Heute: Schwein Design
Thu 21 Feb 2008
Das arme Schwein, das dumme Schwein und das dreckige Schwein kommen in Deutschland viel häufiger vor als das Glücksschwein. Letzteres begegnet uns allenfalls noch in der ausgelutschten Werbesprache der Lottogesellschaften, die anderen jeden Tag beim Zuhören. Vielleicht liegt es ja daran, dass das Schwein evolutionsgeschichtlich besonders viel Pech gehabt hat. Eigentlich ein kluges Tier und eine starke Spezies, aber dann leider vom Menschen als eine der Hauptnahrungsquellen auserkoren und zugerichtet. Früher waren die Schweine vielleicht glücklich, als sie noch in den Wäldern lebten und Nüsse aßen, heute sind sie à la minute gezüchtet und geschlachtet, da fällt es schwer, im Schwein noch ein Glückssymbol zu sehen, jedenfalls in Europa. In Asien, Afrika und Südamerika hat sich das Schwein seinen Nimbus erhalten, sowohl säkular wie spirituell. Es gilt nicht nur als Symbol des Reichtums, sondern ist auch bevorzugte Göttergabe. Man opfert ja immer das, was einem viel bedeutet, sonst ist es kein Opfer. Das Geldschwein (1) und die anderen Gaben in der Büroszene dienen der Einweihung eines neuen Safes. Die Götter werden gebeten, den Safe und das darin verwahrte Geld zu schützen und auch insgesamt den Reichtum der Firma zu mehren. Wir befinden uns übrigens nicht auf Borneo, sondern in Seoul, Südkorea. Das Autoschwein (2), eben da, weiht den neuen Wagen ein und schweißt ihn spirituell mit den beiden Männern auf der Silbermatte zusammen, den alleinigen Fahrern des Wagens. Man beachte die Wassermelone auf beiden Bildern als Designkontrapunkt zum Schwein. Der Schweinskopf ist ein starkes Symbol. Schon allein deshalb, weil Schweine im Tod lächeln. Ist Ihnen das schon einmal aufgefallen?
Der belgische Künstler Wim Delvoye (3) hat schon mehrfach mit Schweinen gearbeitet, übrigens ohne sie zu töten. Er verwandelt sie in Luxusobjekte, die jetzt auch wieder interessant für die europäischen Opfertische werden könnten. Ein Schwein zu opfern, wäre banal, aber ein tätowiertes Schwein? Übrigens darf man opfern hier nicht im wörtlichen Sinne verstehen. Geopfert wird nach westlicher Denkart auf dem Altar von Charity und Responsibility. Kunst kaufen gleich Verantwortung für Kreativität wahrnehmen. Oder Naturschweinehof stiften, der nachhaltig und ökologisch wirtschaftet. Oder alten Schweinen ein menschenwürdiges Sterben ermöglichen. Am Ende des Tages ist das kein großer Unterschied zu den Koreanern auf dem Parkplatz: man glaubt an eine höhere Gerechtigkeit. Allerdings, man will in Europa keine toten Schweinsköpfe sehen, das ist unappetitlich. Der mit Diamanten bespickte Totenschädel von Damien Hirst im Wert von 60 Millionen Pound Sterling ist appetitlich. Verstehen Sie, was ich meine? Wim Delvoye ist auf dem richtigen Weg, die ökologische und ethische Aufwertung des Schweins zieht eine Ästhetisierung nach sich. Auch der Schweinskopf sollte nicht weiter tabuisiert, symbolisch ignoriert und gleich im Schlachthof entsorgt werden. Ich fände es ja schön, wenn die Schweinsköpfe wieder zurück auf die Tische kehren würden, natürlich nicht zum Essen. Strategisch funktioniert das nur in vegetarischen Restaurants, in denen der lächelnde Schweinekopf das Glück über die durch Vegetarier geretteten Schweine verkörpert. Man könnte auch Trinkgeld im Maul hinterlassen, immer ein schönes Bild. Und bitte denken Sie daran: zum Dessert Wassermelonen.
(1) Zit nach: altäre. Kunst zum Niederknien. Jean-Hubert Martin. Museum Kunstpalast, Düsseldorf 2001/2002. S. 135.
(2) Ebd. S. 139
(3) Zit nach Monopol. Magazin für Kunst und Leben. Nr.8/2007. S.61. Die tätowierten Schweine sind eine Arbeit des Künstlers Wim Delvoye.







Ja, haben wir denn schon wieder das "Jahr des Schweins"?
Wie die Zeit vergeht. Schöner Sch ein.
Und nicht vergessen: das arme Schwein ist nicht zum essen.
Denn: Genetisch ist es "uns" relativ nah. Kein Wunder, dass es in alten Kulturen tabu ißt.
Das Schwein ist nämlich auf der Siegerstraße: Seine ökologische und ethische Aufwertung zieht nicht nur eine Ästhetisierung nach sich. Dies ist nur der erste Schritt. Es wird sich nun in unwiderstehlicher Manier in unserem Kulturraum vereigentlichen und sich selbstbewußt quiekend endlich auch emanzipieren. Die bislang unter Funktionen versteckte Individualität wird entdeckt und ausgelebt, indem sich die bisherige monofunktionale Bestimmung des Schweins auflöst.Ab jetzt heißt es: Aufklärung durch Ästhetisierung. Das Schwein macht damit nach Jahrhunderten der Unterdrückung unserer Leitkultur ein unverbindliches Angebot für die Phantasie eines jeden emanzipierten Einzelnen in einer nun demokratischen Gesellschaft. Auch die Geschichte der avantgardistischen Malerei lässt sich als eine Folge von Ästhetisierungen und in der Folge von Bwußtseinsöffnungen beschreiben. So fordert uns das Schwein geradezu zur Gestaltung heraus und die Kompensation der bisherigen Sinnraster wird uns hoffentlich alle zu kompensatorischen Antworten in unserem eigenem sozialen Umfeld bewegen. Mein Freund, das Schwein - das fände ich schön, und machte mir Hoffnung für die Zukunft.
Dieses Thema ist mir nicht schweinisch genug abgehandelt worden. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass bei allem Bemühen um bloße Ästhetisierung und feinsinnige Sublimation genau das nicht angesprochen worden ist: das Schwein in mir. Ich meine damit nicht diese beklagenswerte Fehlzüchtung des Porcus Zumwinculo Liechtensteiniensis, die uns ja auch alle irgendwie durch mediale Genmanipulation eingemendelt worden ist, sondern das sinnliche, freche Schwein, desssen Grunzen und Quieken viel zu selten erhört wird und sich infolgedessen auch nicht suhlen darf. Dazu gehört eben auch der etwas stechende Geruch des borstigen Viehs, der genau denen in die Nase gehen muss, die das ihrige mit Pelzkrägen verbrämen und Davidoff Cool Water besprayen. Der Jammer ist natürlich, dass überall dort, wo das Schwein mal in freier Wildbahn zu beobachten ist, es auch immer gleich alle Klischees dieser Spezies bedient. Hier ästhetiche Abhilfe zu schaffen, hier eine gelungene Synthese aus Sinnlichkeit und Eros nach streng ökologischen Kriterien einer artgerechten Haltung zu erschaffen, wäre eine überaus lohnende und reizvolle Aufgabe. Also Mädels lasst mal die Sau raus, damit sich auch die Jungs trauen.
Ein Schweineleben
Es gibt zu wenig lückliche Schweine.
Ca. 26 Mio. Schweine leben unter uns, man sieht sie nur nicht. Erst als Schweinerücken erreichen sie uns; das Lebewesen so fern, verschwunden unter Bratensoße.
Was war vorher? Ein halbes Jahr am Leben, 115 Kilo Schlachtgewicht erworben auf 0,75 qm Betonboden mit Bodenschlitzen, Wände, Trinknippel, Fresstrog, Eisenkette. Die Tiere sind so stark auf Gewichtszunahme gezüchtet, daß sie bei genügend Futter schnell wachsen, ob ihnen dabei wohl ist oder nicht. Wenn sie nicht mehr wachsen, dann geht es ihnen bereits richtig dreckig.
Sollen wir nun alle Vegetarier werden? Nein, wir dürfen Fleisch essen. Was wir brauchen, ist eine Ernährungsethik, die die Würde der Tiere achtet.Nicht viel Fleisch essen für wenig Geld, sondern weniger davon essen, um mehr für das Schnitzel bezahlen zu können. Somit haben Landwirte die Chance, die Tiere artgerecht zu halten.(Das gilt übrigens z. B. auch für die(dumme)Kuh.)
Auf die Frage, ob er so leben wollte wie seine Mastschwein, antwortete ein Landwirt: "Natürlich wollte ich so nicht leben. So beengt. Aber es sind Tiere. Und sie fühlen sich auch wohl. Sie spielen oft. Dann rennen sie im Kreis." - Wer hier das arme Schwein ist, ist leicht auszumachen. Das Dumme übrigens auch.
Für Menschen, für die Spielfreude über das Aushecken von perfiden Strategien am Computer entsteht, hat Schwein-Design auch schon eine aktuelle Antwort parat. "S.W.I.N.E", das Echtzeitstrategiespiel, bei dem Schweine und Hasen Krieg spielen, lässt richtig die Sau raus: Angeführt von General Eisenhauer, überquert die nationale Schweine-Armee am 3. August die Grenze zum Karottenland. Ohne Rücksicht auf Verluste nimmt Eisenhauer die Hauptstadt der Hasen ein und zerstört weite Teile des Landes. Doch ohne Gegenwehr wollen sich die Hasen nicht dem fiesen General unterwerfen. Sie formieren sich zu einer gefährlichen Streitmacht und nehmen den Kampf gegen Eisenhauer und die fiesen Schweine auf. Dabei werden auch schon mal fette Schweine-Panzer in die Luft gejagt und wir bestaunen anschließend, wie der Geist des Schweins im Engelskostüm gen Himmel schwebt...
"S.W.I.N.E." bietet aber durchaus auch Einiges für anspruchsvolle Strategen. Ihr kämpft Euch mit Euren Panzern durch den Dschungel, als ein heftiges Gewitter beginnt. Der Regen scheint gegen Eure Boxen zu peitschen, dann ertönt der Donner und Ihr versteckt Euch unterm Tisch. Insgesamt warten 2 Kampagnen (Schwein und Hase eben) mit 22 Missionen auf Euch. Ihr bekommt in den Missionen für die Beseitigung feindlicher Einheiten sogenannte "Strategiepunkte (SP)". Diese können zwischen den Missionen gegen neue Fahrzeuge und Vehikel eingetauscht werden. Außerdem lassen sich die Fahrzeuge mit bis zu drei Modifikationen aufrüsten. So könnt Ihr Eurem Panzer noch einen Repartursatz, einen Turbo oder eine verstärkte Panzerung spendieren. Wie gesagt, das Schwein ist auf der Siegerstraße - in allen Altersgruppen.
Für Menschen, für die Spielfreude über das Aushecken von perfiden Strategien am Computer entsteht, hat Schwein-Design auch schon eine aktuelle Antwort parat. "S.W.I.N.E", das Echtzeitstrategiespiel, bei dem Schweine und Hasen Krieg spielen, lässt richtig die Sau raus: Angeführt von General Eisenhauer, überquert die nationale Schweine-Armee am 3. August die Grenze zum Karottenland. Ohne Rücksicht auf Verluste nimmt Eisenhauer die Hauptstadt der Hasen ein und zerstört weite Teile des Landes. Doch ohne Gegenwehr wollen sich die Hasen nicht dem fiesen General unterwerfen. Sie formieren sich zu einer gefährlichen Streitmacht und nehmen den Kampf gegen Eisenhauer und die fiesen Schweine auf. Dabei werden auch schon mal fette Schweine-Panzer in die Luft gejagt und wir bestaunen anschließend, wie der Geist des Schweins im Engelskostüm gen Himmel schwebt...
"S.W.I.N.E." bietet aber durchaus auch Einiges für anspruchsvolle Strategen. Ihr kämpft Euch mit Euren Panzern durch den Dschungel, als ein heftiges Gewitter beginnt. Der Regen scheint gegen Eure Boxen zu peitschen, dann ertönt der Donner und Ihr versteckt Euch unterm Tisch. Insgesamt warten 2 Kampagnen (Schwein und Hase eben) mit 22 Missionen auf Euch. Ihr bekommt in den Missionen für die Beseitigung feindlicher Einheiten sogenannte "Strategiepunkte (SP)". Diese können zwischen den Missionen gegen neue Fahrzeuge und Vehikel eingetauscht werden. Außerdem lassen sich die Fahrzeuge mit bis zu drei Modifikationen aufrüsten. So könnt Ihr Eurem Panzer noch einen Repartursatz, einen Turbo oder eine verstärkte Panzerung spendieren. Wie gesagt, das Schwein ist auf der Siegerstraße - in allen Altersgruppen.
Ein Schweineleben
Es gibt zu wenig lückliche Schweine.
Ca. 26 Mio. Schweine leben unter uns, man sieht sie nur nicht. Erst als Schweinerücken erreichen sie uns; das Lebewesen so fern, verschwunden unter Bratensoße.
Was war vorher? Ein halbes Jahr am Leben, 115 Kilo Schlachtgewicht erworben auf 0,75 qm Betonboden mit Bodenschlitzen, Wände, Trinknippel, Fresstrog, Eisenkette. Die Tiere sind so stark auf Gewichtszunahme gezüchtet, daß sie bei genügend Futter schnell wachsen, ob ihnen dabei wohl ist oder nicht. Wenn sie nicht mehr wachsen, dann geht es ihnen bereits richtig dreckig.
Sollen wir nun alle Vegetarier werden? Nein, wir dürfen Fleisch essen. Was wir brauchen, ist eine Ernährungsethik, die die Würde der Tiere achtet.Nicht viel Fleisch essen für wenig Geld, sondern weniger davon essen, um mehr für das Schnitzel bezahlen zu können. Somit haben Landwirte die Chance, die Tiere artgerecht zu halten.(Das gilt übrigens z. B. auch für die(dumme)Kuh.)
Auf die Frage, ob er so leben wollte wie seine Mastschwein, antwortete ein Landwirt: "Natürlich wollte ich so nicht leben. So beengt. Aber es sind Tiere. Und sie fühlen sich auch wohl. Sie spielen oft. Dann rennen sie im Kreis." - Wer hier das arme Schwein ist, ist leicht auszumachen. Das Dumme übrigens auch.
Dieses Thema ist mir nicht schweinisch genug abgehandelt worden. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass bei allem Bemühen um bloße Ästhetisierung und feinsinnige Sublimation genau das nicht angesprochen worden ist: das Schwein in mir. Ich meine damit nicht diese beklagenswerte Fehlzüchtung des Porcus Zumwinculo Liechtensteiniensis, die uns ja auch alle irgendwie durch mediale Genmanipulation eingemendelt worden ist, sondern das sinnliche, freche Schwein, desssen Grunzen und Quieken viel zu selten erhört wird und sich infolgedessen auch nicht suhlen darf. Dazu gehört eben auch der etwas stechende Geruch des borstigen Viehs, der genau denen in die Nase gehen muss, die das ihrige mit Pelzkrägen verbrämen und Davidoff Cool Water besprayen. Der Jammer ist natürlich, dass überall dort, wo das Schwein mal in freier Wildbahn zu beobachten ist, es auch immer gleich alle Klischees dieser Spezies bedient. Hier ästhetiche Abhilfe zu schaffen, hier eine gelungene Synthese aus Sinnlichkeit und Eros nach streng ökologischen Kriterien einer artgerechten Haltung zu erschaffen, wäre eine überaus lohnende und reizvolle Aufgabe. Also Mädels lasst mal die Sau raus, damit sich auch die Jungs trauen.
Das Schwein ist nämlich auf der Siegerstraße: Seine ökologische und ethische Aufwertung zieht nicht nur eine Ästhetisierung nach sich. Dies ist nur der erste Schritt. Es wird sich nun in unwiderstehlicher Manier in unserem Kulturraum vereigentlichen und sich selbstbewußt quiekend endlich auch emanzipieren. Die bislang unter Funktionen versteckte Individualität wird entdeckt und ausgelebt, indem sich die bisherige monofunktionale Bestimmung des Schweins auflöst.Ab jetzt heißt es: Aufklärung durch Ästhetisierung. Das Schwein macht damit nach Jahrhunderten der Unterdrückung unserer Leitkultur ein unverbindliches Angebot für die Phantasie eines jeden emanzipierten Einzelnen in einer nun demokratischen Gesellschaft. Auch die Geschichte der avantgardistischen Malerei lässt sich als eine Folge von Ästhetisierungen und in der Folge von Bwußtseinsöffnungen beschreiben. So fordert uns das Schwein geradezu zur Gestaltung heraus und die Kompensation der bisherigen Sinnraster wird uns hoffentlich alle zu kompensatorischen Antworten in unserem eigenem sozialen Umfeld bewegen. Mein Freund, das Schwein - das fände ich schön, und machte mir Hoffnung für die Zukunft.
Ja, haben wir denn schon wieder das "Jahr des Schweins"?
Wie die Zeit vergeht. Schöner Sch ein.
Und nicht vergessen: das arme Schwein ist nicht zum essen.
Denn: Genetisch ist es "uns" relativ nah. Kein Wunder, dass es in alten Kulturen tabu ißt.