III DAS DRAMATISCHE BEWUSSTSEIN
Wirklichkeit im Spannungsfeld von Sprechen und Handeln
(Hörspiel - Drama - Sprechchor)
Vorbemerkung
Wenn hier im folgenden zur Kennzeichnug eines Epochenbewußtseins mit dem Begriff ,dramatisch' operiert wird, so könnte sich der Verdacht einstellen, daß diese Prädikation in das Selbstverständnis der dreißiger Jahre zurückfällt. An der Französischen Revolution - neben dem Dritten Reich die andere Phase europäischer Geschichte, die gerne mit dramatischen Zügen ausgestattet wird - ist zu studieren, wie ihre Geschichtsschreibung von vornherein mit dem RevolutionsVerständnis ihrer Protagonisten belastet war,1 dessen dynamische Konzeption unsere Vorstellung der ,Revolution' bis heute prägt. In ähnlicher Weise wird auch der Blick auf die dreißiger Jahre sehr schnell von der dramatischen Geschichtsauffassung der Nationalsozialisten in den Bann gezogen. Gegenüber der Französischen Revolution, die kein rechtes Ende hat2 und als offene Handlung begriffen wird, verführt das Dritte Reich als ein ausgrenzbarer historischer Zeitraum dann auch noch verstärkt zur Idee einer vollständigen und abgeschlossenen Handlung von Personen, die an die Figur Hitlers geknüpft ist, sich in einem Spannungsbo-gen entwickelt und schließlich in die Katastrophe mündet. Die Epochendarstellungen lassen sich nicht selten verleiten, das Dritte Reich als Drama der Geschichte zu lesen, wovon schon ihr Vokabular Zeugnis ablegt. Die Selbststilisierung des Dritten Reichs mit seiner Kulissen-Architektur, seinen permanenten Fackelzügen, Aufmärschen und Fahnenweihen hat eine von Theater-Metaphorik durchsetzte Rezeption zudem beträchtlich gefördert.
Läßt sich der Verdacht auf eine gattungsmorphologische Geschichtsbetrachtung schon allein deshalb zurückweisen, weil hier nicht vom Dritten Reich, sondern von den Dreißiger Jahren gesprochen wird, so birgt doch der Begriff ,dramatisch' die weitere Gefahr, im Sinne einer feuilletonistischen Epochenskizzierung mißverstanden zu werden, etwa analog einem Verständnis, das die Biedermeierzeit als eine idyllische ausweist. Vertraut man sich nämlich dem Lebensgefühl der dreißiger Jahre an, so scheint es sich im populären Sinne des Wortes tatsächlich um eine ,dramatische' Zeit gehandelt zu haben. Die in vielen Reden und Zeitschriften, aber auch in auflagenstarken Büchern kursierende ,tragische' Geschichtsauffassung Oswald Spenglers,3 die ,heroische' des „Tat"-Kreises,4 Biographismus der Helden als Mode,5 Tatmenschen auf den Plakaten, eine von Dramatik durchzogene Darstellung der Arbeitswelt in den Dokumentarfilmen, Spannung und Heldentum in Sport und Technik, ,dramatische' Abenteuer bei Polarexpeditionen und Atlantikoder Rekordflügen, Diskontinuität in Politik und Wirtschaft, Aufbruchstimmung, Tathunger - das alles erweckt auf der Ebene eines Epochenimpressionismus den Eindruck einer spannungsgeladenen, konfliktreichen, auf jeden Fall aber schnellebigen und betriebsamen Zeit. Der Selbsteinschätzung der Zeitgenossen folgend, scheint es ,in der Wirklichkeit' damals recht spannend und .dramatisch' zugegangen zu sein, allerdings nicht im Theater.
Interessanterweise verabschieden sich nämlich die großen Theater-Tendenzen der Zeit von der Idee, daß es auf der Bühne um eine dramatisch vorangetriebene Handlung gehe. Das epische Theater verzichtet weitgehend auf dramatische Prozesse und konzentriert sich auf eine szenische Diskussion von Vorgängen und Zuständen; das Revue-Theater, sowohl das politische Piscators wie auch die Ausstattungsrevuen Charells oder Kleins, zeichnet sich durch eine Beliebigkeit der Szenenfolge und einen Verlust dramatischer Kausalität zugunsten eines Mosaiks von Szenen aus; selbst das völkischnationale, sogenannte ,heroische' Theater6 stellt nicht den Begriff der Handlung, sondern den der Haltung zentral.7
Während die Revuen dann mit dem Aufkommen des Tonfilms verdrängt oder von diesem fortgesetzt werden und das epische Theater mit der Machtergreifung emigriert, bleibt die Auffassung des heroischen Theaters als eines Theaters der ,Worttat' oder ,Willensrede'8 noch bis in die späten dreißiger Jahre auf der Bühne wie auch im Thing-Spiel bestimmend.
Wir haben im vorigen Kapitel die auf allen Ebenen erkennbare Vorliebe der Zeit für das Statuarische, Unbewegte und Erstarrte, ihre Auslieferung an die Idee fester und unveränderbarer ,Tatsachen' mit ihrer Hingabebereitschaft an alles Bewegte, Ruhelose und Dynamische kontrastiert und zu zeigen versucht, daß ,Tatsache' und ,Bewegung' Schlüsselbegriffe der Dreißiger Jahre sind, insofern das Denken permanent auf sie abstellt und von den mit diesen Begriffen verbundenen Vorstellungen dominiert wird. Die immer wieder gelingende Scheinvermittlung von Manifestem und Dynamischem, von Liquidität und Erstarrung, haben wir dabei als eine Leistung des Bewußtseins beschrieben, die wir Überblendung nannten. Aufgrund dieser Überblendung konnte die im Selbstbewußtsein der Zeit stabile Dichotomie von ,Wirklichkeit' und ,Denken' kurzgeschlossen und aufgehoben werden; ,Tatsachen', dem Anspruch nach feststehende' Größen der ,Wirklichkeit', erschienen nicht als Gegenüber des Denkens, sondern gerade als sein Movens; ,Bewegung', dem Anspruch nach die Veränderbarkeit von ,Wirklich-keit' im Hinblick auf ein zu Erreichendes, das das Denken bestimmt, erschien als feststehende Tatsache'. Eine ähnliche Dichotomie und eine ähnliche scheinhafte Vermittlung der Gegensätze durch Überblendung scheint sich nun schon heuristisch anzudeuten im Kontrast der soeben assoziativ angesprochenen ,Oberflächenphänomene' der Zeit, denen Handlungsvorstellungen, Tatbegriffe und die Idee dramatischer Prozesse zugrunde liegen, zu den kurz skizzierten, auf ,Haltung' und ,Zustand' insistierenden Theater-Tendenzen. In beiden Fällen erwächst aus der Stabilisierung eines Gegensatzes, der keiner ist, nämlich dem von ,Wirklichkeit' und ,Bewußtsein', ,Tatsache' und ,Idee', ,Handeln' und ,Sprechen', ein Vermittlungsproblem, das sich als Überblendung aufhebt. Wir verfolgen die Dichotomie von ,Tatsache' und ,Bewegung' auf der Ebene von ,Handeln' und ,Sprechen', von ,Taten' und jDramaük'. Ohne die populären Dimensionen des Begriffs ,dramatisch' dabei ganz abzustreifen, meinen wir damit vorzüglich immer einen Vermittlungsbegriff, nämlich den von ,Sprechen' und ,Handeln' bzw. von Handeln als Sprechen.
Weil hier weder literaturwissenschaftlich über die Literatur der dreißiger Jahre noch historisch oder soziologisch über die Wirklichkeit der dreißiger Jahre gesprochen wird, sind im Hinblick auf einen zugrundeliegenden Handlungsbegriff einige Sondierungen notwendig.
In einem sehr allgemeinen Sinne wird Handlung als „die Umsetzung eines gewollten (oder gesollten) Zweckes in die Realität"9 verstanden, wobei man mit ,Tat' in der Regel das Produkt einer solchen Handlung bezeichnet.10 Diese Bestimmung knüpft erkennbar an die Hegeische Philosophie an, denn Handlung erscheint in ihr nur als der Bestandteil der Tat, der im handelnden Subjekt als Handlungsidee vorlag, gleichzeitig und vornehmlich aber als „Umsetzung", also als Prozeß einer sich objektivierenden Reflexion. Hegel: „Seine [der Freiheit des subjektiven Willens; Anm. von mir, R. Z.] thätliche Aeußerung mit dieser Freiheit ist Handlung, in deren Aeußerlichkeit er nur Dasjenige als das Seinige anerkennt und sich zurechnen läßt, was er davon gewußt oder gewollt hat."11 Hegels Formulierung von der „thätlichen Aeußerung" weist hier schon auf den Zusammenhang von Handeln und Sprechen, denn das Gewußte der Handlung entsteht ja ausschließlich im Sprechen des Subjekts zu sich selbst oder zu arideren, weshalb Hegel dann auch das „eigentlich Dramatische" als „das Aussprechen der Individuen"12 im Konflikt mit sich selbst oder anderen bestimmt.
Sowohl in der empirischen Wirklichkeit als auch im Drama gilt nach Hegel, daß Handlung ausgeführtes Wollen ist, welches „zugleich ein geuruß-tes"ls sein muß, allerdings kommt für das Drama noch die Forderung hinzu, daß das Wollen „sowohl in betreff auf seinen Ursprung und Ausgangspunkt im Inneren als auch in Rücksicht auf sein Endresultat"14 gewußt sein muß, während die empirischen Individuen mit ihren geschichtlichen Taten nie auf die Höhe eines Bewußtseins solcher Endresultate kommen können, weil die Taten in Wirkungszusammenhänge treten, die sie nicht überschauen, wohl aber die List der Vernunft.15
Gegenüber einem solchen Handlungsbegriff, der es gestattet, daß Handlung besonders im Drama reflektiert werden kann, weil das Drama „Handeln als Sprechen"16 begreifen läßt, ist im Verlauf der 19. Jahrhunderts und bis heute wirksam ein ganz anderer Handlungsbegriff dominant geworden, der den Handelnden mehr und mehr mit dem Täter gleichsetzt, dessen Subjektivität zugunsten der Objektivität seiner Tat unterschlagen wird.
„Handeln, Praxis ist [. . .] im 19. und 20. Jahrhundert mehr und mehr von jeglicher Reflexion getrennt, zum bloßen Gegensatz von Theorie, ja von Sprache gemacht worden. Nichts ist populärer und verbreiteter in dieser Beziehung als die Vorstellung, daß Praxis dort sei, wo an die Stelle des Sprechens das Handeln trete, das sich in der Tat objektiviere. Ja dieser behauptete Umschlag gilt als Umschlag vom unverbindlichen Gedanken, vom bloß Möglichen ins Tatsächliche als Wirkliches."17 Im Hinblick auf ein allgemeines und herrschendes Bewußtsein manifestiert sich ,Wirklichkeit' bis heute vor allem „in der technischen oder der politischen Tat, in der das Subjekt sich selbst einzig als wirklich erscheint".18
Insofern in dieser Arbeit versucht wird, über ein als allgemein behauptetes Bewußtsein der Dreißiger Jahre zu sprechen, ist der Rückgriff auf den hier von Helmut Arntzen skizzierten Handlungsbegriff naheliegend. Es scheint wenig ratsam, mit einem historischen Verständnis des Handlungsbegriffs zu operieren. Wir orientieren uns daher im folgenden nicht an normativen Handlungstheorien (Ethik), nicht an empirischen (Verhaltensforschung, Psychologie, Soziologie) und auch nicht an analytischen Handlungstheorien. Vielmehr soll das Handlungsverständnis im herrschenden Bewußtsein der Dreißiger Jahre im Mittelpunkt der Untersuchung stehen. Dieses kann aber nur auf der Folie seiner eigenen Voraussetzungen bestimmt werden.
Nun lautet aber unsere These, daß Handlungen und Taten in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren gegenüber der Zeit des Ersten Weltkriegs einen veränderten Stellenwert im allgemeinen Bewußtsein einnehmen und daß sich auch die Vorstellung wandelt, als was und wie eine Handlung erscheint und vorliegt. Deshalb muß hier von ,Handlung' gesprochen werden, auch wenn mit Bruno Liebrucks gilt: „Will man heute wieder zu denken anfangen, so muß man sich zurufen: Hände weg von der Handlung [. . .]"19 Wir können es uns erlauben, diese Empfehlung nicht zu beherzigen, weil es hier um die Rekonstruktion historischen Denkens geht.
Am Ausgangspunkt wird daher für das zu beschreibende Bewußtsein jenes krude Handlungsverständnis angenommen, das Handlung ganz einfach als Praxis, als Tun begreift, welches sich immer dort einstellt, wo mit dem Denken und Sprechen aufgehört und mit dem Tun begonnen wird. Im Horizont dieses Verständnisses sind ,Sprechen' und ,Handeln' einander ausschließende Bereiche menschlicher Tätigkeit in dem Sinne, daß sich der Handelnde grundsätzlich in einem anderen Zustand befindet als der Sprechende.
Das Drama im Sinne Hegels läßt Handeln als Sprechen erscheinen; was hier als ,dramatisches Bewußtsein' beschrieben werden soll, verkehrt dieses Verhältnis: Es läßt Sprechen als Handeln erscheinen. Was ist damit gemeint? Wir nennen stichwortartig vier Ebenen, auf denen sich dieses Verhältnis manifestiert. Jeder dieser Ebenen entspricht dann ein Kapitel bzw. der Exkurs dieses Abschnitts.
1. In den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren kommt Sprechen scheinbar immer perfekter an die Nachahmung ,wirklicher' Handlungen heran. Begleitet durch Geräusche und Bilder als Modi des Sprechens in Radio und Wochenschau erscheint Sprechen immer massiver als mediale Darstellung von Handlung, wird aber als Dokument der Wirklichkeit aufgefaßt und mit dieser gleichgesetzt.
2. Spezifisch für die Dreißiger Jahre ist die Verdrängung des zu Vermittelnden durch die Mittel, ein Prozeß, der von der zunehmenden Medialisierung und Instrumentalisierung der Sprache herrührt und nicht selten mit Unmit-telbarkeitspostulaten vertuscht und kompensiert wird. Dem Verlust an bewußter Subjektivität und Vermittlung durch die Idee unmittelbarer Bedeutungen, die vermeintlich weder einer Vermittlung noch des Subjekts bedürfen, entspricht eine Konventionalisierung und Verselbständigung der Mittel beispielsweise in Form von Jargons, die bar jeder subjektiven Kontrolle in Aktion und Tat, also in bewußtlose Handlung, umschlagen. Dieses Dramatischwerden der Vehikel ist die Fortführung des Zusammenhangs von Phrase und Aktion/Gewalt, der von Karl Kraus bereits 1919 in „Die letzten Tage der Menschheit" als bewußtseinsgeschichtliches Signum der Zeit des Ersten Weltkriegs dargestellt worden war.
3. Diesem unbewußten Prozeß steht in den Dreißiger Jahren ein explizites Verständnis von Sprechen gegenüber: Sprechen erscheint zunehmend als rasch und problemlos überwindbare Vorstufe zum Handeln, die entschieden auf Realisation dringt. Dies wird beispielsweise evident an den Reden Hitlers, vor allem aber im Zusammenhang mit der Technik, die auch zu jenen Vehikeln gehört, die sich verselbständigen, von der Zeit aber als allmächtiges Instrument eingeschätzt wird. Es hat den Anschein, daß selbst phantastische Sätze irn Medium der Technik realisierbar werden, daß die Objektivation der Idee mit Hilfe der Technik quasi automatisch nachfolgt. So hat Sprechen im Selbstverständnis der Zeit zwar aus Gewohnheit noch den Nimbus des Immateriellen und Beliebigen, genießt aber auch schon das Vertrauen, sich baldmöglichst materialisieren zu können.
4. Kennzeichnend für die Dreißiger Jahre ist nicht, daß etwa nur die ,Parole der Tat' ausgegeben würde, sondern daß die Herrschaft der Tat immer schon behauptet wird. Während die Auslieferung des Bewußtseins an die ,Parole der Tat' in Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften" als bewußtseinsgeschichtliches Signum der Zeit des Ersten Weltkriegs dargestellt worden ist, liegt das historisch Neue der Dreißiger Jahre darin, daß Sprechen nicht auftritt als intentionale Tendenz auf Handlung, als Tathunger, sondern bereits als existierende Handlung, als Vision der vollzogenen Tat. Das Dogma eines ,Es muß etwas geschehen' wandelt sich in das Dogma eines ,Es geschieht'.
Wir versuchen zu zeigen, inwiefern das diesem Abschnitt vorangestellte Motto das Bewußtsein der Dreißiger Jahre in einer wesentlichen Weise charakterisiert. Dabei gehen wir aus von der zwar trügerischen, aber im Selbstbewußtsein der Zeit stabilen Dichotomie von Sprechen und Handeln. Während diese Dichotomie sich bis heute behauptet, ist der historisch vorübergehende Kurzschluß der vermeintlichen Gegensätze von Sprechen und Handeln als Reaktion auf den Verlust von Vermittlung im Sprechen symptomatisch für die Dreißiger Jahre. Was wir hier vorläufig als Kurzschluß bezeichnen, ist eine Variante der Überblendung und wie diese nur eine Form der Scheinvermittlung.
Unser Interesse an der Art der Vermittlung von Sprechen und Handeln in den Dreißiger Jahren ist dabei gleichbedeutend mit der Frage nach den Konsequenzen jenes Prozesses, in dessen Verlauf Sprache mehr und mehr medialisiert und instrumentalisiert wurde. Einige dieser Konsequenzen treten in den Dreißiger Jahren ausgebildet und bewußtseinsbeherrschend hervor. Im vorigen Abschnitt haben wir die Unmittelbarkeitspostulate anhand der Begriffe und Vorstellungen ,Tatsache' und ,Bewegung' behandelt. Die Massivität der Unmittelbarkeitspostulate in den Dreißiger Jahren ist dabei sicherlich eine Reaktion auf die Medialisierung von Sprache, denn wenn Sprechen selbst nichts mehr bedeutet, sondern nur bezeichnet, ist die Idee unmittelbarer Bedeutungen, die keiner Vermittlung durch das Mittel Sprache bedürfen, fast zwangsläufig eine historische Notwendigkeit.
Eine weitere Konsequenz jenes Prozesses einer Medialisierung von Sprache ist die zunehmende Herausbildung und Durchsetzung von Jargons. Wir hatten bereits davon gesprochen, daß der Umgang mit Sprache innerhalb eines Verständnisses, das Sprache als Instrument begreift, notwendigerweise bestimmter Gebrauchs- und Rezeptionsanweisungen bedarf, die die jeweilige Art der Benutzung des Instruments signalisieren und die Rezeption vor Mißverständnissen schützen. Allen Jargons wohnt eine solche Rezeptionsanweisung inne, die die anderen Bedeutungsofferten des Gesprochenen niederhalten. In dieser Hinsicht ist der Jargon als Unterdrückungsmaßnahme sprachlicher Ambiguität zu interpretieren, die im Zeitalter einer medialisier-ten Sprache nur noch hinderlich ist.
Am „Hauptmann von Köpenick" werden wir dann zu zeigen versuchen, daß die Sprechgewohnheiten, die Jargons, wie alle Gewohnheiten zur Verselbständigung neigen. Sobald jargonhaftes Sprechen zur Regel geworden ist, gibt es für die Vielen sowohl Wirklichkeitserfahrung wie auch die Erfahrung eigener Subjektivität nur noch im Rahmen konvertionalisierter Sprechakte. Die Ohnmachtsgefühle, dem Ich keinen eigentümlichen Ausdruck mehr im Sprechen verleihen zu können, suchen sich ihr Ventil in der Tat. Allerdings sind die Taten nicht mehr als Produkte von Handlung im Hegeischen Sinne zu begreifen, denn mit der Medialisierung von Sprache geht zwangsläufig auch eine Medialisierung von Handlung einher. In dem Maße, in dem Sprechen kein Ausdruck von Subjektivität mehr ist, kann auch Handlung kein Ausdruck subjektiven Willens mehr sein. Dieser Einsicht steht
das Selbstverständnis der Dreißiger Jahre gegenüber:
Duchgängig begegnen entschiedene Demonstrationen des Willens. Die fast mariische Identifikation ureigenen Willens mit Sätzen, die das Stadium des Jargons historisch schon durchlaufen haben, wird besonders anschaulich in der Figur Hitlers, dessen bewußtseinsgeschichtliche Leistung es gewesen zu sein scheint, als Funktionär all jener Sätze aufgetreten zu sein, die in ihrem bloßen Bedeutungsangebot wohl kaum zu jener Offenbarung fähig waren, die die Massen an ihnen wahrnahmen. Indem Hitler vorführte, daß man solche Sätze, in denen man sich selbst längst nicht mehr wiederfindet, weil sie durch und durch konventionell sind, gleichwohl mit persönlichem Willen vertreten kann, wurde er zum Prototyp eines Tonfalls des Willens, der für die Dreißiger Jahre symptomatisch ist. Wie die Medialisierung der Sprache eine Herrschaft sich verselbständigender Jargons provoziert, so führt die Medialisierung von Handlung zu einer Totalisierung des Willens, der nicht mehr als subjektives Wollen auf gewollte Zwecke hin begreifbar ist. Diese scheinhafte Vermittlung zwischen einem Sprechen, das nicht mehr das eigene ist, und einem Willen, der nicht mehr der eigene sein kann, kommt dem ,dramatischen Bewußtsein' zu. Es bewirkt letztlich, daß der Wille die Zwecke heiligt.
Das ist - in sehr groben Zügen - der Zusammenhang, den wir im folgenden Abschnitt aufzuzeigen versuchen.
1 Siehe dazu: Füret, Francois: 1789 - Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft. Übersetzt von Tamara Schoenbaum-Holtermann in Zusammenarbeit mit Dieter Groth. Frankfurt a. M./Berlin/Wien 1980 (Penser la Revolution Francaise. Paris 1978), S. 8-26. Füret wendet sich entschieden gegen eine Vermächtnishistoriographie und führt aus, daß eine Revolutionsgeschichte nicht ohne eine Revolutionsidee geschrieben werden könne, die aber im Falle der Französichen Revolution immer nur von den Revolutionären selbst übernommen worden wäre.
2 Füret (s. Anm. 1), S. 10.
3 Ohne auf den ,Untergang des Abendlandes' oder andere Schriften Spenglers eingehen zu wollen, zitieren wir illustrierend eine Passage aus seinem 1933 innerhalb weniger Monate in einer Auflage von 160 000 Exemplaren verbreiteten Buch „Jahre der Entscheidung": „Wer keine Tragödie erleben, keine ertragen kann, kann auch keine Gestalt von Weltwirkung sein. Wer Geschichte nicht erlebt, wie sie ist, nämlich tragisch, vom Schicksal durchweht [. . .], der ist auch nicht imstande, Geschichte zu machen" (Oswald Spengler: Jahre der Entscheidung. Deutschland und die weltgeschichtliche Entwicklung. Neuausgabe. 2. Aufl. München 1980, S. 37).
4 Siehe dazu: Kracauer, Siegfried: Aufruhr der Mittelschichten. Eine Auseinandersetzung mit dem „Tat"-Kreis. In: S. K., Das Ornament der Masse. Essays. Frankfurt a. M. 1963, S. 81-105.
5 Siehe dazu: Löwenthal, Leo: Die biographische Mode. In: L. L., Literatur und Massenkultur. Frankfurt a. M. 1980, S. 231-257 (= Schriften, Bd. 1). Siehe auch: Kracauer, Siegfried: Die Biographie als neubürgerliche Kunstform. In: S. K., Das Ornament der Masse (s. Anm. 4), S. 75-80.
6 Siehe dazu: Ketelsen, Uwe-Karsten: Heroisches Theater. Untersuchungen zur Dramentheorie des Dritten Reichs. Bonn 1968 (= Literatur und Wirklichkeit, Bd. 2). Wir folgen den Ergebnissen und Termini Ketelsens.
7 Siehe Ketelsen (s. Anm. 6), S. 204.
8 Siehe Ketelsen (s. Anm. 6), S. 174. Die Begriffe ,Worttat' und ,Willensrede' stammen aus den dreißiger Jahren, sie wurden geprägt von E. Bachmeister. Siehe die Bibliographie seiner Schriften bei Ketelsen, S. 213.
9 Derbolav, J.: Artikel „Handeln, Handlung, Tat, Tätigkeit". In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hg. Joachim Ritter. Bd. 3. Basel 1974 (Lizenzausgabe der Wiss. Buchgesell., Darmstadt), Sp. 992-994, 992.
10 Derbolav (s. Anm. 9), Sp. 992.
11 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: System der Philosophie. Dritter Teil. Die Philosophie des Geistes. In: G. W. F. H., Sämtliche Werke. Jubiläumsausgabe in 20 Bde. Hg. Hermann Glockner. Bd. 10. Stuttgart 1958, S. 39 lf, 503.
12 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Vorlesungen über die Ästhetik. Dritter Teil. Die Poesie. Hg. Rüdiger Bubner. Stuttgart 1971, S. 276 (=Reclams Universal-Bibliothek, Nr. 7985/4).
13 Hegel, Ästhetik (s. Anm. 12), S. 263.
14 Hegel, Ästhetik (s. Anm. 12), S. 263.
15 Siehe dazu Derbolav (s. Anm. 9), Sp. 994.
16 Amtzen, Helmut: Der Literaturbegriff. Geschichte, Komplementärbegriffe, Intention. Eine Einführung. Münster 1984, S. 107 (= Literatur als Sprache. Literaturtheorie - Interpretation - Sprachkritik, Bd. 1). Siehe dort auch die Besprechung des Hegeischen Dramenbegriffs, S. 105-108.
17 Arntzen (s. Anm. 16), S. 106.
18 Amtzen (s. Anm. 16), S. 110.
19 liebrucks, Bruno: Sprache und Bewußtsein. Bd. 1: Einleitung. Spannweite des Problems. Von den undialektischen Gebilden zur dialektischen Bewegung. Frankfurt a. M. 1964, S. 97.



