IV. Schluß
Die Dreißiger Jahre geben mit ihrem epochenspezifischen Sprechen eine deutlich andere Antwort als das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert auf den Anspruch neuzeitlicher Subjektivität, mit deren Heraufkunft eine metasprachliche Ordnung1 ihr Ende findet. An die Stelle der universellen Sinngarantien der früheren Epochen, wie sie uns in Mythos, Theologie und Philosophie überliefert sind,2 treten im Zeitalter der Subjektivität die sogenannten exakten Wissenschaften und die Presse. Beide Instanzen erheben den Anspruch, verbindlich zu sprechen. Doch ist dieser Anspruch schon allein deshalb problematisch, weil beide, die exakten Wissenschaften wie die Presse, wesentlich gründen in der Blindheit für das Walten von Subjektivität in ihrem Tun, von deren Ambivalenz und Dialektik ihnen darum auch kein Begriff zuwächst. Jener um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert manifest werdende „Verlust des durch Theologie und Philosophie garantierten Sinnganzen"3 markiert ein bewußtseinsgeschichtliches Datum, dessen Konsequenzen in der Geschichte des Sprechens bis heute konstitutiv geblieben sind. Die bewußtseinsgeschichtlichen Epochen in der Nachfolge dieses Datums werden hinsichtlich ihrer jeweiligen Versuche zu unterscheiden sein, dem neuzeitlichen Anspruch an den Menschen als Subjekt zu entsprechen und das durch den Verlust entstandene Vakuum zu füllen. Die Frage nach der Art dieser ,Versuche' ist gleichbedeutend mit der nach dem Verhältnis des Sprechens der Epochen zur Sprach- als Bedeutungsgeschichte, denn ,Füllen' kann nicht anders verstanden werden als eine Form des Bedeutunggebens, die nur sprachlich sich herstellen kann.
Das Sprechen der Dreißiger Jahre ist natürlich nicht direkte und ,unmittelbare' Reaktion auf diese bewußtseinsgeschichtliche Revolution. Dies freilich nicht wegen des großen Zeitabstandes. Sofern es als geschichtliches Sprechen in einem Kontinuum von Sprechakten steht, antwortet das Sprechen der Dreißiger Jahre vielmehr wesensnotwendig auf die im Sprechen der vorausgehenden Epochen kodifizierte , Bewältigung' dieser Revolution, d. h. hier auf die Substitute des Sinnganzen, welche als Weisen des Sprechens in die Sprach- und also in die Bedeutungsgeschichte eingegangen sind.
Diese Formen des Bedeutunggebens durch und als Sprechen sind als Sprechkonventionen in der Sprachgeschichte sedimentiert, so daß das Sprechen der Dreißiger Jahre zwangsläufig in einem Verhältnis zu ihnen steht.
Man wird Verständnis dafür haben, daß der bewußtseinsgeschichtliche Prozeß dieses mehr als hundert Jahre währenden Zeitraumes hier nicht annähernd skizziert werden kann, zumal auch nur vereinzelte Erkenntnisse über die Geschichte des Sprechens dieses Zeitraumes vorliegen.4 Um jedoch das spezifisch Neue des Sprechens der Dreißiger Jahre verständlich machen zu können, sollen ganz voräufig einige Hauptlinien der Geschichte des postmetaphysischen Sprechens aufgezeigt werden. Vor dem so entworfenen Hintergrund, der freilich ziemlich unscharf ausfallen muß, sollen dann die hier gewonnenen Ergebnisse über den Zustand des Sprechens der Dreißiger Jahre vorsichtig zusammengefaßt werden.
Im Zeitalter der Subjektivität gibt es und kann es per se keine gesicherten Substrate von Sprache mehr geben. Das bedeutet nun aber nicht, daß Sprechen überhaupt seine Verbindlichkeit verloren hat, wiewohl es so scheinen mag. Doch ist Subjektivität' ja der Titel für die Weise, wie sich nunmehr Sinn dem Sinn vermittele, und so ist es gerade Subjektivität, zumindest sofern sie sich auf sich selbst versteht, durch die unter den Bedingungen der Neuzeit überhaupt noch verbindlich zu sprechen ist. So nämlich, daß das Sprechen sich vollzieht als Einsicht in seinen Vermittlungscharakter. Nur indem Subjektivität die Dialektik von Allgemeinem und Besonderem in ihrer Sprachlichkeit zu reflektieren und im Sprechen zu vermitteln vermag, rettet sie sich selbst vor der Beliebigkeit, vor dem Abgleiten ins nur noch Private. In seiner Entfernung von solchen Einsichten, die dem Sprachdenken des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts zu verdanken sind, zeigt das 19. Jahrhundert in seiner Tendenz, daß die Anstrengung der Vermittlung durch Subjektivität nicht herrschende Reaktion auf den Verlust des metaphysischen Sinnganzen werden konnte.
Zeigt sich der Verlust der gesicherten semantischen Substrate von Sprache zunächst an „in der Auflösung des Zusammenhangs von Wissen und Meinen",5 so reagiert das 19. Jahrhundert darauf nicht mit Vermittlungsarbeit, gleichbedeutend mit Spracharbeit, sondern einerseits mit der emphatischen Akzeptanz der Spaltung von Wissen und Meinen und andererseits mit der permanenten Überredung dieser neu entstandenen Kluft durch Sprachbeherrschung und Rhetorik.
Die exakten Wissenschaften ersetzen den auseinandergebrochenen Zusammenhang von Wissen und Meinen durch eines der beiden Bruchteile und ziehen das Wissen in ihre Verantwortung. In Gestalt positiver Daten als neuen Gewißheiten über eine als ,unmittelbar' gegeben verstandene Wirklichkeit etablieren sie dabei sogleich eine neue Universalität als Verbindliches. Das ,Ganze' erscheint nun als die in Daten und Fakten gegliederte Wirklichkeit, ohne jedoch darin ein ,Sinnganzes' zu ergeben. Gerade weil Subjektivität gemäß positivistischer Denkart aus der Herstellung des allgemein Verbindlichen herauszuhalten war, zeigte sich das so entstandene ,Objektive' bar jeder Bedeutungsmöglichkeit. Sprache wird innerhalb der exakten Wissenschaften als reines Instrument zur Bezeichnung jener Unmittelbarkeiten' begriffen, dessen Tauglichkeit dann später in Zweifel gezogen wird. Sprechen als der Umgang mit diesem Instrument ist so auch nicht als Konstitution von Bedeutendem verstanden, sondern lediglich als Transport von ,Tatsachen'. Und dies solange, als nicht eine ebenfalls ,unmittelbar' gegebene Meinung hinzutritt, die sich wiederum zu ihrer Kundgabe des Instruments Sprache bedienen kann. Durch den Zuwachs an Daten, so die Auffassung der exakten Wissenschaften, wird dabei das Beliebige des Meinens, d. h. hier des Interpretierens von Daten, ständig reduziert und dementsprechend verbindlicher.
Anders die Presse. Zwar nimmt sie nicht einen Bruchteil für das Ganze, doch versucht auch sie nicht, das Ganze den gewandelten Bedingungen entsprechend zu restituieren, insofern der auseinandergebrochene Zusammenhang von Wissen und Meinen als Nachricht und Meinung bloß zusammengehalten wird in der kruden Einheit der täglichen Zeitung. Fatal ist hierbei der Anspruch auf Bedeutung in der Presse, daß nämlich ihre Klitterung von Wissen und Meinen ein Sinnganzes, den sensus communis oder Allgemeinsinn als Verbindliches ergebe. In der Institutionalisierung des Sprechens der Presse kann so unauffällig bleiben, daß ihr Sprechen nicht minder privat und keineswegs verbindlicher ist als beliebige individuelle Synthetisierungsversuche von Wissen und Meinen.6
So unvermittelbar sich die Bereiche des positiven und eindeutigen Wissens einerseits, auch der Nachricht als der medialen Übermittlung des .eigentlich' Geschehenen, und des Pluralismus der beliebigen privaten Meinungen andererseits auch gegenüberstehen, so energisch sind die Versuche des 19. Jahrhunderts und vornehmlich der Presse, das Auseinandergebrochene durch Sprachbeherrschung zu kitten. Die Meinungsrede erscheint umso verbindlicher, je gesättigter mit vermeintlichen Fakten sie auftritt; die Tatsachenrede erscheint umso bedeutender, je deutlicher sie sich zur Botschaft formiert.
Zwischen den beiden Unmittelbarkeiten' des Wissens und des Meinens steht nun die Sprache als Instrument und pures Mittel, das jede Verquickung der beiden Bruchteile zu einer scheinhaften Einheit umso besser leistet, je gekonnter es beherrscht wird. Ohne eine Reflexion auf das Vermittlungsproblem, auf Subjektivität, bleiben solche Synthesen notwendig privat, beliebig und auch nichtssagend, weshalb sie sich ihren Bedeutungsanspruch durch Stil und Rhetorik leihen müssen.7 Sprachbeherrschung als Reaktion auf den Auseinanderfall von Wissen und Meinen ist so das bewußtseinsgeschichtliche Signum des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
Sprachbeherrschung erfüllt dabei eine doppelte Funktion: Sie ist in ihrer Instrumentalität ein Substitut des Bedeutunggebens von Wissen und damit von Welterfahrung, und sie ist in ihrer jeweiligen Originalität ein Substitut des Bedeutunggebens von Meinen und damit von Selbsterfahrung.
Originalität als eine Form falsch verstandener Subjektivität zeigt sich bereits in der Figur des ,Sonderlings' während des frühen und mittleren 19. Jahrunderts, sie zeigt sich in der Geste vermeintlich origineller Sprachbeherrschung bei den ,großen' Rednern, beispielsweise bei Wilhelm IL8 im Übergang zum 20. Jahrhundert, und sie zeigt sich schließlich noch im Sprechen der exponierten Publizisten und Kritiker bis in die zwanziger Jahre. Maximilian Harden und später noch Alfred Kerr sind extreme Beispiele für den Typus eines Sprechens, das Bedeutungserschieichung durch Stil betreibt und in der radikalen Ausformung eines Personalstils den Nimbus bedeutender Rede erzielt.9 Ersatz an bedeutungsstiftender Subjektivität finden das späte 19. und frühe 20. Jahrundert aber auch in der darum gängigen Künstlerverehrung, die dem Künstler die gesellschaftliche Rolle verbindlicher Subjektivität zuweist, womit offenbar das Prinzip der Arbeitsteiligkeit schon Eingang findet in den Bereich des eigentlichen Menschseins. Daß die Dreißiger Jahre dann diese Künstlerverehrung durch den Respekt vor dem Ingenieur und Techniker ersetzen, indiziert schon ihre veränderte bewußtseinsgeschichtliche Antwort auf den Anspruch neuzeitlicher Subjektivität.
Aber Originalität der Sprachbeherrschung ist ein notgedrungen vergängliches Phänomen, das die Abwesenheit bedeutungsstiftender Subjektivität im herrschenden Gerede nur vorübergehend unauffällig halten kann. Der Prozeß des Gewöhnlichwerdens selbst origineller Sprachbeherrschung ist dabei wiederum auf die Presse zurückzuführen, die als institutionalisierte Sprachbeherrschung alle Möglichkeiten nutzen muß, um ihre Synthese von Wissen und Meinen attraktiv zu halten und vor dem Verdacht der Beliebigkeit zu schützen.
In Analogie zu der sich steigernden Sprachbeherrschung der privaten Sprecher und öffentlichen Redner muß sich auch die Presse im Zuge des 19. Jahrhunderts immer mehr von einer schlichten Gebrauchsprosa entfernen,10 um ihren Bedeutungsanspruch durch ein Mehr an Arrangement, Inszenierung und Sensationierung des Sprechens zu erhalten. In diesen Kontext gehört die Literarisierung des Journalismus,11 also die Funktionalisie-rung literarischer Sprechweisen zu Zwecken einer Verbrämung des Transports von Nachricht und Meinung. In dieser „Usurpation von Sprechweisen"12 degeneriert die Presse die Gestalt unbegriffener Subjektivität, nämlich Originalität der Sprachbeherrschung, noch einmal in die Verfallsstufe der Jargons, die ihr ursprünglich Originelles dann in der Permanenz ihres Auftretens sehr rasch verlieren. In den Jargons als herrschenden Sprechweisen wendet sich die als Instrument verstandene Sprache nun auch endgültig gegen ihre Benutzer, insofern die Jargons nun selbst Bewußtsein beherrschen.
Aber vorläufig steht der Sprachskepsis der Wissenschaften die Sprachbegeisterung der Presse noch gegenüber. Während die Wissenschaften das Instrument Sprache immer reduzierter und einseitiger zu benutzen versuchen, um in einer vermeintlichen ,Nüchternheit' des Sprechens die trügerischen Einflüsse von Sprache (Mehrdeutigkeit) auf die Deskription und Erkenntnis so gering wie möglich zu halten, gebraucht die Presse es immer hemmungsloser zur täglichen Erschaffung von Welt. Sie plündert die Arsenale der traditionellen Rhetorik und benutzt aktuelle literarische Sprechweisen als Ornament ihrer Rede, um der Bedeutungslosigkeit ihrer beliebigen Synthesen den Anschein von Bedeutungshaftigkeit zu verschaffen. Damit stimmt nun auch in zunehmendem Maße die Rechnung nicht mehr, daß der Vorschein von Individualität und Persönlichkeit sich um so stärker erzeuge, je rhetorischer zu sprechen vermocht werden kann. In dem Maße, in dem die Presse solche Rhetorik absorbiert und die Formen origineller Sprachbeherrschung nicht nur veröffentlichte, sondern als Allgemeinsinn vorstellt, werden die Individuen der Möglichkeit beraubt, zumindest noch scheinhaft durch Stil und Sprachmächtigkeit das Eigene als Bedeutendes artikulieren zu können. Die zunehmende Ausdifferenzierung der literarischen Stile um die Jahrhundertwende und ihre prompte Adaptierung im privaten wie öffentlichen Sprechen konnte der permanenten Suche noch einer ,neuen' Rhetorik als Substitut des Bedeutunggebens vorübergehend Nahrung verschaffen, doch nach dem Ersten Weltkrieg scheinen dann die Potentiale origineller Sprachbeherrschung vorübergehend ausgeschöpft, die Jargons als Jargons erkennbar geworden zu sein.13
Der Erste Weltkrieg bedeutet dann auch einen ungeheuren Einbruch von wirklicher, d. h. hier individueller Erfahrung, in jenen Presse-Kosmos vermeintlicher Welterfahrung, der sich bereits vollständig gegen die Erfahrungsmöglichkeiten der Individuen abgedichtet hatte. Er zeigt damit die totale Diskrepanz von Wirklichkeit als bedeutsam zu erfahrender gegenüber den beliebigen sprachmächtigen Synthesen von Wissen und Meinen und damit auch den Zerfall aller bloß geklitterten Bedeutungsansprüche.
Die zwanziger Jahre, die immer wieder als kulturgeschichtliche Epoche vorgestellt wurden, bilden bewußtseinsgeschichtlich wohl eher einen Übergangszeitraum, in dem viele Momente des Sprechens aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg noch einmal aktualisiert werden, teilweise sogar in gesteigertem Maße, in dem andererseits aber die Diskrepanz von erfahrener Wirklichkeit und der Form ihres Erscheinens im Sprechen der Presse zu verdrängen versucht wird, und in dem schließlich erste Anzeichen eines neuen Verhältnisses zum Sprechen erkennbar werden. Der wichtigste Aspekt dieses ,neuen' Verhältnisses besteht wohl darin, daß das Prinzip der Bedeu-tungserschleichung durch Stil nicht mehr oder zumindest nicht mehr so gut funktioniert wie vor dem Ersten Weltkrieg. Besonders evident wird dies in den Werken der Architektur, die auf Ornamente nunmehr weitgehend verzichtet und Formgebung nicht mehr als beherrschende, sondern als dienende Aufgabe begreift. An die Stelle des Stils, in dessen Vollzug der Stoff immer wehrlos gegenüber der Form bleibt, tritt nun das Design mit seinem Selbstverständnis, Anwalt der Stoffe selbst zu sein. Die Bauhaus-Bewegung mit ihrem Anspruch, das ,Wesen der Dinge', womit zumeist ihre Funktion gemeint war, in einem Design zur Geltung zu bringen, das sich selbst zum Verschwinden bringen und sozusagen unsichtbar bleiben sollte, indiziert bereits sehr deutlich das Bedürfnis der Zeit, die unter der Form verschütteten Inhalte wieder freizusetzen, um sie direkt und vermeintlich »unmittelbar' erfahren zu können. Auch die sprachmächtigen Synthesen, besonders die pathetischen, werden immer obsoleter und auch lächerlich, wie beispielsweise der Bildungsjargon. Noch die sogenannte ,Neue Sachlichkeit' bildet ein Anzeichen für den Rückzug des Sprechens in eine vermeintliche Nüchternheit, in der die Sprachbeherrschung unauffällig bleibt. In diesen Kontext gehört auch die zunehmende Verwendung der Fotografie zu Zwecken der Dokumentation'. Obwohl die Fotografie doch gerade neue Mittel zur Beherrschung der Stoffe bereitstellt und in dem, was sich nun durch sie arrangieren und inszenieren läßt, andere rein verbale Mittel ablöst, wird die ihr inhärente ,Rhetorik' nicht erkannt und im Gegenteil als Wirklichkeitstreue begriffen.
Damit ist eine Situation eingetreten, in der Welterfahrung angeblich immer sicherer und eindeutiger, Selbsterfahrung aber immer unmögKcher geworden ist. Während der Bereich des ,reinen' Wissens sich immer mehr stabilisiert und gegenüber Zweifeln immunisiert hat, sind alle erkennbaren Klitterungen von Wissen und Meinen obsolet geworden. Originalität der Sprachbeherrschung bildet nun bewußtseinsgeschichtlich keine gelingende kompensatorische Antwort mehr auf den Anspruch neuzeitlicher Subjektivität. Sie hat den Nimbus bedeutungsstiftender Rede eingebüßt. Das heißt nun auch, daß dem zwischenzeitlich stark erweiterten Arsenal positiver Daten ein progressiver Schwund an Möglichkeiten der Bedeutungskonstitution gegenüberstand.
Damit sind wir bei den Dreißiger Jahren. In den Dreißiger Jahren wird Sprechen nicht mehr primär als der Versuch verstanden, den auseinandergebrochenen Zusammenhang von Wissen und Meinen zu kitten. Nicht die Überredung der Kluft zwischen Sprechen als Wissen und Sprechen als Meinen, sondern die Überredung der Differenz von Sprechen als Bedeutunggeben von Wirklichkeit und Wirklichkeit selbst wird nun unternommen. Sprechen tritt jetzt an, den Verdacht völlig abzustreifen, überhaupt noch meinungshaft zu sein, und begreift sich als pures Wissen, als Konstatierung und Prophezeiung des Wirklichen. Nicht Welterfahrung durch Srachbeherrschung, sondern Welterfahrung durch Spracherfahrung und Spracherfahrung durch Weltbeherrschung ist das bewußtseinsgeschichtliche Programm der Dreißiger Jahre. Die Erfahrung einer im Sprechen vermittelten Bedeutung soll sich nun nicht mehr auf dem Wege über eine durch Sprachbeherrschung vermeintlich Bedeutung stiftende Meinung herstellen, sondern durch die Wirklichkeit selbst, die damit in die Rolle einer Rezeptionsanweisung für Sätze gerät. Die Dreißiger Jahre sind es, lax gesprochen, grenzenlos leid, der Wirklichkeit immer neue Sätze aufzupfropfen, die aus beliebigen Synthesen von Wissen und Meinen entstanden sind und auf kurz oder lang ihre ungeheure Diskrepanz zur Wirklichkeit als bedeutsam zu erfahrender offenbaren würden. So versucht man nun, das Beliebige des Sprechens zu eliminieren, indem man etwas Bestimmtes realisiert, um dann darin die Bedeutung zu finden, die dem Sprechen zukommen soll. Sprechen soll als bedeutendes sich zeigen, indem geschieht, was gesagt wird. Solche Erwartung vertritt ,dramatisches Bewußtsein'.
Die Herausbildung dieses Willens, Sprechen durch Wirklichkeitsbeherrschung wieder als bedeutendes zu erfahren, die sich in den technischen Taten, im Konsum fertiger Erlebnisse, aber natürlich vor allem in der explizit intendierten Weltbeherrschung der politischen Täter artikuliert, bewirkt nun gleichzeitig, daß Meinung als Illusion des Eigenen in die Krise gerät. Diese Krise der Meinung ist wohl ein vorübergehendes Phänomen der Bewußtseinsgeschichte, denn die Entwicklung seit spätestens der sechziger Jahre und das heutige Ausmaß hemmungsloser Meinungsartikulation zeigen ja, daß sie sich glänzend erholt hat. In den Dreißiger Jahren wird sie jedoch zurückgedrängt, und zwar nicht nur aufgrund von Unterdrückung und Presselenkung eines totalitären Staates.
Bereits im Vorfeld des Nationalsozialismus wird erkennbar, daß die Spähre des Privaten sich neue Enklaven suchen muß, um den Individuen Raum für Selbsterfahrung zu geben, die sie in der vor allem auch wirkungslosen Meinungsartikulation nicht mehr finden.
Einige dieser Enklaven haben wir im Verlauf der Arbeit angesprochen, so zum Beispiel das Hobby als Sphäre einer als autonom verstandenen Produktion, das inszenierte Abenteuer und den Urlaub als Sphären vermeintlich unmittelbaren Erlebens, und vor allem den Sport als die einzige Sphäre, in der das beliebige Private auch als Verbindliches, nämlich als meßbar Unterschiedliches gegenüber anderer Privatheit sich zeigen kann. Aber auch die Auffassung der Sexualität als einer Spielwiese des Egos und als einer Sphäre ,unmittelbarer' Sinnlichkeit gehört in diesen Kontext. Die geschwundenen Möglichkeiten der Individuen, sich in einem besonderen Sprechen zu jener Welt zu stellen, die immer eindeutiger daherkommt, machen den Verlust von Autonomie, und sei es nur eine private, schmerzlich bewußt. Anpassung, Opportunismus, Sehnsucht nach Uniformität und die reibungslose Integration in den Transformationsprozeß von Subjekten in Funktionäre und Funktionen sind Strategien der Begegnung, die wir besprochen haben. Die Hochschätzung der Jugend, die noch Raum für Selbsterfahrung zu geben scheint, die Entwertung des Alters als einer Lebensphase unbrauchbar gewordener Erfahrung und eingeschränkter Funktionalität, die Begeisterung an Biographien über Tatmenschen des 19. Jahrhunderts als Neid auf die einstige Vollzugsgewalt des einzelnen sind hinreichende Indizien für das Eingeständnis privaten Autonomieverlustes.
Können die Privatleute auf den Zustand des Sprechens noch mit Eskapis-men reagieren, eventuell sogar sich als Subjekte der Anstrengung von Subjektivität unterziehen, so wird der Schwund an Verbindlichkeit, die Sprachbeherrschung als Nimbus erhielt, öffentlich zum Problem. Die Kommunisten und Nationalsozialisten mögen die ersten gewesen sein, die auf diese offenbar gewordene Unverbindlichkeit des Sprechens reagierten. Die Konsequenz, die die öffentlichen Redner und speziell Hitler daraus ziehen, gehorcht den Gesetzen des alltäglichen Geredes: Wenn niemand mehr zuhören will, so spricht man lauter und wiederholt sich. Je fanatischer solche Wiederholung betrieben wird, je ostentativer hört man schließlich in der Hoffnung zu, es nicht noch eimal hören zu müssen. Stellt sich durch die reine Wiederholung schon der Vorschein von Verbindlichkeit durch den Gewöhnungseffekt her, so prätendieren Lauterwerden und Tonfall die Bedeutsamkeit. Die Nazis sind längst nicht die einzigen, die eine Bedeutungserschleichung durch Stil ersetzen durch eine Bedeutungserschieichung durch Tonfall; sie sind nur erfolgreich in der Monopolisierung des Anspruchs auf solchen Tonfall.
Verbindlichkeit des Sprechens stellt sich in den Dreißiger Jahren so auf verschiedene Weise her. Sie ensteht zunächst schon in der Verbindlichkeit des schlechthin .Deutschen' und seiner Identifikationsangebote. Das ,Deutsche' wird hierbei nicht bloß thematisch und lexikalisch ständig aufgerufen, sondern vor allem in der Sprechweise, im betonten Deutschsprechen und im Ausschöpfen seiner klanglichen Möglichkeiten.
Die Beherrschung der Klanglichkeit von Sprache im Tonfall entspricht dabei der früheren Beherrschung durch Stil. Der Tonfall bildet die auf die Ebene der Sinnlichkeit von Sprache verlagerte Sprachbeherrschung; eine stilistisch originelle Sprachbeherrschung wird durch eine phonetisch originelle abgelöst. Schon auf der Ebene des Tonfalls kann nun geklittert werden, und schon im Tonfall wird die Empfindung des Eigenen ermöglicht.
Verbindlichkeit stellt sich weiterhin her, insofern die Gleichförmigkeit des herrschenden Sprechens nicht mehr als mißlingende Artikulation eines Meinungspluralismus, sondern als Manifestation eines herrschenden Willens, eines Volkswillens gar, gelesen wird. In der Okkupation solcher Sätze, die sich längst im Stadium des Jargons befinden, mit der Idee waltenden Willens, gewinnen diese als Drohung eine Bedeutung zurück, die ihnen als Feststellung nicht mehr zukam. Insofern die Sprecher jetzt nicht mehr als stilistisch sprachmächtige Verwalter des auseinandergebrochenen Zusammenhangs von Wissen und Meinen auftreten, sondern als Funktionäre der Sätze, die permanent kursieren, realisiert sich die Erfahrung gemeinschaftlichen Willens allein schon im gemeinsamen Gebrauch derselben Phrasen, die im Tonfall energisch vertreten werden. Die paradigmatische Funktion von Hitlers exzessivem Willen und der Inszenierung dieses Willens im Tonfall haben wir angesprochen. Dem Prinzip der Willenskonstitution und Willensrezeption durch Sprechen entspricht dabei das Wörtlichnehmen von Sprache, also die Abstraktion nicht nur von einer ja stattfindenden Vermittlung, sondern auch die von Medialität und Vehikelhaftigkeit von Sprache, die doch gerade Voraussetzung des Sprechens der Zeit ist. Der Wille, der sich immer als ein bestimmter vorstellt, obwohl er gerade das aufgrund der fehlenden Reflexion auf Subjektivität gar nicht sein kann, rekrutiert im Tonfall auch die Bedeutung der Sätze als äußerst bestimmte und eindeutige.
Das im Tonfall des Willens geforderte Wörtlichnehmen von Sprechen entläßt eine weitere Verbindlichkeit des Sprechens, auf die die Dreißiger Jahre radikal setzen. Sie stellt sich her, insofern Wirklichkeit als das Machbare das Funktionieren des Sprechens belegen kann. Verbindlichkeit erlangen die Sätze im Zuge ihrer Realisierung in der Tat und im sichtbaren Tatprodukt. Die Dreißiger Jahre bilden damit eine bewußtseinsgeschichtliche Epoche, in der eine Verwechslung fundamental wird, die sich schon lange vorbereitet hatte: die Verwechslung von Bedeutung mit Wirkung. Dementsprechend gehört die Tat in den Dreißiger Jahren gewissermaßen noch dem Sprechen an; sie ist nicht so sehr die Realisierung dessen, was ansonsten bloß Gesagtes bliebe, vielmehr vollendet sich in ihr das Sprechen als bedeutendes. Hier ist weniger der Gegensatz konstitutiv von Worten, derer nun genug gewechselt, und von Taten, die man endlich zu sehen verlangt; dieser Gegensatz kennzeichnet eher das 19. Jahrhundert. Vielmehr kontaminieren Wort und Tat, Phrase und Gewalt, und zwar in dem Sinne als die Tat das
Wörtlichwerden des Wortes durch dessen Wörtlichnehmen ist. Das Wort als Wort fordert die Tat, um in seiner Bedeutung erkannt zu werden. Ein derart verfaßtes Sprecher- und Hörerbewußtsein haben wir ,dramatisches Bewußtsein' genannt.
Die Sucht nach Verwirklichung' des Sprechens als einer Form von Bedeutunggeben des Sprechens haben wir an verschiedenen Phänomenen aufgezeigt: an den ,Bewegungen' und der nationalsozialistischen ,Bewegung', die sich in den permanenten Aktionen und in der schließlichen Zerstörung ihre eigene Tatsache schaffte, an den technischen Taten, die utopischen Sätzen Wirklichkeit verliehen, an dem Prinzip der Improvisation als dem schnellstmöglichen Umschlag von Sprechen in Handeln und am Dramatischwerden des Jargons im ,Hauptmann von Köpenick'. Daß die Nazis und besonders Hitler jeden einzelnen ihrer Sätze ,rücksichtslos' und auch blitzschnell' zu realisieren suchten, daß die permanente Drohgebärde des Sprechens in Krieg, Vernichtung und Zerstörung die ihr zukommende Bedeutung eroberte, braucht nicht eigens ausgeführt zu werden. Auch der Antisemitismus verschaffte sich Bedeutung durch Wirkung, indem man die Juden totschlug. Nun endlich konnte wieder erfahren werden, was die konventionellen Phrasen vom Judenhaß denn eigentlich bedeuten. Das bewußtseinsgeschichtliche Programm der Dreißiger Jahre, Erfahrung von Bedeutung im Sprechen durch Wirklichkeitsbeherrschung, zeigt sich aber auch an verhältnismäßig unproblematisch anmutenden Veränderungen, beispielsweise am sich wandelnden ,Naturgefühl'. An die Stelle des nun verachteten ,Schwärmern' für die Natur tritt ihre allmähliche Inbesitznahme nicht nur durch Technik und Industrie, sondern auch durch den Privatmann. Sprechen muß als bedeutendes sich zeigen, indem Bedeutung irgendwie materiell wird, sich äußere Zeichen einer Wirkung setzt. So muß der Umgang mit der Natur nun auch am eigenen Körper sich zeigen. Die Sonne wärmt jetzt nur dann noch, wenn man sich das Hemd auszieht. Mit der Bräune entsteht Verbindlichkeit. Auch die ,inneren' Erlebnisse bleiben wirkungslos, sofern sie sich nicht am Foto oder am Souvenir ihre Tatsächlichkeit verschaffen.
Dergestalt funktioniert das Wort, ,in dem die Tat sich schon aufbäumt'. Es hat Bedeutung nur insofern, als es Tat wird, und daß es Tat werde, behauptet der Tonfall des Willens und glaubt,dramatisches Bewußtsein'. Das Sprechen der Dreißiger Jahre ist so gekennzeichnet durch die Versuche, eine Rückerlangung der Fähigkeit des Bedeutunggebens im Sprechen durch den Tonfall, das Wörtlichnehmen und das Dramatischwerden des Sprechens zu erzielen.
1 Wir folgen hier in der Interpretation dieses Einschnitts und seiner Konsequenzen den Thesen Helmut Arntzens, die im Verlauf der Arbeit mehrfach angesprochen wurden. Ihre Fundierung ist seinen Schriften zu entnehmen, die im Literaturverzeichnis aufgeführt sind. Die hier versuchte Skizze einiger bewußtseinsgeschichtlicher Linien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bis zu den Dreißiger Jahren verdankt ihre wesentlichen Impulse diesen Schriften. Die gelegentliche Kontraktion verschiedener Thesen Arntzens konnte nicht immer zitatweise belegt werden.
2 Arntzen spricht von „Mythos, theologisch fundierter Religion, Philosophie, Wissenschaft" als den „universellen Vorstellungen früherer Epochen". Siehe: Amtzen, Helmut: Der Literaturbegriff. Geschichte, Komplementärbegriffe, Intention. Eine Einführung. Münster 1984, S. 128 (= Literatur als Sprache. Literaturtheorie -Interpretation - Sprachkritik, Bd. 1).
3 Arntzen, Helmut: Grundfragen der Literatur. In: H. A., Zur Sprache kommen. Studien zur Literatur- und Sprachreflexion, zur deutschen Literatur und zum öffentlichen Sprachgebrauch. Münster 1983, S. 7-40, 34 ( = Literatur als Sprache. Literaturtheorie - Interpretation - Sprachkritik, Bd. 4).
4 Wir stützen uns hier auch auf die im Literaturverzeichnis angegebenen Schriften von Winfried Nolting und Eckehard Czucka, in denen die Geschichte des Sprechens des 19. Jahrhunderts punktuell immer wieder thematisiert werden. Ein generelles Kompendium des Sprachzustandes und Sprachbewußtseins seiner Zeit bildet „Die Fackel" von Karl Kraus. Siehe z. B.: K. K: Heine und die Folgen. In: Die Fackel. XIII. Jahr, Nr. 329/330, 31. August 1911, S. 1-33.
5 Amtzen, Grundfragen (s. Anm. 3), S. 34.
6 Siehe zu einer genaueren Darlegung dieser Pressekritik das Kapitel „Literatur und Presse: Karl Kraus" in: Amtzen, Der Literaturbegriff (s. Anm. 2), S. 129-141.
7 Siehe dazu: Arntzen, Helmut: Sprachbeherrschung. In: „Der Spiegel" 28 (1972). Analyse, Interpretation, Kritik. Hg. Helmut Amtzen und Winfried Nolting. München 1977, S. 9-14 (= Literatur und Presse. Karl-Kraus-Studien, Bd. 3).
8 Siehe zum Begriff der ,Rede' im 19. Jahrhundert und speziell zu den Reden Wilhelms II.: Czucka, Eckehard: Idiom der Entstellung. Auffaltung des Satirischen in Carl Sternheims „Aus dem bürgerlichen Heldenleben". Münster 1982, Kapitel I, 1 und I, 2 („Stil und Sprechen im Vollzug unentrinnbarer Idiome" / „Die Reden und die Rede"), S. 1-18 (= Literatur als Sprache. Literaturtheorie - Interpretation - Sprachkritik, Bd. 2). Siehe weiterhin: Amtzen, Helmut: Die Gewalt der Rede oder Der Leitartikler auf dem Thron. Zu den Reden Wilhelms II. In: H. A., Zur Sprache kommen (s. Anm. 3), S. 107-118.
9 Siehe hierzu: Arntzen, Der LiteraturbegrifF (s. Anm. 2), S. 134-136.
10 Siehe Arntzen, Der Literaturbegriff (s. Anm. 2), S. 133.
11 Siehe dazu: Kraus, Heine und die Folgen (s. Anm. 4).
12 Amtzen, Der Literaturbegriff (s. Anm. 2), S. 134.
13 Wir können auf diesen Prozeß hier nicht genauer eingehen, zumal er im Verlauf der Arbeit mehrfach angesprochen wurde. Siehe aber den Exkurs „Skizze zur Geschichte des Jargons und seiner Darstellungen" in: Nolting, Winfried: Der totale Jargon. Die dramatischen Beispiele Ödön von Horväths. München 1976, S. 51-82 (= Literatur und Presse. Karl-Kraus-Studien, Bd. 2).



