Heute: Strategie der kleinen Schritte
Sat 21 Jun 2008
Der Paradigmenwechsel zu einer Gesellschaft, die das Rauchen ablehnt und zunehmend verbietet, ist schon lange erkennbar. Die Spielräume für Raucher werden seit 20 Jahren immer enger, aber nur in kleinen Schritten. Wir erleben eine klassische Zermürbungsstrategie. Bus und Bahn, Flughäfen, öffentliche Gebäude, Gastronomie – wie Dominosteine sind die Freizonen der Raucher gefallen, aber immer mit genügend Erholungspausen zwischendurch. Im Weichbild der Städte bleiben hunderttausende Rauchen verboten Schilder (1) zurück und ein paar verstreute out of area Zonen (siehe Bild), in denen die Raucher symbolisch abgegrenzt, gleichsam inhaftiert und im Rahmen ausgestellt sind (2). Für den Innenbereich scheint es noch keine bahnbrechende Lösung zur friedlichen Koexistenz von Rauchern und Nichtrauchern zu geben, aber vielleicht schafft ja der tornado table (3) bald Abhilfe. Er ist nämlich „mit einem revolutionären Rauch-Kontrollsystem ausgestattet“, bei dem die verrauchte Luft „durch den Tornadoeffekt in der Tischmitte angesaugt, durch das Filtersystem gereinigt und (…) im unteren Bereich des Tisches dem Raum wieder zugeführt“ (4) wird. Wie angenehm!
Viel weiter sind wir technisch offenbar noch nicht gekommen. Wo sind eigentlich die Produkt Innovationen für die gesellschaftliche Minderheit von 30 Prozent aller Männer und 20 Prozent aller Frauen, die in Deutschland rauchen? Das ist ein verdammt großer Markt. Nun, man hat draußen ein paar Zelte aufgestellt, auch Raucher Wigwams genannt, manchmal, gütige Seele, noch einen Heizpilz dazu. Man baut in Flughäfen Isolations-Kabinen für die erste Kippe nach dem acht Stunden Flug, in denen die Rauchluft nur kurz gefiltert und sofort wieder zu den Rauchern zurück geleitet wird (5), eine Art öffentlicher Exekution. Wieso gibt es, mit einem Anlauf von 20 Jahren für die Produktentwicklung, keine Koexistenz Technologie, keine Koexistenz Architektur, kein Koexistenz Design für Raucher und Nichtraucher in geschlossenen Räumen oder wenigstens draußen?
Weil der ganze Prozess zu lange gedauert hat. Weil die einzelnen Schritte jeweils klein genug waren, um in die Gewohnheit eingepasst zu werden. Weil die Strategie der Zermürbung erfolgreich war. Der eigentlich harte Wechsel von einem Zustand vollkommener Rauchfreiheit (wir erinnern uns: sogar bei Talkshows, im deutschen Bundestag, in Flugzeugen) in einen Zustand nahezu totalen öffentlichen Rauchverbots wird weich durch die vielen kleinen Schritte der Einengung und die Akklimatisierungspausen, die man den Rauchern in der Kette der regulatorischen Maßnahmen gestattet. Dinge, die sich nur graduell oder über lange Zeiträume entwickeln, werden von den Menschen kaum wahrgenommen. Das bekannte naturwissenschaftliche Experiment mit dem Frosch belegt eindrucksvoll, dass eine nur graduell wachsende Gefahr sogar den Überlebenstrieb austricksen kann. Wenn man den Frosch nämlich in heißes Wasser wirft, springt er sofort wieder heraus. Setzt man ihn hingegen in kaltes Wasser und erhöht dann nur allmählich die Temperatur, so bleibt er sitzen bis er stirbt. Die Strategie der kleinen Schritte gewährt die Verheimlichung der finalen Absichten, geminderte Abwehrkräfte beim Gegner durch Zermürbung sowie die Anpassung des Gegners zunächst an die Teilschritte und schließlich die Absicht selbst. Es ist eine tolle Strategie, aber man muss Geduld haben.
Industrie, Architektur und Design sollten jetzt keine Geduld mehr haben. Wir brauchen menschenwürdige Lösungen. Jetzt, nachdem die psychologisch so wichtigen Asyle der Kneipen und Restaurants gefallen sind, verlangt der Markt nach neuen Angeboten für 15 Millionen Raucher in Deutschland. Lieber JCDecaux, lieber Herr Ströer, so viele Toiletten und Bushäuschen für out of home media, da müssten doch auch mal ein paar Raucherkabinen drin sein!
1) die übrigens nicht genormt sind. Jeder gestaltet sich seine durchgestrichene Zigarette, wie er mag. Siehe unter google Bilder die erstaunliche Formenvielfalt allein des stilisierten Rauches. Das ‚Rauchen verboten’ Schild im Kirmes Barock habe ich gefunden auf www.wilantes.de
2) die sehr schöne grafische Umsetzung des isolierten und in die Enge getriebenen Rauchers fotografiert am Bahnhof von www.mormo.de
3) der Tornado Table ist ein Produkt der Firma www.kramerservice.de, Grafik von dort entnommen
4) ebd
5) siehe zum Beispiel die Raucherkabine auf www.watron.de






