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Von Reduktion bis Null
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STRATEGIEN DER IDENTITÄTSBILDUNG UND INNOVATION AM BEISPIEL VON ZERO UND GUTAI

Von Reduktion bis Null

STRATEGIEN DER IDENTITÄTSBILDUNG UND INNOVATION AM BEISPIEL VON ZERO UND GUTAI

VON RAINER ZIMMERMANN

Erschienen in: Zero. Internationale Künstler Avantgarde der 50er/60er Jahre. Ausstellungskatalog Museum Kunstpalast Düsseldorf. Hatje Cantz Verlag Ostfildern 2006. S. 12-19

Kunst gibt, so Kant, »viel zu denken«. Ihr Erkenntnispotenzial liegt nicht in Antworten, sondern vielmehr in den Fragen, die sie aufwirft und mit denen Prozesse der Auseinandersetzung, subjektive wie intersubjektive, in Gang gesetzt werden. Der Rezeption vorgelagert ist der Prozess der Auseinandersetzung des Künstlers selbst mit der Kunstgeschichte, mit Positionen anderer Künstler, mit der eigenen künstlerischen Identität. Das Produkt dieser Auseinandersetzung ist die Kunst. Reflexion wird auf der Seite der Produktion wie auf der Seite der Rezeption nicht mit Antworten belohnt, sondern mit innovativer Bedeutung, die interpretiert werden kann. Identität und Innovation liegen deshalb nirgends so nah beieinander wie in der Kunst, weil hier die geglückte Gewinnung einer eigenständigen Position gleichbedeutend ist mit der Hervorbringung einer Innovation. Die einzigartige Identität des künstlerischen Werks ist die Substanz der Innovation.


Dieser Zusammenhang zeigt deutliche Parallelen zur generellen Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. Die Frage »Wer bin ich?« wird in allen Kulturen zu allen Zeiten gestellt, von einzelnen Menschen, von Institutionen, von Unternehmen, Städten, Regionen, Ländern und natürlich auch von Gruppen wie beispielsweise einer Künstlerbewegung. Und wie bei der Kunst mündet die Auseinandersetzung mit dieser Frage nicht etwa in eine finale Antwort ein, sondern eröffnet die Möglichkeit eines neuen Entwurfs des eigenen Selbstverständnisses. Die dialektische Dynamik des Nachdenkens über die eigene Identität ist sozusagen automatisch innovationsstiftend für den permanenten und unabschließbaren Prozess der Identitätsbildung. Identität meint dabei das »zu Bildende«, zu Gestaltende der Identität an sich selbst und nicht etwas bereits »Gebildetes«, Gestaltetes, das wir begrifflich vereinnahmen könnten. Identität hat sozusagen immer die Chance, durch Selbstreflexion zur Self-fulfilling Prophecy zu werden. Mit Goethes Diktum aus Wilhelm Meisters Lehrjahren lautet dieses Programm kurz und bündig: »Werde, der du bist.« Unser Alltagsverständnis, nach dem Identität eher als unveränderliche Konstante angesehen wird und sich beispielsweise in der persönlichen Identitätsnummer oder im Personalausweis materialisiert, führt im Sinne der Identitätsphilosophie in die völlig falsche Richtung. Jede ernsthafte Auseinandersetzung mit eigener Identität muss der Tatsache Rechnung tragen, dass das Individuum gleichzeitig Subjekt und Objekt der Denkhandlung ist. Deshalb liegt Identität auch gerade nicht im »Selbst«, sondern ist, mit Hegel, »Differenz zu sich selbst«. Auch hier liegt die Parallele zur Kunst auf der Hand, denn Kunst, die nicht epigonal ist, muss zwangsläufig immer auch »Differenz zur bestehenden Kunst« sein.


Vor diesem Hintergrund bildet die internationale Künstlerbewegung ZERO ein besonders aufschlussreiches Fallbeispiel für die Erforschung von Strategien der Identitätsbildung. Die Auseinandersetzung mit anderen Positionen der Kunst und mit der eigenen künstlerischen Identität ist hier nicht allein Sache eines einzelnen Künstlers, sondern gruppendynamischer Diskurs. Und die innovative Leistung bezieht sich nicht bloß auf ein einzelnes Werk oder einzelne Werke, sondern auf eine neue Kategorie von Kunst, die unseren Kunstbegriff entwickelt und erweitert hat. Dabei ist, wie oben gesagt, die Strategie der Identitätsbildung in der Künstlerbewegung zugleich determinierend für die künstlerische Position und damit für die Innovation.


Die Identity Foundation hat die Ausstellung ZERO im museum kunst palast Düsseldorf sehr gern gefördert, weil sie im Rahmen des interdisziplinären Forschungsansatzes der Stiftung einen neuen Zugang zu Strategien der Identitätsbildung eröffnet. Neben den Disziplinen der Philosophie, Psychologie, Soziologie und Theologie bildet die Kunst aus Sicht der Stiftung einen Bedeutungsraum, der Seinserfahrungen ermöglicht und somit per se identitätsbildend für alle ist, die sich auf die Auseinandersetzung mit Kunst im oben geschilderten Sinne einlassen.


ZERO und GUTAI sind keine singulären Positionen, sondern über nationale Grenzen hinweg operierende Künstlergemeinschaften, die in wechselnden Konstellationen gemeinsam auftraten und ausstellten. Anders als bei einem einzelnen Künstler, der eine eigene, alleinständige Position vertritt und in der Regel ex post von Kunstkritik und Kunstgeschichte eingeordnet und Kunstströmungen zugerechnet wird, ist bei Künstlerbewegungen schon ex ante ein starker Anspruch im Spiel, als Gruppe und Schule programmatisch und epochenbildend zu wirken. Die Konstitution der »Bewegung«, ihr »Manifest«, ihre Proklamationen sind Akte der Selbstbehauptung und Identitätsbildung sowohl für die beteiligten Künstler wie für das Kunstverständnis insgesamt, das die Gruppe repräsentiert. »Bewegungen« wollen Fortschritt erzielen, auf Veränderung und neue Zustände dringen. Sie positionieren sich für oder gegen etwas und nehmen einen Standpunkt gegenüber herrschenden Diskursen ein. Weil dies öffentlich geschieht und die Bewegung aufgrund der Zahl ihrer Mitglieder und Mitstreiter eine höhere demokratische Geltung und allgemeine Bedeutung reklamiert als der Einzelne, sind Bewegungen immer auch politisch. Sie wollen nicht allein etwas Neues denken, schaffen und sein, sondern diesem Neuen auch zur Wirkung und zum Erfolg in der Welt verhelfen. Alle »Bewegungen«, auch politische oder soziale, sind so zwangsläufig revolutionär, ohne deshalb unbedingt auch ideologisch aufzutreten. Es ist ja ein großer Unterschied, ob das Neue erschaffen werden soll, um das Alte zu ersetzen, oder aus reiner Freude am Neuen ohne Anspruch auf Überlegenheit, Weltverbesserung und Wettbewerb. ZERO und GUTAI sind in diesem Sinne sehr friedliche Revolutionen, die es mit Georg Christoph Lichtenberg halten: »Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muss anders werden, wenn es gut werden soll.«


Eine Künstlerbewegung hat zunächst und naturgemäß zwei Antriebsfedern: Sie möchte identitätsbildend und künstlerisch innovativ wirken. Ersteres ist gerade bei Künstlern anspruchsvoll, weil sie ein hohes Maß an Individualität und Autonomie mitbringen und nur selten zu Kompromissen bereit sind. Gelingt es hier, eine Idee, eine Position, ein Identitätsverständnis zu formulieren, die von mehreren Künstlern getragen, ja öffentlich vertreten werden, so ist der diskursive Anspruch eines solchen Identitätsverständnisses von Anbeginn hoch. Wenn plötzlich verschiedene Künstler ähnliche Ziele verfolgen, wenn auch mit formal sehr unterschiedlichen Ansätzen, sogar über Ländergrenzen hinweg, sich organisieren in Bewegungen, die untereinander diskutieren, gemeinsam arbeiten und ihre geistige Verwandtschaft dokumentieren - all das ist bei ZERO, GUTAI, NUL, Azimuth, den Nouveaux Realistes der Fall -, dann muss quasi der Weltgeist im Spiel sein, dann lauert wohl ein Zipfel Objektivität in der subjektiven Welt der Kunst. Die Identität einer Bewegung, erst recht einer Künstlerbewegung, muss demnach in gewisser Weise mit dem Zeitgeist, mit der Bewusstseinsgeschichte der Epoche verknüpft sein, sofern man nicht an Zufall glaubt. Wie stark der Einfluss der Bewusstseinsgeschichte auf die Künstlerbewegung und umgekehrt gewesen ist, ist eine andere Frage und soll hier nicht diskutiert werden. Im Rahmen der Ausstellung ZERO interessiert, wie ZERO und GUTAI ihr Selbstverständnis, ihre Identität als Künstlerbewegung erarbeitet haben, mit welchen Strategien sie ihre Programmatik entfalteten. Seriöserweise kann man davon ausgehen, dass diese Strategie auch epochenwirksam, wenngleich nicht unbedingt epochentypisch war.


Das zweite Charakteristikum der Künstlerbewegung, die Innovation, ist in diesem Fall gleich doppelt gegeben. Wahre Kunst ist ja immer innovativ, weil sie eben nicht epigonal ist und Neues erschafft. Künstler und Bewegungen sind also beide per definitionem innovativ, und wenn sie zusammenkommen, muss theoretisch auch ein doppelt innovatives Klima entstehen. Was waren die Treiber der Innovation bei ZERO und GUTAI? Lässt sich eine InnovationsStrategie beschreiben? Waren die Strategien dieser beiden Bewegungen verwandt oder unterschiedlich? Diese Fragen sind mit der Frage nach dem Identitätskonzept untrennbar verbunden, denn Identität und Innovation sind, wie gesagt, einander wohl nirgendwo so nah wie in der Kunst und besonders bei Künstlerbewegungen. Beide beanspruchen hier objektive, zumindest intersubjektive Geltung. Es besteht Grund zu der Annahme, dass die Strategie der Identitätsbildung gleichzeitig auch die Innovationsstrategie ist. Die Identitätsbildung eines neuen Kunstverständnisses und das Streben nach diesem »Neuen« sind nicht zu trennen, beide bedingen einander.


Schauen wir uns die Programmatik von ZERO und GUTAI an, so werden wir sehen, dass inhaltliche Ausrichtung und Identitätsverständnis zunächst ganz unterschiedlich waren, jedoch beide Bewegungen mit ähnlichen InnovationsStrategien gearbeitet haben. Die konzeptionelle Triebfeder, eine Bewegung zu gründen und eine programmatische Innovationsphase einzuleiten, liegt bei GUTAI eher in der Sehnsucht nach Authentizität und dem Respekt gegenüber der »Ehre«, dem Wesen des Materials. Bei ZERO ist es die Überwindung des Informel hin zu einer neuen, vom Licht erfüllten Kunst, die die Grenzen von Malerei, Skulptur und Architektur überwindet und eine neue Synthese ermöglicht. Strategisch operieren beide Bewegungen gleichermaßen mit den Prinzipien von Reduktion, Subtraktion und auch Negation. ZERO startet unter allen verwandten Künstlerbewegungen mit einer besonders kraftvollen und radikalen Strategie, der Null-Strategie.


Die Null ist eine ganz besondere Zahl. Schon die ersten Sätze des ZERO-Manifestes berufen sich auf verschiedene Bedeutungsdimensionen: »ZERO ist die Stille. ZERO ist der Anfang. ZERO ist rund. ZERO dreht sich.« Am Anfang ist die Stille, Leere, Abwesenheit von etwas, eine umrandete, runde Fläche, still und sprachlos in ihrem Inneren. Außerhalb der Linie, die die Null begrenzt, mag es »Etwas« geben, innerhalb ist jedenfalls »Nichts«. Diese eigentlich schon beim Betrachten erschließbare Einsicht in das Wesen der Null, die unmittelbare Evidenz des »Nichts«, korrespondiert historisch mit ihrer sehr späten Bedeutung, die sie erst durch die Inder erhalten hat. Bei den Babyloniern war die Null bloß eine Leerstelle beim Rechnen, erhielt dadurch jedoch ihre weitaus häufigere Bedeutung als Beginn einer aufsteigenden Ziffernfolge von Eins bis Neun, die in der Null ihren Nullpunkt hat.
»ZERO ist der Anfang«, heißt es im zweiten Satz des Manifestes. Diese bis in die Alltagssprache gebräuchliche metaphorische Verwendung der Null als Symbol des Neu-beginns hat durch das Christentum in Europa ungleich höhere Schubkraft erhalten als in Asien. Das Jahr der Geburt Christi, das Jahr null, ist der Beginn unserer Zeitrechnung. Diese Denkfigur, in der Null den Ursprung eines Neubeginns zu sehen, ist im Abendland ganz selbstverständlich und in hohem Maße zeitchronologisch geprägt. Die Null zeigt uns, dass eine neue Sequenz begonnen hat: die »Stunde null« als Beginn einer neuen Epoche. »Null Uhr«, ein neuer Tag bricht an. Auch Gespräche können »bei null« beginnen, das heißt, dass alles, was vorher geschah, ignoriert werden soll, weil die Gesprächspartner einen neuen Anfang machen wollen.

Kommen wir zu den nächsten beiden Sätzen des Manifestes. »ZERO ist rund. ZERO dreht sich.« ZERO ist Momentum, ein Rad, das sich dreht und wandeln kann, Innovation aus sich selber schöpft. Die ZERO-Künstler zeigen immer wieder einen Dynamo. »Wir wünschen uns Klarheit über unsere Bemühungen«, sagt Otto Piene zur Eröffnung der Ausstellung Mack - Piene - Uecker im Haus Lange in Krefeld 1963, »denn nur was uns klar ist, können wir aufgeben, um uns neuen, unbekannten Zielen zuzuwenden.« Aufgeben, hinter sich lassen, überwinden, nicht verlieren, aber loswerden muss man die alten Positionen, Bedeutungen, Missionen, um neue zu gewinnen. Aufgeben ist eine starke und vielschichtige Haltung innerhalb von identitätsbildenden Prozessen. Sie entspricht der dreifachen Bedeutung des Hegeischen »Aufhebens« im Sinne von Ergreifen, Hochheben auf eine neue Ebene und Auflösen zugunsten einer neuen Synthese.

ZERO startet bereits in den ersten vier Sätzen seines Manifestes mit einer sehr dichten und universellen Programniatik der Bedeutungsbildung, auch der Identitätsbildung der Künstlerbewegung selbst. ZERO steht für Stille und das Nichts, die ZERO-Künstler wollen klare und bekannte Positionen aufgeben, um das Neue aus der Stille, aus dem Nichts, aus dem Off heraus zu entwickeln. ZERO ist Anfang und Nullpunkt. Die »Bewegung« ist nicht Teil einer schon existierenden Bedeutungsgeschichte, sondern der Nullpunkt einer eigenen Bedeutungsgeschichte. ZERO dreht sich. Die Künstlerbewegung ist dynamisch, ihre Kunst ist dynamisch.

Das ist eine sehr selbstbewusste, sehr autonome Position. Sie zieht in einem Handstreich ein hohes Kapital aus der Null: die Unvoreingenommenheit und Freiheit von Nullpunkt und Neubeginn, die natürliche Dynamik und das Momentum eines Vakuums sowie einer sich dann erneuernden Energie, für die der Dynamo steht. Die Null bietet einen hohen strategischen Wert der Bedeutungsbildung, sie ist auch ein sicherer Garant der Abschottung von herrschenden Diskursen, die vom Wesentlichen der eigenen Mission ablenken könnten. Die Null ist aber auch die ehrgeizigste Strategie, die sich in Fragen der Identitätsbildung und Innovationskultur denken lässt. Instinktsicher wählt ZERO sie aus dem Repertoire der Strategien(1) als die bildnerischste, gestaltungsanspruchsvollste aus.

Während ZERO zumindest theoretisch offenbar die Null-Strategie wählt, ist das japanische Phänomen GUTAI eher auf die Strategie der Subtraktion ausgerichtet. Diese Strategie und die Null-Strategie liegen nahe beieinander, denn man muss nur lange genug subtrahieren, um irgendwann bei null anzukommen. Die Künstlerbewegung ZERO ist auch kein reiner Vertreter der Null-Strategie, denn sie zeigt Elemente beispielsweise der Negation in den reduzierten, minimalistischen Arbeiten wie bei Yves Klein. Die Grundidee der Subtraktionsstrategie, »the art of adding value by subtraction«, ist bei ZERO wie bei GUTAI zu finden; dennoch unterscheidet sich die Programmatik von GUTAI deutlich. Es geht hier zunächst um die »Ehre des Materials«, um das Wahre und Authentische im Gegensatz zum Verfälschten und Künstlichen: »Arts we have known up to now appear to us in general to be fakes fitted out with a tremendous affectation«, schreibt Jiro Yoshihara im GUTAI -Manifest und fährt fort: »objects are in disguise and their materials [...] are loaded with false significance [...] the materials have been completely murdered and can not longer speak to us«.(2) Die Mission von GUTAI sei »calling the material to life«. Das Manifest entfaltet die Idee, die wahre Geltung des Materials wieder zum Vorschein zu bringen, indem man alles reduziert, minimiert, subtrahiert, was die Ehre des Materials verdeckt, verfälscht oder vergewaltigt.


Das klingt nach typisch japanischem Purismus, ein bisschen auch nach Restauration. Die Arbeiten, die die GUTAI-Künstler zeigen, sind indes mitnichten restaurativ. Sehr deutlich sehen und erkennen, was mit »Ehre des Materials « gemeint ist, kann man in der Arbeit Mizu (Wasser), von Sadamasa Motonaga (1956), die für die Ausstellung ZERO rekonstruiert wird. Wasser hängt hier auf Planen im Raum und nimmt physikalisch perfekte Formen an. Die Schönheit der Form entsteht einzig durch das Material selbst, das seine Gewichtsverteilung und Ausdehnung nach natürlichen Prinzipien selbstbestimmt vornimmt. Der deutsche Architekt Frei Otto, ein bekennender Mann der ZERO-Bewegung, fand die optimale Materialverteilung für seine hängenden Flachdächer ebenfalls, indem er weiches Material hängen und seine innere Stabilität selbst finden ließ.


Auch Günther Uecker arbeitet in Lichtregen und Lichtplantage, beide 1966, mit dem Prinzip der Verfestigung eines weichen Materials, des Lichtes selbst, das, geführt und begrenzt durch Rohre, materialhaft wird und von einem diffusen in einen festen Zustand überzugehen scheint. Das Licht wird hier von seiner Funktion als Medium befreit und als Material für sich isoliert betrachtbar, anfassbar und konkret im Sinne GUTAIs. Es steht für sich und dient nicht einem anderen Zweck. Die Strategie der Subtraktion und Reduktion fördert die Reinheit und Identität des Materials mit sich selbst. »Purification« hat Yves Klein das genannt, die immer auch »Vibration« ermöglicht, also die innere Schwingung des Materials, die es lebendig macht.
Otto Pienes Rauchbilder sind ein weiteres Beispiel für die von ZERO und GUTAI geteilte Auffassung, dass Subtraktion, auch durchaus radikal im Sinne der Vernichtung und Zerstörung, die Kräfte des Reinen, Unmittelbaren und Eigentlichen ebenso freisetzt wie Innovation aus Überwindung. Der Rauch ist eine präzise Metapher für die erwähnte Haltung des »Aufgebens« zugunsten eines Neuen. Das Feuer separiert tote Asche und lebendigen Rauch aus dem Material. Zeichenhaft steht der Rauch für den Transformationserfolg der Reduktion und die Geburt des Neuen aus dem Alten.

 

(1) Siehe Rainer Zimmermann, Strategien zur Idenhtätsbildung und Innovation, Identity Foundation:
a) Addition: Neues entsteht, weil Vorhandenem neue Aspekte hinzugefügt werden. Innovation und Identität als evolutionärer Prozess;
b)  Subtraktion: Neues entsteht, weil Vorhandenes auf seinen Kern und seine wahre Bedeutung zurückgeführt wird. Innovation und Identität durch Reduktion und Minimalismus;
c)  Negation: Neues entsteht, weil Vorhandenes abgelehnt wird. Innovation und Identität durch Gegenpositionen;
d) Null-Strategie: Neues entsteht, weil Vorhandenes ignoriert wird, weil ein Vakuum zwangsläufig Neues anzieht. Innovation und Identität durch Geburt aus dem Nichts;
e)  Dialektik: Neues entsteht, weil über die Negation von etwas eine Brücke gebaut wird, die den Widerspruch aufhebt. Innovation und Identität durch Synthese;
f)  Spiel und Zufall;
g)  Glaube: Neues entsteht, weil Vorhandenes unter einer bestimmten Voraussetzung gesehen und gezeigt, dadurch verwandelt wird. Im Lichte eines Glaubens erscheint und wird Vorhandenes neu. Innovation und Identität durch Freiheit des Glaubens.

(2)    www.ashiya-web.or.jp/museum/10us/l03education/ nyurnon_us/ manifest_us.htm

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