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Widerspiel und Vermählung
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...Jenseits einer konkreten Interpretation ein allgemeineres Verständnis dafür zu entwickeln, was eine Metapher sei, bedeutet zwangsläufig, sich einer Definition zu nähern.

Widerspiel und Vermählung. Identität und Nichtidentität in der Metapher. Zwei Denkbilder Walter Benjamins.

Erschienen in: Metapherngebrauch. Linguistische und Hermeneutische Analysen literarischer und diskursiver Texte. Hg. Helmut Arntzen und Franz Hundsnurscher. Münster/New York 1993. S.161-181.

I.


Als kurze Vorbemerkung: Jenseits einer konkreten Interpretation ein allgemeineres Verständnis dafür zu entwickeln, was eine Metapher sei, bedeutet zwangsläufig, sich einer Definition zu nähern. Das Prinzip der Definition, die ja Eindeutigkeit behauptet, steht aber dem Prinzip der Metapher kraß entgegen, insofern deren Leistung gerade in der Mehrdeutigkeit besteht. - Deutet sich auf dem sparsamen Niveau dieser ersten Bestimmung aber nicht ebenfalls schon ein definitorischer Zugriff an? Hat der Satz in der Festlegung der Metapher auf das Prinzip der Mehrdeutigkeit schon jenes Maß an Fixierung aufgeboten, welches er doch gerade ausgrenzen wollte? Wir glauben, daß jede diskursive Bestimmung sich an ihrer eigenen Metaphorizität irritieren läßt, ein Vorgang, der nicht aus Sprachskepsis resultiert, sondern Reflexion ermöglicht. Insofern ist die Metapher das extremste Paradigma der erkenntnistheoretischen Kontroverse zwischen Natur- und Geisteswissenschaften: Man kann sie nicht erklären, man kann sie nur verstehen.

Die beiden Risiken eines allgemeinen Sprechens über die Metapher sind bekannt: Einerseits verfehlt das Sprechen die Metapher, wenn es sich als 'metasprachlicher' Diskurs behauptet und die eigene Metaphorizität nicht bemerkt, andererseits kann es nie enden, wenn es jede seiner Prädikationen wiederum der Interpretation unterwirft. Die Frage ist, ob das Dilemma darin besteht, diesen Zirkel nicht verlassen zu können, oder darin, ihn verlassen zu wollen.

Gegen ein Diktum in Anlehnung an Wittgenstein, daß über die Metapher zu schweigen sei, weil man davon nicht sprechen könne, wäre immer wieder einzuwenden, daß man über die konkrete Metaphorik eines Textes sehr wohl sprechen kann, ja sprechen muß, um diesen zu verstehen. Weil die Interpretation (wenngleich empirisch nicht immer) ihr Sprechen an dem Gegenstand kontrolliert und irritiert, über den zu sprechen sie glaubt, kann sie verbindliche Sätze sagen, ohne den Gegenstand (Text) metasprachlich einzubinden, d.h. zu 'übersetzen'. Wenn sich also in der Konfrontation mit einer konkreten Metaphorik die Chance böte, die beiden oben genannten Risiken zu vermeiden, so wäre erweiternd sogleich zu vermuten, daß das Sprechen über die Metapher gerade dann die besten Ergebnisse erzielen könnte, wenn es sich an der komplexesten Ausformung seines Gegenstandes kontrollierte und irritierte, nämlich an intentional metaphorischem Sprechen, an Literatur.

Inwieweit sich theoretische Erkenntnisse über die Metapher mit der Intention eines metaphorischen Sprechens vermitteln lassen, soll im folgenden geprüft werden. In einer Umkehrung der regulären Vorgehensweise einer Interpretation soll hier der Versuch gemacht werden, zwei Texte Walter Benjamins mit einem abstrakten Satz der Metapherntheorie zu konfrontieren. Die Texte werden nicht als Exemplifikationen, sondern als Strapazierungen dieses Satzes gelesen. Er lautet: Eine Metapher ist die Identität des Nichtidentischen. Der Satz läßt rhetorische Erklärungsmodelle der Metapher weit hinter sich und bildet insofern bereits eine Spitze der theoretischen Reflexion. In einer dialektischen Wendung läßt er sich zu einem erweiterten, aber nicht sinnfälligeren Verständnis der Metapher höher schrauben: "Die allgemeine Formel für dieses erweiterte Verständnis lautet: Identität von Identität und Nichtidentität. Das Sein, das in der Metapher gedacht wird, muß immer zugleich als Nichtsein begriffen werden. Indem sie sagt, das eine sei das andere, meint sie, daß in der Verschiedenheit als einer Beziehung das eine mit dem anderen zusammengehört, das jenes nur ist, was es ist, im Unterschied zu diesem. Der Unterschied gegen das andere gehört zum einen und in dieser Hinsicht gehören beide zusammen."1

Aber auch dieses Verständnis der Metapher als einer Identität von Identität und Nichtidentität unternimmt nicht mehr als den Versuch, einen Begriff durch einen Satz zu ersetzen. Akzeptierte man ihn, wäre der Begriff nur noch Surrogat des Satzes. Wir gehen davon aus, daß man das sprachliche Niveau der Metapher durch Substitutionen grundsätzlich unterbietet. Wie unmetaphorisch sich die Sätze der Metapherntheorie selbst verstehen, wird in der Konfrontation mit einem weiteren theoretischen Satz evident: "In der Metapher jedoch wird die Fraglosigkeit des 'ist' aufgebrochen, die Kopula tritt als der Ort des eigentlichen Rätsels hervor."2 Dieses Rätsel besteht aber auch für den Satz 'Eine Metapher ist die Identität des Nichtidentischen' und zwänge zu einem introspektiven Verfahren, in dessen Verlauf die Metapherntheorie die Bedeutung des 'ist' aus ihrem eigenen Satz zu ermitteln hätte.

Wir setzen die Reichweite des Satzes geringer an. 'Eine Metapher ist die Identität des Nichtidentischen' wird so nicht als Definitionsversuch, sondern als Strukturierungshilfe für die Interpretation verstanden. Es wird gefragt, was eine Metapher als Identität des Nichtidentischen bedeutet.

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