Heute: Intuition und Strategie
Sat 01 Mar 2008
Design ist Formgebung. Bewusstes wie intuitives Gestalten. Wie leistungsfähig die reine Intuition sein kann und wie nahe sie an eine bewusste Reflexion und Kritik des eigenen Tuns heranragt, zeigt uns das schöne Beispiel inferno Südstadt, ein Ramschladen, in dem alle Artikel unter zwei Euro kosten. Ist es vorstellbar, dass die Gründer dieses Low End Discounters die Wortbedeutung von Inferno kennen und sich intentional zu dieser Namenslösung entschlossen haben? Ja, es ist vorstellbar, besonders in Köln, die Leute haben einen sehr subtilen Humor. Aber es ist dennoch unwahrscheinlich. Drinnen im Shop gibt es keinerlei Hinweise auf die Hölle, wie man sie sich etwa in der Art wir machen den anderen die Hölle heiß oder selbst der Teufel kauft nicht billiger ein hätte vorstellen können. Die Gründer von inferno haben keine Ahnung, was dieses Wort bedeutet, es kann nicht anders sein. Vermutlich haben sie sich an einen Filmtitel erinnert (Flammendes Inferno?), der irgendwie spannend klang. Eine intuitive Entscheidung also. Von Leuten, die das Erscheinungsbild ihres Ladens schon vor Augen hatten, die Erbärmlichkeit des Sortiments, das Formenchaos der Ramschartikel und das Elend ihrer Kunden. Eben die Hölle. Ein Entwurf von zynischer Schönheit und überraschender Tiefe, gesellschaftskritisch und dennoch nicht geschäftsschädigend, weil man davon ausgehen kann, dass die Kunden ebenfalls nicht wissen, was inferno bedeutet.
Gegenfrage: wäre das inferno Konzept auch denkbar im Rahmen einer nicht intuitiven, sondern strategischen Entscheidung? Theoretisch ja. Nehmen wir an, inferno würde Hölle heißen, damit es auch jeder versteht. Ein Low End Discounter namens Hölle. Mit einer kritischen Position. Hölle hört auf, den Menschen vorzugaukeln, dass sie am Konsum wirklich partizipieren, hört auf zu verdrängen, was man sehen, riechen, fühlen kann. Hölle hört auf, das erbärmliche Sortiment mit der dreisten Parole ‚Gutes preiswert’ zu bewerben. Die Hölle ist nämlich, wenn schon grausam, wenigstens ehrlich, sie suggeriert nichts, sondern verbreitet Solidarität und Nestwärme, wird Plattform für eine eigenständige Kultur der Hartz 4 Empfänger, die nun nicht mehr mit lächerlichen Mitteln, quasi Produktattrappen die Kaufkraft der Bessergestellten imitieren müssen, sondern die Differenz ihrer Welt zum Bürgertum als Heimat und Geborgenheit erleben. Ein Glühweinstand wäre wahrscheinlich eine gute Idee.
Man spürt intuitiv, dass dies die falsche Strategie für einen Low End Discounter ist, aber immerhin wäre es eine Strategie, in diesem Fall die Strategie des Gestaltwechsels, einer Metamorphose der Gattung Discount. Die hatte bisher stets ein kleines Stück vom Konsumhimmel auch für die Benachteiligten versprochen und verwandelt sich jetzt in unserer Konstruktion in ein Asyl innerhalb der nicht mehr verdrängten Hölle. Das ist eine vollkommen neue Gestalt (Konzept, Geschäftsmodell), mit der man sich gegenüber der alten, zurückgelassenen Gestalt komplett neue Handlungsspielräume erarbeitet hat. In den bereits mehrfach zitierten 36 chinesischen Strategemen entspricht diese Metamorphose dem Strategem 21: die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle (1), die passende Strategie zur Überwindung einer zwangsweisen Notlage, auch Mimikry-Strategie genannt, also Angleichung und Anverwandelung an die Zielgruppe. Der poetische Titel des Strategems ist im Falle von inferno Südstadt sogar metaphorisch recht korrekt. Das Verweilen im Schein macht halt auf Dauer schwach. Wie hässlich man auch immer sein mag, es ist immer besser, hässlich und stark anstatt schön und schwach zu sein. Dies lehrt uns die Zikade.
(1) Siehe Harro von Senger: Lebens- und Überlebenslisten aus drei Jahrtausenden. Strategeme. Band 2. 19-36. S. 198. Bern, München, Wien 1999.






Doch, das Kölner Inferno-Konzept hat längst Nachahmer gefunden. Auch die Baseler Bürger haben einen subtilen Humor und sind intuitiv zu strategischer Gestaltung fähig. So vertrauen die Architekten des Büros LOST der Intuition, indem sie ihr feines Gespür für das Potenzial des Vorgefundenen unter Beweis stellen wollen. Trotzdem stellt sich die Frage, ob man bei LOST gestalten lassen möchte. Lost ist ja nun auch der Trivialname für einen Kampfstoff des Ersten Weltkriegs, auch als Senfgas bezeichnet. Vielleicht soll der Firmenname auch die herausgestellte Fähigkeit zum Aufspüren des Potenzials von Vorgefundenem unterstreichen, das wäre allerdings in diesem Fall extrem gefährlich, nicht nur als Geschäftsmodell. Aber schon eine besondere Form der Selbstreflektion, die neue Handlungsspielräume schafft. So wie die Frage von Karl Valentin „Warum hat der Taucherhelm ein Fenster“? Damit der der drin ist, auch sehen kann ob der der draußen ist, auch rein schauen kann.
Es ist sehr wahrscheinlich, das der völlig in die familiären Verpflichtungen eingebundene Mensch, ob reich oder arm ist dabei nebensächlich, den Begriff "Inferno" unbewusst mit "infernal" im weitesten Wortsinne verwechselt. Denn in diesem Begriff schlummert auch die Deutung "unterirdisch", letztlich suggeriert dies Höhle gleich Heimstatt gleich Wärme gleich Macht. Die Hölle ist folglich die, die auf der Erde stattfindet, also über dem Hort der unterirdischen Geborgenheit.
Darum stellt sich die Frage gar nicht, ob ich im "Inferno" einkaufen will oder nicht. Dieser Akt wäre auch keine Verlagerung der familiären "Hölle" in das Höllenfeuer des Konsumenten. Die Unterschiede sind zu gering, um als Mittel zum Zweck der Befreiung verstanden zu werden. Auch hier stellt sich nur der qualitative Anspruch als Maßstab. Schaffe ich es als geharzter oder gebeutelter oder geliebter Empfänger, die reale Hölle im Heim mit der realen Hölle im Discounter zu toppen oder nicht.
Der realistische Ansatz wäre tatsächlich die Produktqualität, die im Inferno so grottenschlecht sein müsste, das sie in der gelebten Unterwelt tatsächlich für Strafe sorgte. Doch wie immer trennen sich hier die Geister im Masochismus wie Sadismus. Es ist nicht zu unterscheiden, wer seinen Gelüsten näher kommt. Ohne diese Differenzierung scheinen alle strategischen Überlegungen zur wahren Höllenkultur nur Makulatur. Denn selbst im Inferno funktionieren Rechtfertigungen als Gleitmittel für allerlei Versagen.
Unterirdisch funktioniert das genau nicht, wie im Moment der Rückbau des 19 km langen Atomkellers nahe Bonn zeigt. Hätten Inferno und infernalische Sehnsüchte ein Gewicht, träfen sich heute in genau diesem Hort der Überlegenheit all jene Politiker, die uns Konsumenten vor dieser Wahrheit, als Gott zu überleben, schützen wollen. Warum rudert die CSU beim Rauchverbot zurück?
Das Zedelwerk täte gut daran, den Inferno Gedanken auf haptische und manierierte Gelüste zu übertragen. An der Kasse zahlte der Mensch ausschließlich für die tatsächliche oder imaginäre Befriedigung, ohne sich mit Produkten belasten zu müssen. Er trüge folglich das Inferno als Botschaft in sich und als Spur auf der Haut. Deutschland ginge es sofort besser. Oder glaubt ein geneigter Leser, im Inferno fände noch ein Preisvergleich statt?
Jürgen Vogdt
Laut Definition des Fremdwörter-Dudens bedeutet "Inferno" = Hölle, Unterwelt, ein schreckliches Geschehen großen Ausmaßes.
Nichts weiter als das spielt sich in dem Kölner Geschäft ab. Angelockt von den Angeboten wird der Kaufentscheid zu einem Höllentrip und das, obwohl Ästhetik und Quälität der Produkte sicherlich (unterirdisch) schlecht sind.
Das eigentlich Schreckliche spielt sich aber erst nach dem Kauf ab. Erstandenes wird nach Hause (in die Höhle/Unterwelt) getragen, abgestellt, dekoriert und/oder verschenkt. Haushalte werden überschwemmt von unnützen, überflüssigen Dingen. So setzt sich das Grauen unerbittlich fort, vervielfältigt sich, gerät außer Kontrolle.Ein teuflisches Spiel, was die Ladenbetreiber spielen.
Insofern ist der Name gut und richtig gewählt und deutet mehr auf Strategie, denn auf Intuition.
Der Sänger Wolfgang Petry, geboren in Köln, singt übrigens in einem seiner Lieder: "Wahnsinn, warum schickst Du mich in die Hölle?" Ob er auch schon mal bei "Inferno" war und seine Zielgruppe warnen will?
Laut Definition des Fremdwörter-Dudens bedeutet "Inferno" = Hölle, Unterwelt, ein schreckliches Geschehen großen Ausmaßes.
Nichts weiter als das spielt sich in dem Kölner Geschäft ab. Angelockt von den Angeboten wird der Kaufentscheid zu einem Höllentrip und das, obwohl Ästhetik und Quälität der Produkte sicherlich (unterirdisch) schlecht sind.
Das eigentlich Schreckliche spielt sich aber erst nach dem Kauf ab. Erstandenes wird nach Hause (in die Höhle/Unterwelt) getragen, abgestellt, dekoriert und/oder verschenkt. Haushalte werden überschwemmt von unnützen, überflüssigen Dingen. So setzt sich das Grauen unerbittlich fort, vervielfältigt sich, gerät außer Kontrolle.Ein teuflisches Spiel, was die Ladenbetreiber spielen.
Insofern ist der Name gut und richtig gewählt und deutet mehr auf Strategie, denn auf Intuition.
Der Sänger Wolfgang Petry, geboren in Köln, singt übrigens in einem seiner Lieder: "Wahnsinn, warum schickst Du mich in die Hölle?" Ob er auch schon mal bei "Inferno" war und seine Zielgruppe warnen will?
Es ist sehr wahrscheinlich, das der völlig in die familiären Verpflichtungen eingebundene Mensch, ob reich oder arm ist dabei nebensächlich, den Begriff "Inferno" unbewusst mit "infernal" im weitesten Wortsinne verwechselt. Denn in diesem Begriff schlummert auch die Deutung "unterirdisch", letztlich suggeriert dies Höhle gleich Heimstatt gleich Wärme gleich Macht. Die Hölle ist folglich die, die auf der Erde stattfindet, also über dem Hort der unterirdischen Geborgenheit.
Darum stellt sich die Frage gar nicht, ob ich im "Inferno" einkaufen will oder nicht. Dieser Akt wäre auch keine Verlagerung der familiären "Hölle" in das Höllenfeuer des Konsumenten. Die Unterschiede sind zu gering, um als Mittel zum Zweck der Befreiung verstanden zu werden. Auch hier stellt sich nur der qualitative Anspruch als Maßstab. Schaffe ich es als geharzter oder gebeutelter oder geliebter Empfänger, die reale Hölle im Heim mit der realen Hölle im Discounter zu toppen oder nicht.
Der realistische Ansatz wäre tatsächlich die Produktqualität, die im Inferno so grottenschlecht sein müsste, das sie in der gelebten Unterwelt tatsächlich für Strafe sorgte. Doch wie immer trennen sich hier die Geister im Masochismus wie Sadismus. Es ist nicht zu unterscheiden, wer seinen Gelüsten näher kommt. Ohne diese Differenzierung scheinen alle strategischen Überlegungen zur wahren Höllenkultur nur Makulatur. Denn selbst im Inferno funktionieren Rechtfertigungen als Gleitmittel für allerlei Versagen.
Unterirdisch funktioniert das genau nicht, wie im Moment der Rückbau des 19 km langen Atomkellers nahe Bonn zeigt. Hätten Inferno und infernalische Sehnsüchte ein Gewicht, träfen sich heute in genau diesem Hort der Überlegenheit all jene Politiker, die uns Konsumenten vor dieser Wahrheit, als Gott zu überleben, schützen wollen. Warum rudert die CSU beim Rauchverbot zurück?
Das Zedelwerk täte gut daran, den Inferno Gedanken auf haptische und manierierte Gelüste zu übertragen. An der Kasse zahlte der Mensch ausschließlich für die tatsächliche oder imaginäre Befriedigung, ohne sich mit Produkten belasten zu müssen. Er trüge folglich das Inferno als Botschaft in sich und als Spur auf der Haut. Deutschland ginge es sofort besser. Oder glaubt ein geneigter Leser, im Inferno fände noch ein Preisvergleich statt?
Jürgen Vogdt
Doch, das Kölner Inferno-Konzept hat längst Nachahmer gefunden. Auch die Baseler Bürger haben einen subtilen Humor und sind intuitiv zu strategischer Gestaltung fähig. So vertrauen die Architekten des Büros LOST der Intuition, indem sie ihr feines Gespür für das Potenzial des Vorgefundenen unter Beweis stellen wollen. Trotzdem stellt sich die Frage, ob man bei LOST gestalten lassen möchte. Lost ist ja nun auch der Trivialname für einen Kampfstoff des Ersten Weltkriegs, auch als Senfgas bezeichnet. Vielleicht soll der Firmenname auch die herausgestellte Fähigkeit zum Aufspüren des Potenzials von Vorgefundenem unterstreichen, das wäre allerdings in diesem Fall extrem gefährlich, nicht nur als Geschäftsmodell. Aber schon eine besondere Form der Selbstreflektion, die neue Handlungsspielräume schafft. So wie die Frage von Karl Valentin „Warum hat der Taucherhelm ein Fenster“? Damit der der drin ist, auch sehen kann ob der der draußen ist, auch rein schauen kann.