Heute: Subtiles Design
Tue 01 Jul 2008
Am Sabbat sollen orthodoxe Juden nicht arbeiten. Zu deren Begriff von Arbeit gehört aber auch das Tragen und Transportieren von Gegenständen außerhalb des privaten Bereiches sowie vom öffentlichen in den privaten Bereich. Orthodoxe Juden können also beispielsweise am Sabbat nicht einkaufen, denn dann würden sie ja einen Gegenstand vom öffentlichen in den privaten Raum tragen. Das Gewicht spielt hierbei übrigens keine Rolle, es geht dem orthodoxen Glauben um das Prinzip. Aber Prinzipien können aufgeweicht werden, sogar bei den Orthodoxen, die zu diesem Zweck den Eruv erfunden haben. Das ist eine symbolische Linie, die eine jüdische Gemeinde gleich welcher Größe umschließen muss, um damit den gesamten Innenraum in die private Sphäre dieser Gemeinde zu verwandeln. Innerhalb dieses Eruv Bannkreises darf dann beliebig transportiert und getragen werden. Eine symbolische Lösung also, die den Begriff des Privaten vom Haus auf die Nachbarschaft und Gemeinde ausdehnt und damit größere Freiräume für die Juden am Sabbat schafft.
Hier überrascht zunächst die strategische Leichtigkeit, mit der ein sehr ernst genommenes Verbot großräumig aufgehoben werden kann. Manhattan zum Beispiel ist nach der Eruv Erweiterung von 2007 nahezu vollständig umschlossen (1) und wurde in der Logik des orthodoxen jüdischen Glaubens damit vollständig zur Privatsphäre der dortigen jüdischen Gemeinden. In der Praxis werden die Eruvs mit Drähten oder Kabelsträngen konstruiert, die entlang der Licht- und Verkehrsmasten in einer Höhe von etwa fünf Metern geführt werden. Das ist ein subtiler Eingriff in die urbane Architektur, der von Nicht-Juden in der Regel gar nicht bemerkt wird und im Konzert aller städtischen Oberleitungen unerkannt bleibt. Vor jedem Sabbat muss natürlich kontrolliert werden, ob der Eruv auch wirklich eine ununterbrochene Linie bildet und nicht etwa beschädigt oder gar gerissen ist. In Los Angeles werden die Eruvs regelmäßig mit Helicoptern abgeflogen, in denen Männer mit dicken Ferngläsern sitzen.
„The eruv is presumed down, unless it is checked“, erklärte Rabbi Yehuda Sarna aus New York anlässlich der oben erwähnten Manhattan Eruv Erweiterung (2). Das zeigt die Haltung sehr deutlich. Einerseits genügt den Orthodoxen eine dünne, fast abstrakte Linie, um das lästige Verbot abzuwehren. Andererseits reicht es aber nicht, diese Linie nur zu definieren oder partiell zu markieren, sie muss offenbar physisch installiert werden, um Gott zu überzeugen. Mit der bloßen symbolischen Bedeutung der Linie allein ist man nicht beruhigt, vielmehr soll auch ihre funktionale Unversehrtheit sichergestellt werden, als ob sie eine Funktion außerhalb ihrer symbolischen Bedeutung wahrnehmen könnte. Eine bloß gedachte Linie muss wöchentlich repariert werden. Das ist wirklich subtil.
(1) siehe die markierte Luftaufnahme, zit manhattaneruv.googlepages.com
(2) siehe die New York Times vom 16. Januar 2007. Rabbi Yehuda Sarni gehört zu den Initiatoren der Eruv Erweiterung in Manhattan und arbeitet am Edgar M. Bronfman Center for Jewish Student Life at New York University






Es stellt sich auch hier die Frage, was zuerst da war, der Wunsch nach "religiöser Intimität", in der nichts herumgeschleppt wird, oder der Wunsch nach herumschleppen, weil sich selbst der Gläubige an Heiligen Tagen von Lästigem befreien will. In einer Beziehung könnte der gehasste Partner eigenmächtig, auch am heiligen Tag, den Raum verlassen und für immer gehen, doch, impliziert dies nicht auch ein Herumschleppen von tragischen Momenten und Erinnerungen, die wie gewichtige Altlasten erscheinen, es vielleicht sogar dank der Schläge sind? Fehlt jener Religion nun die Konsequenz in der theologischen, wenn es sie gibt, Philosophie oder hat das schriftlich gemachte Werk diesen Passus nicht bedacht, da innerliche Kündigung wie konkretes Verlassen an Heiligen Tagen undenkbar erschien?
Wusste Woody A. von jener körperlichen Drahtgrenze, als er seine Beziehungskisten durch seine Filme schleppte, und dies garantiert auch am Sabbat? Wird nicht in dieser Unwissenheit das Subtile konterkariert? Oder gibt es im manifesten Glauben doch Unterschiede zwischen Fisch und Frau? Der Fisch bleibt in der Theke liegen und fault vor sich hin, die Frau geht und blüht auf?
Ist Glauben, welcher Couleur auch immer, nur eine Frage des Designs und dessen Qualität? Sind tragende Gedanken darum verboten? Und welcher Stellenwert erfährt in diesen Eruv Grenzen die Gastfreundschaft, oder, sehr viel spannender, die Feindschaft? Gibt es ein Synonym bei den Palästinensern? Trüge diese Möglichkeit nicht zum Frieden bei, wenn er gewichtslos sich auch an Heiligen Tragen verbreitete, sich also nicht auf den Schultern von Menschen bewegte, sondern als Halluzination die Welt begeisterte? Gilt ein jüdischer Geldtransfer, wie Arafat ihn liebte, als gewichtiger Transport oder, was mir nahe liegt, als geldwerte Vision am Sabbat, von deren bescheidenen Resten nun die Witwe darbt? Ist Geld dem Eruv unterworfen?
Der Die Das ERUV hat eben nicht nur Design-Ansprüche, sondern vielmehr Politikvariablen, denn wie könnte es sonst sein, dass das Gebrabbel unserer Politiker soviel Nutzen schafft? Leichtgewichtig wie Federn kommt diese Religion daher, nicht nur eruvlos, sondern auch gedankenlos, und in der Sache grenzenlos, auch an Heiligen Tagen.
Im Westen nichts Neues
Erst ist man ja verwundert und sagt sich: Schon immer komisch gewesen diese Juden. Aber wenn man dann ein bißchen ins Grübeln gerät, mehren sich die Zweifel an dieser Haltung. Ist es denn weniger abstrus, wenn wir in Erwägung ziehen, in Marbella ein von einem Marshall mit Schlagbaum und Stacheldrahtzaun bewachtes Feriendomizil zu erwerben, das uns Sicherheit und ungestörte Entfaltung verspricht? Mit authentischem Design, versteht sich ja von selbst. Oder wenn uns die elitäre Markenkleidung die Sicherheit gibt, in ihrem machiavellistisch abgegrenzten Ambiente sicherer agieren zu können? Der Mensch ist ja nun an sich schon recht merkwürdig. Aber die Grundprinzipien scheinen mir doch recht ähnlich zu sein. Vielleicht liegt der Unterschied bei den Juden ja eher im Grad der subtilen Anwendung der gewählten Prinzipien und der stoischen Konsequenz in der Durchführung - unter ewigem Flüchtlingsstatus auch nicht sonderlich verwundernd. Aber letztlich ist es auch die bewunderswert jiddisch schlitzohrige Designkompetenz, die sich auf so bewunderswerte Weise im souveränem Umgang mit den Widrigkeiten des täglichen Lebens zeigt. Ecco:Da überträgt man eben nonchalant den bourgeoisen Range Rover-Palast an die beste Ehefrau aller Zeiten und stellt ihn neben ein Kloster auf Rädern, Renault Kangoo genannt. Ach übrigens, jetzt fällts mir auf, mir fehlte in diesem Beitrag der Hinweis auf das passende Strategem. Vielleicht ein Opfer der aktuell vorherrschenden strategischen Leichtigkeit? Immer schön koscher bleiben!