Die Tiere produzieren stets mehr Nachwuchs als überleben kann. Das ist eine sehr saubere Strategie zur Erhaltung der eigenen Art, sie funktioniert im Rahmen der Evolution seit Jahrmillionen. Irgendjemand ist also verantwortlich für diese Strategie, wir wissen, es können nicht die Tiere sein. Die Evolution selbst ist auch keine Instanz, der wir eine strategische Entscheidungskraft zubilligen würden, schon allein deshalb, weil sie immer für alle denken muss und niemals die Interessen einzelner Spezies vertreten kann. Zum anderen, weil der Zufall konstitutiv für die Evolution ist, während Strategien keinesfalls auf Zufällen beruhen sollten. Es bleiben also Gott oder die Theory of Everything (1) und damit eine Eigengesetzlichkeit des Universums als handelnde und auch schicksalhafte Kraft. Einer von beiden hat sich neben anderen Alternativen für die Strategie der Überproduktion entschieden, halten wir das fest.

Unternehmer denken ähnlich. Wenn man die Produktion steigert, wachsen die Chancen auf Umsatz. Und um das Zuviel an Produktion muss man sich nicht groß kümmern, das verramscht sich schon oder wird von Kriminellen umetikettiert oder einfach vernichtet. Das ist wie beim Huhn, das sich auch nicht einmal umschaut, wenn ein Ei vom Fuchs gestohlen oder vom Trekker überfahren wird. Nur so viel zu produzieren, wie man braucht, erscheint demgegenüber eine rettungslos romantische Position zu sein. Gott selbst macht es nicht anders, warum sollten wir also diese wunderbare Strategie nicht nutzen? Vielleicht, weil mir mein Huhn nicht mehr schmeckt, wenn ich weiß, dass in einer einzigen Fabrik 375.000 Hühnchen am Tag zerlegt und portioniert werden? (2) Wir erinnern uns, Hühnchen, das commodity der 80er Jahre, in den 90er Jahren kam dann der Lachs. Diese Missstimmung lässt sich aber leicht beseitigen, denn man muss es ja nicht unbedingt wissen, man kann es mit Hilfe von Design sogar zum Verschwinden bringen.

Selbst luxury brands wie Gucci, obwohl nach der Natur ihrer Positionierung für die Exklusivität, also die Nische, geschaffen, machen vor der Überproduktion nicht halt.  Die Verlockung ist zu groß. Sicherlich bemerken die Markenexperten mit Sorge, dass der Nimbus der Marke mit der beliebigen Verfügbarkeit in jedem Flughafenshop und auf jeder Einkaufsmeile schwindet, aber die Produktion muss dennoch ausgeweitet werden. Von Exklusivität kann längst keine Rede mehr sein, Millionen Menschen laufen mit Gucci Logos durch die Gegend. Wenn man Bilder bei google unter gucci sucht, so zeigen die ersten 90 hits zehn Hunde, drei Katzen und ein Pferd. Gucci ist also ein beliebter Tiername geworden. Natürlich gibt es immer wieder einzelne Artikel aus dem Gucci Sortiment, die wirklich exklusiv, weil limitiert sind. Das ice tray gehört dazu. Ein besonders schönes Beispiel für die designinduzierte Pseudo-Exklusivität ist der Gucci barbecue set. Er wurde in den Kampagnen des Jahres 2003 vorgestellt, war aber nur in einer Auflage von hundert Exemplaren auf dem Markt. Er enthielt auch ein branding iron, mit dem man das Gucci Logo im Grillgut einbrennen konnte, für besonders liebe Gäste. So dekoriert man sich die eingebildete Nische, in diesem Fall eine ökonomische.

Die Synthese des Widerspruchs von Überproduktionsstrategie und exklusivem Nischengefühl muss dann vom Design geleistet werden. Es gilt, den zunehmenden commodity Charakter der Produkte zu verschleiern. Ice tray und barbecue set machen den Kunden zum Lordsiegelbewahrer des Logos, er kann nun selbst darüber verfügen und das Gucci Logo in seinem Reich weiter verbreiten. Er ist jetzt Komplize der Multiplikation und Überproduktion von Gucci Logos und mit der Strategie auch emotional versöhnt.

(1)    Die Theory of Everything bezeichnet die ersehnte theoretische Versöhnung von Quantenmechanik und Allgemeiner Relativitätstheorie, damit eine universelle Theorie, die alles erklärt. Es wäre quasi der Gott des naturwissenschaftlichen Weltbildes. Stephan Hawking hat ein Buch mit dem Titel Theory of Everything geschrieben.
(2)    in China, wo also 750.000 Menschen täglich ein halbes Huhn aus dieser Fabrik essen können. Das heißt China allein braucht etwa 2.000 dieser Fabriken, wenn anderthalb Milliarden Chinesen jeden Tag ein halbes Huhn wollen.