Heute: toi toi Dixie
Wed 21 May 2008
Der große Gleichmacher unter den Menschen ist bekanntlich das stille Örtchen, wo auch der Kaiser zu Fuß hingeht, wo das Bedürfnis nach subtiler Abstufung des Sozialprestiges und menschliche Differenzierungsstrategien nicht greifen. Die anderen Grundbedürfnisse wie Essen oder Trinken sind längst durchsegmentiert, man findet Produkte und Services von sehr preiswert bis sehr teuer und eine Skala mit mindestens 10 Abstufungen. Weder Geld noch gute Worte, Macht oder Titel können uns aber eine bessere Toilette verschaffen als die, die auch alle anderen benutzen. Das gilt besonders bei Rockkonzerten, Sportereignissen und großen Events. Und seien wir ehrlich, das Leben besteht ja fast nur noch aus Events, weshalb wir uns alle miteinander immer wieder auf denselben Dixie-WCs begegnen, von denen es nur 80.000 in Deutschland gibt (1). Aber halt, es ist eine Innovation zu vermelden, denn der monopolverdächtige Marktführer Adco, dem beide Marken Dixi (basic) und toi toi (für den gehobenen Anspruch) gehören, bringt jetzt eine VIP Version heraus, den sogenannten toi flush, der mit „automatischer Frischwasserspülung neue Maßstäbe unter den mobilen Toiletten“ (2) setzt. Mit anderen Worten: es gibt jetzt drei Differenzierungsstufen bei diesem wichtigen menschlichen Grundbedürfnis, der Sozialismus hat auch hier endlich abgedankt und zum guten alten Dreiklassensystem zurückgefunden.
Nationale Unterschiede bleiben jedoch weiter bestehen, „Spanier wollen Sichtschutz, Briten spülen lieber“ und „Chinesen sitzen am liebsten seitwärts zur Tür“ (3). Im deutschen Kulturraum ist die Gattung Toilettenhäuschen jedenfalls eindeutig mit Dixie im kollektiven Bewusstsein verankert, toi toi kam später. Das Modellbauuniversum, immer ein guter Indikator für kollektives Bewusstsein, hat sein Urteil schon gesprochen: siehe die Modellszene, die ich unter dem schönen Titel Sauerei am Dixie fand (4). Das anonyme und amorphe Design von Dixie fügt sich hervorragend in die typisierende Welt des Modellbaus mit ihrem ewigen Hang zu Klischeebildung und Universalitätsanspruch.
Das Dixie Design bedient dabei auch unsere anthropologische Prägung, denn Menschen neigen dazu, die eigenen Exkremente zu tabuisieren und möglichst unauffällig zu entsorgen. Die Exkremente gehören in unserer Vorstellung nicht wirklich zum eigenen Körper, noch nicht mal in die eigene Wohnung, sie sind immer schon in eine anonyme und exterritoriale Zone hineingedacht. Die gekachelte Hermetik unserer Toiletten unterstreicht das menschliche Abgrenzungsbedürfnis gegenüber den eigenen Exkrementen besonders deutlich. Die Trennung zwischen drinnen und draußen muss hier klar und hart sein, damit wir emotional auch sicher sein dürfen, dass das nach draußen Entsorgte nicht wieder einsickern kann. Die offensichtliche Mobilität von Dixie beruhigt uns zudem in der Gewissheit, dass die Exkremente zunächst sicher abgekapselt und dann weit weg von uns entsorgt werden. Das alles nehmen wir wie durch eine Milchglasscheibe wahr, denn wir wollen es nicht genau wissen, wir wollen auch nicht wirklich sehen, wo wir sind, wenn wir auf einem Dixie sitzen.
Das wenig akzentuierte, irgendwie schwammige und amorphe Design der Dixie Kabinen unterstützt die angestrebte Verdrängung durch Verzicht auf Strenge und Klarheit, durch Beiläufigkeit und amorphe Anonymität. Geniale Designer haben dem Dixie wahrscheinlich ein paar Pixel herausoperiert, damit er so perfekt unscharf aussieht wie von Richter gemalt. „Ist es immer vorteilhaft, ein unscharfes Bild durch ein scharfes zu ersetzen?“, fragte Ludwig Wittgenstein, „Ist denn nicht oft das Unscharfe gerade, das man braucht?“ (5) Richtig, zumindest bei Toilettenhäuschen.
Dixie feiert in 2008 seinen 35. Geburtstag und ist damit nur fünf Jahre jünger als die 68er Bewegung. Mit toi flush ist die Firma jetzt auch endlich im Establishment angekommen. Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum!
(1) siehe Welt am Sonntag Nr. 5, 3. Februar 2008, S. 14. Der Marktführer Adco (Dixie und toi toi gehören ihm) operiert weltweit mit 142.000 Kabinen
(2) zit www.toitoidixie.de
(3) welt online, 16. Oktober 2006, 00.00 Uhr, von Carsten Dierig
(4) zit miniatur-wunderland.de
(5) Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen, Frankfurt 1964






Im öffentlichen Raum mögen ja noch alle gleich sein: mittels ToiToi und Dixie das Geschäft erledigen - Augen (und Nase) zu und durch - und dann schnell wieder diesen ungastlichen Ort verlassen. Kein Platz für Individualität.
Wie anders gestaltet sich aber der Toilettenbesuch daheim! Mit Lesestoff unter dem Arm betritt man den vertrauten Ort. Ausstattung und WC-Sitz sind bekannt, blind kann man zum Papier, zur Spülung, zur Bürste greifen, denn alles ist stets am selben Platz. Zuhause steht der Benutzer auch zeitlich und geräuschtechnisch nicht unter Druck, denn man befindet sich ja schließlich in seinem ganz persönlichen "Toilettenhäuschen". Das eigene WC als Ort der Muße, Entspannung oder des Rückzugs!
Ist man zu Besuch, dann wird der Gang zum stillen Örtchen mitunter zu einer wahren Erlebnissreise und sagt viel über den Charakter der jeweiligen Bewohner aus: Wurde hier ein gemütlicher Ort zum Verweilen gestaltet oder wurde rein funktional eingerichtet? Wo sind die Ersatzrollen deponiert - Häckelhütchen, dezenter Einbauschrank, offene Stapelung. Was liest der Hausherr zur Entspannung, welchen Duft zur Beseitigung störender Gerüche bevorzugt die Dame des Hauses? Gibt es einen lustigen WC-Spruch, ist das Toilettenpapier einfarbig oder bedruckt. Flach- oder Tiefspüler? Man schaut sich interessiert um, der Rest geht wie von selbst.
Besucher des stillen Örtchens können sehr unterschiedlich sein: Da gibt es den gemütlichen Typ, der die eigene Gesellschaft verbunden mit der Anwesenheit seiner Exkremente ausdauernd genießt. Es gibt den Pragmatiker, der auf der Toilette nichts weiter sucht als reibungs- und möglichst geruchslose Erleichterung. Allen gemein aber ist der Wunsch nach gepflegtem Ambiente.
Liebe DixiToiToi-Designer, fragt euch doch wie ihr am liebsten sitzen würdet. Gestaltet zur Abwechslung mal WC-Häuschen mit individueller Innenausstattung. Zünftig mit Hirschgeweih für Schützenfeste und Heimatabende; festlich mit Blumenstrauß für Hochzeiten, Jubiläen; lustig mit Ballons und Luftschlangen für Kindergeburtstage oder Karneval. Da darf es dann auch noch ein Bierchen mehr sein, denn der WC-Besuch ist Teil der "Erlebnisgastronomie".
Es soll allerdings auch Menschen geben, die können nur zu Hause...!
Im öffentlichen Raum mögen ja noch alle gleich sein: mittels ToiToi und Dixie das Geschäft erledigen - Augen (und Nase) zu und durch - und dann schnell wieder diesen ungastlichen Ort verlassen. Kein Platz für Individualität.
Wie anders gestaltet sich aber der Toilettenbesuch daheim! Mit Lesestoff unter dem Arm betritt man den vertrauten Ort. Ausstattung und WC-Sitz sind bekannt, blind kann man zum Papier, zur Spülung, zur Bürste greifen, denn alles ist stets am selben Platz. Zuhause steht der Benutzer auch zeitlich und geräuschtechnisch nicht unter Druck, denn man befindet sich ja schließlich in seinem ganz persönlichen "Toilettenhäuschen". Das eigene WC als Ort der Muße, Entspannung oder des Rückzugs!
Ist man zu Besuch, dann wird der Gang zum stillen Örtchen mitunter zu einer wahren Erlebnissreise und sagt viel über den Charakter der jeweiligen Bewohner aus: Wurde hier ein gemütlicher Ort zum Verweilen gestaltet oder wurde rein funktional eingerichtet? Wo sind die Ersatzrollen deponiert - Häckelhütchen, dezenter Einbauschrank, offene Stapelung. Was liest der Hausherr zur Entspannung, welchen Duft zur Beseitigung störender Gerüche bevorzugt die Dame des Hauses? Gibt es einen lustigen WC-Spruch, ist das Toilettenpapier einfarbig oder bedruckt. Flach- oder Tiefspüler? Man schaut sich interessiert um, der Rest geht wie von selbst.
Besucher des stillen Örtchens können sehr unterschiedlich sein: Da gibt es den gemütlichen Typ, der die eigene Gesellschaft verbunden mit der Anwesenheit seiner Exkremente ausdauernd genießt. Es gibt den Pragmatiker, der auf der Toilette nichts weiter sucht als reibungs- und möglichst geruchslose Erleichterung. Allen gemein aber ist der Wunsch nach gepflegtem Ambiente.
Liebe DixiToiToi-Designer, fragt euch doch wie ihr am liebsten sitzen würdet. Gestaltet zur Abwechslung mal WC-Häuschen mit individueller Innenausstattung. Zünftig mit Hirschgeweih für Schützenfeste und Heimatabende; festlich mit Blumenstrauß für Hochzeiten, Jubiläen; lustig mit Ballons und Luftschlangen für Kindergeburtstage oder Karneval. Da darf es dann auch noch ein Bierchen mehr sein, denn der WC-Besuch ist Teil der "Erlebnisgastronomie".
Es soll allerdings auch Menschen geben, die können nur zu Hause...!