Heute: Lost in Decoration
Sun 01 Jun 2008
Das chinesische Strategem Nr. 7 „Aus einem Nichts etwas erzeugen“ verfolgt die „Vorgaukelung eines Trugbildes“, die „Gerüchtefabrikation“ sowie „Aufbauschungsmanöver“ (1), gehört in die Gruppe der Desinformationsstrategien und ist das inoffizielle Credo der Eventindustrie. Der fällt es allerdings immer schwerer, aus dem Nichts etwas zu erzeugen, weil die Muster der Aufbauschung - immergleiche farbige Scheinwerfer, rote Teppiche, exotische Aperitifs und B-Promis - allmählich auslaugen. Wir sind in der „Verflachungsspirale“ (2) angekommen, warnt auch der Tübinger Kulturwissenschaftler Gottfried Korff in dem jüngst erschienenen und wunderbaren Buch von Uwe J. Reinhardt und Philipp Teufel zu neuen Formen eines exhibition design, in dem die Substanz noch Trumpf ist und nicht die Dekoration. Vollkommen lost in decoration (3) scheint hingegen der Event Shooting Star 2008, Dr. Hermann Bühlbecker, der Printenkönig aus Aachen, der die über 300 Jahre seit 1688 unauffällige Traditionsfirma Lambertz innerhalb von nur zehn Jahren in ein einziges Schokoladenevent verwandelt hat und neuerdings, siehe Foto (4), Stargäste vom Kaliber des sympathischen Waffenhändlers Adnan Kashoggi und dessen reizender Frau zu seinen Inszenierungen lädt. Es spielt hier offenbar keine Rolle, dass die Kashoggis als testimonials für Schokolade denkbar ungeeignet sind, wünscht man sie sich doch eher zur Abschreckung in einer Adipositas Kampagne. Aber egal, je ärmer die Inhalte, desto fetter die Dekoration.
Neben der Verflachung durch immergleiche Inszenierungsmuster droht Europa, so Korff, die „Totalmusealisierung“, einerseits durch große Events, andererseits durch eine „niedere Fauna und Flora der regionalen und lokalen (…) Angebote für die niederen Sinne (Essen wie die alten Römer, Reiten wie die Skythen). Die Erlebnismuseologie wird zum Äquivalent der Blockbuster-Ausstellungen“ (5). Schokolade essen wie Hermann Bühlbecker gehört auch in diese Kategorie. Erlebnismuseologie betrifft mittlerweile aber ganze Länder, auch außerhalb Europas. In Tibet werden derzeit die von den Chinesen zerstörten Klöster wieder aufgebaut, für die Touristen. Die Mönche, ehedem vertrieben, sind jetzt als Museumspersonal wieder willkommen und dürfen die alten Riten wieder aufführen, denn ausgestorbene Klöster sind kein Publikumsmagnet. Tibet wird so zum Freizeitpark, die Urbevölkerung zu Animateuren und Fotomotiven. Ist lost in decoration ein ethisches oder ein ästhetisches Problem?
In ästhetischer Hinsicht handelt es sich zunächst um eine sehr schwache Strategie, die auf Ersatzhandlungen bauen muss, anstatt mit echten Ressourcen operieren zu können. Im Wettbewerb mit ernst zu nehmenden Konkurrenten würde man sich ungern auf Dekoration und Trugbilder verlassen, aber andererseits ist es auch eine sehr ökonomische Strategie, denn man muss ja nicht mehr Ressourcen einsetzen als zur Erreichung des Ziels erforderlich. Wenn also eine Richard Löwenherz Frisur und ein abgetakelter Waffenhändler bereits reichen, um eine Doppelseite in der BUNTE zu belegen, muss man die effiziente Dosierung der eingesetzten Mittel eigentlich würdigen. In ethischer Hinsicht müssen wir hier zunächst auf Adolf Loos und seinen berühmten Essay „Ornament und Verbrechen“ (1908) verweisen, in dem Loos die „Ornament-Seuche“ sowohl als Verkleisterung des Bewusstseins wie auch als Ausbeutung der Arbeiterklasse brandmarkt, weil diese mit Gebrauchsgütern ohne überflüssiges Beiwerk höhere Stückzahlen produzieren und höhere Löhne generieren könnte, anstatt die Hälfte der Arbeitszeit mit sinnlosen und nicht wertsteigernden Verzierungen zu verplempern. Jede Dekoration ist mit Adolf Loos also schon auf der Produktionsseite ethisch verwerflich, weil wertvolle Arbeit für wertlose Ornamente eingesetzt wird. Auf der Rezipientenseite kommt dann noch die Suggestion als bloße Rhetorik von Bedeutung hinzu. Vor 100 Jahren wurde dieser wichtige Essay geschrieben, ich werde Dr. Hermann Bühlbecker ein Exemplar zukommen lassen. Adolf Loos zum Jubiläum, das wäre doch ein schöner Anlass für die nächste Lambertz Party.
(1) Harro von Senger: Strategeme Band 1. Die berühmten 36 Strategeme der Chinesen. 12. Auflage Bern, München, Wien 2003, S. 112.
(2) Siehe dazu das Gespräch mit Gottfried Korff in: New Exhibition Design. Hg. Uwe J. Reinhardt und Philipp Teufel. Ludwigsburg 2008. S. 40. Das Foto aus der Freud Ausstellung ist diesem Band entnommen.
(3) G. Korff (siehe 2) bezieht sich mit dieser Wendung auf HG Merz, ebd S.40
(4) Foto Bühlbecker/Kashoggis zit BUNTE, Febr. 07, 2008
(5) G. Korff (siehe 2) ebd S. 40 und 41






Endlich hat sie ein Gesicht und einen Namen: Dr. Hermann Bühlbecker ist die perfekte Printe!
Dank ihm heißt es: Runter von den den spießigen Tellern mit Adventgebäck, rauf auf die mit Svarowski-Kristallen verzierten Etageren der Schönen und Reichen. Die Printe ist endlich gesellschaftsfähig!
Warum teure Anzeigen schalten, Werbespots produzieren, Großflächen buchen? Der Printenkönig setzt auf eine andere Strategie: zur rechten Zeit am rechten Ort.
Ob auf der Hochzeit von Ivana Trump oder beim Wirtschaftsforum in Davos, Hermann Bühlbecker hat ein gutes timing. Stets hält er auf den Punkt sein unverwechselbares Äußeres in die Kameras. Und das kostet in nicht mehr als ein Lächeln.
Kompliment wie er es geschafft hat, daß man in seinem Gesicht immer auch die Printe erkennt.
Eine schöne Bescherung und das nicht nur zur Weihnachtszeit!
Sehr pointiert und scharf die Blender aufs Korn genommen. Das tut gut zu lesen. In einer Zeit, in der die ersten Hungerrevolten in Afrika und der Karibik Vorboten einer nicht zu stoppenden Aggression der Ausgeschlossenen sind, Kriege um Wasser gefuerht werden, die "peak oil" Theorie in aller Munde ist, noch immer keine alternative Energiequelle gefunden ist, frage ich mich wirklich, ob unsere Gesellschaft naiv, fatalistisch oder einfach nur ignorant und dumm ist. diese Inszenierungen sind die Selbstentlarvungen einer immer dekadenten, substanzlosen Epoche.
Zum Essay von Loos: Schiesst er nicht ein bisschen uebers Ziel hinaus?
Hat der Essay die Kuenstler und Architekten beeinflusst, die spaeter Funktion ueber alles stellten. Aber ist Funktion wirklich alles? Es gibt aesthetische "Verschnoerkelungen", die Ausdruck von Kunst in der Arbeit sind. Seine These ist spannend, aber konsequent durchgedacht produziert sie viele "Berlin Mahrzans" und franzoesiche Vorstaedte. Die reduzierte, rein funktionelle Architektur bezeichne ich mit Johan Galtung, dem norwegischen Friedensforscher, als "strukturelle Gewalt", also als eine "vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist". All dies tun die Betonbauten. Wer dort 20 jahre jeden Morgen aufwacht, kann keine Melodie in der Seele haben und keinen Sinn fuer Aesthektik entwickeln. Man verkuemmert und die Resultate sind Verrohung und Gewalt.
Antwort an Mattes:
Adolf Loos war kein Betonkopf. Sparsamkeit mit Ornamentik ist nicht gleich Raumverzicht oder Verdichtung von Wohnen. Baubiologische Aspekte waren Loos ebenfalls schon wichtig. Seine Kultur entwickelt sich eher aus dem Inneren der Materialen und nicht aus den Applikationen.
Antwort an den Hasen:
eine gleichermaßen reizende wie vergiftete Ehrenrettung von Doktor Printenkopf, danke
Antwort an den Hasen:
eine gleichermaßen reizende wie vergiftete Ehrenrettung von Doktor Printenkopf, danke
Antwort an Mattes:
Adolf Loos war kein Betonkopf. Sparsamkeit mit Ornamentik ist nicht gleich Raumverzicht oder Verdichtung von Wohnen. Baubiologische Aspekte waren Loos ebenfalls schon wichtig. Seine Kultur entwickelt sich eher aus dem Inneren der Materialen und nicht aus den Applikationen.
Sehr pointiert und scharf die Blender aufs Korn genommen. Das tut gut zu lesen. In einer Zeit, in der die ersten Hungerrevolten in Afrika und der Karibik Vorboten einer nicht zu stoppenden Aggression der Ausgeschlossenen sind, Kriege um Wasser gefuerht werden, die "peak oil" Theorie in aller Munde ist, noch immer keine alternative Energiequelle gefunden ist, frage ich mich wirklich, ob unsere Gesellschaft naiv, fatalistisch oder einfach nur ignorant und dumm ist. diese Inszenierungen sind die Selbstentlarvungen einer immer dekadenten, substanzlosen Epoche.
Zum Essay von Loos: Schiesst er nicht ein bisschen uebers Ziel hinaus?
Hat der Essay die Kuenstler und Architekten beeinflusst, die spaeter Funktion ueber alles stellten. Aber ist Funktion wirklich alles? Es gibt aesthetische "Verschnoerkelungen", die Ausdruck von Kunst in der Arbeit sind. Seine These ist spannend, aber konsequent durchgedacht produziert sie viele "Berlin Mahrzans" und franzoesiche Vorstaedte. Die reduzierte, rein funktionelle Architektur bezeichne ich mit Johan Galtung, dem norwegischen Friedensforscher, als "strukturelle Gewalt", also als eine "vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist". All dies tun die Betonbauten. Wer dort 20 jahre jeden Morgen aufwacht, kann keine Melodie in der Seele haben und keinen Sinn fuer Aesthektik entwickeln. Man verkuemmert und die Resultate sind Verrohung und Gewalt.
Endlich hat sie ein Gesicht und einen Namen: Dr. Hermann Bühlbecker ist die perfekte Printe!
Dank ihm heißt es: Runter von den den spießigen Tellern mit Adventgebäck, rauf auf die mit Svarowski-Kristallen verzierten Etageren der Schönen und Reichen. Die Printe ist endlich gesellschaftsfähig!
Warum teure Anzeigen schalten, Werbespots produzieren, Großflächen buchen? Der Printenkönig setzt auf eine andere Strategie: zur rechten Zeit am rechten Ort.
Ob auf der Hochzeit von Ivana Trump oder beim Wirtschaftsforum in Davos, Hermann Bühlbecker hat ein gutes timing. Stets hält er auf den Punkt sein unverwechselbares Äußeres in die Kameras. Und das kostet in nicht mehr als ein Lächeln.
Kompliment wie er es geschafft hat, daß man in seinem Gesicht immer auch die Printe erkennt.
Eine schöne Bescherung und das nicht nur zur Weihnachtszeit!