Das chinesische Strategem Nr. 7 „Aus einem Nichts etwas erzeugen“ verfolgt die „Vorgaukelung eines Trugbildes“, die „Gerüchtefabrikation“ sowie „Aufbauschungsmanöver“ (1), gehört in die Gruppe der Desinformationsstrategien und ist das inoffizielle Credo der Eventindustrie. Der fällt es allerdings immer schwerer, aus dem Nichts etwas zu erzeugen, weil die Muster der Aufbauschung - immergleiche farbige Scheinwerfer, rote Teppiche, exotische Aperitifs und B-Promis - allmählich auslaugen. Wir sind  in der „Verflachungsspirale“ (2) angekommen, warnt auch der Tübinger Kulturwissenschaftler Gottfried Korff in dem jüngst erschienenen und wunderbaren Buch von Uwe J. Reinhardt und Philipp Teufel zu neuen Formen eines exhibition design, in dem die Substanz noch Trumpf ist und nicht die Dekoration. Vollkommen lost in decoration (3) scheint hingegen der Event Shooting Star 2008, Dr. Hermann Bühlbecker, der Printenkönig aus Aachen, der die über 300 Jahre seit 1688 unauffällige Traditionsfirma Lambertz innerhalb von nur zehn Jahren in ein einziges Schokoladenevent verwandelt hat und neuerdings, siehe Foto (4), Stargäste vom Kaliber des sympathischen Waffenhändlers Adnan Kashoggi und dessen reizender Frau zu seinen Inszenierungen lädt. Es spielt hier offenbar keine Rolle, dass die Kashoggis als testimonials für Schokolade denkbar ungeeignet sind, wünscht man sie sich doch eher zur Abschreckung in einer Adipositas Kampagne. Aber egal, je ärmer die Inhalte, desto fetter die Dekoration.

Neben der Verflachung durch immergleiche Inszenierungsmuster droht Europa, so Korff, die „Totalmusealisierung“, einerseits durch große Events, andererseits durch eine „niedere Fauna und Flora der regionalen und lokalen (…) Angebote für die niederen Sinne (Essen wie die alten Römer, Reiten wie die Skythen). Die Erlebnismuseologie wird zum Äquivalent der Blockbuster-Ausstellungen“ (5). Schokolade essen wie Hermann Bühlbecker gehört auch in diese Kategorie. Erlebnismuseologie betrifft mittlerweile aber ganze Länder, auch außerhalb Europas. In Tibet werden derzeit die von den Chinesen zerstörten Klöster wieder aufgebaut, für die Touristen. Die Mönche, ehedem vertrieben, sind jetzt als Museumspersonal wieder willkommen und dürfen die alten Riten wieder aufführen, denn ausgestorbene Klöster sind kein Publikumsmagnet. Tibet wird so zum Freizeitpark, die Urbevölkerung zu Animateuren und Fotomotiven. Ist lost in decoration ein ethisches oder ein ästhetisches Problem?

In ästhetischer Hinsicht handelt es sich zunächst um eine sehr schwache Strategie, die auf Ersatzhandlungen bauen muss, anstatt mit echten Ressourcen operieren zu können. Im Wettbewerb mit ernst zu nehmenden Konkurrenten würde man sich ungern auf Dekoration und Trugbilder verlassen, aber andererseits ist es auch eine sehr ökonomische Strategie, denn man muss ja nicht mehr Ressourcen einsetzen als zur Erreichung des Ziels erforderlich. Wenn also eine Richard Löwenherz Frisur und ein abgetakelter Waffenhändler bereits reichen, um eine Doppelseite in der BUNTE zu belegen, muss man die effiziente Dosierung der eingesetzten Mittel eigentlich würdigen. In ethischer Hinsicht müssen wir hier zunächst auf Adolf Loos und seinen berühmten Essay „Ornament und Verbrechen“ (1908) verweisen, in dem Loos die „Ornament-Seuche“ sowohl als Verkleisterung des Bewusstseins wie auch als Ausbeutung der Arbeiterklasse brandmarkt, weil diese mit Gebrauchsgütern ohne überflüssiges Beiwerk höhere Stückzahlen produzieren und höhere Löhne generieren könnte, anstatt die Hälfte der Arbeitszeit mit sinnlosen und nicht wertsteigernden Verzierungen zu verplempern. Jede Dekoration ist mit Adolf Loos also schon auf der Produktionsseite ethisch verwerflich, weil wertvolle Arbeit für wertlose Ornamente eingesetzt wird. Auf der Rezipientenseite kommt dann noch die Suggestion als bloße Rhetorik von Bedeutung hinzu. Vor 100 Jahren wurde dieser wichtige Essay geschrieben, ich werde Dr. Hermann Bühlbecker ein Exemplar zukommen lassen. Adolf Loos zum Jubiläum, das wäre doch ein schöner Anlass für die nächste Lambertz Party.

(1)   Harro von Senger: Strategeme Band 1. Die berühmten 36 Strategeme der Chinesen. 12. Auflage Bern, München, Wien 2003, S. 112.

(2)  Siehe dazu das Gespräch mit Gottfried Korff in: New Exhibition Design. Hg. Uwe J. Reinhardt und Philipp Teufel. Ludwigsburg 2008. S. 40. Das Foto aus der Freud Ausstellung ist diesem Band entnommen.

(3)  G. Korff (siehe 2) bezieht sich mit dieser Wendung auf HG Merz, ebd S.40

(4)  Foto Bühlbecker/Kashoggis zit BUNTE, Febr. 07, 2008

(5)  G. Korff (siehe 2) ebd S. 40 und 41