III.
Unter den heute unter dem Gemeinschaftstitel "Denkbilder" versammelten Texten Walter Benjamins befinden sich -ebenso wie der Zyklus "Nordische See" -auch die beiden Zyklen "Kurze Schatten" I und II. "Kurze Schatten" ist ursprünglich eine autonomer kleiner Text mit dem Charakter einer Maxime, jedoch veröffentlicht Benjamin im November 1929 unter diesem Titel eine Reihe von "Denkbildern" in der "Neuen Schweizer Rundschau", worin dieser Text ebenfalls enthalten ist. Im Februar 1933 veröffentlicht Benjamin, diesmal in der "Kölnischen Zeitung", eine ganz andere Folge von "Denkbildern" wiederum unter diesem Titel. Auch in diesen Zyklus wurde der Text "Kurze Schatten" aufgenommen,11 Ähnlich wie die Vorbemerkung aus dem Zyklus "Nordische See" hat auch die Maxime "Kurze Schatten" für die beiden Zyklen gleichen Titels eine exponierte Bedeutung. Insofern Benjamin es vereinbar fand, zweimal je völlig verschiedene Ensembles von Texten unter diesem Titel und mit diesem Text zu veröffentlichen, kann man ihm durchaus eine bestimmte Leitfunktion für die Intention der "Denkbilder" zusprechen. Er lautet:
Kurze Schatten. Wenn es gegen Mittag geht, sind die Schatten nur noch die schwarzen, scharfen Ränder am Fuß der Dinge und in Bereitschaft, lautlos, unversehens, in ihren Bau, in ihr Geheimnis sich zurückzuziehen. Dann ist, in ihrer gedrängten, geduckten Fülle, die Stunde Zarathustras gekommen, des Denkers im "Lebensmittag", im "Sommergarten". Denn die Erkenntnis umreißt wie die Sonne auf der Höhe ihrer Bahn die Dinge am strengsten.12
Auf dieses emphatische Exaktheitspostulat hin muß auch das "Denkbild" "Der Baum und die Sprache" aus diesem Zyklus bezogen werden. Die Forderung, die Dinge "am strengsten" zu "umreißen", ist die nach poetischer Exaktheit, welche sich gerade im Gleichnis erweisen muß. Benjamin rekurriert hier auf Nietzsche, was übrigens auch Robert Musil ungefähr zur gleichen Zeit tat, als er sein Postulat nach 'phantastischer Genauigkeit' erhob. Die Wendung von der "gedrängten Fülle" zielt hier schon auf die Intention des Gleichnisses, die Dinge, auf ihr Wesen beschränkt und dennoch in ihrer Mehrdeutigkeit belassen, ganz zu sagen.
Der Baum und die Sprache. Ich stieg eine Böschung hinab und legte mich unter einen Baum. Der Baum war eine Pappel oder eine Erle. Warum ich seine Gattung nicht behalten habe? Weil, während ich ins Laubwerk sah und seiner Bewegung folgte, mit einmal in mir die Sprache dergestalt von ihm ergriffen wurde, daß sie augenblicklich die uralte Vermählung mit dem Baum in meinem Beisein noch einmal vollzog. Die Äste und mit ihnen auch der Wipfel wogen sich erwägend oder bogen sich ablehnend; die Zweige zeigten sich zuneigend oder hochfahrend; das Laub sträubte sich gegen einen rauhen Luftzug, erschauerte vor ihm oder kam ihm entgegen; der Stamm verfügte über seinen guten Grund, auf dem er fußte; und ein Blatt warf seinen Schatten auf das andre. Ein leiser Wind spielte zur Hochzeit auf und trug alsbald die schnell entsprossenen Kinder dieses Betts als Bilderrede unter alle Welt.13
Der Grund, warum er die "Gattung" nicht behalten hat, ist bereits das eminent Sprachliche am Baum selbst. Das Subjekt des Textes wird nicht von der besonderen Gattung, beispielsweise einer "Pappel" affiziert, sondern vom Allgemeinen des Phänomens, von seinem Begriff. Das 'Ich' hat nicht etwa in der Anschauung des Besonderen (einer "Pappel") das Prinzip des Allgemeinen (der "Sprache") entdeckt, sondern es findet den vermeintlichen 'Bildspender' schon als sprachlich vermittelten Begriff vor. Um was also geht es bei der im nächsten Satz angesprochenen "Vermählung", die sich "augenblicklich" vollzieht, aber doch schon als eine "uralte" eingeführt wird? Geht es um die Vermählung zweier Begriffe im Gleichnis, um die Vermählung zwischen Wort und Sache oder um die zwischen Denken und Poesie?14
Subjekt des nächsten Satzes ist die Sprache selbst: "in mir die Sprache dergestalt von ihm ergriffen wurde, daß sie augenblicklich die uralte Vermählung mit dem Baum in meinem Beisein noch einmal vollzog". Die Sprache erscheint gleichermaßen aktivisch wie passivisch, sie 'wird ergriffen', aber sie 'vollzieht' auch; allerdings wird der Sprache die Macht des Vollzugs nur in einem Konsekutivsatz zugesprochen, nur, insofern sie "dergestalt ergriffen wurde". Das 'Ich' scheint der Vermählung von Baum und Sprache nur als Zuschauer beizuwohnen, jedoch in bedingender Weise. Die Konjunktion "während" ("während ich ins Laubwerk sah und seiner Bewegung folgte") ist gleichermaßen temporal wie adversativ aufzufassen, so daß die Zeit der Wahrnehmung zwar als Bedingung für die Vermählung, die Wahrnehmung selbst aber als das andere gegenüber ihr erscheint. Im 'Ich' wurde die Sprache vom Baum ergriffen, während es ins Laubwerk sah, aber diese vollzieht die Vermählung, während das 'Ich' nur der Bewegung folgt. In der Koinzidenz von adversativer und temporaler Bestimmung erfaßt der Text die Dialektik von Macht und Ohnmacht des Subjekts als eines Sprechenden gegenüber den sprachlich vermittelten Dingen. Jenseits des Subjekts, das als empirisches derweil ins Laubwerk schauen kann, sind Sprache und Baum schon identisch, aber dennoch bleibt das Subjekt Bedingung dieser Vermählung. Was hier diskursiv nur als Paradox angedeutet werden kann, ist im Sprechen des Textes Synthese.
Die "Sprache" wird durch den "Baum" von ihrer eigenen Gleichnishaftigkeit "ergriffen"; sie bemerkt die Ähnlichkeit ihrer Abstraktionen mit den Konkretionen des Baumes und erinnert "noch einmal" poetisch die "uralte Vermählung" von Wort und Sache, linguistisch gesprochen: von Bezeichnetem und Bezeichnendem. Allerdings stehen sich Wort und Sache in der Auffassung dieses Textes nicht als Angehörige verschiedener Bereiche (Wirklichkeit / Medium) gegenüber. Das Bezeichnete (Baum) ist hier mehr als die Sache, denn es hat selbst schon Sprache, und das Bezeichnende ist mehr als ein Zeichen, denn es ist die Sprache der Sache selbst. Die "Vermählung" ereignet sich auf gleicher Ebene, denn sowohl "Baum" als auch "Sprache" sind für uns sprachlich vermittelte Phänomene. Man kann also nicht "die Sprache" mit etwas anderem ins Gleichnis setzen, denn das Vermögen der Gleichnishaftigkeit ist der Sprache selbst wesenhaft. Dennoch muß "Sprache" Sprechen von etwas und muß "Baum" Sprache sein; diese beiden Einsichten vermählt der Text zu einem Gleichnis auf die Gleichnishaftigkeit von Sprache.
Um aber ganz deutlich zu machen, was den Text von einem konventionellen Gleichnis unterscheidet, muß zunächst noch einmal zurückgegangen werden. Es
ist nicht unwichtig, daß Benjamin gerade den "Baum" wählte, um ein Gleichnis auf die Sprache zu geben, denn der "Baum" hat traditionelle metaphorische Qualitäten zumindest für zwei Momente von "Sprache", nämlich für deren Charakter als System und Geschichte. Der "Baum" ist als Metapher für "Sprache" ebenso historisch vermittelt, wie es die "Vögel" als Metapher für eine unsichere und nur private Bedeutung waren. Allerdings kann leicht übersehen werden, daß der "Baum" (als Sache) immer nur für Momente an Sprache Metapher sein kann, weshalb seine metaphorischen Qualitäten hier kurz angedeutet werden sollen.
Die zweidimensionale Erscheinung des Baumes ist als Schaubild oder Flußdiagramm in die Darstellung systematischer Zusammenhänge eingegangen. Arbor porphyriana, porphyrischer Baum ist in der Philosophie eine Bezeichnung für die Darstellung der "Verhältnisse der Über- und Unterordnung von Gattungen und Arten".15 Auch der Systemcharakter von Sprache, ihre Grammatik, und auch die Beziehungen der Sprachen untereinander wurden mit dem Aufbau des Baumes verglichen und kamen in seinem Bild zur Darstellung,16 wobei das Analogieprinzip in der Verzweigungen und Verästelungen, also in zunehmender Differenzierung bestand. Die Linguistik bedient sich häufig solcher graphischer Schaubilder des Baumes, beispielsweise bei der Darstellung von Nebensätzen unterschiedlicher Grade.
Nimmt man die Wurzeln des Baumes hinzu, so bekommt er metaphorische Qualitäten für die Geschichtlichkeit der Sprache. Die Wurzeln repräsentieren die unter der Oberfläche der Betrachtung wirksame etymologische Herkunft der Wörter, die Krone mit ihrem Wachstum und je veränderlichen Blütenstand deutet auf das dynamische Prinzip der Sprache. Insofern der Baum eine Metapher für Geschichte schlechthin ist,17 muß er es natürlicherweise auch für die Geschichtlichkeit von Sprache sein, wovon unser etymologisches Vokabular bereits Zeugnis ablegt ('Sprachwurzel'; 'Wortstamm'; 'Bedeutungszweig').
In dieser Weise als Metapher auf ein Moment von "Sprache" gelesen, funktioniert der "Baum" heute nur noch im weitesten Sinne als rhetorisches Mittel. Er 'spendet' sein 'Bild' zu Zwecken der Illustration für die in eines ihrer Momente objektiviert gedachte 'Sprache', wobei aber weder die Sprachlichkeit des 'Bildes' noch die Bildlichkeit der 'Sprache' bedacht wird. Der Text interessiert sich nicht für den "Baum" als 'Bildspender', sondern für den "Baum" als Sprache.18
Wie wird über den Baum gesprochen? "Die Äste und mit ihnen auch der Wipfel wogen sich erwägend oder bogen sich ablehnend; die Zweige zeigten sich zuneigend oder hochfahrend; das Laub sträubte sich gegen einen rauhen Luftzug, erschauerte vor ihm oder kam ihm entgegen; der Stamm verfügte über seinen guten Grund, auf dem er fußte; und ein Blatt warf seinen Schatten auf das andre." Es scheint hier zunächst eine Anthropomorphisierung vorzuliegen, denn die "Äste" und der "Wipfel" werden so dargestellt, als könnten sie etwas 'erwägen' oder als könnten sie sich 'ablehnend', 'zuneigend' oder 'hochfahrend' zeigen. Allerdings entkräftet der Text den Anthropomorphismus sofort wieder, denn das Sprechen über die scheinbaren menschlichen Gesten des Baumes befindet sich in äußerster etymologischer Nähe zum Sprechen über die vermeintlich 'tatsächlichen' Bewegungen des Baumes: 'wiegen' - 'wägen'; 'lehnen' - 'ablehnen'; 'neigen' - 'zuneigen'. Durch diesen Umstand wird der enge semantische Zusammenhang zwischen dem vermeintlich metaphorischen Sprechen ("erwägend"; "ablehnend") und dem vermeintlich unmetaphorischen Sprechen ("wogen"; "bogen") sinnlich und begrifflich hervorgehoben.
Die Darstellung zwingt zu der Einsicht, daß ihr Sprechen über den "Baum" gleichermaßen metaphorisch wie konkret, also poetisch exakt ist. Die Bedeutungen der Worte lassen sich realisieren, ohne daß Bedeutungsaspekte herausfallen müßten, weil sie keine Funktion für den Text haben. Der "Wipfel" hat tatsächlich - und nicht nur in der Anthropomorphisierung -, die Windstöße 'erwägend', sich zu 'wiegen' oder sich 'ablehnend' zu 'biegen', je nach dem, ob er die durch den Wind verursachten Stöße auspendeln kann oder ihnen seine Spannkraft entgegensetzen muß. "Zweige" können ihre Früchte 'zuneigend' darbieten oder 'hochfahrend' verweigern. Das letze Beispiel zeigt besonders deutlich, wie unscharf die Trennung zwischen konventioneller und metaphorischer Rede sein kann. Die konventionelle Bedeutung von "hochfahrend" ist die petrifizierte Metapher; wenn man das Wort benutzt, 'meint' man in der Regel 'arrogant'. Insofern das Wort hier auf einen sinnlich wahrnehmbaren Vorgang rekurriert, dem es sogar abgewonnen sein könnte, wird das Konkrete des vermeintliche Abstrakten (Arroganz) augenfällig.
Es gibt in diesem Text keine Hierarchisierungen zwischen Spezifischem und Allgemeinem; beide erweisen sich sprachlich als immer schon Interdependentes, das auseinander hervorgegangen oder aufeinander bezogen ist ("ein Blatt warf seinen Schatten auf das andre"). Sämtliche Wortbedeutungen werden vom Text funktionalisiert und stehen nicht quer gegen seine Intention. Die Worte werden in ihre metaphorische Bedeutung restituiert, aber gleichzeitig wird ihre Verfügbarkeit im Sinne eines rhetorischen Metaphernverständnisses kritisiert. Wer nun an einen Anthropomorphismus denkt, wenn ein Wort wie 'Zuneigung' auf eine Sache angewendet wird, unterschlägt die Gleichnishaftigkeit der Sprache zugunsten einer bloß instrumentellen Metaphorik.
Zudem ist die Reflexivität der Bewegungen zu berücksichtigen: "zeigten sich zuneigend", aber auch: "wogen sich erwägend". Die "Äste" und die "Wipfel" "wogen" sich nicht nur im Wind, sondern auch in ihrer Selbstgewißheit; die "Zweige" kommen gar in einem Akt der Selbstdarstellung zur Sprache, indem sie in Sprache zur Mimese ihrer selbst fähig sind ("zeigten sich"). Die Dinge haben sich in der Sprache selbst erkannt ("sich erwägend") und geben sich selbst als diese zu erkennen ("zeigten sich"). Das Bewegende, der Wind, man könnte behaupten: die Subjektivität dieses Textes, bleibt mächtige Bedingung dieses Vorgangs, aber ohnmächtiger Zuschauer einer immer schon vollzogenen Einheit des Dings mit seiner Sprache. Die Identität der "Äste" und "Zweige" mit sich selbst resultiert aus einem Akt präsubjektiver Selbsterkenntnis in Sprache und prä-subjektiver Selbstdarstellung durch Sprache. Der "Wind" der Subjektivität weht nur "leise" in diesem Text, er "spielte zur Hochzeit auf", aber ist weder Braut noch Bräutigam. Was als Auratisches der Dinge oder als Mystisches der Sprache bei Benjamin oftmals bezeichnet und konstatiert wurde, läßt sich in diesem Text als metaphorisch präzises Sprechen verfolgen: Die Geborgenheit und Selbstgewißheit der Dinge in ihrer Sprache ist Sprachgeschichte und von der Subjektivität nicht antastbar, - wohl aber zu bewegen und in dieser Bewegung zu vergegenwärtigen. So stellt sich Identität her nicht etwa zwischen dem "Baum" und der "Sprache", sondern zwischen dem "Baum" und dem Sprechen über ihn,
wobei diese Identität nicht sprachmystisch behauptet,19 sondern poetisch erinnert wird. Die erzeugte Identität läßt das Allgemeine des Baumes als Konkretes erscheinen, sie reflektiert sich selbst in ihrem Gewordensein ("uralte Vermählung") wie in ihrer Gegenwärtigkeit ("augenblicklich vollzog"). Die "Vermählung" kann in diesem Text als sinnbildliche Hochzeit gegenwärtig werden, denn die "Kinder" des "Betts" von "Baum" und "Sprache" erscheinen als die "entsprossenen", also als die metaphorisch wie konkret dem Baum entstammenden. Material wie ideal ist das Sprechen der Baum und das Baumhafte das Besondere des Textes.



