Das arme Schwein, das dumme Schwein und das dreckige Schwein kommen in Deutschland viel häufiger vor als das Glücksschwein. Letzteres begegnet uns allenfalls noch in der ausgelutschten Werbesprache der Lottogesellschaften, die anderen jeden Tag beim Zuhören. Vielleicht liegt es ja daran, dass das Schwein evolutionsgeschichtlich besonders viel Pech gehabt hat. Eigentlich ein kluges Tier und eine starke Spezies, aber dann leider vom Menschen als eine der Hauptnahrungsquellen auserkoren und zugerichtet. Früher waren die Schweine vielleicht glücklich, als sie noch in den Wäldern lebten und Nüsse aßen, heute sind sie à la minute gezüchtet und geschlachtet, da fällt es schwer, im Schwein noch ein Glückssymbol zu sehen, jedenfalls in Europa. In Asien, Afrika und Südamerika hat sich das Schwein seinen Nimbus erhalten, sowohl säkular wie spirituell. Es gilt nicht nur als Symbol des Reichtums, sondern ist auch bevorzugte Göttergabe. Man opfert ja immer das, was einem viel bedeutet, sonst ist es kein Opfer. Das Geldschwein (1) und die anderen Gaben in der Büroszene dienen der Einweihung eines neuen Safes. Die Götter werden gebeten, den Safe und das darin verwahrte Geld zu schützen und auch insgesamt den Reichtum der Firma zu mehren. Wir befinden uns übrigens nicht auf Borneo, sondern in Seoul, Südkorea. Das Autoschwein (2), eben da, weiht den neuen Wagen ein und schweißt ihn spirituell mit den beiden Männern auf der Silbermatte zusammen, den alleinigen Fahrern des Wagens. Man beachte die Wassermelone auf beiden Bildern als Designkontrapunkt zum Schwein. Der Schweinskopf ist ein starkes Symbol. Schon allein deshalb, weil Schweine im Tod lächeln. Ist Ihnen das schon einmal aufgefallen?

Der belgische Künstler Wim Delvoye (3) hat schon mehrfach mit Schweinen gearbeitet, übrigens ohne sie zu töten. Er verwandelt sie in Luxusobjekte, die jetzt auch wieder interessant für die europäischen Opfertische werden könnten. Ein Schwein zu opfern, wäre banal, aber ein tätowiertes Schwein? Übrigens darf man opfern hier nicht im wörtlichen Sinne verstehen. Geopfert wird nach westlicher Denkart auf dem Altar von Charity und Responsibility. Kunst kaufen gleich Verantwortung für Kreativität wahrnehmen. Oder Naturschweinehof stiften, der nachhaltig und ökologisch wirtschaftet. Oder alten Schweinen ein menschenwürdiges Sterben ermöglichen. Am Ende des Tages ist das kein großer Unterschied zu den Koreanern auf dem Parkplatz: man glaubt an eine höhere Gerechtigkeit. Allerdings,  man will in Europa keine toten Schweinsköpfe sehen, das ist unappetitlich. Der mit Diamanten bespickte Totenschädel von Damien Hirst im Wert von 60 Millionen Pound Sterling ist appetitlich. Verstehen Sie, was ich meine? Wim Delvoye ist auf dem richtigen Weg, die ökologische und ethische Aufwertung des Schweins zieht eine Ästhetisierung nach sich. Auch der Schweinskopf sollte nicht weiter tabuisiert, symbolisch ignoriert und gleich im Schlachthof entsorgt werden. Ich fände es ja schön, wenn die Schweinsköpfe wieder zurück auf die Tische kehren würden, natürlich nicht zum Essen. Strategisch funktioniert das nur in vegetarischen Restaurants, in denen der lächelnde Schweinekopf das Glück über die durch Vegetarier geretteten Schweine verkörpert. Man könnte auch Trinkgeld im Maul hinterlassen, immer ein schönes Bild. Und bitte denken Sie daran: zum Dessert Wassermelonen.

(1)    Zit nach: altäre. Kunst zum Niederknien. Jean-Hubert Martin. Museum Kunstpalast, Düsseldorf 2001/2002. S. 135.
(2)    Ebd. S. 139
(3)    Zit nach Monopol. Magazin für Kunst und Leben. Nr.8/2007. S.61. Die tätowierten Schweine sind eine Arbeit des Künstlers Wim Delvoye.