Beton ist hart und schwer, ein sehr widerständiges Material. Beton setzt klare Grenzen zwischen der eigenen Oberfläche und der Außenwelt, ist Begriffen wie Elastizität oder Nachgiebigkeit entgegensetzt. Ein Betonkopf ist stur und unbeirrbar, Argumente dringen nicht in ihn ein. Echter Beton wird härter mit dem Alter, er kristallisiert innerlich in immer feineren und härteren Strukturen, Betonstrategien jedoch stehen oder fallen wie die berühmte Breitengrad-Strategie der US-Amerikaner im Vietnam-Krieg. Die eindimensionale und monolithische Strategie der Amerikaner, draw a line, eine abstrakte Linie als Front gegen den Kommunismus, versagte vollkommen gegen die elastische Konzeption der vietnamesischen Kriegsführung. In der asiatischen Tradition ist dies die Bambus Strategie: stark, scharf und  schnell in Momenten, aber bereit sich zu neigen, wenn der Wind peitscht. Die Unterscheidung von Strategien in harte und weiche, konfrontative und interaktive hat eine lang Tradition. Emotional ist Menschen die weiche Strategie in der Regel näher, da hat der Beton gegen den Bambus keine Chance. Bis hierher und nicht weiter ist eine letztlich unmenschliche Botschaft. Mal so, mal so, klingt da schon besser.

Aber selbst Beton kann demütig auftreten, wie das kleine, aus Beton gefertigte U-Boot mit dem sinnigen Namen Gelber Oktober beweist. Es wurde konzipiert, gebaut und gefahren durch die Technische Universität Dresden (1) und überrascht uns mit Leichtbauweise aus Beton und einer Formensprache der Unterwasserwelt. Wir sehen auch keine typische Betonhaltung aus Unnahbarkeit und Härte, sondern eine Art harmlosen, schwerfälligen Fisch mit erstaunten Augen, der mühelos aus den Animationsstudios von PIXAR oder DISNEY stammen könnte. Er sieht so aus, als ob er nicht schmeckt und niemandem etwas wegnimmt. Das ist alles andere als konfrontativ.

Ich neige mein Haupt vor diesem Entwurf und beglückwünsche die Betonindustrie zu dieser wichtigen Imagekorrektur. Hatten wir bisher eher an die berüchtigten Betonsärge für russische U-Boote mit A-Waffen gedacht oder an die Betonschuhe, mit denen die Mafia ihre Opfer in Seen versenkte, so zeigt uns Gelber Oktober ein vollkommen neues Anwendungsgebiet dieses faszinierenden Werkstoffs auch unter Wasser. Das Gefährt wird übrigens mit Muskelkraft betrieben, dafür entschädigt die Aussicht durch die beiden Einmachgläser in der Frontpartie. Der Beton ist in dieser dünnen Konstruktion immer noch relativ hart, vor allem aber leicht und dicht. Auch die Ponton-Schwimmer, ehedem aus Holz oder Zink, werden mehr und mehr aus Beton gebaut. Ich würde sagen, das Guinness-Buch der Rekorde wartet auf einen Luftballon mit Betonhülle.

(1) zit. Welt am Sonntag, Nr.4, 27. Januar 2008, Wissen 67