Fußnoten
1 Jörg Villwock: Metapher und Bewegung. Frankfurt a.M./Bern 1983. (Frankfurter Hochschulschriften zur Sprachtheorie und Literaturästhetik. Bd. 4). S. 329.
2 Ebd. S. 326.
3Walter Benjamin: Nordische See. In: W.B., Gesammelte Schriften. Bd. 4. Hrsg. von Tillman Rexroth. Frankfurt a.M. 1972. S. 383-387, hier S. 383.
4 Ebd. S. 385f.
5 Gerhard Kurz: "Die Opposition östlich-westlich, Unke-rechte ist so auffallend, daß man als Leser nicht umhin kommt, an die politische Bedeutung von links und rechts, östlich und westlich zu denken." (Metapher, Allegorie, Symbol. Göttingen 1982. S. 29) Ein Interpret ist nicht immer gut beraten, wenn er sich an den auffälligsten Bedeutungen orientiert.
6 Ebd.
7 Die Interpretation entscheidet sich hier zu Zwecken einer vorübergehenden Sondierung, den Satz "Mit einem Male gab es zwei Möwenvölker, eines die östlichen, eines die westlichen, linke und rechte [...]" als Parallelismus zu lesen. Aber auch ein Chiasmus würde der Interpretation nicht widersprechen, denn es kommt wesentlich darauf an, daß hier ein Gegenüber von Verschiedenem etabliert wird, welches bis zum Ende des Textes keine Vermittlung erfährt.
8 A. Müller: Artikel "Mantik". In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 5. Hrsg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer. Basel/Stuttgart 1980. Sp. 749-751, hier Sp. 749.
9 Jakob Burckhardt: Griechische Kulturgeschichte. Bd. 2. München 1977. (Nachdruck der Ausgabe Basel 1956-1957). S. 259.
10 Ebd. Von rechts oder von links kommende Vögel haben in der griechischen Mythologie, aber auch im deutschen Aberglauben eine unterschiedliche Bedeutung. "Die Ansicht der Griechen, daß der von Rechts her kommende Vogel ein gutes, der von Links her ein böses Zeichen sei, hat ihren Ursprung in der Art der Beobachtung des Vogelflugs; denn der Vogelschauer wandte sich mit dem Gesichte nach Norden, um nach dem Olympe, dem Sitze des Zeus, zu schauen, so daß ihm rechts der Osten, Links der Westen war, der Osten war aber als Seite des Lichtes die glückliche, der Westen als Seite der Nacht und des Hades die unglückliche Richtung." (Johann Baptista Friedreich: Die Symbolik und Mythologie der Natur. Wiesbaden 1972. [Nachdruck der Ausgabe Würzburg 1859], S. 370). Siehe auch das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Hrsg. unter besonderer Mitwirkung von E. Hoffmann-Krayer und Mitarbeit zahlreicher Fachgenossen von Hanns Bächtold-Stäubli. Bd. 8. Berlin/Leipzig 1936/37. Sp. 1673: "[...] z.B. der rechtsfliegende ist gewöhnlich ein Glückszeichen". Gegen die Annahme, daß der Text mit diesen traditionellen Bedeutungen von linken und rechten Vögeln operiert, spricht einmal der Umstand, daß das Schiff nach Süden fährt, aber aber auch generell die intermittierende Funktion der linken und rechten Vögel ("Widerspiel"). In seiner Konzeption bedient sich der Text aber der mythologisch vorvermittelten, schwankenden Wertsphäre des Vogelbildes, wie es beispielsweise auch die expressionistische Lyrik, insbesondere Trakls, getan hat. Siehe dazu: Christine Cosentino: Tierbilder in der Lyrik des Expressionismus. Bonn 1972. (Abhandlungen zur Kunst-, Musik-, und Literaturwissenschaft. Bd. 119), zur Vogelflug-Mantik bei TrakI insbesondere S. 48-55.
11 Siehe zu diesem Komplex die Anmerkungen des Herausgebers in Benjamin: Gesammelte Schriften. Bd. 4, a.a.O. S. 993-996 u. 1006f.
12 Walter Benjamin: Kurze Schatten II. Ebd. S. 425-428, hier S. 428. 172
13 Ebd. S. 425f.
14 Auf die Vermählung von Denken und Poesie, welche die von "Baum" und "Sprache" erst ermögliche, weist in diesem Zusammenhang Helmut Arntzen hin (Kurze Prosa von Lichten-berg bis Bloch. In: H.A., Zur Sprache kommen. Studien zur Literatur- und Sprachreflexion, zur deutschen Literatur und zum öffentlichen Sprachgebrauch. Münster 1983. [Literatur als Sprache. Bd. 4]. S. 314-327, hier S. 327). Siehe erweiternd: Ulrich Erckenbrecht: Sprachdenken. Philosophische Anregungen. 2. Aufl. Göttingen 1984. Erckenbrecht erblickt in diesem Denkbild Benjamins einen neuerlichen Beweis für dessen sprachmystisches Denken einerseits und für dessen auratisches Verständnis der Dinge andererseits (S. 32f.). Der Sprachbegriff Benjamins kann an dieser Stelle nicht diskutiert werden, allerdings mag die Interpretation zeigen, wie unzutreffend uns der Terminus 'Sprachmystik' für diesen Text erscheint. Generell stellt sich der Verdacht ein, daß 'Sprachmystik' - ähnlich wie der Terminus 'hermetisch' bei moderner Lyrik - häufig als Signal der Erledigung funktioniert, um weitere Interpretationen in den Bereich des Spirituellen zu verweisen und damit zu tabuisieren.
15 H.M. Baumgartner: Artikel "Arbor porphyriana". In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 1. Hrsg. von Joachim Ritter. Basel/Stuttgart 1971. Sp. 493f., hier Sp. 493.
16 Das Bild des Baumes ist in diesem Zusammenhang so kommun, daß stellvertretend nur in zwei Zitaten der Bogen von einer Barock-Grammatik zu einem die Linguistik fundierenden Text geschlagen werden soll. "Ein jedes standfestes Gebäu beruhet auf seinen unbeweglichen wolbepfälten Gründen: Also einer jeglichen Sprache Kunstgebräu bestehet gründlich in ihren uhrsprunglichen natürlichen Stammwörteren: welche als stets saftvolle Wurzeln den ganzen Sprachbaum durchfeuchten/dessen Sprösslein/Ast- und Aderreiche Zweige in schönster Rein-ligkeit/steter Gewisheit und unergründlicher Mannigfaltigkeit/reumiglich und hoch ausbreiten lassen. Nach dem auch eine Sprache an solchen Stammwörteren kräftig und Wurzelreich ist/ kan sie auch schöne, herzliche und vielfältige Früchte geben [...]" (Justus Georg Schottelius: Ausführliche Arbeit Von der Teuschen HaubtSprache (1663). Hrsg. von Wolfgang Hecht. 1. Teil. Tübingen 1967. [Deutsche Neudrucke. Reihe Barock. Bd. 11]. S. 50). Ferdinand de Saussure über das Verhältnis der Dialekte zur Hochsprache: "Sie bilden tatsächlich einen besonderen Zweig am gemeinsamen Stamm." (Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Hrsg. von Charles Bally und Albert Sechehaye. 2. Aufl., mit neuem Register und einem Nachwort von Peter von Polenz. Berlin 1967. S. 254).
17 Siehe dazu Alexander Demandt: Metaphern für Geschichte. Sprachbilder und Gleichnisse im historisch-politischen Denken. München 1978. S. 107-109. Demandt weist darauf hin, daß sich für die Geschichte die historischen und systematischen Bildwerte des Baumes überschneiden; so sei der Baum durchgängig auch als Ordnungsmodell für Geschichte anzutreffen.
18 Siehe dazu Dieter Bachmann: Essay und Essayismus. Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1969. S. 107. Siehe dort auch die Interpretation des Denkbildes "Der Baum und die Sprache", S. 105-107. Mit Blick auf die Genesis und Johann Georg Hamann gewinnt der Baum weitere anthropologische Funktionen. Nicht als Bild-, sondern als Erkenntnisspender funktioniert der Baum in der Genesis (III, 6f.): "VND das Weib schawet an/das von dem Bawm gut zu essen were/[...]/weil er klug mechte/Vnd nam von der Frucht/vnd ass/vnd gab jrem Man auch da von/vnd er ass. Da wurden jr beider Augen auffgethan/und wurden gewar/das sie nacket waren [...]" (D. Martin Luther: Die gantze Heilige Schrift Deudsch. Wittenberg 1545. Darmstadt 1972. S. 29). Diese Erkenntnis, "das sie nacket waren", ist aber eine in Sprache, und schon Johann Georg Hamann hat diese Passage dahingehend interpretiert, daß dem Menschen von dem Augenblick an Sprache gegeben war, in dem ihn "die Erkenntniß des Guten und Bösen Schaam gelehrt hatte" (Aestetica in nuce. In: J.G.H., Schriften zur Sprache. Einleitung und Anmerkungen von Josef Simon. Frankfurt a.M. 1967. [Theorie. Bd. 1]. S. 105-127, hier S. 108). Der Baum ist als 'Baum der Erkenntnis' also durchaus auch als Symbol für die Partizipation des Menschen an Sprache anzusehen. Siehe als Beispiele von literarischen Bearbeitungen dieses Themas Karl Gutzkow: Vom Baum der Erkenntniß. Denksprüche. Stuttgart 1868; Ernst Jünger: Der Baum. (In: E.J., Sämtliche Werke. Abt. II. Bd. 12: Essays IV. Fassungen I. Stuttgart 1979. S. 289-303, insbes. S. 292f.).
19 Ergänzend sei hier auf die diskursive Fundierung der Sprachtheorie Benjamins verwiesen, wie sie sich programmatisch in seiner Schrift "Über die Sprache überhaupt und die Sprache des Menschen" findet (in: W.B., Gesammelte Schriften. Bd. 2. Hrsg. von Rolf Tiedemann u. Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt a.M. 1977. S. 140-157). Benjamin bezieht sich dort in seiner Argumentation sowohl auf die Genesis wie auch auf Johann Georg Hamann (vgl. unsere Anm. 19).
20 Vgl. dazu Burkhard Spinnen: Schriftbilder. Studien zu einer Geschichte emblematischer Kurzprosa. Münster 1991. (Literatur als Sprache. Bd. 9). Die Arbeit fußt auf Benjamins Ausführungen zu Emblematik und Allegorie und behandelt u.a. seine Kurzprosa der "Einbahnstraße".
21 Friedrich Schiller: Über naive und sentimentalische Dichtung. In: F. Seh., Sämtliche Werke. Bd. 5: Erzählungen, Theoretische Schriften. Hrsg. von Gerhard Fricke und Herbert G. Göp-fert. 6. Aufl. München 1980. S. 694-780, hier S. 728. In der Anmerkung zu dieser Passage führt Schiller aus, daß die Entgegensetzung von Natur und Kunst, Ideal und Wirklichkeit nicht ausdrücklich vorgeführt zu werden brauche, weil nämlich, sofern der Dichter "das Gemälde der unverdorbenen Natur oder des erfüllten Ideals rein und unverdorben vor unsere Augen" stellt, "jener Gegensatz doch in seinem Herzen" ist und auch "ohne seinen Willen in jedem Pinselstrich verraten" würde (S. 728f.). Der Unterschied gegen die Wirklichkeit des täglichen Sprechens kann im Ideal des Textes "Der Baum und die Sprache" um so deutlicher empfunden werden, weil die seit Schiller erheblich gesteigerte Massivität eines reduzierten Sprachgebrauchs gerade an sprachbewußten Texten ex negative mithallt.
22 Ebd.



