Heute: Alien Design, Vagheit und strategische Tricks
Fri 21 Mar 2008
Eine der interessantesten Designfragen aller Zeiten lautet, wie die Außerirdischen aussehen. Wir überschauen ein halbes Jahrhundert Designgeschichte zu dieser Frage, wir kennen die Favoriten der Fanclubs und öffnen vor unserem inneren Auge eine Galerie aus glitzernden frogs (Raumschiff Orion), wulstigen Klingonen (Star Trek) oder gütigen Eierköpfen, wie sie in Spielbergs Encounter of a Third Kind am Ende zu sehen sind. Wir spüren, wie lächerlich das alles ist, wie anthropomorph gedacht, wie wenig jenseitig. Die Raumschiffe hingegen, die das science fiction design hervorgebracht hat, sind überzeugender. Man denke an das Alienschiff in Ridley Scotts legendärem Film. An Raumschiffe und Raumstationen in Stanley Kubricks 2001. Das liegt allerdings auch daran, dass wir auf der Erde bauen können wie im Weltall. Wir können den Eingangsbereich einer Bergbahn (1) im Jahre 2007 so gestalten, wie Science Fiction Designer es in den 50er Jahren für Mars-Stationen geplant hatten. Technisches SF Design ist auf Erden so wunderbar adaptierbar, es ist planetarisch und nicht fremd. Wirklich Fremdes zu gestalten wie die Außerirdischen können menschliche Designer per Definition nicht leisten, oder?
Es gibt in der Tat kein sicheres Ticket, Extrapolation und anthropomorphes Denken zu überwinden. Unserer Erkenntnisfähigkeit sind gut dokumentierte Grenzen auferlegt (2). Aber es gibt einen strategischen Trick, Fortschritte zu erzwingen, wenn man eigentlich nicht mehr weiterkommt. Man verändert das Briefing, modifiziert das Ziel ein wenig und erhält kategorial andere Ergebnisse. So würden wir wahrscheinlich bessere Ergebnisse in der Gestaltung von Außerirdischen erzielen, wenn wir von den Designern nicht verlangten, Außerirdische zu gestalten, sondern etwas anderes. Schon der Briefingwechsel von einem unbestimmten und pauschalen Außerirdischen zu einem bestimmten, zum Beispiel von Alpha Centauri oder aus Köln, führt automatisch zu neuen Designergebnissen. Die erfolgreichste Strategie scheint mir zu sein, im Briefing die Gestaltung von unsichtbaren Außerirdischen zu verlangen. Erstens umgeht man so die anthropomorphe Falle und muss das Fremde nicht in menschliche Wahrnehmungskorsette einsperren, zweitens gewinnt man ein Höchstmaß an Freiheit in der Gestaltung von indirekten Indikatoren für die Anwesenheit von Aliens. Raumtemperatur könnte ein Indikator sein. Menschen fangen an zu schwitzen, sobald die Aliens den Raum betreten, so können wir sie indirekt spüren, wenngleich nicht sehen. Die Lichtreflexe bei den frogs waren schon nicht schlecht gedacht, aber die wachsenden technischen Möglichkeiten haben das Science Fiction Genre verleitet, die Aliens zu gestalten, statt sie nur anzudeuten.
Vagheit wäre die Alternative gewesen, aber Vagheit ist selten erfolgreich. Das liegt zum einen daran, dass es von vornherein eine Risikostrategie mit kalkulierter Unschärfe ist. Wichtiger aber ist der Aspekt der Verhaltensdominanz von Konsum gegenüber Reflexion, die Menschen fertig gestaltete Außerirdische bloßen Assoziationsräumen vorziehen lässt. Intentionale Vagheit ist eine Spielstrategie. Die Erfolgswahrscheinlichkeiten, die sie anbietet, wären für einen Kriegsherren ebenso inakzeptabel wie für einen Marketingmanager. Vagheit ist keine überlegene Strategie, aber manchmal halt die einzige, die den Status quo überwindet.
(1) Bergbahn in Innsbruck, Architekt: Zaha Hadid
(2) wie Immanuel Kant in der ‚Kritik der reinen Vernunft’ ausgeführt hat







Der vage Mut
Das Vage gehört ja zur rheinischen Lebensform. Insofern paßt der kleine Prinz prima in die Reihe der Extraterrestrier. Und tatsächlich würden auch alle anderen Aliens wohl kaum auffallen in Zeiten des Karnevals. Es sein denn ... sie wären wirklich unsichtbar. Übrigens gehört der vage Mut zu den wichtigsten Strategien für kreative Prozesse. Denn vorschnelle Sicherheit berücksichtigt halt nicht, daß zum Wesen des Briefings die continuous form gehört. Und die bringt nur eins zur Strecke – die deadline.
Wilfried Korfmacher
Schon der Ansatz ist fragwürdig: Design der Außerirdischen? Also nicht Kreativität um jeden Preis, die hier ja mal angebracht gewesen wäre. Nein, das Unvorstellbare muss nun gleich wieder ohne Not ins Briefing-Korsett gesteckt werden. Und dann bitte nicht vage bleiben - das hätte ja was von der verabscheungswürdigen Beliebigkeit. Oder gleich unsichtbar machen? Da geht die Klappe auch wieder zu, nur auf der Unterseite.
Also einfach mal losdenken, spinnen, spintisieren, wie diese Spezies wohl ausschauen mag. Wir kommen sowieso nicht über unsere Projektionen hinaus. Aber das wäre auch ein willkommener Erkenntnisgewinn, der sich auf viele andere Lebensbereiche, in denen wir so zementiert sind, anwenden liesse.
Nur Mut: Wage das Vage. Tut nicht weh.
Endlich kommt Licht ins Dunkel des Kommunikationsdesigns, wenn auch in unsichtbarer Gestalt. Sie zu entdecken, bringt uns aber auf den rechten Pfad. Wie wir uns unsichtbar machen, ist ja bekannt: Durch Tarnung. Interessantes Paradox übrigens: Heutzutage hat praktisch jede Armee der Welt ihr eigenes Tarnmuster, welches damit auch schon wieder einen Erkennungswert darstellt. Aber welche Strategie hilft bei der Anmutung des Unbekannten? Wie wäre es mit der Camouflage als Briefingalternative: Denn erst wenn das Briefing den wahren Kern geschickt verhüllt, wird er handhabbar.
In der Mimikry ereignen sich Kunsttheorie und Kunst selbst als biologisches, gestaltpsychologisches, psycho-analytisches, militärgeschichtliches Wissen, als Versteckspiel und Parade von Medientechniken (sagt jedenfalls das Vorlesungsverzeichnis der Humboldt-Universität in Berlin). Und auch in Platons Höhlengleichnis geht es doch darum, die Denkkraft nicht auf das sinnlich Wahrnehmbare der uns unmittelbar umgebenden Welt zu lenken, sondern auf das, was hinter dieser Welt steht, beziehungsweise auf den ideellen Ursprung dieser - und auch anderer - Welten. Also folgerichtig: Zeige mir deine Projektion und ich sage dir, wie ihr Schatten fällt. Das 18. Kōan des Mumonkan lautet „Ein Mönch fragte Tozan: 'Was istBuddha?' Tozan antwortete: Masagin - Drei Pfund Flachs.“
Endlich kommt Licht ins Dunkel des Kommunikationsdesigns, wenn auch in unsichtbarer Gestalt. Sie zu entdecken, bringt uns aber auf den rechten Pfad. Wie wir uns unsichtbar machen, ist ja bekannt: Durch Tarnung. Interessantes Paradox übrigens: Heutzutage hat praktisch jede Armee der Welt ihr eigenes Tarnmuster, welches damit auch schon wieder einen Erkennungswert darstellt. Aber welche Strategie hilft bei der Anmutung des Unbekannten? Wie wäre es mit der Camouflage als Briefingalternative: Denn erst wenn das Briefing den wahren Kern geschickt verhüllt, wird er handhabbar.
In der Mimikry ereignen sich Kunsttheorie und Kunst selbst als biologisches, gestaltpsychologisches, psycho-analytisches, militärgeschichtliches Wissen, als Versteckspiel und Parade von Medientechniken (sagt jedenfalls das Vorlesungsverzeichnis der Humboldt-Universität in Berlin). Und auch in Platons Höhlengleichnis geht es doch darum, die Denkkraft nicht auf das sinnlich Wahrnehmbare der uns unmittelbar umgebenden Welt zu lenken, sondern auf das, was hinter dieser Welt steht, beziehungsweise auf den ideellen Ursprung dieser - und auch anderer - Welten. Also folgerichtig: Zeige mir deine Projektion und ich sage dir, wie ihr Schatten fällt. Das 18. Kōan des Mumonkan lautet „Ein Mönch fragte Tozan: 'Was istBuddha?' Tozan antwortete: Masagin - Drei Pfund Flachs.“
Schon der Ansatz ist fragwürdig: Design der Außerirdischen? Also nicht Kreativität um jeden Preis, die hier ja mal angebracht gewesen wäre. Nein, das Unvorstellbare muss nun gleich wieder ohne Not ins Briefing-Korsett gesteckt werden. Und dann bitte nicht vage bleiben - das hätte ja was von der verabscheungswürdigen Beliebigkeit. Oder gleich unsichtbar machen? Da geht die Klappe auch wieder zu, nur auf der Unterseite.
Also einfach mal losdenken, spinnen, spintisieren, wie diese Spezies wohl ausschauen mag. Wir kommen sowieso nicht über unsere Projektionen hinaus. Aber das wäre auch ein willkommener Erkenntnisgewinn, der sich auf viele andere Lebensbereiche, in denen wir so zementiert sind, anwenden liesse.
Nur Mut: Wage das Vage. Tut nicht weh.
Der vage Mut
Das Vage gehört ja zur rheinischen Lebensform. Insofern paßt der kleine Prinz prima in die Reihe der Extraterrestrier. Und tatsächlich würden auch alle anderen Aliens wohl kaum auffallen in Zeiten des Karnevals. Es sein denn ... sie wären wirklich unsichtbar. Übrigens gehört der vage Mut zu den wichtigsten Strategien für kreative Prozesse. Denn vorschnelle Sicherheit berücksichtigt halt nicht, daß zum Wesen des Briefings die continuous form gehört. Und die bringt nur eins zur Strecke – die deadline.
Wilfried Korfmacher