Kant: Keine Philosophie ohne ihn
Rainer Zimmermann
Immanuel Kant (1724- 1804) erschien bereits seinen Zeitgenossen als lebendiges Denkmal und Inkarnation des Philosophen schlechthin. Er hat diesen Ruf und diese Geltung auch mehr als 200 Jahre nach seinem Tod behauptet und wirkt als Figur der Aufklärung für uns, bis heute, überlebensgroß. Es gibt wohl keinen anderen Philosophen, der über die Jahrhunderte so unumstritten ist wie er, dessen Werk eine nach wie vor gültige und unverwüstliche Substanz der Grundlagen unseres Denkens selbst bildet. Kant ist eigentlich die einzige Instanz der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie, die die dynamische Wissenschaft nicht in die Nische einer bloßen Schule des Denkens verwiesen hat, sondern deren allgemeine Geltung unwidersprochen akzeptiert wird. Aufgeklärtes Denken findet so auch heute zwangsläufig unter den Bedingungen von Immanuel Kant statt.
Bevor wir uns im Rahmen dieses notwendig kurzen Vortrages mit seinem Werk und seinem Leben beschäftigen, soll zuvor das zentrale Programm der europäischen Aufklärung und ihre wichtigsten Schlüsselthemen in Erinnerung gerufen werden. Der Begriff „Aufklärung" („enlightment", „les lumieres", „secolo di luce") setzt sich ab cirka Mitte des 18. Jahrhunderts für ein eigentlich pädagogisches Programm der europäischen Intellektuellen durch, die Erziehung des Menschen und des Menschengeschlechts im Ganzen zu fördern und auf vernünftige Grundlagen zu stellen. Nicht allein die Philosophen, sondern die Wissenschaft insgesamt und vor allem auch die Künste, waren an dieser Programmatik beteiligt. Das Denken der Aufklärung war also, wie wir heute sagen würden, interdisziplinär angelegt, ja es hat unsere heutige Vorstellung eines ganzheitlichen und widerspruchsfreien Systems der Vernunft und des Wissens nicht weniger als begründet. Das zentrale Anliegen der Aufklärung war die Befreiung des Menschen von einem falschen, auf Dogmen oder Spekulationen basierenden Denken, die Förderung der sittlichen, also moralischen Bildung des Menschen und die Verbesserung des Gemeinwesens im Hinblick auf einen höheren Nutzen für die Menschheit insgesamt. Die Aufklärung zielt dabei immer sowohl auf das Besondere, auf das einzelne Individuum, als auch auf das Allgemeine, die Totalität des Menschseins schlechthin.
Einer der wichtigsten Begriffe der Aufklärung, besonders dann bei Kant, ist die Kritik. Mit kritischem Denken ist der Typus eines Denkens gemeint, das Phänomene und Zusammenhänge vorurteilsfrei und umfassend zunächst zu verstehen und dann zu interpretieren versucht, und zwar unter Nutzung aller vorliegenden Fakten und Theorien, das heißt mit einem ganzheitlichen Anspruch. Kritisches Denken tritt damit an die Stelle eines metaphysischen Denkens, das alle Phänomene und Zusammenhänge immer schon in ein gegebenes Gedankengebäude, in eine apriorische Systematik eingeordnet hatte. Mit diesem kritischen Denken, das unser modernes Wissenschaftsverständnis begründet hat, treten dann auch Beobachtung und Interpretation an die Stelle von Glauben und Meinen. Diese Prinzipien eines kritischen Denkens werden dann sukzessive auf alle Wissensbereiche angewandt, auf die Geisteswissenschaften und die Kunst zunächst, dann auf die Naturwissenschaften, die Jurisprudenz und die Staatslehre. Das Problem der Aufklärung, mit dem sie sich konfrontiert sah, entstand hingegen aus ihrer uneingeschränkten Forderung nach Freiheit, nach Denkfreiheit, Redefreiheit, Pressefreiheit, kurz nach Freiheit für den einzelnen Menschen und dessen Recht auf freien Willen und Selbstbestimmung. Wenn nämlich jeder Einzelne nur seinem eigenen Willen hinterherläuft, dann ist nirgends mehr sicher gestellt, dass auch der allgemeine Wille der Menschheit zu seinem Recht kommt. Diesen Konflikt aufzulösen und ein System der Freiheit zu entwickeln, in dem individueller Wille und allgemeiner Wille miteinander versöhnt werden, war dann die Leistung von Jean-Jacques Rousseau und vor allem Immanuel Kant, zu dem wir, nach dieser Vorbemerkung zur Aufklärung insgesamt überleiten können.
Die Begeisterung, die Kants Denken bei den Gebildeten allein schon deshalb auslöst, weil es sich bis heute als grundlegend und verlässlich erwiesen hat in einer Welt, die keine rein objektiven Wahrheiten mehr kennt, welche Einsicht wir Kant verdanken, wird allenfalls getrübt durch den Befund, dass weder Kant noch die Aufklärung insgesamt in den Köpfen der Weltbevölkerung angekommen sind. Wie so häufig in der Wirkungsgeschichte kommen neue Erkenntnisse auch im Falle Kants nur als Schwundstufe im allgemeinen Bewusstsein an und verkehren sich nachgerade nicht selten in ihr Gegenteil. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass Kants Entdeckung der Subjektivität als Bedingung der Erkenntnis und sein bekanntes Diktum, dass ein jeder „seinen eigenen Verstand gebrauchen" soll, den Siegeszug der .eigenen Meinung' einleitete, die alsbald ein jeder als sein Persönlichkeitsrecht reklamierte, auch wenn er den Unterschied zwischen einem subjektiven Urteil und einer bloß privaten Meinung nicht kannte. Dieses verheerende Missverständnis, eine
reflektierte und reflektierende Subjektivität mit privater Meinung gleich zu setzen und für diese die gleiche Geltung einzufordern wie für jene, war wohl wirkungsgeschichtlich das folgenreichste Produkt seiner Philosophie. Nach Kant löst jene Subjektivität, die sich ihrer eigenen Erkenntnisprinzipien bewusst wird, die vor ihm noch allgemein gültigen Sätze der Metaphysik ab. Die Urteilskraft des Subjekts ist dabei das Vermögen, induktiv zu denken, das heißt vom Besonderen auf das Allgemeine zu schließen. Das Allgemeine wird aber nicht wahr dadurch, dass es von einem Subjekt als Allgemeines angesehen wird, sondern muss seine intersubjektive Geltung empirisch bestätigen lassen, und zwar durch immer wieder neue Urteile anderer Subjekte, die zu demselben Schluss kommen. Allgemeine Sätze, die nicht durch die Mehrheit subjektiver Urteile auch über lange Zeitverläufe hin immer wieder bestätigt werden, sind nach Kant spekulativ und willkürlich. Es ist legitim, solche Sätze zu denken und zu formulieren, aber es ist naiv, sie für wichtig oder gar richtig zu halten. Das eigene Urteil ist so einerseits notwendige Bedingung für die Erkenntnis, weil jeder allgemeine Satz in Permanenz von der Freiheit des Denkens in Frage gestellt werden darf und muss, um seine allgemeingültige Geltung verifizieren und falsifizieren zu können. Andererseits ist das eigene Urteil ohne die gleich lautenden Urteile anderer Subjekte wertlos, weil nur privat und nicht mit der Welt im Ganzen verbunden. Dieses Verständnis eines Urteils hat sich dann in unsere heutige Sicht einer eigenen Meinung verwandelt, die zwar das Recht der Freiheit des Denkens in Anspruch nimmt, aber die notwendige Demut und Mühe eines solchen Denkens abgeschnitten hat, nämlich die Geltung und Berechtigung der eigenen Meinung intersubjektiv und empirisch zu überprüfen. Das bequeme Fazit des modernen Menschen, die Autorität eines Denkens jederzeit mit der eigenen Meinung anzweifeln zu können und sich andererseits um die Autorisierung des eigenen Denkens in der Allgemeinheit nicht kümmern zu müssen, ist ein historisch hoher Preis der Bewusstseinsgeschichte für Kants Entdeckung der reinen und praktischen Vernunft, einer Philosophie, die sich ihrer eigenen Prinzipien und Grenzen bewusst wurde.
An der Unfähigkeit der Vielen, das Schwarzbrot seiner Philosophie in ihr Leben einzuflechten, sieht man dann auch noch einmal ex negativo, welche Ausnahmeerscheinung Immanuel Kant gewesen ist. Seme persönliche Bereitschaft zur Disziplin war spektakulär und offenbar dramatisch zu anspruchsvoll für die Allgemeinheit. So preußisch und diszipliniert wie Kant, so anstrengend, pflichtbewusst, fordernd und gründlich, wie er seine Konzeption des richtigen Denkens angelegt hatte, konnten ihm die Wenigsten folgen, die ihn auch deshalb, wegen seiner gelebten Disziplin, schon zu Lebzeiten als Ikone und Legende verehrten. Kants Angebot der Freiheit des Denkens haben die Menschen gerne angenommen, die Anstrengung dieses Denkens für sich selbst aber schnell unterschlagen. Der harte Preis der Disziplin für eine nicht willkürliche, sondern verbindliche Freiheit wird dementsprechend bis heute nur sehr selten gezahlt.
Fast unzumutbar diszipliniert wie sein Denken, gestaltete Kant nämlich auch sein Leben. Er ließ sich über Jahrzehnte von seinem Diener genau um fünf Uhr mit dem Ruf „Es ist Zeit!" wecken, absolvierte einen penibel getakteten Tagesablauf und erschien jeden, die Betonung liegt auf jeden Tag, um genau 7 Uhr abends zu seinem Spaziergang durch Königsberg. Innerhalb von 25 Jahren gab es nur eine einzige Ausnahme. Kant trat seinen Spaziergang nicht an, weil er von der Lektüre von Rousseaus „Emile" so ergriffen war, dass er nicht mit dem Lesen aufhören konnte. Es heißt, die Leute haben ihre Uhr nach diesen Spaziergängen gestellt, weil er stets um die exakt gleiche Zeit aus dem Haus trat. Kant hat Königsberg sein ganzes Leben lang nicht verlassen, er hat seinen Haushalt und seine Universitätsahngelegenheiten mit einem unerbittlichen System von Regeln durchzogen. Es war sogar geregelt, wie lange die Bettdecken zum Lüften aufs Fensterbrett gehängt und wie oft sie gewendet werden müssen, um die Ausdünstungen der Nacht aus ihnen zu vertreiben. Kant hat dieses Thema, wie jedes andere des alltäglichen Lebens, einmal gründlich durchdacht und anschließend die Prinzipien festgelegt, mit denen es behandelt werden soll. Es war auch diese ausnahmslose Konsequenz, die seinen Status als Legende schon zu Lebzeiten begründet hat. Das war Preußen in Reinkultur, es war Symbol einer Ethik des Arbeitens und Denkens, auch Motivation übrigens, dass menschliches Denken zu Höchstleistungen fähig ist.
Salopp formuliert können wir Kant sogar als denjenigen ansehen, der die Idee der Leistung von der Arbeit auf das Denken selbst übertragen hat. Denken ist bei ihm immer zielgerichtet, auf Optimierung aus und somit echter Leistungssport. Er war so unerschütterlich in seinem Glauben an die Fähigkeit des Denkens zur Selbstdisziplin, dass er sogar meinte, sich selbst das Vergessen befehlen zu können. In seinen alten Tagen konnte er sich seinen lebenslangen Diener Lampe nicht mehr leisten und ertappte sich dabei, dass er manchmal nach Lampe rief und sich dann wunderte, dass niemand kam, bis ihm wieder einfiel, dass der Diener längst entlassen war. Als Kant den Mechanismus dieser Fehlleistung seines Denkens analysiert hatte, schrieb er auf einen Zettel, den man in seinem Nachlass fand: „der Name Lampe muss nun völlig vergessen werden". Man sieht an dieser kleinen Anekdote sehr deutlich, dass es nach Kant keinen anderen Herrn und keine höhere Instanz im Gehirn des Menschen gibt als die Vernunft, die sich ihrer eigenen Wirkungsweise bewusst wird und damit dann natürliche Defekte des Denkens überwinden kann.
Die Popularität Kants und sein revolutionärer Einfluss auf die europäische Geistesgeschichte haben dafür gesorgt, dass viele seiner Begrifflichkeiten und Wendungen auch bei Nicht-Philosophen und nicht Gebildeten, ja bis in die Alitagssprache hinein bekannt wurden. Das „Ding an sich" zum Beispiel, manche mögen es für eine Erfindung der Rheinländer halten, manche denken an Heidegger, geht auf ihn zurück und meint den Unterschied zwischen der Erscheinung, sagen wir einem bestimmten Tisch, und dem Begriff „Tisch", mittels dessen wir mannigfache Tisch-Phänomene in einer Kategorie der Vernunft versammeln können. Dann der feinsinnige Unterschied zwischen „Verstand" und „Vernunft" aus seinen beiden Hauptwerken „Kritik der reinen Vernunft" und „Kritik der praktischen Vernunft". Hier hat die Wirkungsgeschichte mit ihrem Hang zu Netto-Botschaften auch tendenziell richtig gelegen, denn die Menschen schätzen die Vernunft wohl insgesamt höher ein als den Verstand. Schauen wir uns Kants Konzeption von Vernunft und Verstand etwas genauer an.
Es ist nach Kant der Verstand, der die mannigfachen Erscheinungen in der Welt versteht und unsere Brücke in die Erfahrung und die Wirklichkeit darstellt. Es ist jedoch die Vernunft, die Ideen entwickelt, die in der Wirklichkeit selbst nicht begründet sind, zum Beispiel den Begriff des .Tisches', und mittels solcher Begriffe dann auch als Einheit begreifen kann, was vorher nur einzeln verstanden wurde. Vereinzeltes Wissen, das der Verstand einsammelt, war für Kant längst noch kein wertvolles Wissen, sondern disparat, wild, mannigfach, eine Beleidigung für die wahre Vernunft und die wahre Wissenschaft. Das Verstehen zielt bei Kant also immer auf das Einzelne und Besondere. Das Begreifen der Vernunft hingegen zielt auf allgemeine Begriffe und Prinzipien, die nicht willkürlich sein dürfen. Die Vernunft ist sich bewusst, dass sie ihre Ideen und Begriffe, wir könnten heute auch sagen, Theorien und Modelle, die wie alle anderen Begriffe in der Wirklichkeit nicht begründet sind, mit anderen Subjekten und mit der Erfahrung abgleichen und erden muss. Beide, Verstand und Vernunft, brauchen einander, weil die Vernunft ohne Verstand keinen Abgleich mehr mit der Wirklichkeit hat und spekulativ wird, weil Verstand ohne Vernunft das Chaos der einzelnen Erscheinungen bedeutete.
Das ist eine Konzeption, bei der wir uns den Verstand als einen fleißigen Jäger und Sammler im Reich der sinnlichen Erscheinungen und der Empirie vorstellen können, und eine Vernunft, die man auf den ersten Blick vielleicht mit einer Innovationsmaschine verwechseln könnte, weil die Vernunft ja unablässig, aus sich heraus, neue Ideen entwickelt. Bei Kant heißt es hierzu, dass die Vernunft nun einmal so geartet ist, dass sich ihr Fragen und Ideen aufdrängen, die in der Wirklichkeit nicht begründet sind. Und weiter: „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: dass sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann, denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft". Die Vernunft ist bei Kant also keineswegs eine geniale, innovative Gattung der Geisteskräfte, sondern Kant vielmehr sogar endlich, weil sie ja, auch das ein Wesenszug der Vernunft selbst, nach innerer Einheit streben muss. Es reicht sozusagen nicht, bloß etwas begriffen zu haben und zu wissen, sondern es muss dieses Wissen zu einem System geordnet werden, um wissenschaftliches Wissen zu sein. Damit haben die innovativen Kräfte der Vernunft letztlich eine begrenzte Mission und müssen irgendwann mehr nach innerer Einheit denn nach neuen Ideen suchen. Der reinen Vernunft wird es irgendwann zu unvernünftig, neue Begriffe und Ideen zu denken, bevor die bereits vorhandene Vielfalt, die der Verstand zusammengetragen hat, zu einer vernünftigen Einheit geordnet ist. „Alle unsere Erkenntnis hebt von den Sinnen an, geht von da zum Verstande, und endigt bei der Vernunft, über welche nichts Höheres in uns angetroffen wird, den Stoff der Anschauung zu bearbeiten und unter die höchste Einheit des Denkens zu bringen", heißt es in der „Kritik der reinen Vernunft", und weiter: die Vernunft „geht also niemals auf Erfahrung oder auf irgend einen Gegenstand, sondern auf den Verstand, um den mannigfaltigen Erkenntnissen desselben Einheit a priori durch Begriffe zu geben".
Damit kommen wir von „Vernunft" und „Verstand" zu einem weiteren Schlüsselbegriff der Kantschen Erkenntnistheorie, zu dem bekannten „a priori" im Gegensatz zum „ a posteriori". Vernunfturteile „ a priori" bedeuten, dass die Vernunft einen einheitlichen Begriff formuliert, den sie später in der Erfahrung, über den Verstand, der im Unterschied zur Vernunft mit der Wirklichkeit in Kontakt ist, auf seine Geltung überprüfen will. Erkenntnisse müssen, um nicht willkürlich zu sein, „innerhalb der Grenzen unserer möglichen Erfahrung liegen", weshalb die Vernunft immer auf den Verstand angewiesen ist. Für sich selbst, wäre sie hermetisch und selbstreferentiell. „A posteriori" heißt, dass der Verstand aus der Empirie einzelne Daten gesammelt hat, die hinterher von der Vernunft zu einem sinnvollen System zusammengebaut werden.
Die zweite Unterscheidung, die Kant dann trifft, ist die zwischen „analytischen" und „synthetischen" Urteilen der Vernunft. Er bringt folgendes Beispiel für ein analytisches Urteil: „Alle Körper sind ausgedehnt". Die Ausdehnung ist ein implizites und konstituierendes Merkmal des Körpers, ist ihm also eigen und deshalb analytisch aus dem Körper selbst zu erschließen. Sein Beispiel für das synthetische Urteil: „Alle Körper sind schwer". Newtons Erkenntnis der Gravitation ist dann auch das klassische Beispiel für ein synthetisches Urteil a priori. Es geht der Erfahrung voraus und formuliert eine Theorie, ein Modell, eine Einheit des Denkens. Es ist innovativ, wie wir heute sagen würden, weil es nicht allein aus der Analyse von Vorhandenem Erkenntnisse zieht, sondern die Wirklichkeit mit „reinen Begriffen der Vernunft" herausfordert. Die Frage der Kritik der reinen Vernunft, also die Frage, was diese Vernunft legitimerweise und wissenschaftlich nachvollziehbar leisten kann, und wo sie sich vielleicht selbst in die Tasche lügt, mündet in die alles entscheidende Frage ein, wie synthetische Urteile a priori möglich sind?
Darauf gibt es aber keine pauschale Antwort. Es handelt sich vielmehr um das Geschäft, das die „reine Vernunft" und damit auch die Wissenschaft ausüben muss, und zwar beständig. Damit hat Kant ein Wissenschaftsverständnis formuliert, das uns heute als selbstverständlich erscheint. Es ist der Job der reinen Vernunft und der Wissenschaft, der Erfahrung voraus Theorien zu entwickeln, die die Einheit und Systematik des menschlichen Wissens vorantreiben und steigern. Es gehört zu ihrer Pflicht, diese Theorien nicht isoliert zu kultivieren, sondern mit dem vorhandenen System des Wissens abzugleichen und somit über die eigene Subjektivität hinaus andere Subjekte, die ja ebenfalls reine Vernunft praktizieren, als Prüfinstanzen für die Theorien zu integrieren. Und es ist schließlich ihre Aufgabe, die Geltung dieser Theorien a posteriori in der Wirklichkeit zu überprüfen, also empirisch zu bestätigen. Für Kants Zeit, in der sich unterschiedliche Schulen des Denkens unversöhnlich gegenüberstanden, in der Absolutismus nicht allein eine Staatsform, sondern auch Habitus und Duktus einer jeden wissenschaftlichen Lehrmeinung bildete, eine Zeit, in der viel behauptet und nichts bewiesen wurde, in der willkürliche Ideologien grassierten, ohne experimentell oder empirisch bestätigt zu sein, denken Sie nur an den Aderlass als Paradigma und herrschende Praxis in der Medizin, in dieser Zeit also, war Kants Konzeption der reinen Vernunft eine echte Revolution, die ungeheures Momentum, insbesondere auch für die Naturwissenschaften freigesetzt hat. Nach Kant beginnt die große Zeit der Naturforscher, die nun reihenweise und innerhalb von wenigen Jahrzehnten all die haltlosen Spekulationen beerdigen, die Jahrhunderte lang vorher die Debatten bestimmt hatten. Anstatt immer bloß in der Stube zu sitzen und dicke Bücher zu schreiben, die sich einander widersprechen, schauen die Wissenschaftler jetzt tatsächlich in der Wirklichkeit nach. Alexander von Humboldt beispielsweise ist einer dieser Naturforscher, der, nspinert von einem aufgeklärten Verständnis von Wirklichkeit, während seiner Reisen sozusagen im Vorübergehen in einen Vulkan hinein klettert, um die Theorien von Vulkanismus und Neptunismus zu überprüfen und dabei prompt, mittels einfacher, nachvollziehbarer und belegbarer Beobachtung alle Thesen des Neptunismus zur Entstehung des Planeten Erde ad absurdum führt.
Während Kants Konzeption der reinen Vernunft bis heute die Grundpfeiler unseres Wissenschaftsverständnisses und unserer Wissenschaftstheorie bildet und so selbstverständlich erscheint, dass sie kaum noch als auf Kant zurückgehend erkannt wird, ist seine „Kritik der praktischen Vernunft" nach wie vor mit seinem Namen verbunden und sicherlich auch bekannter für ein allgemeines Publikum. Die „Kritik der reinen Vernunft" war sozusagen so wirkungsmächtig, dass sie in das kollektive Bewusstsein eingeflossen ist und nicht mehr mit Kant verbunden wird. Die „Kritik der praktischen Vernunft" hingegen hat in der modernen Gesellschaft das Schicksal eines Lippenbekenntnisses erlitten, das alle für richtig halten, aber leider nicht praktizieren. Ironischerweise zehrt also Kant aus genau jenem Teil seiner Philosophie die größte Bekanntheit und Wertschätzung, die gleichzeitig die folgenloseste und am wenigsten erfolgreiche war.
Im Gegensatz zur reinen Vernunft, die auf Erkenntnisse ausgerichtet ist, zielt die praktische Vernunft auf den Zielpunkt einer ethischen Norm. Das Reich der Ideen, so hat Kant nachgewiesen, beherbergt nicht allein Theorien und synthetische Urteile a priori, sondern auch die Sphäre der Moral, die Kant zunächst in seiner „Metaphysik der Sitten" bearbeitet. Es geht ihm hier darum, klar zu stellen, dass es ethische Normen a priori überhaupt gibt, dass also die Vernunft vor aller Erfahrung und für alle verbindlich Ideen zu einem ethisch korrekten Verhalten haben kann, darf und soll. Und in der Tat hat die Vernunft solche Ideen zu allgemeinen ethischen Normen, die sich gegenüber der Natur nicht zu rechtfertigen brauchen, weil sie in der Natur selbst nicht vorkommen und ein reines Produkt der menschlichen Vernunft, damit auch Ausdruck der Freiheit des Menschen sind. Das Problem mit diesen ethischen Normen besteht darin, dass es Normen sind, die keine Rücksicht auf die Freiheit des Individuums und die Subjektivität nehmen. Daraus entsteht ein Zielkonflikt für den Menschen, der einerseits nach seiner Neigung leben will und auf individuelle Glückseligkeit ausgerichtet ist, andererseits von seiner eigenen Vernunft Ideen zu allgemeinen ethischen Normen nahe gelegt bekommt, die im Widerspruch zu seinen individuellen Bedürfnissen stehen können. Nach Kant ist der Mensch zwischen beiden Prinzipien in seinen ethischen Entscheidungen gestellt, frei durch seinen Willen, beiden Seiten zu folgen, wirklich frei in der vollen Bedeutung des Begriffs der Freiheit aber erst, indem er sich seine Unabhängigkeit auch von seinen eigenen Neigungen erhalten kann. Der Mensch, der nur seinen Neigungen folgt, wird nach Kant wieder zu einem bloßen Naturwesen, das seine eigentliche Freiheit verliert. Er wird dann zum Sklaven der eigenen Triebe, ohne sich über die Natur selbst zu erheben. Ebenso wie die ethischen Normen ist dabei auch die Freiheit nichts weiter als eine Idee der Vernunft. Deshalb liegt die höchste Freiheit auch nicht m der individuellen Freiheit, eigenen Neigungen zu folgen, sondern in der Autonomie des Subjektes der praktischen Vernunft, unabhängig von sich selbst und in Kenntnis der ethischen Normen seine Entscheidungen zu treffen. Formelhaft und abstrakt kommt diese Handlungsanweisung im berühmten kategorischen Imperativ dann zum Ausdruck: „handle nur nach derjenigen Maxime, durch die Du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde". Der höchste Gipfel der Vernunft liegt in ihr selbst, nicht etwa in der Freiheit, die nur eine Idee der Vernunft ist. Liebe rotarische Freunde, wir nähern uns dem Ende dieses kleinen Spaziergangs durch die Philosophie von Immanuel Kant, aber zwei Bemerkungen müssen noch fallen. Erstens will ich die berühmten vier Fragen zitieren, die Kant seinem Werk vorangestellt hat und mit kurzen Antworten darauf ein Fazit ziehen. Die Fragen lauten: „Was kann ich wissen7 Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch7" Die Frage, was ich wissen kann, beantwortet die Kritik der reinen Vernunft. Kritische Wissenschaft im geschilderten Sinne schafft verbindliches und verlässliches Wissen, geordnet zu einem System. Was ich tun soll, sagt uns die praktische Vernunft, in Kurzform der kategorische Imperativ. Für die Frage „Was darf ich hoffen?" war nach Kant weder die Philosophie noch die Wissenschaft insgesamt zuständig. Man wende sich zur Beantwortung der Frage an die Religion. Kants Antwort hätte gelautet: alles und nichts darf man hoffen, wir können es ohnehin nicht überprüfen. Schließlich: Was ist der Mensch? Er ist das vernünftige Wesen und sein Endzweck ist die Vernunft. Es gibt keine höhere menschliche Identität zu erlangen als die Vernunft walten zu lassen. Darin liegt unsere wahre Freiheit. Kant begründet mit dieser Philosophie ein auf Subjektivität basierendes Verständnis von Objektivität und entlarvt vermeintliche Tatsachen als pseudo-objektive Fiktionen der Vernunft. Es kann nach ihm ohne Subjektivität keine Objektivität geben, denn die Begriffe der Vernunft befinden sich ja immer in unserem Kopf, sie sind an ein Subjekt gebunden und kommen in der Wirklichkeit selbst nicht vor. Die einzig mögliche Objektivität, die uns als Höchstmaß der Verlässlichkeit und Verbindlichkeit im Rahmen unserer Erkenntnis zur Verfügung steht, liegt nun in der Intersubjektivität, also im Diskurs der Subjekte, die reine Vernunft praktizieren und die Geltung ihrer Ideen untereinander und in der Wirklichkeit überprüfen.
Die zweite Abschlussbemerkung validiert einen guten rotarischen Brauch und zieht den großen Immanuel Kant als Zeugen für unsere Traditionen, zum Beispiel für das gemeinsame Mittagessen, heran. Kant war nämlich nicht nur ein Einzelgänger und Workaholic, sondern schätzte die Gesellschaft in hohem Maße, allerdings nur bei Tisch. So regelmäßig wie alles andere in seinem Leben hat er täglich Tischgesellschaften geladen, um mit ihm gemeinsam zu speisen. Er war der Ansicht, dass Lachen gut für die Verdauung ist, weil es die Muskeln zum Schwingen bringt. Deshalb empfahl er, die Hauptmahlzeit grundsätzlich in Gesellschaft einzunehmen und dabei kräftig zu scherzen. Wie man sieht, hat er wirklich nur im Angesicht der Kunst „interesseloses Wohlgefallen" empfunden und war ansonsten strikt überzeugt, dass alles, was man tut, auch nützlich zu sein hat, sogar das Lachen. Die hohe Wertschätzung der Nützlichkeit verbindet uns als Rotarier mit ihm, aber vielleicht sollten wir künftig während des Essens noch mehr scherzen als bisher.
Erschienen in "Europa - Das Abendland. Kleiner philosophischer Spaziergang durch die Jahrtausende", herausgegeben vom Rotary Club Düsseldorf 2006.




