Heute: Combat Goofy oder psychologische Kriegsführung
Mon 21 Jan 2008
In Tiflis, Georgien, wohlgemerkt nicht in Disneyworld, Florida, begegnet uns dieser Polizist, den wir der Einfachheit halber ‚Combat Goofy’ nennen wollen. Das strategische Design seiner Kampfmaske hat mich auf Anhieb beeindruckt. Combat Goofy kommt nicht mit dem üblichen martialischen Gesichtsausdruck daher, sondern wirkt knuffig, irgendwie gutwillig. Hatte die Tradition des militärischen und polizeilichen Designs bisher eher im Einflußschatten von Funktionalität, Tarnung und Abschreckung gestanden, so zeigt uns Combat Goofy offenbar einen Strategiewechsel an. Das Prinzip der Deeskalation ist im Design angekommen.
Dass uns dieses neue Paradigma ausgerechnet in Georgien begegnet, muss nicht nicht nur verwundern, sondern auch wachsam stimmen. Combat Goofy trägt unter seinem weichen und harmlosen Gesicht eine echte Gasmaske, seine schwere Tränengaswaffe schießt vermutlich nicht mit Popcorn. Georgien ist auch nicht als freies Land bekannt. Wenn jetzt hier im Auftrag der Staatsgewalt statt cyborgähnlicher Actionfiguren plötzlich lustige Tölpel wie Goofy im Straßenkampf auftauchen, dann dürfen wir kaum auf eine intendierte Deeskalation hoffen. Vielmehr wird hier die Ausweitung der Kampfzone, von der Michel Houllebeque gesprochen hatte, mit einem aufgesetzten Gesichtsausdruck getarnt, verniedlicht und verharmlost. Die Strategie basiert auf dem chinesischen Strategem Nr. 27: Verrücktheit mimen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, auch übersetzt mit: den Tölpel spielen, ohne den Kopf zu verlieren. (1) Es zielt darauf, unterschätzt zu werden und eigene Stärken wie eigene Absichten verschleiern zu können, gehört in die Gruppe der Desinformationsstrategien. Ein tolles Design also, aber leider böse.
Jedoch, es gibt Hoffnung, die Strategie der Georgier wird nicht greifen, denn man hat es versäumt, auf eine integrierte Designlösung zu setzen. Wie unschwer zu erkennen, sind die Uniformen und Monturen der Polizei nach wie vor olivgrün und schwarz, metallisch, ledern, bedrohlich. So werden die Demonstranten sich kaum einlullen lassen von einer psychologischen Kriegsführung, die in sich widersprüchlich und inkonsistent ist. Weitere Hoffnung dürfen sich die Designer machen, das Prinzip kann auf weitere Anwendungsfelder übertragen werden, es gibt eine Menge zu tun. Verkehrspolizisten brauchen ein neues outfit im Stil von Tom & Jerry, damit sie die um sich greifende Wut der knöllchengeschädigten Autofahrer in eine unverkrampfte Nimm’s mit Humor Haltung kanalisieren können. GSG 9 Einheiten könnte man für künftige Friedenseinsätze Ali Baba Masken vorschlagen.
(1) Siehe dazu: Harro von Senger: Lebens- und Überlebenslisten aus drei Jahrtausenden. Strategeme. Die berühmten 36 Strategeme der Chinesen. Band II. S. 440 ff. Bern, München, Wien 2002 sowie Harro von Senger: 36 Strategeme für Manager. S. 76. Bern, München, Wien 2002. Die 36 Strategeme werden uns als eine der wichtigsten strategischen Grundlagen in diesem blog immer wieder begegnen.






Lieber Rainer!
Aufgrund deiner schon etwas befehlstonartiger Aufforderung, einen Kommentar zuschreiben, habe ich mich entschlossen dies nun zu tun.
Dieser teilweise lustige Artikel erinnert mich an die Alltagssituation im Hause Zimmermann.
Die tägliche Was-ist-noch-zu-erledigen-Abfrage ist im Prinzip genauso gemeint.Die Abfrage ist auch psychologisch sehr weit entwickelt.
Mit einem ruhigen Gesicht und einer geraden Sitzhaltung wird Freundlichkeit vermittelt, aber in Wahrheit ist dies nur ein Mittel schnell zum gewünschten Ziel zu kommen, nämlich der vollkommen Kontrolle und Befehlsgewalt über das Abfrage-Opfer.
Diese Artikel hat mir klargemacht das nicht alles so ist wie es scheint.
Aber genau darin liegt die Schwäche des Menschen, nämlich er hinterfragt häufig nicht die Absichten, die in Wahrheit gar nicht so sind wie sie scheinen.
Ich verbleibe in der Hoffnung auf weitere Artikel dieser Art.
J.Z.
Mein Helm als Pirsing
Combat Goofy hat gut getan, sich endlich dem argumentierendem Publikum zu nähern, in ähnlicher, wenn ungleich intelligenterer Montur. Denn Goofy kann ohne aufzufallen seine Augen schließen und weiter marschieren, bestimmt hat er GPS gesteuerte Beine und Körperöffnungen. Mehr Anstand geht nicht. Und mehr Voraussicht auch nicht.
Denn vor einigen Tagen hatte Goofy eine seriöse Konferenz, irgendwo im Hindukusch. Und worauf wurde sein ansonsten harmloser Blick gezwungen? Auf ein mit einer Stahlkugel durch bohrtes Kinn, das in enger Korrespondenz zu der Bleidroge auf und in der Zunge war. Diese intime Montur war so zwingend, dass Goofy beschloss, sich niemehr in die Nähe solch ästhetischer Argumente zu begeben, oder, nur noch mit adäquater Antwort. Eben, kulturelle Kommunikation ohne Rücksicht auf Niveau bei Kinn, Zunge, Ohren, Lidern, Warzen, Schamlippen, Nabeln und Eicheln.
Seit Goofy als Combat getarnt ist, entdeckt er allerdings ganz andere Gelüste, die ihn nachhaltig verunsichern. Er fühlt sich zum Gebet berufen und zu einer Familienfreundlichkeit, die seine Combatantin in wochenlanges Verzücken getrieben hat. Diese Lust zu lieben wie zu leben bleut er nun jenen Figuren ein, die ihre Verunstaltungen in Kopf und Kragen mit Demokratie verwechseln.
Seinen kreativen Ansatz, aktiv leuchtende Verunstaltungsschrauben mit Vorher > Nachher > Effekt lässt er sich nun am Niederrhein entwickeln. Motto, wie im Swingerclub, alles kann, alles muss.
J.V.
Designer denken doch normalerweise nicht strategisch. Bin gespannt, ob es funktioniert, diese beiden Denkkulturen miteinander zu vermählen.
designforce
Lieber Rainer,
dabei fällt mir ein: Der wahre Teufel steckt wieder mal im Detail. Die gemeine Goofy-Strategie ist ja gar nichts gegen die perfide Feinstaubplaketten-Pest, die uns zum neuen Jahr ein echtes Standortproblem beschert hat. Was hilft jetzt noch die unbeschränkte Geschwindigkeit auf Deutschlands öffentlichen Teststrecken, wenn unsere schönen Autos von Amts wegen mit diesen grün-gelb-roten Schandmalen made in Germany gebrandmarkt werden? Und die Polizei kann uns hierbei leider gar nicht helfen. Ob wir die Panzerknacker einschalten sollten?
Wilfried
Also, wenn es nach dem Apostel geht, soll die Deeskalation nun endlich im Design angekommen sein: Das ging bei der deutschen Polizei aber offensichtlich um Jahrzehnte schneller als im Kaukasus. Heinz Ostergaard war es doch, der nach der 68er Revolte den Auftrag zur Gestaltung friedlicher Bekleidung für die deutsche Polizei bekam, die sich deutlich von denen des Dritten Reichs abheben sollte. Dass das Experiment "Wurst in der Pelle" so geglückt ist, dass die Kriminalstatistik wieder deutlich ansteigen konnte, zeigen die aktuellen Wahlkampfthemen. Ich bin daher gegen alle Desinformationsstrategien und gegen jedwede Verharmlosung der Staatsgewalt: Am Ende des Tages sollte Design die Klarheit der Botschaft unterstützen statt sie zu unterminieren: Darth Vader schlägt jeden Combat Goofy - möge die Macht mit ihm sein.
Was zeigt, dass sich das Design an sich doch gerne überschätzt. Design hat keine Macht und ein Helm macht noch keinen Sommer - auch nicht in Tiflis. Design kann aber wohl verstärken oder konterkarieren. Und - Design ist unsterblich. Ein amerikanischer Autor hat mit “Für die Rückkehr der Seele einen Leichnam ausleihen” ein treffendes Strategem für clevere Innovationen postuliert: Potenzial in den Dingen erkennen, die andere bereits verworfen oder weggeschmissen haben. Papst Benedikt gibt uns hierzu ein aktuelles Beispiel: Weil sein Auftritt an der römischen Sapienza-Universität verhindert wurde, blieb er einfach fort und setzte sich kurzerhand für ein Pressefoto eine Mütze der spanischen Guardia Civil auf, statt sich auf Gummiknüppel gestützt das Rederecht zu erstreiten. (http://www.20minutos.es/data/img/2005/12/07/292390.jpg).
Das ist perfekte Verbindung von Kommunikation, Strategie und Design. Ein perfektes Bild für die bedrohten Werte der Freiheit und die christliche Identität gegenüber der Staatsgewalt. Bleibt zu lernen: Die Kirche hat sogar die Macht, Design ad absurdum zu führen.
Globalisierungsgegner und Demonstranten aller Art brauchen in der Tat einen neuen Designstil. Der Hinweis auf science fiction Anleihen ist schön. Vermummungs- und Anonymisierungs-Design führt in die Kriminalisierung. Protest muß transparent sein, dies sollte im Design zum Ausdruck kommen.
meint Civil Courage
Lieber Rainer,
die website ist eine absolute Bereicherung für alle User, die sich mit Medien, Kommunikation, Kunst und anderen gesellschaftspolitischen, imperialistischen und kapitalistischen Themen beschäftigen. Weiter so. Dank Deiner konsequent intelektuellen Vorgehensweise ist es möglich, komplexe Fragestellungen z.B. der Wirtschaft ganzheitlich zu erfassen und mehrwertorientiert umzusetzen. Ein Ergebnis daraus war "Das Auto."
LG Jochen
Bin beeindruckt
Ich könnte mir vorstellen, dass die Masken nicht wissentlich Goofy spielen. Eine Laune der Produktionsnatur. 2-Gläser zum Sehen, ein Filter zum Nichtriechen, und eine riesige Falte unter dem Gesicht für den Angstschweiß der aus den Gesichtern der Schauspieler läuft.
Hoffentlich enttarnt mich keiner.
md
Hello Rainer,
sehr cool und liebevoll.
Wird - bei der Flughöhe - vermutlich 99,99% überfordern. Egal.
Aber viel schlimmer noch, PR-Agenten werden Dir die Bude einrennen und Dich bitten:
"loben Sie doch unser neues Produkt xy" oder "kommentieren Sie eventuell unser altes Produkt xyz". Wehre da den Anfängen.
Halt durch
Markus