während die zeitgenössische Technikkritik noch in existentialistischer Melancholie Sinnverlust beklagt, indem sie die Dominanz der Technik nur als Herrschaft des Apparats begreift,131 hat sich diese in Wahrheit schon zu einer universalen Metapher des Gelingens emanzipiert. Die Dominanz der Technik erschöpft sich nicht in der Herrschaft der Apparate, sondern wird von einem Denken begründet, das in der Technik die Lehre vom Machbaren erblickt und sie als das Medium begreift, in dem sich der Umschlag von Denken in Handeln, von Idee in Wirklichkeit ereignet. Mit der Wissenschaft im Rücken und der sportlichen Attitüde jener Jahre132 wird die Technik als verläßliches und dynamisches Prinzip schon Modell der Weltaneignung; sie ist nicht mehr das bloße Vehikel einer sich objektivierenden Phantasie, sondern rückt an die Stelle dieser Phantasie. Mit den ersten Stratosphärenflügen und Raketenautos entfesselt sich so auch folgerichtig das abenteuerlich-utopische Programm des 19. Jahrhunderts:
AUF JULES VERNE's SPUREN
Das Sander-Opel Raketenauto auf der Avus.
Jules Vemes Traum von der Ueberbrückung zweier Planeten ist nicht mehr reine Phantasie. Der Anfang ist gemacht: Heute hat auf der Avus das Raketen-Auto
[. . .] seine erste offizielle Probefahrt gemacht [. . .]
Zuerst sprach Geheimrat Schütte am Lautsprecher, um den Standpunkt der Wissenschaft zu betonen, dann ergreift Fritz von Opel, der bekannte sympathische Sportsmann, das Wort:
„[. . .] Hoffen Sie mit uns auf den Tag, an dem das erste Raumschiff mit dem Namen .Deutschland' am Rumpf schneller als die Sonne unsere Erde umfliegen wird."
Die Hülle vom Raketenauto fiel, Fritz von Opel, in schmucker, weisser Hose und leuchtender blauer Lederjacke, stieg lächelnd in den Wagen [. . .] Nach zwei Minuten war der Spuk zu Ende:  195 Kilometer sind als Höchstgeschwindigkeit erreicht worden.1SS

Im Medium der Technik vermitteln sich Wissenschaft, Sport und Utopie zu einem Konglomerat von ungebändigtem Optimismus. „Jules Vernes Traum", der „Standpunkt der Wissenschaft" und „der bekannte sympathische Sportsmann" konstituieren gemeinsam das Ereignis; ohne Jules Verne bestünde es nur in der sinnlosen Information „195 Kilometer", ohne die Wissenschaft und die sportliche Attitüde wäre alles nur „reine Phantasie" geblieben. Weil die Technik aber schon das Vertrauen genießt, aus ,bloßen' Sätzen objektive ,Taten' entstehen zu lassen, scheinen dann auch von 195 Stundenkilometern bis zum Jupiter oder gar bis zur Negation des kopernikanischen Weltbildes („schneller als die Sonne unsere Erde umfliegen") nur noch wenige Schritte zu liegen.
Pseudoereignisse sind natürlich als solche nichts neues, und auch der Zusammenhang von Technik und Utopie ist sicherlich kein Spezifikum der dreißiger Jahre. Erstaunlich ist aber zunächst, daß die Technik ausgerechnet in einer Zeit so thematisch und faszinierend wird, deren Lebens Wirklichkeit eher stagnierend von ihr geprägt wurde. Mit dem Beginn von Atlantik-, Pol-und Weltflügen tritt die Technik in ein Stadium von Demonstrationen, die ihren Charakter als Innovation nicht mehr der sinnlichen Erfahrung offenbaren, sondern nur noch als Nachricht zu begreifen sind. Eisenbahn und Automobil schockierten noch mit einem bis dahin nicht gekannten Lärm und einer bis dahin nicht gekannten Geschwindigkeit die sinnliche Erfahrung einer ganzen Generation,134 und auch das Sensationelle der frühen Flugzeuge bestand zunächst darin, daß sie überhaupt flogen, was man ebenfalls sehen konnte. Während der Periode der technischen Durchdringung ist die öffentliche Rezeption technischer Innovation und Verbreitung stets von einem Einbruch neuer Wahrnehmungen und von einer direkten Veränderung der Lebensumstände (z. B. Elektrifizierung) begleitet. Jetzt aber imponieren die Flugzeuge nicht mehr, weil sie fliegen können, sondern nur, weil sie irgendwo hinfliegen können, wovon man allerdings nur wissen kann. Es fasziniert nicht mehr der Start oder die Landung eines Flugzeugs, sondern die Fiktion, die es begleitet. Die Wirkung der Technik auf das öffentliche Bewußtsein wächst also nicht mehr als Folge einer die Lebensumstände durchdringenden Präsenz, sondern im Maße gesteigerter und vor allem auch sinnlich erscheinender ,Information'. Der Geltungswandel der Technik ereignet sich auffälligerweise in dem Augenblick, in dem die Evidenz einer möglichen Faszination durch Technik nicht mehr dem technischen Phänomen selbst, sondern nur noch den Medien abzugewinnen ist. Die Ereignisse, die jetzt von der Technik produziert werden, können nicht mehr gesehen werden,  noch nicht  einmal mehr vom Augenzeugen,  dessen endgültige Entmachtung mit der Verbreitung des Radios einhergeht. Es bedarf nicht mehr der Erklärung des Akteurs, um zu begreifen, was geschehen ist.

Ich beglückwünschte Nobile, daß er den Nordpol zum zweitenmal erreicht hatte, und er forderte mich auf, von hier einen Funkspruch nach Hause zu senden [. . .] Ich gestehe, daß ich bei Übergabe dieser Karte in Gedenken an das entfernte Vaterland, an das schöne Prag mit seiner alten steinernen Brücke, dem Königsschloß und dem Laurenzibergabhang, recht ergriffen war. Der mußte jetzt mit einer Fülle von Grün bedeckt sein, während sich unter uns die endlos traurige weiße Einöde breitete.
Es war der einzige wirklich eindrucksvolle Augenblick für mich am Nordpol. Die Erreichung des Pols kostete uns nur ein wenig vom Nichtausgeschlafensein herrührende körperliche Ermüdung; die Art und Weise, wie wir hingelangt waren, das moderne Luftschiff, in dessen Gondel wir ohne nennenswerte Anstrengung reisten, machten uns alle Gefühle unbegreiflich, wie sie etwa Peary gehabt haben mochte, als er nach dreiundzwanzigjährigem Kampf und mörderischen Märschen auf dem Polareis endlich den Nordpol erobert hatte.135
Der Augenzeugenbericht steht in entwaffnender Differenz zu allem, was in der Zeit über Luftschiffe und Expeditionen zu hören war oder mit ihnen assoziiert wurde. Noch bevor die Akteure von ihren Exkursionen zurückgekehrt waren, wußte schon die ganze Welt über Funk von ihrem Unternehmen, das sie mit persönlichen Eindrücken nur noch marginal begleiten durften. Im Gegensatz zu den alten Abenteuern liegen die mit Hilfe der Technik absolvierten bereits im vorhinein als manifeste Idee vor, sie sind methodisch erzwingbar geworden. Das Sensationelle an den Demonstrationen der Technik besteht darin, daß Ideen realisiert werden, und zwar problemlos. Die in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren als Paradigma der Sachlichkeit eingeschätzte Technik erringt immer da die größte Aufmerksamkeit, wo sie realisiert, was bisher als phantastisch galt, wenn sie Abenteuer unternimmt, die eigentlich keinem Zweck dienen, oder wenn es um das gänzlich abstrakte Bedürfnis an Rekorden geht. In dieser Hinsicht wird die Technik nun auch ästhetisch, denn sie erscheint in der sinnlich-medialen Vermittlung von Fotojournalismus,136 Radio und Wochenschau als Demonstration einer zweckfreien Handlung, die interesseloses Wohlgefallen ermöglicht.
Gerade das neue Medium des Radios macht die kommunikative Überbrük-kung von großen Entfernungen als solche schon nachrichtenfähig. Der ,Reise' durch den Äther, die den Hörern in allen möglichen Variationen137 vorgeführt wird, haftet so bis in die fünfziger Jahre allein schon etwas Abenteuerliches an. Es besteht zunächst bereits in der neuen Möglichkeit, Ereignisse im Augenblick ihres Sich-Ereignens zu erleben, dann in der auch sinnlichen Begegnung mit dem Femen und Fremden, schließlich in den Sujets, denen sich das Radio mit Vorliebe und nicht zufällig zuwendet. Gerade an den abenteuerlichen Demonstrationen der Technik, in denen Bewegung eine zentrale Rolle spielt, kann das Radio seine eigene Beweglichkeit erweisen.

Wichtiger aber als die nur in der Parallelität von technischer Show und neuen Medien möglich gewordene Ästhetisierung ist der Umstand, daß die Technik mehr und mehr ihren instrumentellen Charakter verliert und quasi als neues Subjekt der Geschichte aufzutreten beginnt oder eingeschätzt wird. Sie kann diese Rolle füllen, insofern jetzt am laufenden Band als phantastisch bekannte Handlungsideen in die Tat umgesetzt werden, die den Eindruck provozieren, daß die Technik eine Art methodischen Überbrückens der Dichotomie von Sprechen und Handeln bildet. Zudem ist der Vollzug der Handlung von der Handlungsidee völlig abgetrennt, denn jene objektiviert sich anonym, ohne daß der Handelnde noch eine entscheidende Rolle darin spielte. Bis heute spürt man beispielsweise in den Diskussionen über die Verantwortung des Naturwissenschaftlers, dessen Handlungsidee von der Handlungsrelevanz seiner Produkte abgetrennt ist, ein Unbehagen an der Eigengesetzlichkeit der Technik, den Subjekten nicht nur die Realisation, sondern auch die Entscheidung abzunehmen. Wir haben über die Verselbständigung der Vehikel in dieser Arbeit schon mehrfach gesprochen; im Hinblick auf die Technik scheint diese Eigendynamik in den dreißiger Jahren durchaus gesehen worden, aber als begrüßenswerter und faszinierender Prozeß beurteilt worden zu sein.
Die Aktivitäten und die Geltung der Technik sind nur exponierte Beispiele für die eigentümliche Dynamik, die dem ,Gesagt-Getan'-Bewußtsein der Zeit innewohnt. Im folgenden Kapitel kommen wir noch auf die Bedeutung der Spontaneität innerhalb dieses Prozesses zu sprechen. Als ein weiteres Beispiel für die Verwirklichungswut phantastischer Sätze und Pläne kann auch der architektonische Größenwahn Hitlers angeführt werden. Wenngleich die gebauten Phantasien Hitlers und Speers - gelegentlich als „hochdramatische Stimmungsarchitektur"138 gewertet - bezeichnenderweise nicht länger gehalten haben als eine Filmdekoration, ist diese manische Bauwut dennoch ein Indiz für die Realisationssucht phantastischer Pläne. Insofern ist auch dem Satz „Hitlers erstes Opfer war der alltägliche Realismus"139 zuzustimmen, denn phantastisches Sprechen geht nunmehr daran, sich in Politik und Technik zu verwirklichen. Allerdings geht dieser Prozeß wohl kaum auf Hitler zurück, sondern liegt im Bewußtsein der Epoche begründet.

b) Improvisation


„Der Weg aus dem Reich der Empfindungen ins Reich der Vorgänge"140 scheint in den Dreißiger Jahren weder lang noch beschwerlich gewesen zu sein. Insgesamt orientiert man sich gern an der Jugendlichkeit' und ihrer ungezwungenen Spontaneität, hält Unmittelbarkeit' für erstrebenswert und ,Optimismus' für unverzichtbar. In dieser Hinsicht unterscheiden sich die Dreißiger Jahre nur unwesentüch von den achtzigern. Gerade im Hinblick auf die Technik und die in diesem Exkurs besprochene Realisierungwut verdient aber die auffällige Improvisationsfreude der Zeit ein paar kurze Bemerkungen.
Auguste Piccard bewegt sich mit seinem Ballon nicht nur in der Stratosphäre, sondern gleichzeitig „in der frischen Atmosphäre des Optimismus",141 wobei sein Unternehmen wie schon dasjenige des Raketenautos wechselweise unter den Perspektiven »strenge Wissenschaftlichkeit', Jules Vernesche Expedition' oder sportlicher Höhenflug-Rekord' rezipiert wurde. Während bei allen technischen Abenteuern, die wir erwähnt haben, auch bei den Polflügen und Weltfahrten, zu Legitimationszwecken immer wieder auf einen wissenschaftlichen Bedarf an Fakten rekurriert und Wissenschaft als Garant für gutes Gelingen immer wieder betont wird, stehen in der Motivation der Akteure und im Interesse des Publikums sportliche Bewährungslust, Rekordbegeisterung und Experimentierfreude deutlich im Vordergrund. Was sich der damals geläufigen Rezeption von Technik als eine Einheit von Wissenschaft, Abenteuer, Sport und Utopie präsentiert, erscheint dem heutigen Betrachter als ein seltsamer Gegensatz zwischen dem beständigen Rekurs auf Wissenschaftlichkeit und augenfälligem Dilettantismus.
So läßt sich beispielsweise das Gelingen des Stratosphärenflugs von Piccard aus heutiger Perspektive nur noch auf eine Verkettung glücklicher Umstände zurückführen, denn das Unternehmen verlief völlig anders als geplant.
Kaum war der Ballon in die Höhe gegangen, bemerkten wir, daß eine Stelle in der Gondel undicht war [, . .]. Wir mußten diese Stelle dichten und benützten dazu ein Gemisch von Putzfäden und Vaseline [. . .]. Viel schlimmer war die Entdeckung, daß sich die Ventilleine nicht ziehen ließ. Sie hatte sich durch die schaukelnde Fahrt beim Aufstieg verwickelt und verklemmt. Wir waren Gefangene der Stratosphäre und hatten keine Möglichkeit mehr, zu landen, wann wir wollten [. . .]. Der rasche Aufstieg war daran schuld, daß wir mit unseren Messungen erst oben in der Stratosphäre beginnen konnten. Beim Einsetzen einer Sonde, die nötig war, ereignete es sich nun, daß ein Barometer zerbrach und Quecksilber gegen die Gondelwand spritzte. Das hätte äußerst verhängnisvoll werden können, weil Quecksilber auf Aluminium wirkt wie glühendes Eisen auf Butter. Aber wir hatten auch hier Glück [. . .]. Nun waren wir in der klaren Lage von Menschen, die gar keinen Entschluß mehr zu fassen, sondern einfach abzuwarten haben, wie die Dinge sich entwickeln werden.142
 
Das Mißverhältnis zwischen technischer Kontrolle, die sich damals schon Omnipotenzvorstellungen näherte,1*3 und technischer Realität wird bereits deutlich an einem Foto, welches Piccard und Kipfer vor ihrem Aluminium-Ballon mit einem selbstgebastelten Kopfschutz zeigt, der aus einem mit Kissen ausgelegten Nähkorb besteht.144
Das irritationslose Nebeneinander von utopischer Perspektive und totaler Improvisation verdeutlicht sich aber beispielsweise auch bei den ersten Raketenflugzeugen', die zwar schon diesen Namen trugen, aber gleichwohl noch aus Balsa-Holz konstruiert waren.145 Auf dem Titelblatt der Zeitschrift „Die Rakete" vom 15. Juli 1928 sieht man eine Art fliegender Seifenkiste mit folgender Bildunterschrift:
Der erste bemannte Raketenflug
Segelflugzeug „Ente" der Rhön-Rossitten-Gesellschaft.146
Die Inspirationsgemeinschaft der Konstrukteure mit der Science-Fiction-Literatur der Zeit ist unverkennbar, häufig entspricht die Etikettierung technischer Geräte aber auch der trügerischen Rezeption von Knaben, die einen Holzknüppel für eine Strahlenpistole ausgeben. 1945 war Dr. Robert Ley, promovierter Chemiker, Reichsorganisationsleiter und Chef der Deutschen Arbeitsfront, aufgrund einer Skizze auf Anhieb überzeugt, daß die Todesstrahlen erfunden worden seien.147
Eine ungeheure Freude am experimentellen Montieren, dessen Komplement des spontanen Basteins ja ein Charakteristikum der knabenhaften Weltaneignung bildet, veranlaßt die Zeitgenossen, den sich gerade am Flugzeug bewährenden Propeller auch an Lokomotiven,148 Schneefahrzeugen149 und Hubschraubern150 auszuprobieren oder Funkstationen in Züge einzubauen,151 um den Fahrgästen das Hören mehrerer Radiosender zu ermöglichen. Ein großer Teil all dieser Improvisationen bleibt Prototyp oder verschwindet nach kürzester Zeit. Der Hang zum Probieren und Experimentieren, der Wunsch, die Ideen so schnell wie möglich in die Tat umzusetzen, äußert sich so in konstruktiver Neugier, aber auch im Improvisieren mit unzureichenden Mitteln.

Während einerseits die konstruktive Neugier der Zeit beispielsweise an der Formenvielfalt neuer Sitzmöbel ersichtlich wird,152 deren Palette innovativer Gestaltung bie heute nicht wesentlich bereichert wurde, verdichtet sich andererseits das Improvisieren mit unzureichenden Mitteln zum eigenständigen Hobby, nämlich dem des Foto- oder Radioamateurs. In den dreißiger Jahren wird das KNIPSEN - ein herrliches Vergnügen und nichts leichter als das153 erfunden und als Hobby verbreitet; das spontane und unreflektierte Augen-blicksfotografieren ist Indiz für das Bedürfnis, noch den flüchtigsten Eindruck sofort zu objektivieren. Mit Hilfe des Knipsens kann Sehen jederzeit in Aktion umschlagen.
Auch das Hobby des Radioamateurs war in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren außerordentlich verbreitet und wurde von den Rundfunkzeitschriften mit eigenen Rubriken bedacht. Der Radioamateur, der mit ein paar Röhren und einem Lötkolben allabendlich auf dem Speicher sitzt und aus dem Rauschen der Welt einen klaren Empfang zu destillieren versucht, kann geradezu als symptomatische Figur der Dreißiger Jahre beschrieben werden, weil sich in ihm Basteloptimismus, Improvisationslust und die Idee technischer Beherrschung verbinden. Was dem Amateur durch fehlende Professionalität abgeht, kann er durch Optimismus allemal wettmachen. Daß alles klappen kann, wenn man nur lange genug probiert, zeigt das Beispiel des Radioamateurs Schmidt, der als erster die Notsignale der havarierten „Italia" auffing und zu Weltruhm gelangte, weil es die Zeitgenossen faszinierte, daß der Kreis technischer Kontrolle um die Auffindung und Bergung der verunglückten Expedition erst durch einen Amateur hatte geschlossen werden können.154 Schmidt untermauerte im übrigen auch das Selbstverständnis der Radioamateure, so etwas wie moderne Pioniere zu sein, weil er - an Stanley erinnernd - im Äther einen Verschollenen gefunden hatte.

Das Prinzip der Improvisation wird wiederum begünstigt von den Verfahrenstechniken der Medien, besonders des Radios. Dieses neue Medium ist zwangsläufig schnell, einmalig und flüchtig, außerdem wird seine intentiona-le Nutzung überwuchert von den funkimmanenten Offerten des Machbaren, die man unwillkürlich annimmt. Insofern die Radiomacher das Mikrophon immer dort hinstellen, wo sie die Übertragung so gerade noch technisch bewältigen können, haftet den Sendungen bis in die Mitte der dreißiger Jahre stets etwas Improvisatorisches an.155 Zudem verlangt die Gleichzeitigkeit des Sendens parallel zu den Ereignissen von den Reportern, aber vor allem auch von den Hörern, eine erhöhte Bereitschaft zur Improvisation, denn das Gesehene muß im Nu ausgesprochen und das Gehörte muß im Nu verstanden werden.
Wenngleich das Prinzip der Improvisation einem wie hier praktizierten hermeneutischen Verfahren anhand einer Textinterpretation nicht weiter zugänglich ist, so lassen sich doch sowohl die Improvisationsfreude der Zeit als auch das Kaschieren des Improvisierten und seine Präsentation als gewachsene Schöpfung an vielen Phänomenen aufzeigen. Gerade dieses Verhältnis von Improvisation einerseits und dem Versuch andererseits, den Charakter des Improvisatorischen unauffällig zu machen, ist spezifisch für die Dreißiger Jahre.
Siegfried Kracauer hat dieses Verhältnis im Zusammenhang mit den Revuetheatern und Lichtspielhäusern der Zeit beobachtet, von denen er als „Gesamtkunstwerk der Effekte"156 spricht: „Denn, rufen sie [die großen Lichtspielhäuser; Anm. von mir, R. Z.] auch zur Zerstreuung auf, so rauben sie ihr doch sogleich wieder dadurch den Sinn, daß sie die Mannigfaltigkeit der Effekte, die ihrem Wesen nach voneinander isoliert zu werden verlangen, zur künstlerischen' Einheit zusammenschweißen, die bunte Reihe der Äußerlichkeiten in ein gestalthaftes Ganzes pressen möchten [. . .] Die Zerstreuung, die sinnvoll einzig als Improvisation ist, als Abbild des unbeherrschten Durcheinanders unserer Welt, wird von ihnen mit Draperien umhängt und zurückgezwungen in eine Einheit, die es gar nicht mehr gibt. Statt zum Zerfall sich zu bekennen, [. . .] kleben sie die Stücke nachträglich zusammen und bieten sie als gewachsene Schöpfung an."157
Die kausal nur notdürftig zusammengeflickten Szenen der großen Ausstattungsrevuen, deren einzelne Bestandteile zumeist von einer größeren Anzahl von Komponisten, Textern und Gag-Schreibern stammten, konnten ihren Charakter als eine bloß geklitterte und improvisierte Einheit dabei vor allem durch einen ungeheuren Aufwand an Technik verbergen.

Dem Improvisatorischen entspricht auf der anderen Seite eine höchst professionelle Inszenierung der ,Spektakel', die im Bereich der Dekorationen und der Beleuchtungseffekte perfekt durchkomponiert sind und sich auf dieser äußerlichen Ebene durchaus als gestalthaftes Ganzes präsentieren. Ähnlich operieren einige frühe Tonfilme der Zeit, die erkennbar an die Revuetradition anknüpfen und in der Fähigkeit zur Klitterung zudem durch das filmische Mittel des Schnitts begünstigt sind.
Wie fast alle Phänomene, die auf breiter Ebene für die Dreißiger Jahre zu konstatieren sind, findet man dann auch die Prinzipien der Improvisation und deren Kaschierung mit technischen Mitteln bei Hitler und den Nationalsozialisten wieder. Hitlers Ungeduld,158 die „wilde Konsequenz", mit der er „die Bruchstücke"159 seines zusammengeklaubten Weltbildes zu einer monolithischen Vision vereinigte, seine oftmals „widersprüchlichen und sprunghaften Entscheidungen"160 erinnern ebenso an das Prinzip der Improvisation wie auch der teilweise chaotische Führungsstil der Partei.161 Die Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Hitler und den anderen Entscheidungsträgern der Partei oder seinen Mitarbeitern waren nicht reglementiert oder im Rahmen bestimmter Gremien gegeben, vielmehr basierte der Austausch auf Zufall. „Für die Mitglieder des Kabinetts wurde es zunehmend schwierig, Zugang zu Hitler zu finden, es sei denn, sie trafen ihn am Rande von Banketts oder Versammlungen."162 Aus solchen zufälligen Treffen ergaben sich dann häufig „unvorhergesehene Einflußmöglichkeiten".163 Das Zusammenwirken einer „Polykratie partikularer Ressorts"164 und die „Ämteranarchie des Dritten Reiches"165 sorgten oft für Kompetenzstreitigkeiten und unübersichtliche Situationen, die von Fall zu Fall anders bereinigt wurden. Auch der „überrennende Stil der Machtergreifung"166 und der in bestimmten Momenten improvisiert anmutende Krieg167 wären als weitere Indizien zu nennen.
Diesem Befund kontrastiert das monolithische Auftreten Hitlers und der Partei nach außen: „Nach außen wurde freilich der Eindruck regulärer und emsiger Regierungsarbeit nach dem Willen eines starken Führers erweckt."168

Dies geschah mit Hilfe von Propagandatechniken und Presselenkung, aber auch durch die permanente Inszenierung perfekt organisierter Massenveranstaltungen, auf denen sich die NSDAP dann als geschichtlich gewachsene Einheitsbewegung präsentieren konnte. So widersprüchlich, sprunghaft und teilweise improvisiert der Herrschaftsstil Hitlers und seiner Partei auch war, so durchkomponiert und einheitlich wurde er nach außen vertreten. Das Kaschieren des Improvisierten gelang aber nicht nur mit technischen Mitteln, sondern mehr noch unter ständiger Zuhilfenahme der Legitimationsfigur des Willens des Führers, dessen globaler Wirkungsanspruch durch die Identität von Volk, Führer und Reich behauptet war. Die Beschwörung von Hitlers Willen ließ einen Verdacht auf Improvisation gar nicht erst aufkommen, weil alles, was geschah, als von Hitler geplant und gewollt aufgefaßt wurde. Dementsprechend reagierte man dann auf Mißstände in der Regel mit dem bekannten Wort „Wenn das der Führer wüßte". Es ist aber auch vielfach bezeugt, daß Hitler selbst den ,rücksichtslosen Willen' als Argument des Gelingens anführte, wenn eine seiner Ad-hoc-Entscheidungen, beispielsweise im Kreise der Generäle, als zu verwegen, planlos und improvisiert abgelehnt wurde. Mit dem Verweis auf den unbedingten Willen ließ sich jeder Verdacht auf Improvisation sofort ersticken. An die Bedeutung dieser Figur des Willens werden wir im nächsten Kapitel anknüpfen.
Es finden sich innerhalb der Dreißiger Jahre also viele Indizien und Produkte eines auf Improvisation gestellten Denkens. Wenn die ideale Improvisation den Versuch bildet, die Gegenwart des Denkens mit der Zukunft des Handelns in eins zu setzen und so die Zukunft in die Gegenwart hineinzuholen, so bezahlt sie die Überlistung der Zeit zumeist um den Preis eines kurzfristigen Bestandes und gewinnt an ,Unmittelbarkeit', was sie an Dauer aufgibt. Mangelndes Geschichtsbewußtsein war schon immer die beste Voraussetzung für die unbeschwertesten Improvisationen. Ein Beispiel für diesen Zusammenhang gibt noch das Wort „Blitzkrieg", in dem sich das Bedürfnis nach einem spontanen Zugriff auf die Zukunft äußert, der Wunsch, das kaum Gedachte schon zu tun. Gerade der „Blitzkrieg" zeugt aber auch davon, daß Improvisationen sich nur in der Zerstörung geschichtliche Dauer verschaffen können.




77  Ab ungefähr 1928 konsolidiert sich der Flugzeugbau mit der Entwicklung von Typen, die viele Jahre in Dienst bleiben. Für den deutschen Bereich wäre vor allem die Junkers Leichtmetallbauweise zu nennen, welche Konstruktionslinie 1932 in der äußerst zuverlässigen und robusten Ju 52 (Tante Ju) endet, die bis 1939 das am meisten verbreitete Verkehrsflugzeug Europas blieb. Siehe zur Situation des Flugzeugbaus in den Jahren 1926 bis 1933: Troitzsch, Ulrich / Wolfhard Weber (Hg.): Die Technik - Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Braunschweig 1982, S. 503-506. Siehe weiterhin: Wissmann, Gerhard: Geschichte der Luftfahrt von Ikarus bis zur Gegenwart. Eine Darstellung der Entwicklung des Fluggedankens und der Luftfahrttechnik. Berlin 1960, S. 315-359.
78  1928 hatten die , weißen Flecken' auf der nördlichen Polkappe eine Ausdehnung von zweieinhalb Millionen Quadratkilometern (siehe Berliner Tageblatt. Jg. 57, Nr. 235, 19. Mai 1928, Abend-Ausgabe, 1. Beiblatt). Insgesamt waren zu diesem Zeitpunkt sieben Zehntel der Erdoberfläche noch nicht genau kartographiert; siehe dazu Troitzsch (s. Anm. 7 7), S. 505.
79  Schäfer (s. Anm. 33), S. 123.
80  Siehe Hassert, Kurt: Die Polarforschung. Geschichte der Entdeckungsreisen zum Nord- und Südpol. München 1956, S. 189.
81  Siehe Hassert (s. Anm. 80), S. 190.
82 Stein: Der große Kulturfahrplan. Lizenzausgabe. München 1979, S. 1079.
83  Eine Darstellung bietet: Beinhom, Elly: ... so waren diese Flieger. Herford 1966. S. 21f.
84  Siehe Hassert (s. Anm. 80), S. 191f.
85  Am 23. Mai 1928 startete das Luftschiff „Italia" unter dem Kommando General Nobiles von Kingsbay aus zum Nordpol. In den Abendblättern des 24. Mai wird der Überflug des Nordpols gemeldet. Zwischen dem 26. Mai und dem 2. Juni ist die „Italia" verschollen. Am 2. Juni fängt ein russischer Amateurfunker Notsignale auf, am 4. und 5. Juni wird dieser Umstand bekannt. Am 18. Juni startet Amundsen zu einer Hilfsaktion, von der er nie wieder zurückkehrt. Viele Nationen beteiligen sich mit Expeditionsschiffen und Aufklärungsflügen an der Suchaktion nach Nobile und Amundsen. Am 25. Juni landet der schwedische Flieger Lundborg auf der treibenden Eisscholle und evakuiert aus der Gruppe der Überlebenden den verletzten Nobile. Am 27. Juni landet er erneut, havariert jedoch und muß nun seinerseits auf Rettung harren. Zwischen dem 5. und 6. Juli wird Lundborg dann per Flugzeug von der Eisscholle evakuiert. Eine Splittergruppe der Überlebenden, die sich mittlerweile zu Fuß auf den Weg gemacht hatte, um Cap Leigh Smith zu erreichen, wird von dem russischen Flieger Tschuchnowski gesichtet. Bei einem Landungsversuch zerbricht dessen Fahrgestell, wodurch er ebenfalls in eine Notlage gerät und erst am 15. Juli gerettet werden kann. Am 12. Juli nimmt der russische Eisbrecher „Krassin" die Splittergruppe auf, die nur noch aus zwei Mann besteht. Der schwedische Wissenschaftler Malmgreen ist zwischenzeitlich gestorben. Am Abend desselben Tages erreicht der Eisbrecher auch die Hauptgruppe der überlebenden Expeditionsmannschaft auf der Eisscholle. Siehe zur Dokumentation dieses Vorgangs: Behounek, Franz: Sieben Wochen auf der Eisscholle. Der Untergang der Nobile-Expedition. Leipzig 1929. Ergänzend zu diesem Augenzeugenbericht kann die Dokumentation von Otto Katz gelesen werden: O. K., Neun Männer im Eis. Dokumente einer Polartragödie. Berlin 1929. Die Tageszeitungen, z. B. das „Berliner Tageblatt" oder die „Frankfurter Zeitung" berichten zwischen Mitte Mai und Mitte Juli 1928 täglich.
86  Siehe Hassert (s. Anm. 80), S. 244.
87  Siehe Stein (s. Anm. 82), S. 1091.
88  So z. B. der Ost-West-Ozeanflug des Dornier-Wal und die Arktisfahrt der „Graf Zeppelin" unter Hugo Eckener; siehe Stein (s. Anm, 82), S. 1095; siehe weiterhin: Atlantis-Querschnitt. Die dreißiger Jahre im Spiegel einer Zeitschrift. Zürich 1978, S. 19-28.
89  Siehe Stein (s. Anm. 829, S. 1103; siehe auch: Beinhom-Rosemeyer, Elly: Berlin-Kapstadt-Berlin. Mein 28 000 Km Flug nach Afrika. 2. Aufl. Berlin 1940.
90  Siehe Stein (s. Anm. 82), S. 1111; siehe zu den Weltflügen Willy Posts auch Wissmann (s. Anm. 77), S. 374.
91  Siehe Stein (s. Anm. 82), S. 1111; siehe auch Beinhorn-Rosemeyer (s. Anm. 89).
92  Siehe Stein (s. Anm. 82), S. 1111.
93  Siehe Stein (s. Anm. 82), S. 1109.
94  Siehe: Der Deutsche Rundfunk. Jg. VI, H. 24, 8. Juni 1928, S. 1580.
95  Siehe: Berliner Tageblatt. Jg. 57, Nr. 235, 19. Mai 1928, Abend-Ausgabe, 1. Beiblatt.
96  Siehe: Professor Piccards Forschungsflug in die Stratosphäre. Verlauf des Stratosphärenflugs und dessen wissenschaftliches Ergebnis. Mit Beiträgen von Professor Dr. A. Piccard, Ingenieur P. Kipfer und anderen Sachverständigen. Hg. Neue Augsburger Zeitung. Augsburg 1931, S. 77: „Ich erkläre die Stratosphäre für offen."
97  Siehe Nagl, Manfred: Science Fiction in Deutschland. Untersuchungen zur Genese, Soziographie und Ideologie der phantastischen Massenliteratur. Tübingen 1972, S. 174, siehe auch 171 (= Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen, Bd. 30).
98  Siehe zum Thema ,Raketenmotor': Treue, Wilhelm: Die Technik vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg. In: Handbuch der deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Hg. Hermann Aubin und Wolfgang Zorn. Bd. 2. Stuttgart 1976, S. 105-118, 113.
99  Siehe: Berliner Tageblatt. Jg. 57, Nr. 295, 24. Juni 1928, Morgen-Ausgabe. Die Schlagzeile lautet: „,Rak 1' explodiert. Panik unter den Zuschauern. - Personen nicht verletzt" (S. 1).
100  Das Buch erschien 1923 unter dem Titel „Die Rakete zu den Planetenräumen", 1929 dann in dritter Auflage unter dem Titel „Wege zur Raumschiffahrt". Von 1938 bis
1940  machte Oberth Raketenversuche an der Technischen Hochschule Wien, ab
1941  arbeitete er an der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde. Siehe zu den ersten Raketen versuchen in Europa: Michaelis, Anthony R.: Space Technology. In: A History of Technology. Ed. Trevor I. Williams. Vol. VII: The Twentieth Century c. 1900 to c. 1950, Part II. Oxford 1978, S. 857-870, 859-863.
101  Die Rakete. Zeitschrift des Vereins für Raumschiffahrt E.V. Breslau, 15. Sept. 1928, Jg. 2. Siehe z. B. S. 134: „V. Die Fahrt zum Mars. Die Reise zum Mars bietet im wesentlichen keine größeren Schwierigkeiten als die zur Venus". Es folgen dann Berechnungen der Raketenbahn.
102  Die Begeisterung an abstrakten Geschwindigkeiten wird aus der regen öffentlichen Anteilnahme an den Geschwindigkeitsrekordversuchen ersichtlich. Die deutschen Rennfahrer Bernd Rosemeyer und Rudolf Caracciola überbieten einander im wöchentlichen Wechsel mit neuen Rekorden. Bei einem dieser Rekordversuche kam Rosemeyer dann ums Leben. Siehe dazu: Rosemeyer-Beinhorn, Elly: Mein Mann, der Rennfahrer. Der Lebensweg Bernd Rosemeyers. Berlin 1938 (= 117.-200. Tsd.), S. 199. Siehe auch: Caracciola, Rudolf: Mein Leben als Rennfahrer. Berlin 1938 (= 50. Tsd.). Die Auflagenhöhe dieser beiden Bücher bildet schon ein Indiz für das Interesse eines breiten Publikums. Siehe zur Geschichte der Rekorderhebung in der modernen Industriegesellschaft: Krockow, Christion Graf von. Sport und Industriegesellschaft. München 1972, S. 15: „Der Begriff des Rekordes kommt freilich für die sportliche Spitzenleistung erst Jahrhunderte später in Gebrauch, er ist seit 1883 nachgewiesen. Ursprünglich meint ,record' eine gerichtliche Urkunde mit unumstößlicher Beweiskraft."
103  Siehe Beinhorn (s. Anm. 83), S. 27. Siehe auch den Espenlaub-Raketenflugversuch von 1929, dokumentiert bei Wissmann (S. Anm. 77), Bild 147.
104  Siehe dazu: Nagl (s. Anm. 97), S. 158 („Wunderwaffen"); Stratosphärenflugzeuge spielen auch eine tragende Rolle bei Hans Dominik: Der Wettflug der Nationen. Leipzig 1933. Anläßlich des Stratosphärenflugs von Piccard stellt dessen Assistent Kipfer fest: „Das Wort ,Stratosphäre', bisher mehr oder minder nur dem Fachmann geläufig, ging plötzlich von Mund zu Mund." Siehe Piccard (s. Anm. 96), S. 119. Man versprach sich damals von der Benutzung der Stratosphäre kürzere Flugzeiten wegen des geringeren Luftwiderstandes, ohne zu bedenken, daß die dünnere Luft auch geringfügigere Trageigenschaften habe. Siehe Piccard (s. Anm. 96), S. 13: „Man vergegenwärtige sich: Der Zürcher frühstückt noch gemütlich zu Hause, steigt um 8 Uhr in Dübendorf auf und besucht abends eine Galavorstellung der Metropolitan-Oper in Neuyork. In 11 Stunden sind die 6600 km, die uns vom amerikanischen Kontinent trennen, durch das Stratosphärenflugzeug glatt erledigt." Es geht zwar heute in sechs bis acht Stunden, aber immer noch nicht in der Stratosphäre. Der Flug Piccards ist ein Beispiel für die Sogwirkung einer singulären technischen Tat, die eine sofortige Ausweitung der Grenzen des Machbaren nach sich zieht.
105 Propellergetriebenes Schienenfahrzeug. Abbildung in: Sembach, Klaus-Jürgen: Stil 1930. Tübingen 1971, Abbildung 70.
106  Siehe: Die Geschichte der Deutschen Lufthansa. Hg. Deutsche Lufthansa Aktiengesellschaft. Köln 1980, S. 42 (Abbildung).
107  Siehe Nagl (s. Anm. 97), S. 171: „Zwischen 1920 und 1933 wurden weit mehr deutsche Science-Fiction-Romane ins Englische übersetzt als umgekehrt."
108  Siehe Hermand, Jost / Frank Trommler (Hg.): Die Kultur der Weimarer Republik. München 1978, S. 60. Siehe zur .technokratischen Bewegung': Ludwig, Karl Heinz: Technik und Ingenieure im Dritten Reich. Düsseldorf 1974, S. 55.
109  Siehe Stahlschmidt, Rainer: Quellen und Fragestellungen einer deutschen Technikgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts bis 1945. Göttingen 1977 (= Studien zu Naturwissenschaft, Technik und Wirtschaft im Neunzehnten Jahrhundert, Bd. 8). Siehe zu unserer Behauptung insbes. die Seiten 12, 13, 15 und 17.
110 Stahlschmidt (s. Anm. 109), S. 12f.
111  Stahlschmidt (s. Anm. 109), S. 15.
112  Stahlschmidt (s. Anm. 109), S. 69.
113  Stahlschmidt (s. Anm. 109), S. 70.
114  Die Arbeit Stahlschmidts (s. Anm. 109) bildet den Versuch, die Forschungslücken aufzuzeigen. Speziell für den Bereich der Luftfahrt, aber auch für die Bereiche Fotografie und Film, beklagt Stahlschmidt, daß eine Wirkungsgeschichte weitgehend ungeschrieben sei (S. 18-20, 69f). Ansätze zu einer kritischen Technikgeschichte, leider nicht unseren Zeitraum tangierend, unternimmt: Eichberg, Henning: Die historische Relativität der Sachen. Auf dem Weg zu einer kritischen Technikgeschichte. Münster 1984 (= Geschichte der Sachen, Bd. 1).
115  Stahlschmidt (s. Anm. 109), S. 50.
116  Stahlschmidt (s. Anm. 109), S. 50.
117  Siehe zur Wirkungsgeschichte von Henry Ford: Hermand/Trommler (s. Anm. 108), S. 52f; weitere Titel dieser Tendenzliteratur: Gottl-Ottilienfeld, Friedrich von: Vom Sinn der Rationalisierung (1929); Weiss, Hilde: Abbe und Ford. Kapitalistische Utopien (1927); Wagner, Otto: Schönheit der Technik (1928); Kollmann, Franz: Schönheit der Technik (1928); Weinreich, Hermann: Bildungswerte der Technik (1928).
118  Ludwig (s. Anm. 108), S. 53.
119  Ludwig (s. Anm. 108), S. 53.
120 Erschienen München 1931. Siehe zur Wirkungsgeschichte Oswald Spenglers: Feiken, Detlef: Oswald Spengler. Konservativer Denker zwischen Kaiserreich und Diktatur. München 1988.
121  Siehe Ludwig (s. Anm. 108), S. 48.
122 Wolf (s. Anm. 41), S. [9].
123  Nagl (s. Anm. 97), S. 159, siehe auch 154.
124  Friedrich Dessauer war in den zwanziger Jahren Lehrstuhlinhaber für die physikalischen Grundlagen der Medizin an der Universität Frankfurt, später Professor für Radiologie und Biophysik. Er reaktivierte die von E. Kapp 1877 begründete ,Philosophie der Technik' (Ernst Kapp: Grundlinien einer Philosophie der Technik. Zur Entstehungsgeschichte der Cultur aus neuen Gesichtspunkten. Braunschweig 1877) und wurde zum Nestor der deutschen Technikphilosophen mit seinem Buch „Philosophie der Technik. Das Problem der Realisierung", Bonn 1927. Seine Wirkungsgeschichte dauert nach dem Zweiten Weltkrieg an. Siehe dazu: Lenk, Hans: Zur Sozialphilosophie der Technik. Frankfurt a. M. 1982, S. 17f.
125  Siehe z. B. dessen Broschüre „Kulturformung durch Technik und Wirtschaft" (Stuttgart/Berlin 1930). Lufft will mit dem Vorurteil aufräumen, daß die Völker von Wirtschaft und Technik bedroht sind. Er entwickelt pseudowissenschaftliche Begriffssondierungen, an deren Ende die Technik als objetive Sittlichkeit erscheint. Seine Botschaft trägt unverkennbare Züge des Rassenchauvinismus (siehe z. B. S. 94-99).
126 Eugen Diesel trat während der dreißiger Jahre mit einer Fülle von populärwissenschaftlichen Publikationen hervor, die die nationalsozialistische Perspektive auf die Technik verdeutlichen und verbreiten halfen. Siehe z. B.: E. D., Völkerschicksal und Technik. Stuttgart 1930; E. D., Die Neugestaltung der Welt. Zur Frage unseres technischen Schicksals. 2. Aufl. Berlin 1932; E. D., Technik, Nation und Welt. Frankfurt a. M. 1934 (= Das Reich im Werden. Arbeitshefte im Dienste politischer Erziehung. Reihe: Deutsches Schrifttum, Heft 13).
127  Der irritationslose Umschwung von Pragmatik in Ethik war damals sehr geläufig und beliebt. In einem vielgelesenen Buch der Zeit veranschlagt der Autor die „Ethik des Sportsmanns und des Ozeanfliegers" als Ideal für die Jugend (siehe: Matzke, Franz: Jugend bekennt: so sind wir! Leipzig 1930, S. 95). Das Buch tritt mit dem Anspruch auf, das Lebensgefühl der jungen Generation zu beschreiben und ist in mancherlei Hinsicht ein wertvolles Dokument der Zeit.
128  Hermand/Trommler (s. Anm. 108), S. 60.
129  Dies entspricht zumindest Speers eigener Einschätzung. In seinen „Erinnerungen" (8. Aufl. Frankfurt a. M./Berlin 1970) beschreibt Speer, wie er Hitler einen Artikel aus dem „Observer" vorlegte, der Speers Rolle folgendermaßen analysierte: „Er [Speer; Anm. von mir, R. Z.] symbolisiert eher einen Typus, der in steigendem Maße in allen kriegsführenden Staaten wichtig wird; den reinen Techniker, den klassenlosen, glänzenden (bright) Mann ohne Herkommen, der kein anderes Ziel kennt, als seinen Weg in der Welt zu machen, nur mittels seiner technischen und organisatorischen Fähigkeiten. Gerade das Fehlen von psychologischem und seelischem Ballast und die Ungezwungenheit, mit welcher er die erschreckende technische und organisatorische Maschinerie unseres Zeitalters handhabt, läßt diesen unbedeutenden Typ heutzutage äußerst weit gehen. Dies ist ihre Zeit" (S. 356). Speer berichtet, daß Hitler den offenbar von Speer selbst übersetzten Kommentar wortlos las (ebd.). In seinem Schlußwort beim Nürnberger Prozeß kommt Speer auf diesen Zusammenhang, der sich auch wie ein roter Faden durch seine Reflexionen im Spandauer Gefängnis zieht, noch einmal zurück, wenngleich er dort, implizit apologetisch, eine Vision vom zentralistisch gesteuerten und technisch kontrollierten Staat Hitlers entwirft, die - in dieser Kürze - der Befehlspraxis im Dritten Reich nicht entsprach (siehe S. 52lf). Siehe erweiternd zu diesem Komplex: Speer, Albert: Technik und Macht. Hg. Albert Reif. Frankfurt a. M./Berlin 1981.
130  Siehe Ludwig (s. Anm. 108), S. 55.
131  Siehe Jaspers, Karl: Die geistige Situation der Zeit. 5., zum Teil neubearb. Aufl. Berlin/Leipzig 1933, S. 36-40: „Das Bewußtsein im Zeitalter der Technik" und S. 40-43: „Die Herrschaft des Apparats".
132  Bei allen Rekord- und Expeditionsflügen der Zeit wird gleichermaßen von einer technisch-wissenschaftlichen wie auch von einer sportlichen Leistung gesprochen. Rennfahrer und Flieger erscheinen sowohl als technische Pioniere wie auch als sportliche Helden. Die Amalgamierung von Sport, Technik und Wissenschaft in Verbindung mit dem Abenteuerlichen wird besonders deutlich an dem von Dr. Arnold Fanck geschaffenen Film-Genre des Polar- oder Berg-Expeditionsfilms, von denen er mehrere Filme drehte, in denen u. a. Leni Riefenstahl, Ernst Udet und Luis Trenker als Darsteller mitwirkten. Siehe zur Durchdringung von Sport und Abenteuer: Bemett, Hajo: Untersuchungen zur Zeitgeschichte des Sports. Schorndorf 1973, S. 118f.
133  Berliner Tageblatt. Jg. 57, Nr. 241, 23. Mai 1928. Morgen-Ausgabe, 1. Beiblatt.
134 Siehe dazu: Schivelbusch, Wolfgang: Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert. München/Wien 1977. Wie die Verbreitung des Radios mit der Eroberung des Luftraums einhergeht wurde übrigens auch der Telegraph erst parallel zur Eisenbahn in Anwendung gebracht, obwohl er lange vorher erfunden wurde (siehe S. 32).
135  Behounek (s. Anm. 85), S. 90f.
136  Siehe dazu das Kapitel „Beginn des Photojournalismus in Deutschland" in: Freund, Gisele: Photographie und Gesellschaft. 22.-24. Tsd. Reinbek b. Hamburg 1986. S. 122-141.
137  \yjj- zitieren unsere eigene Transskription des Tondokuments Nr. 369 aus den Beständen des Deutschen Rundfunkarchivs in Frankfurt (Bild- und Tonträger-Verzeichnisse. Hg. vom Deutschen Rundfunkarchiv. Nr. 8: Tondokumente zur Zeitgeschichte 1888-1932. Frankfurt a. M. 1977, S. 112): „Drahtloses Gespräch mit den Eibfeuerschiffen III und IV über die Station ,Elbe-Weser-Radio' bei Cuxhafen. Adolf Wasmus (Reporter); Hörn, Elbe III (Funkmaschinist); Clasen, Elbe IV (Steuermann); Telefonisten auf dem Femamt Cuxhafen und in Norddeich; Regierungsrat Hans von der Hey de, Schiffahrtsamt Cuxhafen. Juni 1932." Wir zitieren nur die wichtigsten Passagen des teilweise kaum zu verstehenden Tondokuments. Die völlige Funktionslosigkeit des Gesprächs zwischen Regierungsrat von der Heyde und Funkmaschinist Hörn wird schon daran evident, daß sie sich gar nichts zu sagen haben, außer daß die Verständigung gut klappt. Um diese, um Verständigung über weite Strecken, geht es denn auch einzig. Dem oben erwähnten Katalog ist zu entnehmen, daß unzählige solcher Pseudogespräche gesendet wurden, die außer der Imagination großer Entfernungen keinen Zweck verfolgten. (Wasmus) Das ist ja großartig, Herr Regierungsrat, Sie können unmittelbar von
hier aus mit dem Feuerschiff reden? (Heyde)     Oh ja, das machen wir schon lange [. . .]. (Wasmus)  Das ist ja ganz wunderbar, natürlich per Radio. (Heyde)     Ja, natürlich, es geht über Postleitung, über Elbe-Weser-Radio [. . .]. Da
scheint „Elbe III" schon zu sein. (?)              Achtung Elbe III, Achtung, wir verbinden mit Feuerschiff Elbe III, hallo
Elbe III, wollen sie sich bitte melden. Achtung, Achtung [. . .]. (Heyde)     Hallo?
(Hörn)       Ja, hier ist Feuerschiff „Elbe III". (Heyde)     Ja, schön, wer ist am Apparat? (Hörn)        Hier spricht Funkmaschinist Hörn. (Heyde)     Ja, Herr Hörn, hier ist von der Heyde, guten Abend, wie sieht es denn
da draußen aus bei Ihnen? (Hom)       Ja, die Sicht ist nicht besonders. (Heyde)     Nicht besonders? (Hörn)       Nein, sie könnte besser sein. (Heyde)     So, die Sicht ist nicht besonders, Sie können nicht weit sehen, nicht?
Liegen dort viele Schiffe auf Reede? (Hörn)       Es sind fünf Schiffe hier auf Reede. (Heyde)     Fünf? Ah so. (Hörn)       Ja, fünf.
(Heyde)     Ja und sonst ist nichts weiter? (Hörn)       Nein, sonst ist hier nichts besonderes los. (Heyde)     Ja, dankeschön Herr Hörn, das ist in Ordnung. Guten Abend. (Hörn)        Die Verständigung ist ausgezeichnet. (Heyde)     So.
(Hörn)        Sonst ist hier nichts los. (Heyde)     Ja, dankeschön. Auf Wiederhören.
[Störgeräusche] (Heyde)     Ja, natürlich, Herr Doktor, das ist weiter nichts neues für uns, das
machen wir fast täglich. (Wasmus) So ganz eingelaufen hier? (Heyde)     Ja, das ist vollkommen eingelaufen. (Wasmus) Sie wollten doch noch „Elbe IV anrufen.
(Heyde)     Ganz recht, Herr Doktor, wir wollen auch mal „Elbe IV anrufen. Dergestalt waren die ersten Live-Sendungen im Radio. Man fühlt sich streckenweise an  Horväthsche  Dialoge  erinnert,  deren  Sprachlosigkeit immer wieder in  die Szenenanweisung ,Stille' mündet (siehe z. B. „Geschichten aus dem Wiener Wald"). Die ,Stille' ist hier durch die Störgeräusche ersetzt.
138  Bartetzko, Dieter: Illusionen in Stein. Stimmungsarchitektur im deutschen Faschismus. Ihre Vorgeschichte in Theater- und Film-Bauten. Reinbek b. Hamburg 1985, S. 89.
139 Virilio, Paul: Krieg und Kino. Logistik der Wahrnehmung. Aus dem Französischen von Frieda Gräfe und Enno Patalas. München/Wien 1986, S. 105 (Guerre et cinema I. Logistique de la perception. Paris 1984).
140 Matzke (s. Anm. 127), S. 144.
141  Piccard (s. Anm. 96), S. 16.
142  Piccard (s. Anm. 96), S. 73.
143  Siehe Nagl (s. Anm. 97), S. 153 („Omnipotenzsehnsüchte [Tarnkappen, Todesstrahler usw.]"). Ein späteres Beispiel für den bedingungslosen Glauben an die Wundermacht der Technik ist das Vertrauen, das die deutsche Öffentlichkeit, aber auch hohe Generäle in die Ankündigung von V 1 setzten.
144 Piccard (s. Anm. 96), Abbildung 20.
145  Siehe: Die Rakete. Nr. 6. Breslau, 15. Juni 1928, Jg. 2, Titelfoto. Bauanleitung im Inneren des Heftes.
146  Die Rakete. Nr. 7. Breslau, 15. Juli 1928, Jg. 2, Titelfoto und Bildunterschrift. Siehe auch Wissmann (s. Anm. 77), S. 353.
147  Siehe Speer (s. Anm. 129), S. 467f.
148  Siehe Anm. 105.
149  Der sogenannte ,Schneespatz'. Siehe die Abbildung in: Schif, Curt: Der Propellerschlitten. In: Wegener, Kurt (Hg.): Wissenschaftliche Ergebnisse der deutschen Grönland-Expedition Alfred Wegener 1929 und 1930/31. Bd. I: Geschichte der Expedition. Leipzig 1933, S. 77-102, 79.
150 Siehe Wissmann (s. Anm. 77), S. 359.
151  Siehe Wildt, Dieter: Und der Haifisch, der hat Zähne ... In: Jahr und Jahrgang 1928. Von Günther Gillessen, Dieter Wildt und Rolf Becker. Hg. Joachim Karsten. Hamburg 1968, S. 53-108, 66.
152  Z. B. der Barcelona-Sessel Ludwig Mies van der Rohes (1929); die Stahlrohr-Sessel und -Liegen Le Corbusiers (1929); die Stuhl- und Sesselkonstruktionen Marcel Breuers (1933); der Brno-Stuhl Ludwig Mies van der Rohes (1930); die für den Rauchsalon des Luftschiffes ,LZ 129' entworfenen Drehsessel von Fritz August Breuhaus de Groot (1932); die Schwingstühle Mart Stams (1930/32). Einige der hier erwähnten Sitzmöbel sind abgebildet in: Sembach (s. Anm. 105).
153  Filmwelt. Nr. 3. Berlin, 17. Jan. 1932. Annonce der Ufa-Handelsgesellschaft.
154  Siehe dazu das Kapitel „Der Radioamateur Schmidt" in: Katz (s. Anm. 85), S. 83-88. Von den unzähligen zwischen 1926 und 1932 erschienenen Büchern für Radioamateure sei hier nur das erfolgreichste erwähnt: Der praktische Radioamateur. Das ABC des Rundfunks zum praktischen Gebrauch für jedermann. Von Hanns Günther und Dr. Franz Fuchs. 20., völlig neu bearb. Aufl. Stuttgart 1929 (= 94.-97. Tsd.). Allein von diesem Autorengespann erschienen in den zwanziger Jahren noch ungefähr ein Dutzend Publikationen.
155 Fast immer beschweren sich die Rundfunkzeitschriften über die mangelhafte Qualität der Übertragung, über den Umstand, daß kaum etwas zu verstehen gewesen sei. Siehe z. B.: Der Deutsche Rundfunk. Jg. 6, H. 20. Berlin, 11. Mai 1928, S. 1309; hier wird die mangelhafte Übertragung des Starts des Luftschiffes „Italia" beklagt.
156 Kracauer, Siegfried: Kult der Zerstreuung. In: S. K., Das Ornament der Masse (S. Anm. 4), S. 311-317, 312.
157 Kracauer, Siegfried: Kult der Zersteurung. In: S. K, Das Ornament der Masse (S. Anm. 4), S. 311-317, 315f.
158  Siehe dazu: Fest, Joachim C: Hitler. Eine Biographie. Frankfurt a. M./Berlin/Wien 1973, S. 837.
159 Fest (S. Anm. 158), S. 527; siehe auch: Haffner, Sebastian: Anmerkungen zu Hitler. 151.-160. Tsd. Frankfurt a. M. 1981, S. 33.
160 Thamer, Hans-Ulrich: Verfuhrung und Gewalt.  Deutschland  1933-1945.  Berlin 1986, S. 344 (= Die Deutschen und ihre Nation, Bd. 5).
161  Siehe Thamer (s. Anm. 160), S. 342.
162 Thamer (s. Anm. 160), S. 343.
163 Thamer (s. Anm. 160), S. 343.
164 Thamer (s. Anm. 160), S. 345.
165 Thamer (s. Anm. 160), S. 342.
166 Fest (s. Anm. 158), S. 550.
167 Siehe Fest (s. Anm. 158), S. 11.
168 Thamer (s. Anm. 160), S. 345.





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