II.
Im August 1930 beendet Walter Benjamin die Arbeit an dem Zyklus "Nordische See", der am 18. September desselben Jahres in der "Frankfurter Zeitung" veröffentlicht wurde. Der Zyklus besteht aus sechs 'Bildern', die klar voneinander getrennt sind. Ihre Versammlung unter dem Titel "Nordische See" begründet eine Vorbemerkung:
"Die Zeit, in welcher selbst der lebt, der keine Wohnung hat", wird dem Reisenden, der keine hinter sich ließ, ein Palais. Drei Wochen lang reihten seine vom Geräusch der Wogen erfüllten Hallen nordwärts sich aneinander. Möwen und Städte, Blumen, Möbel und Statuen erschienen auf ihren Wänden, und durch ihre Fenster fiel Tag und Nacht Licht.3
"Stadt", "Blumen", "Möbel", "Licht", "Möwen" und "Statuen" lauten dann auch die den einzelnen Denkbildern vorangestellten Stichworte. Mit dem in dieser Vorbemerkung behaupteten Erscheinen der Stichworte in Form von 'Bildern' an den Wänden des imaginierten Palais' der Reise wird die konzeptionelle Bildhaf-tigkeit der kleinen Texte hervorgehoben. Die einleitenden Sätze verräumlichen die Zeit der Reise zu einem Palais, dessen Hallen die Reiseimpressionen bereits als Interieur beherbergen. Der Reisende hat damit schon, insofern ja die 'Bilder' die Wände des Palais' schmücken, seine eigene Impressionabilität als einen dekorativen Akt entlarvt und interessiert sich deshalb auch nicht mehr für die Reise, die aus 'Bildern' besteht, die er sich von ihr gemacht hat, sondern für die 'Bilder' selbst, genauer: für die Bedingungen ihrer Bildhaftigkeit. Die Betrachtung eines einzelnen 'Bildes' aus dem Zyklus "Nordische See" ist daher nicht nur zu verantworten, sondern geradezu angeraten, wenn man nicht doch wieder das Disparate der 'Bilder' zur Impression der Reise homogenisieren will.
Möwen. Abends, das Herz bleischwer, voller Beklemmung, auf Deck. Lange verfolge ich das Spiel der Möwen. Immer sitzt eine auf dem höchsten Mast und beschreibt die Pendelbewegungen mit, die er stoßweise in den Himmel zeichnet. Aber es ist nie auf lange Zeit ein und dieselbe. Eine andere kommt, mit zwei Flügelschlägen hat sie die erste - ich weiß es nicht: erbeten oder verjagt. Bis mit einem Male die Spitze leer bleibt. Aber die Möwen haben nicht aufgehört, dem Schiffe zu folgen. Unübersehbar wie immer, beschreiben sie ihre Kreise. Etwas anderes ist es, was eine Ordnung in sie hineinbringt. Die Sonne ist längst untergegangen, im Osten ist es sehr dunkel. Das Schiff fährt südwärts. Einige Helle ist im Westen geblieben. Was sich nun an den Vögeln vollzog - oder an mir? - das geschah kraft des
Platzes, den ich so beherrschend, so einsam in der Mitte des Achterdecks mir aus Schwermütigkeit gewählt hatte. Mit einem Male gab es zwei Möwenvölker, eines die östlichen, eines die westlichen, linke und rechte, so ganz verschieden, daß der Name Möwen von ihnen abfiel. Die linken Vögel behielten gegen den Grund des erstorbenen Himmels etwas von ihrer Helle, blitzten mit jeder Wendung auf und unter, vertrugen oder mieden sich und schienen nicht aufzuhören, eine ununterbrochene, unabsehbare Folge von Zeichen, ein ganzes, unsäglich veränderliches, flüchtiges Schwingengeflecht - aber ein lesbares -vor mich hinzuweben. Nur daß ich abglitt, um mich stets von neuem bei den ändern zurückzufinden. Hier stand mir nichts mehr bevor, nichts sprach zu mir. Kaum war ich denen im Osten gefolgt, wie sie, im Fluge gegen einen letzten Schimmer, ein paar tiefschwarzer, scharfer Schwingen, sich in die Feme verloren und wiederkehrten, so hätte ich ihren Zug schon nicht mehr beschreiben können. So ganz ergriff er mich, daß ich mir selber, schwarz vom Erlittenen, eine lautlose Flügelschar, aus der Ferne zurückkam. Links hatte noch alles sich zu enträtseln, und mein Geschick hing an jedem Wink, rechts war es schon vorzeiten gewesen, und ein einziges stilles Winken. Lange dauerte dieses Widerspiel, bis ich selbst nur noch die Schwelle war, über der die unnennbaren Boten schwarz und weiß in den Lüften tauschten.'4
Das ihn bezeichnende Wort "Möwen" ist dem Text nicht als Überschrift vorangestellt, sondern als Stichwort integriert. Die Anordnung erinnert an einen Lexikon-Artikel, wobei der Unterschied zu einem Bedeutungslexikon schon daran evident wird, daß der Text nicht versucht, Bedeutungen des Wortes "Möwen" diskursiv zu sagen. Es wird vielmehr eine Geschichte erzählt. Am Ende der Interpretation wird zu fragen sein, in welcher Weise die Geschichte das Lemma entfaltet.
Die ersten Zeilen des Textes könnten noch als die Beobachtungen eines schwermütigen oder melancholischen Passagiers gelten, obwohl die Häufung solcher Verben, die sich auf mimetische Prozesse beziehen, bereits auffällig ist ("beschreibt die Pendelbewegungen"; "zeichnet" "in den Himmel"; "beschreiben" "ihre Kreise"). Mit dem Satz "Etwas anderes ist es, was eine Ordnung in sie hineinbringt" scheint der Text dann eine analytische Intention anzukündigen ("Ordnung").
Nach dem Tempuswechsel ("vollzog"; "geschah") wird nun erzählt, was offenbar als Grund und zentrale Voraussetzung des Textes anzusehen ist: Die Wahrnehmungssituation des Beobachters erlaubt es nicht mehr, das Phänomen "Möwen" unter der Sigle dieses Begriffs überhaupt noch zu verstehen. Die "Möwenvölker" sind "so ganz verschieden, daß der Name Möwen von ihnen abfiel". Der Name verliert seine Allgemeinheitsfähigkeit, weil die sich dem Betrachter darstellende Differenz der "Möwenvölker" so groß ist, daß sie nicht durch Hinzufügung von Attributen abgefangen werden kann, was eine Fortsetzung des impressionistischen Verfahrens bedeutet hätte. Das Nomen hört auf, einheitsstiftender Begriff zu sein, die "Möwen" zerfallen in "linke" und "rechte" "Vögel". Links und rechts, östlich und westlich bleiben bis zum Schluß des Textes begrifflich und sinnlich stabil; eine Einsicht, die diejenige Interpretation verdrängen muß, welche gerade auf der Metaphorizität von "links" und "rechts" abhebt, indem sie darin politische Etikettierungen erblickt. Gerhard Kurz hat die Interpretation dieses Textes als eine Allegorie auf zwei politische Systeme vorgeführt.5 Kurz erwähnt auch, daß es in diesem Text unter anderem um die Problematik von Zeichen, Bezeichnung und Zeichentheorie gehe, aber er irritiert seine um Homogenität bemühte Interpretation nicht an diesen Beobachtungen, die er streckenweise zu ihrem Gegenteil funktionalisiert: "Ausdrücklich wird schließlich gesagt, daß mit den Möwen etwas gesagt wird: 'nichts sprach zu mir'."6 Das 'Abfallen' des Namens "Möwen" interpretiert Kurz in der Weise, daß sich der Aspekt der "Völker" in den Vordergrund schiebe, wogegen einzuwenden wäre, daß der nächste Satz schon wieder von "linken Vögeln" spricht - und nicht etwa von linken Völkern. Der Umstand, daß "der Name Möwen" von den Möwen abfällt, soll hier nicht deren Charakter als etwas anderes, ihre allegorische Funktion hervorheben, sondern er bildet einen sprachbewußten Ausgangspunkt des Textes, der das nominalistisch Allgemeine, von dem er erzählen will, die "Möwen", zunächst einmal verwirft. Der Name fällt von den "Möwen" ab, weil die östlichen und die westlichen Vögel nicht mehr in diesem Namen vereinbar sind, und deren Verschiedenheit resultiert aus dem Standort des Subjekts ("kraft des Platzes, den ich so beherrschend, so einsam in der Mitte des Achterdecks mir aus Schwermütigkeit gewählt hatte"). Die im Text dargelegte Anordnung, in die sogar die Fahrtrichtung des Schiffes einbezogen wird, mit dem betrachtenden und empfindenden Subjekt in der exakten Mitte zwischen den beiden Seiten eines Phänomens gibt aber gleichwohl Verständnisprobleme auf. Worin unterscheiden sich die westlichen und östlichen Möwen?
Von den westlichen Möwen wird im Text nicht gesagt, ob der Betrachter sie nur schlecht oder undeutlich erkennen kann, etwa, weil ihn die untergehende Sonne blenden würde. Offenbar bilden die westlichen, die rechten Vögel7 keine Textur in dem Maße wie die östlichen, denn es heißt ja über den Westen: "nichts sprach zu mir". Dennoch muß davon ausgegangen werden, daß der Betrachter die Möwen im Westen wahrnehmen kann, denn ohne dies hätte er die Empfindung der Unähnlichkeit zu den östlichen Möwen gar nicht erst konstituieren können.
Dem Betrachter bieten sich zunächst drei Erscheinungsweisen dessen an, wofür er den Namen "Möwen" kennt. Der Eindeutigkeit der einzelnen Möwe auf der Mastspitze, die dort wie präpariert den Besitz des Namens symbolisiert, der von je verschiedenen Tieren gefüllt werden kann ("Eine andere kommt"), stehen gegenüber die Diffusität oder Sprachlosigkeit der Möwen im Westen und ihre lesbare, aber "unsägliche" Textur im Osten. Ostentativ verliert der Name "Möwen" in dem Moment seine Konturen, in dem der einzelne Vogel in seiner Eindeutigkeit die Mastspitze verlassen hat ("bis mit einem Male die Spitze leer bleibt").
Die Feststellung des Betrachters, daß im Westen "nichts" zu ihm sprach, kann nicht als Indiz für die Unerheblichkeit des Westens in seiner Reflexion gewertet werden, denn er gleitet immer wieder im Osten ab, um sich "stets von neuem bei den ändern zurückzufinden". Die Charakterisierung des Westens mit der Wendung "hier stand mir nichts mehr bevor" weist in die Zukunft, ebenso wie auch die "lesbare" Textur des Ostens in die Zukunft projiziert wird: "Links hatte noch alles sich zu enträtseln." Während die östlichen Möwen im Schein der Sonne noch aufblitzen ("blitzten mit jeder Wendung auf und unter") und eine zu interpretierende Deutung tragen, ist den westlichen Möwen das Licht, eine traditionelle Metapher für Erkenntnis, bereits genommen.
Schon in der Mantik, "die älteste und zugleich unzuverlässigste Gestalt der reflektierenden Hermeneutik",8 gelten Vögel in der Vogelschau als Repräsentanten einer unsicheren Bedeutung, die der Interpretation bedürfen, um orakelfähig zu werden. Bei den Griechen hat 'Vogel' zum Namen für alle Vorzeichen überhaupt werden können.9 "Oft ist der Vogelflug nur ein vorläufiger Wink, daß ein Schicksal im Anzuge sei".10 Dieser Zusammenhang ist im Text für die östlichen Möwen in Anschlag zu bringen: "Links hatte noch alles sich zu enträtseln, und mein Geschick hing an jedem Wink, rechts war es schon vorzeiten gewesen, und ein einziges stilles Winken."
Der Westen ist dem Osten in der Verfallsgeschichte von Bedeutung voraus. Hier blitzt keine Bedeutung mehr auf, die zukunftsträchtig wäre, nur ein stilles, sprachloses Winken ist als Substrat dessen übrig geblieben, was der Beobachter jetzt im Osten entdecken kann. Hier hängt sein Geschick, sein Schicksal noch an jedem Wink ('Wink des Schicksals'), und es könnte sich Bedeutung einstellen, sofern er nur das Schwingengeflecht, die Textur, zu interpretieren wüßte. Im Westen hat sich alles schon enträtselt, die Bedeutungen sind vergangene, es stehen keine Offenbarungen mehr aus.
"Möwen" funktionieren in diesem Text als Metapher für das Problem der Metapher selbst. Die "Möwen" sind gegenwärtig als Begriff, als Konvention der Sprache, aber auch als deren Intention, nämlich als Metapher. Das Problem des Interpreten, des Subjekts in diesem Text, besteht darin, daß sich mögliche Bedeutungen der Metapher (hier: der östlichen Möwen) entweder nur als Privatbedeutungen einstellen, sobald die begriffliche Seite der Metapher (hier: der westlichen Möwen) unterschlagen wird, daß aber andererseits die Gefahr besteht, die potentielle Bedeutung der Metapher wiederum nur zu fixieren und einzuschränken, sobald man sich auf die begriffliche Seite einläßt. Sobald der Interpret das Möwenhafte zu eliminieren versucht, indem er mit seinem Blick dem Zug der ösüichen Möwen folgt, trübt sich seine Erkenntnisfähigkeit zur privaten, schon verdunkelten Assoziation: "So ganz ergriff er mich, daß ich mir selber, schwarz vom Erlittenen [...] aus der Ferne zurückkam." Sobald er vom Osten abgleitet, um im Westen die Konvention der Sprache zu vergegenwärtigen, bemerkt er deren Sprachlosigkeit und konstituiert aufs neue die Empfindung der Unähnlichkeit zwischen östlichen und westlichen Möwen.
Im Bewußtsein des Interpreten vermischen sich Differenz und Indifferenz der Möwenvölker; er kann die Phänomene weder klar voneinander scheiden, da sie ja zusammengehören, noch kann er sie als Einheit denken, weil sie der Empfindung verschieden sind. Dieser Eindruck manifestiert sich im Text als Melancholie: "Herz bleischwer"; "voller Beklemmung"; "Schwermütigkeit". Am Ende empfindet der Betrachter sich nur noch als "Schwelle", die keine Synthese bedeutet, sondern nur einen Balanceakt. Es überqueren "unnennbare Boten" die "Schwelle" in beide Richtungen ("tauschten"), in welcher Formulierung sich der gescheiterte Vermittlungsversuch andeutet. Die metaphorische und die begriffliche Seite des Phänomens können nur vermittels "unnennbarer Boten", also im Medium eines Paradoxes noch korrespondieren.
Während metaphorisches Vorgehen immer auf Identität von etwas zielt, was in der Konvention der Sprache, rein nominalistisch nichtidentisch ist, versucht dieser Text gerade das Umgekehrte, insofern er die Nichtidentität von etwas eröffnen will, das nominalistisch gerade identisch ist. Die Spaltung der "Möwen" funktioniert aber nicht, denn das Differente zwischen den "Möwenvölkern" bedeutet auch immer schon das Vermittelnde, und es entsteht daher kein Drittes als Allgemeines, weil es keine Metapher der Unähnlichkeit mit sich selbst geben kann.
Die Betrachtung der östlichen Möwen im Sinne einer mantischen Vogelschau hätte von einer allgemeinen Bedeutung der Vögel völlig zu abstrahieren. Die besondere Bedeutung, die sich einstellen könnte, wäre nur privat ("mein Geschick"). Die möglichen Bedeutungen der Metapher verlieren ihre Allgemeinheitsfähigkeit, sofern man die Metapher nur als bloßes Gegenüber zur begrifflichen Seite der Sprache versteht; daraus resultiert sogleich auch der Verlust der Sagbarkeit der Metapher, wie er sich hier im Verlust des Materiellen der Sprache andeutet: "lautlose Flügelschar". Im "Widerspiel" der Privatbedeutung zur puren Konvention der Sprache entsteht kein Drittes als Allgemeines, und Identität des Nichtidentischen wird gerade nicht in der Metapher, sondern eben nur im Begriff erreicht, der nur scheinbar von den "Möwen" abfällt. Die Vögel behalten ihr Einheitsmoment in der ursprünglichen Identität, was schon daran evident wird, daß der von links nach rechts und wieder zurückschweifende Blick des Betrachters ständig wieder verknüpft, was in seiner Empfindung verschieden ist und seiner Reflexion als unvereinbar erscheint.
Der Widerstand der Identität verhindert das Zustandekommen der Privatbedeutung; eine mantische Bedeutung der Vögel stellt sich nicht ein, weil der Interpret sich nicht völlig von ihrer semantischen Bedeutung lösen kann. Der Widerstand der Nichtidentität verhindert sprachbewußte Synthese; solange es dem Betrachter, lax gesprochen, nicht gelingt, wieder eine Möwe auf die Mastspitze zu bekommen, kann er unter Verzicht auf die Namensqualität der Wörter keine allgemeinheitsfähige Metapher denken. Das Bewußtsein findet so keine Vermittlung zwischen den fixierten, rein konventionellen Bedeutungen der "Möwen" und ihrer völligen metaphorischen Auflösung zu einer "unabsehbaren Folge von Zeichen". Die Darstellung erreicht so nur "Widerspiel", nicht aber "Vermählung". Wie diese metaphorisch erzeugt werden kann, soll die Interpretation eines weiteren Denkbildes zeigen.



