Metropolen 2020 - Laboratorien der Moderne
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B. Metropolen und Mobilität
- Die Renaissance der Zentralität bedeutet auch, dass alle Visionen von der Dezentralisierung (Internet, Telearbeit) etc. der Großstädte obsolet sind. Statt Dezentralisierung findet Verdichtung statt.
- Die Agglomeration wird auch im Jahre 2020 ihren urbanen Charakter erhalten können. Sie hat die Bedingungen für gesteigertes Lebensgefühl, das im Zentrum scheinbar als Chaos kulminiert, und dessen notwendige Voraussetzung der weite Einzugsbereich der Agglomeration und ihrer weltweiten Verflechtungen sind, aus eigener Kraft bewältigt. Was den Reiz der Metropole seit jeher ausmacht, beschreibt zugleich die Kraft zur Selbstregulation: Das Gedränge der Menschen und ihrer Institutionen reguliert die unausweichlichen Friktionen des Massendaseins ganz von selbst.
- Kommunikation und Mobilität – kurz gesagt: die Connectivity – wer-den bis 2020 in den Metropolen überproportional zunehmen. Große Anteile des Kommunikationsbedarfs werden von der Telematik und mobilen Dienstleistungen geleistet, der Verkehr wird mit technischen Hilfsmitteln besser organisiert und geregelt. Der öffentliche Perso-nennahverkehr wird stark ausgebaut und räumlich und zeitlich verdichtet, aber auch qualitativ verbessert werden. Auch der Individualverkehr wird trotzdem erheblich zunehmen, dennoch wird sein Anteil am Gesamtverkehrsaufkommen wegen des stärkeren Ausbaus des öffentlichen Verkehrs etwas sinken.
- Für BMW besonders wichtig: Statt Substitution von Verkehrsbewegungen durch Telearbeit, Telematik und mobile Dienstleistungen, findet weiterhin die Verdichtung urbanen Lebens bei gleichzeitig wachsender geographischer Differenzierung der Orte innerhalb einer Metropole statt, an denen sich das Leben abspielt. Zwischen diesen findet zwangsläufig nach wie vor wachsende (individuelle) Mobilität statt.
- Die Topographie der Metropole ist längst nicht mehr um die fixen Orten zum Wohnen und Arbeiten organisiert. In Tokio bilden 24-Stunden-Supermärkte und Automaten, Restaurants und Clubs, Karaoke-Bars und Love-Hotels die Infrastruktur für einen rastlosen, zuweilen gehetzten convenience lifestyle.
- Das Mobiltelefon und alle telematischen Dienste haben den optischen, akustischen und sozialen Raum der Metropole und die Art, sich in ihr zu bewegen, verändert wie keine andere Technologie: Alle urbanen Funktionen stehen dem gut verdienenden Obdachlosen on demand zur Verfügung. Die nicht-verdienenden Obdachlosen sind tagsüber mit Einkaufswagen unterwegs und schlagen nachts ihre mobilen Pappkartonhäuser in den Eingängen der Shoppin Malls auf.
- Vor allem Asien versteht Metropole als Laboratorium der Moderne: Cyberjaya in Malaysia ist eine als „intelligente Stadt“ konzipierte Neugründung. Singapur, das hofft, die „intelligenteste Stadt“ der Welt zu werden, strebt nach einer derart weit gehenden Integration seines Verkehrsleitsystems, seines Bildungs- und Gesundheitswesens und seines Handels, dass das Leben der realen Stadt unlösbar mit seinen elektronischen Repräsentationen verschmilzt.
- Die Stadt als Kathedrale der Sesshaftigkeit wird von innen heraus durch das neue urbane Nomadentum aufgelöst. „An Glasfaserlianen schwingen wir uns als Tarzane durch den Medienwald“ (Volker Grassmuck). Informationsgesellschaftliche Kompetenz erfordert die Einübung eines Lebens im Transit. Die Zahl der Leute, die auf der Visitenkarte Adressen auf drei Kontinenten stehen habe, wächst. Ihr UPL, ihr universal people locator, ist eine E-Mail-Adresse und eine Handynummer.
Der Ort des Individuums ist einer der Kommunikation: eine Adresse. - Idealorte für das Leben im Transit sind die Wartehallen der Flughäfen, in denen sich der Berlin-Bonner Reisetross morgens zum Kaffee und abends zum Bier trifft. Oder jenes Flughafenhotel in Bombay, dessen runde Außenmauern keine Fenster haben, damit man die Armut ringsherum ignorieren kann.



