Winnetou, eine bekannte Projektion deutscher Wunschidentität, lebt in Einheit mit der Natur und trotzdem sehr ordentlich, wie die stets saubere Lederkluft beweist.

Sein Pferd ist schneller und wendiger als die anderen, freie Fahrt für Winnetou. Wenn es Schwierigkeiten gibt, tüftelt er einen Plan aus, den er dann präzise abarbeitet und der vor allem auch funktioniert. Er ist der Heimat verbunden und kämpft für die Interessen seines Stamms. Winnetou denkt föderalistisch, aber er hat auch eine übergeordnete Vision: diese wunderbare Naturlandschaft darf nicht zerstört werden von irgendwelchen Irokesen oder Männern in kleinkarierten Hemden. Winnetou, ein deutscher Romantiker, den Rüdiger Safranski in seiner Monographie zu erwähnen vergaß (1), erzählt uns eine kleine Geschichte deutscher Identität, sehr viel über deutsche Sehnsucht.

Auf solchen Geschichten, auch Ritualen, weniger auf Begriffen, beruhen Identitäten, denn sie sind ja nichts Statisches, Unwandelbares, sondern sehr lebendig, ganz gleich, ob eine Person, eine Marke, eine Institution oder ein Land gemeint sind. Ohne die Grünen wäre Winnetou vielleicht aus der Mode gekommen, nur mal zum Beispiel. Aber die Deutschen wären nicht die Deutschen, wenn sie ihre eigene Identität nicht auch systematisch zu fassen versuchten. In Ermangelung einer gesunden nationalen Geschichte muss diese gemeinsame Identität letzlich konstruiert werden wie in der Markenlehre. Es entstehen Listen mit Stichworten zu deutscher Identität. Strategisch geht es bei diesem Anliegen darum, die Listen auf drei bis fünf Kernbegriffe reduzieren zu können, irgendwann. Das Ziel wäre erreicht, die Kommunikation geglückt, wenn alle Deutschen das Deutschsein mit fünf Kernbegriffen verbinden würden, am liebsten natürlich solchen, die das Sollimage, die Wunschidentität zum Ausdruck bringen. Wenn es um Erkenntnis und Aufklärung gehen soll, führt eine solche Strategie natürlich in die Irre, siehe das chinesische Strategem Nr. 16: will man etwas fangen, muss man es zunächst loslassen (2). Mit begrifflichen Festsetzungen werden Identitäten allenfalls kaltgestellt.

Deduktive Ansätze können auch schlecht funktionieren, wenn etwas Besonderes, in diesem Fall das Deutsche, beschrieben werden soll. Mit dieser Methode kommt man nicht viel weiter als bis zu Ordnung, Sauberkeit und Gemütlichkeit. Wer der Wahrheit auf der Spur ist, sollte schon vom Besonderen zum Allgemeinen kommen, das heißt nicht das Deutsche als Besonderes setzen und durch Analyse in allgemeinen Prinzipien zerlegen, sondern das Deutsche als Allgemeines verstehen und im Besonderen zeigen. Zum Beispiel im Dübel oder mit Hilfe des Preiser Modellfigurenkatalogs. Oder anhand der Reinigungssysteme von Kärcher, um  nur drei weitere valide Spuren jenseits von Winnetou aufzuzeigen. Induktive Strategien sind übrigens auch in der Welt der Marken langfristig erfolgreich, siehe Nivea, Oetker, Virgin. Aber ich sehe schon, sie sind Deutscher, halten lieber etwas Belastbares und Eindeutiges in der Hand als vielgestaltige Bedeutung. Nun denn, hier ist meine beste Liste, nach Durchsicht von 50 Büchern zum Thema und auf Basis der Forschungsprojekte von Identiy Foundation (3) und meinem Seminar D SIGN (4):

Ordnung, Genauigkeit, Perfektionsstreben, Regulierungssucht. Zweifel, Rastlosigkeit, Innerlichkeit, Weltschmerz. Maschinen, Bier und Brot, Wurst und Wald. Grübeln, Tüfteln, Werkeln, Erzgebirge, Schwäbische Alb. Föderalismus, Gemütlichkeit, Heimat, Kitsch. Weltmeister und Weltmeisterkomplex, Systematik und Umwelttechnologie, Automobil und Freiheit. Mittellage, bis auf Bayern. Alpen, Rhein, Sachsen. Bosch, Diesel, Daimler, Kant, Luther, Bach. Nietzsche, Wagner, Hitler, Kärcher und Gardena. Joseph Beuys und Gerhard Richter.
 
Das ist eine deutsche Collage. Aber eine Collage ist kein Gedankengebäude, keine Einheit des Gedankens, keine Geborgenheit in kausaler und chronologischer Ordnung. Das ist ebenso unbefriedigend wie das Zurechtstutzen immerhin der Vielfalt der Begriffe auf einen erwünschten Markenkern. Die Deutschen sind wieder mal in der Klemme. Nahezu alle Strategien der Identitätsbildung sind fehlgeschlagen. Eine schöne Ausgangsposition, um sich weiter den Kopf zerbrechen zu können.
 
Ein narratives Angebot zur deutschen Identität finden Sie auf www. zedelwerk.com unter: Identität: Kurze deutsche Geschichte.   


(1)    Rüdiger Safranski: Romantik. Eine deutsche Affäre.
München 2007.
   
(2)    Siehe dazu: Harro von Senger: 36 Strategeme für Manager.
S. 134. München, Wien 2004.
 
(3)    siehe dazu die Studie zur deutschen Identität auf
www.identiy-foundation.de.

(4)    Seminar WS 2007/2008 an der FH Düsseldorf, FB Design gemeinsam mit Wilfried Korfmacher.