Die Frage, was bleibt, wenn man für immer geht, ist ja ein Lebensthema für viele Menschen. Wir kennen verschiedene Strategien, etwas zu hinterlassen, Kinder und Gene sind der Klassiker, aber auch Bücher, Bauten und Stiftungen sind beliebt. Bei Leuten, die es sich leisten konnten, ist seit den Pharaonen auch die Aufbewahrung der eigenen Leiche oder Asche in möglichst stabilen und repräsentativen Bauten beliebt. Wer sich etwa die barocke und klassizistische Architektur auf bürgerlichen Friedhöfen des frühen 20. Jahrhunderts anschaut, kann ermessen, wie viel Geld, Designanspruch und Langfristplanung einst in die Verewigung der sterblichen Reste oder doch zumindest in ihre räumliche Integrität und Kennzeichnung geflossen sind. Solche Bedürfnisse sind in der Moderne dann rückläufig. Geld und Prestige wird gerne für die Gegenwart verbraucht, wen interessiert schon, was hinterher damit passiert? Heute sind Sarkophage und Grabstätten mit Grabverträgen über 100 Jahre Laufzeit auch bei den Reichen nicht mehr so beliebt, es sind eher Formen der Transzendierung des eigenen Körpers, die nunmehr angestrebt werden: Asche im Meer oder in der Natur ausstreuen, gar in den Weltraum schicken, zu Diamanten pressen, bei einer Baumpflanzung in die Grube streuen lassen. Die Investition fließt hier in das Verwischen der eigenen Spuren, nicht in etwa in dingliche Denkmäler. Oder sie fließt in den flüchtigen Akt der Beerdigungszeremonie. Es gibt Trauergesellschaften, die mit Helicoptern auf den Gletscher geflogen wurden, zum Ascheverstreuen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass hierbei der Satz ‚diesen Ort hat er geliebt’ gesprochen wurde, sei es aus Liebe oder aus Rechtfertigung.

Ich hörte auch von einer neuen Kultbestattung aus dem Mutterland des schwarzen Humors. Hier wird die Asche in eine Bierdose eingebracht und in den River Thames geworfen, eine sehr preiswerte Lösung mit dem ansprechenden Namen bud can funeral. Wem das ein bisschen zu profan ist, der kann für 495 Dollar (zuzüglich Krematorium) immerhin einen Teil seiner Asche in einer Aluminiumkapsel in den Weltraum schicken und schwebt dann auf ewig im Vakuum.

Aber sortieren wir kurz die strategischen Optionen: die Leiche, konserviert, verspricht die Identität des eigenen Körpers an einem identifizierenden Ort, dem Sarkophag, räumlich stabil über einen Zeitraum von vielleicht 300 Jahren oder auch 3000. Die Leiche in Verwesung frisst die Illusion körperlicher Identität innerhalb von 30 Jahren auf, in der Regel erlischt dann auch räumliche Stabilität, die Grabkontrakte werden selten verlängert. Wir lernen, dass die Konservierungsstrategie um den Faktor 10 bis 100 teurer sein wird als die Verwesungsstrategie, auch relative Ewigkeit hat ihren Preis. 

Die Asche bietet wie der Sarg räumliche Kontinuitität der sterblichen Reste zu deutlich günstigeren Finanzierungsbedingungen auch über lange Zeiträume. Die Diamant-Gruppe verfolgt andere Ziele und will keine stabile Position der eigenen Reste, sondern gerade Mobilität und zumindest passive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben auch nach dem Tode, indem man sich als Schmuckstück am Finger des oder der Liebsten durch die Gegend tragen lässt. Der Aschediffusions-Gruppe, die sich verstreuen lässt und wieder Staub werden will, geht das aber nicht weit genug, sie möchte vielmehr in den ewigen Kreislauf der Materie wiedereinkehren und Substanz für neues Leben werden. Sie verzichtet deshalb auf körperliche und räumliche Identität und schickt ihre anorganischen Reste in das große Ganze zurück. Das ist natürlich die bescheidenste und deshalb auch preiswerteste Form der Bestattung, es sei denn, man stellt hohe Ansprüche an den Ort der Verstreuung (Asche 3 Typen), siehe die oben erwähnte Gletscherverstreuung.

Bei der Beurteilung der strategischen Optionen ist zu berücksichtigen, dass die Flächen für Erdbestattungen knapper, die Verwesungsqualität der Böden schlechter wird. Die Erosion der Familie und Generationenverträge in der Gesellschaft macht eine angemessene Grabpflege über 30 Jahre zunehmend unwahrscheinlich. Asche nimmt deutlich weniger Platz ein, bietet höhere Möglichkeit der Individualisierung und privaten Aufbewahrung. Der Gemeinschaftscharakter geht natürlich verloren. Die Toten liegen jetzt nicht mehr gemeinsam auf einem Friedhof oder in einer Urnenhalle, sondern verstreut und vereinzelt zwischen Kaminsimsen und Sideboards, gar diffundiert und unkenntlich gemacht von Erde, Wind oder Wasser. Kein Schildchen mit dem Namen bleibt hier zurück, keine Schicksalsgenossen um sich herum. Die Menschen sind ja Herdentiere, wird es ihnen wirklich nicht mehr wichtig sein, die ewige Ruhe in Gemeinschaft zu verbringen? Der Trend steht im Moment wohl eher auf Transzendenz und Seelenwanderung, auf Übergang in eine neue Sphäre statt Erhaltung der alten Hülle. Mausoleen sind old school. Raffinierten Entsorgungsstrategien in Kombination mit pars pro toto Symbolisationsakten gehört die Zukunft. Erstens: Verbrennen, zweitens: 90% der Asche preisgünstig verstreuen und damit wieder eins werden mit Mutter Erde. Drittens: 10% der Asche konservieren und der Nachwelt als repräsentativen Teil seiner selbst überlassen.  Das ist die beste Strategie, schon wegen der Risikostreuung und Teilhabe an gleich zwei Ewigkeitsideen. Für die 10% braucht man dann natürlich ein schönes Designkonzept und eine sichere Aufbewahrung, zum Beispiel über Testamentsverfügungen: ich vermache das Haus meiner Schwester unter der Voraussetzung, dass sie 10% meiner Asche in eine Messingkugel einfassen lässt, die als Türklopfer am Haupteingang verwendet werden soll.